Der Elefant im Raum. Vitaly Portnikov. 16.08.2026.

Слон у кімнаті. Віталій Портников. 16.08.2026.

Den Gefühlsausbruch der Sängerin Olja Poljakowa und die unerwartete gesellschaftliche Reaktion auf die Vorwürfe der Künstlerin gegen ihr eigenes Land, das Poljakowa selbst und die Anhänger ihrer Position nun als regelrechtes Konzentrationslager wahrnehmen, könnte man als Ausdruck von Kränkung abtun oder einfach an Demokratie und Meinungsfreiheit erinnern – schließlich ist es vielleicht gar nicht schlecht, dass die Menschen bei uns in aller Ruhe von einem Konzentrationslager erzählen und sich auf Tourneen vorbereiten können, statt auf „Tournee“ in den Hohen Norden geschickt zu werden wie in dem Land, das uns angegriffen hat.

Mich interessiert in dieser Situation jedoch gerade das Land, das uns angegriffen hat. Denn genau dieses Land versuchte Olja Poljakowa nicht zu erwähnen – als hätten die zentralen Probleme unserer heutigen Zeit nichts mit eben diesem Angriff zu tun.

Über das, was mit der ukrainischen Gesellschaft, mit der staatlichen Verwaltung, mit der Personalpolitik und mit der Meinungsfreiheit geschehen ist, spreche ich selbst seit 2019 und nicht erst seit 2026. Aber was heißt hier seit 2019? Seit 2010. Und was heißt hier seit 2010? Seit 1994. Im ukrainischen Fernsehen wurden meine Sendungen eingestellt, nicht die von Poljakowa. Vor dem letzten Maidan wurden in meiner Wohnung in Kyiv Videokameras installiert, nicht in Poljakowas Schlafzimmer. Gleich zu Beginn des Krieges wurde in meiner Wohnung in Lwiw eine Abhörvorrichtung gefunden, nicht in Poljakowas Wohnung. Mein Fernsehsender wurde in den ersten Tagen des Krieges aus dem Programm genommen – ja, von den Fernsehbildschirmen im ganzen Land verschwand mein Gesicht und nicht das von Poljakowa. Ich weiß über den Druck der Staatsmacht, über Hetze und Drohungen weitaus besser Bescheid als alle Vertreter unseres Showbusiness zusammengenommen.

Doch im Unterschied zu vielen dieser Personen sehe ich den Elefanten im Raum. Ich sehe Russland. Ich weiß genau: Hätte es die russische Aggression nicht gegeben, wären Fragen zum Verhalten eines Künstlers auf einem Festival mit Menschen von zweifelhaftem Ruf überhaupt nicht aufgekommen. Ich weiß genau: Hätte es die Aggression Russlands nicht gegeben, gäbe es auch die Frage der Mobilisierung nicht und ebenso wenig Missstände in den Armeekorps. Und es gäbe keine Korruption im Krieg, wenn es den Krieg selbst nicht gäbe. Und mir ist vollkommen bewusst, dass eine effizientere Staatsführung – und ich erläutere seit viereinhalb Jahren buchstäblich lehrbuchartige Rezepte dafür, wie das zu erreichen ist – die negativen Auswirkungen vieler Entscheidungen verringern kann, aber nicht alle Probleme lösen wird. Denn unser Hauptproblem ist in Wirklichkeit nicht die Effizienz der Staatsführung, nicht die verschärfte gesellschaftliche Reaktion und nicht einmal die Korruption.

Unser Hauptproblem ist der Krieg. Denn vom Ausgang des Krieges hängt ab, ob die Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt bestehen bleibt und ob die Ukrainer ihre Heimat werden behalten können. Trotz aller optimistischen Annahmen und Aussagen wie „Russland hat definitiv schon verloren“ sind dies nach wie vor offene Fragen. Und das muss jeder begreifen, der in die Zukunft blickt – in die Zukunft des Landes ebenso wie in seine eigene. Dass das Gute zwangsläufig das Böse besiegt, gibt es nur im Märchen. Im wirklichen Leben siegen Effizienz und Realismus.

Wenn Menschen anfangen, den Elefanten im Raum nicht mehr wahrzunehmen, reisen sie in die Vergangenheit – nämlich ins Jahr 2019. Damals, daran möchte ich erinnern, versuchte man ebenfalls, den Krieg nicht zu erwähnen, der künftige Präsident beendete ihn einfach in seinem Kopf, und seine Anhänger waren aufrichtig davon überzeugt, dass der Konflikt im Donbas nur deshalb andauerte, weil die Regierung daran interessiert sei und am Krieg verdiene. Wenn Sie sich die berühmte Debatte im Stadion noch einmal ansehen, werden Sie feststellen, dass ihr wesentlicher Inhalt aufseiten des Herausforderers gerade darin bestand, den Elefanten nicht sehen zu wollen.

Man könnte meinen, die ersten viereinhalb Jahre des großen Krieges hätten deutlich genug zeigen müssen, wie falsch die Vorstellungen der ukrainischen Gesellschaft von Krieg und Frieden waren – aber nein! Die Rückkehr ins Jahr 2019 hat bereits begonnen, nur dass sich nun Zelensky selbst in der Rolle Poroschenkos wiederfindet. Und warum?

Weil es sich so viel angenehmer leben lässt. „Kriegsmüdigkeit“ ist vor allem der Wunsch, so zu leben, als gäbe es keinen Krieg. Und sie bietet zudem eine hervorragende Möglichkeit, nicht nur Gerechtigkeit durch Ungerechtigkeit zu ersetzen, sondern sich auch selbst einzureden, dass gerade diese Ungerechtigkeit Gerechtigkeit sei.

Denn wenn du den Elefanten siehst, verstehst du zumindest, dass eine Situation, in der dein Klassenkamerad im Krieg kämpft, während du dich heraushältst, ungerecht ist – nicht einmal gegenüber dem Staat, nein, sondern gegenüber eben diesem Klassenkameraden. Nein, wahrscheinlich wirst du deshalb keine neuen Entscheidungen treffen, aber du gibst deiner eigenen Entscheidung zumindest eine angemessene moralische Bewertung.

Wenn du den Elefanten dagegen nicht siehst, dann ist dein Klassenkamerad ein Opfer und du bist der moralische Held, der sich der Willkür der Staatsmacht entgegengestellt hat: „Was kümmert mich die Ukraine, was kümmert mich der Krieg? Den Krieg muss die Regierung beenden – sobald alle Abgeordneten an die Front gehen, hört alles sofort auf.“

Und zum Schluss möchte ich Folgendes über den Elefanten sagen. Sie können ihn übersehen – aber er ist da. Er ist da und wird aus unserem Raum nicht verschwinden, solange wir ihn nicht zur Strecke gebracht haben. Und nein, der Präsident der Ukraine hat keinerlei Möglichkeit, ein Ende des Krieges auszuhandeln – und hatte sie auch nie. Und nein, der Präsident der Vereinigten Staaten hat keine Möglichkeit, ein Ende des Krieges auszuhandeln – schon vor dem Krieg mit dem Iran hatte er sie nicht, und jetzt erst recht nicht. Und ja, die Effizienz der Staatsführung muss verbessert, Korruption und Missstände müssen bekämpft werden – denn das wird uns helfen, den Krieg schneller zu beenden. Aber offenbar kann jeder unter Effizienz etwas anderes verstehen. Eine effiziente Mobilisierung ohne Korruption und Missstände beispielsweise, bei der die Staatsmacht die Bürger als Soldaten und nicht als Wähler betrachtet, bedeutet schlicht eine erheblich umfassendere Mobilisierung mit Rotationen und Versetzungen nicht von einer Million, sondern von Millionen Soldaten unterschiedlichen Alters und, Verzeihung, Geschlechts – und nicht die Einstellung der Mobilisierung (zumindest bis zum Beginn der Roboterkriege, die auch wir noch erleben und durchstehen müssen – möglicherweise in den Ruinen europäischer Städte). Das heißt, die Erwartungen an die Korrektur von Fehlern müssen nicht mit dem tatsächlichen Ergebnis für jeden Einzelnen übereinstimmen. Genauso wie damals, im Jahr 2019.

Unser Land hatte in den vergangenen 35 Jahren viele Probleme. Das ukrainische Volk hatte in den Jahrhunderten seiner Existenz noch mehr. Doch noch nie zuvor stellte sich die Frage so scharf und so offensichtlich: sein – oder verschwinden, nur noch als hundert Seiten in Lehrbüchern der Ethnografie fortbestehen. Als Mensch, dessen Vorfahren jahrtausendelang ohne eigenen Staat lebten und sich nur auf den Seiten des Buches wiederfanden, wünsche ich keinem Volk ein solches Schicksal. Und zugleich werde ich immer wissen, dass ein Volk, das aufhört, die eigentlichen Ursachen seines Unglücks wahrzunehmen, zu Niederlage und Vergessen verurteilt sein kann.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Слон у кімнаті. Віталій Портников. 16.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 16.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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