Krieg der Städte. Vitaly Portnikov. 10.08.2026.

Війна міст. Віталій Портников. 10.08.2026.

Wenn die Front erstarrt und sich wochenlang keinen Kilometer bewegt, wenden sich die Armeen früher oder später einem anderen Ziel zu – nicht den Schützengräben des Feindes, sondern seinen Städten. Das ist keine neue Erfindung des Kremls. Eine solche Logik hat die Welt bereits während des Iran-Irak-Krieges erlebt, den die Zeitgenossen genau so nannten: Krieg der Städte.

Mitte der achtziger Jahre war der Stellungskrieg zu Lande endgültig in einem jahrelangen „Abnutzungskrieg“ festgefahren – die Front bewegte sich jahrelang weder in die eine noch in die andere Richtung, und der Preis für jeden Meter wurde in Zehntausenden Menschenleben gemessen. Und dann versuchte Saddam Hussein, mit Raketen das zu erreichen, was er mit Panzern nicht erreichen konnte. Die irakische Luftwaffe und ballistische Raketen griffen Teheran und andere iranische Städte an, der Iran antwortete mit eigenen „Scud“-Raketen auf Bagdad. Beide Diktatoren setzten auf dasselbe: Die Zivilbevölkerung werde der ständigen Angst nicht standhalten und Druck auf die eigene Regierung ausüben, um deren Kapitulation zu fordern.

Am schrecklichsten war das Frühjahr 1988, als der Irak Dutzende „Al-Hussein“-Raketen mit erhöhter Reichweite auf Teheran abfeuerte und die Bevölkerung der Hauptstadt aus Angst vor chemischen Sprengköpfen massenhaft aus der Hauptstadt floh. In den acht Jahren dieses Krieges kamen auf beiden Seiten Tausende Zivilisten ums Leben, Zehntausende wurden verletzt, beide Hauptstädte erlitten schwere Zerstörungen. Und es gab keine Kapitulation aufgrund eines gebrochenen Widerstandswillens.

Der Krieg endete im August 1988 nicht deshalb, weil eine der Hauptstädte kapituliert hätte. Er endete, weil beide Armeen an der Front erschöpft waren.

Der Irak erlangte die Kontrolle über die verlorenen Gebiete zurück, der Iran erkannte, dass eine Fortsetzung sinnlos war, die Ruinen der Städte wurden zur Kulisse dieses Krieges, zu einer schweren und blutigen Kulisse, aber nicht zu seinem siegreichen Finale. Weder Teheran noch Bagdad brachen unter den Raketen zusammen; zusammengebrochen war die Fähigkeit beider Armeen, ihre Offensive fortzusetzen.

Wir beobachten heute dieselbe Logik. Wenn die Kämpfe um Kostjantyniwka oder Pokrowsk in Metern pro Woche gemessen werden und Tausende Menschenleben kosten, sucht Moskau den Sieg wieder nicht in den Schützengräben, sondern im Hinterland: in Angriffen auf Umspannwerke, Wohnviertel und Hafeninfrastruktur. Das Kalkül ist dasselbe wie bei Saddam vor vierzig Jahren: Wo die Panzer nicht durchkommen, werden Raketen fliegen, und früher oder später wird eine von Dunkelheit und Kälte erschöpfte Gesellschaft ihre Regierung zur Kapitulation zwingen.

Doch es gibt etwas, das es in den Kriegen mit Russland bisher nicht gegeben hat – und genau das ist das Neue an diesem Krieg. Jahrelang hatte Russland praktisch das Monopol darauf, zivile Objekte tief im Hinterland anzugreifen, während die Ukraine allenfalls mit einigen Arten weitreichender Waffen aus eigener Produktion auf Grenzregionen reagieren konnte. Diese Asymmetrie vermittelte dem Kreml das Gefühl völliger Straflosigkeit: Man konnte zerstören, ohne befürchten zu müssen, die gleichen Zerstörungen im eigenen Land zu sehen. Heute endet dieses Monopol – und es endet schneller, als man sich in Moskau noch vor einem Jahr hätte vorstellen können.

In der Nacht zum 9. August wurde dies besonders deutlich. Russland führte einen der massivsten Angriffe dieses Jahres auf Odesa durch – mit ballistischen Raketen, Anti-Schiffs-Raketen und Antiradarraketen sowie Dutzenden Angriffsdrohnen. Die Energieinfrastruktur wurde beschädigt, Bewohner dreier Stadtbezirke blieben ohne Strom, auch Wohngebäude wurden zerstört. In derselben Nacht griffen ukrainische Drohnen Belgorod massiv an: In mehreren Stadtteilen, darunter im Zentrum, brachen Brände aus, mehrstöckige Wohnhäuser und Privathäuser wurden beschädigt; nach Angaben des amtierenden Gouverneurs der Region, Oleksandr Schuwajew, gab es dreizehn Verletzte.

Das ist nicht mehr ein Krieg, in dem nur eine Seite brennt, während die andere aus sicherer Entfernung zusieht. Russland erlebt nun Nacht für Nacht selbst, was es jahrzehntelang für ein ausschließlich ukrainisches Schicksal hielt. Und offenbar hat den Kreml vor allem überrascht, dass sich diese Angriffe immer wiederholen.

Bedeutet das, dass der Kreml schneller zu Zugeständnissen bereit sein wird?Die Erfahrungen aus dem Iran-Irak-Krieg geben allerdings wenig Anlass zu übermäßigem Optimismus: Dort dauerten die gegenseitigen Angriffe auf Städte jahrelang an und brachten für sich genommen den Frieden nicht näher; Frieden wurde erst durch die Erschöpfung der Ressourcenbasis an der Front erreicht und nicht durch eine gebrochene Psyche im Hinterland. Beide Hauptstädte hielten weit mehr aus, als man ihnen vor dem Krieg zugetraut hatte. Dasselbe Szenario kann sich durchaus auch hier wiederholen: Moskau kann Angriffe auf Belgorod oder Kursk möglicherweise genauso lange aushalten, wie Teheran Saddams Raketen aushielt.

Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied, und gerade er gibt Anlass zur Hoffnung. Im Iran und im Irak wurden die Entscheidungen über Krieg und Frieden von Diktatoren getroffen, für die das Leiden des eigenen Hinterlandes niemals das entscheidende Argument war. Ayatollah Khomeini und Saddam Hussein hielten den Preis für akzeptabel, solange die Armee die Front hielt. Putins Regime beruht auf derselben Logik der Gleichgültigkeit gegenüber dem Schmerz anderer. Doch es stützt sich zugleich auf den Mythos der eigenen Unantastbarkeit, auf die Überzeugung des russischen Durchschnittsbürgers, Krieg sei etwas, das irgendwo weit entfernt, mit jemand anderem geschieht. Für die Russen ist Krieg nur das, was auf ihrem eigenen Territorium geschieht; genau daraus entstand das Datum des 22. Juni 1941, obwohl der Zweite Weltkrieg unter Beteiligung der Armee der Sowjetunion damals bereits in vollem Gange war. Es ist also gerade der Mythos der Unantastbarkeit und nicht der Kampfgeist der Armee, der jedes Mal zerstört wird, wenn Belgorod genauso brennt wie Odesa.

Es gibt hier noch eine weitere Dimension, die es vor vierzig Jahren am Persischen Golf nicht gab. Der Iran-Irak-Krieg blieb im Grunde eine Privatangelegenheit zweier Diktaturen – die Welt schaute la zu, lieferte mitunter sogar beiden Seiten gleichzeitig Waffen, hatte aber kein unmittelbares Interesse an diesem Krieg, solange die Schifffahrt im Golf selbst nicht betroffen war. Der russisch-ukrainische Krieg ist anders: Der Ukraine hilft eine Koalition von Demokratien, die Technologien für weitreichende Angriffe liefert. Schon die Symmetrie selbst – die Tatsache, dass die Ukraine nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Luftraum des Gegners antworten kann – wird für die westlichen Partner zu einem zusätzlichen Argument für die Fortsetzung ihrer Unterstützung.

Raketenlieferungen lassen sich leichter begründen, wenn die Waffen nicht nur eine Offensive aufhalten, sondern die Kalkulationen des Feindes tatsächlich verändern. Die Symmetrie der Städte ist nicht nur psychologischer Druck auf Moskau, sondern auch eine politische Ressource Kyivs in den Verhandlungen mit den eigenen Verbündeten.

Putin begann diesen Krieg in der Überzeugung, dass nur ukrainische Städte brennen würden. Jetzt brennen auch St. Petersburg, Tscheboksary, Woronesch, Belgorod und sogar Moskau selbst. Das bringt die Kapitulation des Kremls noch nicht näher: Die Geschichte des Iran und des Irak lehrt, sich darauf nicht zu verlassen. Aber es zerstört die zentrale Illusion, auf der Russlands Bereitschaft beruhte, den Krieg endlos fortzusetzen – die Illusion der Straflosigkeit.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Війна міст. Віталій Портников. 10.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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