Der ukrainische Botschafter im Vereinigten Königreich und ehemalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Valery Zaluzhny, hat Zweifel sowohl an der Möglichkeit als auch an der Notwendigkeit eines Beitritts der Ukraine zur Nordatlantischen Allianz geäußert.
Diese Aussage Zaluzhnys spiegelt gewissermaßen die tiefe Enttäuschung wider, die sich derzeit im Zusammenhang mit den Perspektiven der NATO sowohl in den europäischen Ländern als auch in Kanada ausbreitet, nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, die Wirksamkeit dieser Organisation infrage gestellt hat.
Im Fall der Ukraine kommt hinzu, dass Trump entschieden gegen einen Beitritt der Ukraine zur Nordatlantischen Allianz auftritt. Dem stimmen führende Vertreter seiner Regierung zu, die aus unverständlichen Gründen hoffen, dass ein Verzicht der Ukraine auf die euro-atlantische Integration eine gute Voraussetzung für einen Kompromiss mit der Russischen Föderation sein könnte. Einen Kompromiss, den, wie wir wissen, in Moskau niemand erwartet.
Zaluzhny geht noch weiter. Er ist der Ansicht, dass die Ukraine über eine moderne Armee verfügt, die die NATO schlicht nicht benötigen werde. Dagegen könnten neue Militärbündnisse, die während oder nach dem russisch-ukrainischen Krieg entstehen, die Ukraine mit ihren modernen Ansätzen der Kriegsführung benötigen.
All dies sind natürlich durchaus wichtige Thesen, sie bewegen sich jedoch eher im Bereich dessen, was sein könnte. Die Welt verändert sich derzeit so schnell, dass mir scheint, Einschätzungen, die bei Beratungen ukrainischer Diplomaten am Montag geäußert werden, hätten bereits am Donnerstag nichts mehr mit der Realität zu tun.
Deshalb ist es meines Erachtens ein großer Fehler, heute zu behaupten, ein bestimmtes Land werde sich niemals einem bestimmten Militärbündnis anschließen. Wir wissen nicht, wie die NATO schon in wenigen Jahren aussehen wird. Wir wissen nicht, wie die Außenpolitik der Vereinigten Staaten aussehen wird, nachdem Donald Trumps politische Karriere beendet ist. Gleichzeitig wird die Ukraine auch dann Sicherheitsgarantien benötigen.
Wir wissen nicht einmal, ob der russisch-ukrainische Krieg vor dem Ende von Donald Trumps Amtszeit beendet sein wird. Bislang gibt es keinerlei Voraussetzungen für eine solche Annahme. Genauso wenig gibt es Voraussetzungen für die Behauptung, die Ukraine werde der NATO nicht beitreten.
Ich wäre sehr vorsichtig damit, die Bedeutung der NATO zu unterschätzen. Schließlich sind wir tatsächlich kein NATO-Mitglied und führen Krieg gegen die größte nukleare Supermacht des 20. und 21. Jahrhunderts. Da könnte die Frage aufkommen: Warum nutzt diese Supermacht, die der Existenz der Ukraine mit ihren Atomwaffen buchstäblich innerhalb weniger Tage ein Ende setzen könnte, diese Waffen nicht? Warum unternimmt sie nicht einmal den Versuch, neue Atomtests durchzuführen oder aus militärisch-technischer Sicht mit ihrem Einsatz zu drohen, sondern beschränkt sich ausschließlich auf kriegerische Erklärungen oder auf die mögliche Verlegung eines Teils der russischen Atomwaffen auf das Territorium der Republik Belarus?
Vielleicht vor allem deshalb, weil Russland Rücksicht auf die NATO und auf die Vereinigten Staaten als den führenden Staat dieses Bündnisses nimmt – einen Staat, der ebenfalls über ein ungefähr gleich großes nukleares Potenzial verfügt. Und die NATO bleibt ein Abschreckungsbündnis selbst für Länder, die nicht ihre Mitglieder sind. Denn die gesamte Hilfe, die die Ukraine während des russisch-ukrainischen Krieges erhält, hängt in erster Linie ebenfalls mit der Wirksamkeit der euro-atlantischen Gemeinschaft zusammen.
Nun zur Frage, ob die Ukraine nach dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges Teil neuer Militärbündnisse werden kann. Ja, niemand bezweifelt, dass die ukrainische Armee heute eine Armee des modernen Krieges ist, während andere Länder, die diesen modernen Krieg bisher nicht erlebt haben, ihn aber möglicherweise bald erleben werden, sich – wie General Zaluzhny sagt – noch immer an der Logik des Zweiten Weltkriegs orientieren. Das haben wir schließlich am Beispiel des Krieges der Vereinigten Staaten gegen den Iran gesehen.
Gleichzeitig darf jedoch nicht vergessen werden, dass man in Europa die Verpflichtungen der Vereinigten Staaten zum Schutz der europäischen Länder, insbesondere Artikel 5, bislang sehr ernst nimmt. Damit europäische Staaten auf diese Sicherheitsgarantien verzichten, müsste etwas Außergewöhnliches geschehen. Russland oder ein anderes Land müsste ein NATO-Mitglied angreifen, möglicherweise sogar unter Einsatz von Atomwaffen, und die Vereinigten Staaten müssten sich weigern, dieses Land mit ihren eigenen Waffen zu verteidigen.
Kann eine solche Weigerung eintreten? In der Politik ist alles möglich. Doch solange sie nicht eingetreten ist, werden alle NATO-Mitglieder an ihrer Mitgliedschaft in diesem Bündnis als ihrer wichtigsten Sicherheitsgarantie festhalten und sie selbstverständlich nicht für neue Militärbündnisse mit einem Staat aufs Spiel setzen, der sich bereits in einem Konflikt mit einer anderen nuklearen Supermacht befindet. Auch das muss man sich bewusst machen. Jedes Militärbündnis, dem die Ukraine künftig beitreten könnte, wäre in erster Linie ein Bündnis ohne Garantien.
Da stellt sich die Frage: Was sollen wir dann tun?
Zumindest sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass es in der Welt praktisch keine neutralen Staaten mehr gibt und dass sich die Welt heute in einer Konfrontation zwischen einem westlichen und einem östlichen Sicherheitspol befindet. Der westliche Sicherheitspol ist die NATO, die Nordatlantische Allianz, und die Vereinigten Staaten mit ihrem nuklearen Potenzial – einem Potenzial, das mit dem der europäischen Atommächte wie Großbritannien oder Frankreich nicht vergleichbar ist.
Der östliche Sicherheitspol besteht aus der Russischen Föderation und der Volksrepublik China. Wer seinen Platz im westlichen Sicherheitspol nicht findet, wird zwangsläufig entweder seinen Platz im östlichen suchen müssen oder von diesem östlichen Sicherheitspol unterworfen werden.
Angesichts der Tatsache, dass wir im Osten keinen Nachbarstaat haben, der unsere Staatlichkeit respektiert, und dass die Russische Föderation die Ukraine als untrennbaren Teil ihres historischen Territoriums betrachtet, bedeutet dies für die Ukraine einen recht einfachen Sachverhalt. Sollte die Ukraine Teil des östlichen Sicherheitspols werden, würde sie bestenfalls zu einem Satellitenstaat der Russischen Föderation werden oder ihre Gebiete würden – oblastweise – an die Russische Föderation angeschlossen, so wie Präsident Putin es sich wünscht und wie die Bürger der Russischen Föderation dies unterstützen.
Ja, wir können für unsere Souveränität kämpfen. Aber wenn wir nicht Teil dieses internationalen Sicherheitssystems mit seiner Ausrichtung auf den Westen werden, wird eine solche Eingliederung früher oder später stattfinden. Sie wäre schlicht unvermeidlich.
Was muss die Ukraine also tun, um auf der politischen Landkarte der Welt erhalten zu bleiben? Was muss das ukrainische Volk tun, um nicht von seinen ethnischen Gebieten verdrängt zu werden? Was muss jeder Ukrainer tun, wenn er Ukrainer bleiben möchte?
Die Antwort auf diese Frage ist recht einfach: Die Möglichkeit der euro-atlantischen Integration nicht vergessen. Nicht vergessen, dass sich die Weltlage verändert, und bereit sein, auf jede Herausforderung zu reagieren, die mit diesen Veränderungen verbunden ist. Niemals „niemals“ sagen, wenn es um grundlegende Fragen geht, die den Erhalt des ukrainischen Volkes und des ukrainischen Staates betreffen. Denn der Weg der euro-atlantischen Integration ist ein Teil dieser Strategie des Überlebens.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Залужний не бачить Україну в НАТО | Віталій Портников. 05.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.