Tausend Stiche gegen das Imperium. Lubomir Haidamaka. 03.06.2026.

Lubomir Haidamaka. 03.06.2026.

„Flattere wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“, sagte Muhammad Ali, und das scheint eine der treffendsten Formeln für den Krieg der Ukraine gegen das russische Imperium zu sein.

Denn das russische Imperium lässt sich nicht mit einem einzigen schönen Schlag besiegen, nach dem es zusammenbricht, weint, Reue zeigt und anfängt, vernünftige Bücher zu lesen statt FSB-Leitfäden. Imperien fallen nicht so. Sie verrotten langsam, halten sich durch Angst, Trägheit, Öl, Lügen, sklavischen Gehorsam und durch diese ewige russische Fähigkeit aufrecht, jede Niederlage damit zu erklären, dass „alles nach Plan läuft“.

Deshalb darf die Ukraine nicht Russlands Spiel spielen – das Spiel der imperialen Größenfantasien, der großen Karten, der großen Paraden und des großen Führers, der an einem absurd langen Tisch sitzt und glaubt, die Geschichte arbeite für ihn.

Unser Spiel ist ein anderes.

Tausende kleiner Stiche.

Oder besser gesagt – Millionen.

Nicht ein einziger Schlag, nach dem alle darauf warten, ob der Thron wankt. Sondern tägliche, kalte, systematische Arbeit, nach der der Thron so zu knarren beginnt, dass selbst diejenigen es hören, die gestern noch so taten, als geschehe überhaupt nichts.

Irgendwo steht eine Fabrik still. Irgendwo bricht die Logistik zusammen. Irgendwo wird es plötzlich laut. Irgendwo begreift ein Beamter zum ersten Mal, dass der Krieg, den er viele Jahre nur im Fernsehen gesehen hat, die unangenehme Eigenschaft besitzt, ohne Zustimmung der Präsidialverwaltung in seine Stadt zu kommen. Irgendwo schaut das einfache russische Volk  auf brennende Infrastruktur und fragt zum ersten Mal nicht mehr ganz so selbstsicher: „Und warum trifft es ausgerechnet uns?“

Uns? Wegen Butscha, Mariupol, Isjum, Cherson, Kramatorsk und Charkiw. Wegen jedes Kindes, das unter Sirenengeheul einschlief, wegen jedes Ukrainers, den sie mit Panzern, Folterkellern und Waschmaschinen zu ‚befreien‘ kamen.

Ich finde es bemerkenswert, wie die russische liberale Öffentlichkeit in solchen Momenten plötzlich ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein entwickelt. Jahrelang kümmerten sie sich kaum um zerstörte ukrainische Städte, verschleppte Kinder, niedergebrannte Felder, beschossene Krankenhäuser, verminte Gebiete und das schwarze Meer des Todes, das Russland auf unser Land gebracht hat. Doch sobald bei ihnen irgendwo etwas zu brennen beginnt, erscheint sofort ein von Asche verschmutzter Spatz, eine traurige Bildunterschrift, ein paar Tränen, jede Menge Humanismus und vor allem: „keine Politik“.

Es ist sehr bequem, in einem Land zu leben, das seit Jahrhunderten stiehlt, tötet, besetzt, deportiert und die Geschichte sowie ganze Völker vergewaltigt – und der Welt anschließend von einem bedauernswerten Spatz neben einem Treibstofftank zu erzählen.

Ich habe nichts gegen den Spatz. Der Spatz ist, anders als viele russische Intellektuelle, ganz sicher unschuldig.

Aber ich habe Fragen an Menschen, die das Imperium jahrzehntelang nicht gesehen haben, als es zu uns kam, und plötzlich eine Tragödie erkennen, sobald das Imperium beginnt, eine Antwort auf seine Taten zu erhalten.

Und hier kommt ein wichtiger Punkt.

Die Ukraine darf nach jedem erfolgreichen Schlag nicht in Euphorie verfallen, denn Euphorie ist ebenfalls eine Droge – nur eine billige. Ein Objekt, ein Lager, ein Treibstoffdepot, eine Fabrik, ein Flugplatz – das ist noch kein Sieg. Es ist nur ein einzelner Stich. Ein schmerzhafter, richtiger, notwendiger Stich – aber eben nur einer.

Der Sieg beginnt nicht dort, wo wir einmal spektakulär zuschlagen, sondern dort, wo wir regelmäßig, in großem Maßstab, serienmäßig und ohne Unterbrechung zuschlagen können – ohne Pause für Selfies mit der politischen Führung.

Denn die Russen sind nicht deshalb gefährlich, weil sie besonders klug wären. Gerade damit haben sie ihre Schwierigkeiten. Gefährlich sind sie, weil sie kopieren, skalieren und mit schierer Masse überrollen können. Das haben wir in diesem Krieg bereits gesehen. Wir entwickeln etwas Wirksames, sie lachen zunächst darüber, stehlen dann die Idee, produzieren sie zehnmal häufiger und beginnen anschließend, uns mit unserer eigenen Logik zu schlagen – nur ohne unsere moralischen Beschränkungen.

Deshalb lautet die entscheidende Frage jetzt nicht, ob wir zustechen können.

Das können wir.

Die entscheidende Frage lautet, ob wir daraus ein staatliches System machen können und nicht nur ein heroisches improvisiertes Wunder, das auf einigen talentierten Menschen, Freiwilligen, Ingenieuren, Soldaten und eben jenen verrückten Ukrainern beruht, die aus einem Keller heraus mehr zustande bringen können als manche Ministerien mit ihren Budgets, Präsentationen und Beratern.

Das russische Imperium muss nicht einen großen Schlag spüren, sondern ständigen Schmerz. Einen Schmerz, der den Schlaf raubt. Einen Schmerz, der dazu zwingt, Ressourcen umzuleiten. Einen Schmerz, der das Gefühl der Straflosigkeit zerstört. Einen Schmerz, nach dem jeder Gouverneur, jeder Fabrikdirektor und jeder Nutznießer des imperialen Systems zu verstehen beginnt, dass der Krieg nicht mehr bloß ein Fernsehereignis für die russische Provinz ist.

Flattere wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.

Aber nicht nur einmal.

Jeden Tag.

Tausendfach.

Millionenfach.

Denn ein Imperium, das seit Jahrhunderten daran gewöhnt ist, andere zu beißen, muss endlich eine einfache Wahrheit begreifen:

Die Ukrainer sind nicht gekommen, um es zu bitten, gut zu werden.

Die Ukrainer sind gekommen, um dafür zu sorgen, dass es kein Imperium mehr sein kann.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Lubomir Haidamaka
Veröffentlichung / Entstehung: 03.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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