Der Schal von Derkatsch. Vitaly Portnikov. 16.11.2025.

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Vor dem Hintergrund des wohl lautesten Korruptionsskandals der jüngeren ukrainischen Geschichte ist im Informationsraum erneut der Name des russischen „Senators“ und ehemaligen Abgeordneten der ukrainischen Werchowna Rada Andrij Derkatsch aufgetaucht. Für mich persönlich war dies die größte Offenbarung. Ein großer Korruptionsskandal war meiner Meinung nach bereits seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 unvermeidlich. Denn dort, wo die Monopolisierung der Macht mit Unerfahrenheit und totalem Misstrauen gegenüber unverständlichen „Fremden“ einhergeht und man stattdessen auf vollkommen „eigene Leute“ setzt, kann Korruption nur total sein.

Doch dass es Derkatsch selbst nach seiner Flucht nach Russland gelingt, eine einflussreiche Person in dem Land zu bleiben, das Russland zu zerstören versucht, macht ihn zu einem Agenten der Extraklasse – eine Art James Bond. Wir verstehen doch, dass Derkatsch kein Verräter ist, sondern ein hochrangiger russischer Geheimdienstoffizier, der jahrelang die Aufträge des Zentrums ausgeführt hat, oder? Verräter – solche wie Janukowytsch oder Asarow – werden von der russischen Propaganda nur gelegentlich eingesetzt, um die nächsten Putin-Narrative zu verbreiten. Und Derkatsch wurde einfach „versetzt“ – vom ukrainischen Parlament in das russische. Und wie wir sehen, stimmt auch mit seinen Finanzströmen alles.

In Wirklichkeit aber ist Andrij Derkatsch keineswegs ein James Bond. Er erinnert eher an Stirlitz aus dem alten sowjetischen Witz über einen Geheimagenten, der in einer „Rotarmistenmütze“ durch die deutsche Reichskanzlei spaziert und nicht verstehen kann, warum ihn alle für einen fremden Agenten halten.

Derkatsch hatte gleich eine ganze Schrankwand voller solcher „Mützen“ – die FSB-Akademie, die Vereinigung „Für die Ukraine, Belarus und Russland“, das Lobbying für die Interessen der russischen Kirche, die Arbeit für Janukowytsch… Aber die meisten ukrainischen Politiker, selbst aus dem national-demokratischen Lager, hielten Derkatsch hartnäckig für einen Vernünftigen und beinahe für einen der ihren, da sie sich an die Rolle des TV- und Radiosenders „Era“ während der ersten Maidan-Revolution erinnerten. Doch Derkatsch trug den orangenen Schal nur, weil er den Auftrag dazu hatte – und weil er zu dieser Zeit bereits Mitglied der Fraktion der Sozialistischen Partei war, genau jener Fraktion, die später die anderen Maidan-Parteien zugunsten einer wackeligen Koalition mit Janukowytsch verraten sollte. Übrigens lief in einem ebenso orangenen Schal damals auch der russische „Senator“ aus der besetzten Region Saporischschja, Dima Rogosin, über den Maidan – auch er hatte vom „Dienst“ den Befehl erhalten, die Rolle eines Oppositionellen zu spielen, nur nicht eines ukrainischen wie im Fall von Derkatsch, sondern eines russischen.

Ein weiteres wichtiges Argument dafür, dass man Derkatsch unbewusst für „einen der unseren“ hielt, war sein Vater, der ehemalige Leiter des SBU. Diese Verwandtschaft verlieh dem jüngeren Derkatsch etwas Aristokratisches, eine Art blutsmäßiges Interesse an der Bewahrung der Ukraine – und sein Studium in Moskau erschien vielen einfach als Fortsetzung der Familientradition. Dass der SBU zu Zeiten seines Vaters – und noch lange danach – ein Dienst blieb, in dessen Führungsetagen viele russische Sicherheitsbeamte als „Verwandte“ betrachtet wurden, wollte niemand wahrhaben. Wir lebten weiter in einer Art verzauberter Welt, in der man uns beinahe offen sagte, dass man uns bald vernichten werde – und wir hielten dies für einen Scherz und glaubten, die Russen und ihre zahlreichen Agenten in der ukrainischen Elite wollten lediglich Kapital schlagen, und zwar nicht einmal politisches. Selbst der amtierenden ukrainischen Regierung, die demonstrativ jede Zusammenarbeit mit den „alten“ Politikern ablehnte, kam es nie in den Sinn, dass die Verleumdungskampagne gegen Petro Poroschenko und Joe Biden nicht im Auftrag des FBI, sondern mit Unterstützung des FSB organisiert worden sein könnte – vom inoffiziellen „Herrn des Gebiets Sumy“ höchstpersönlich.

Damit allen schließlich alles klar wurde – also so klar, dass man nicht mehr so tun konnte, als wäre nichts geschehen – musste Derkatsch in Russland auftauchen und Mitglied des Föderationsrates werden. Und das geschah keineswegs, weil die ukrainischen Geheimdienste endlich verstanden hätten, mit wem sie es zu tun haben. Sondern weil sich nach dem Skandal um die „Derkatsch-Tonbänder“ die US-Geheimdienste ernsthaft für den ukrainischen Abgeordneten interessierten – und alles schnell herausfanden, weil es eigentlich gar nichts herauszufinden gab: Alles lag auf der Hand.

Wäre es nicht zu diesen Tonbändern gekommen, wäre Derkatsch weiterhin nicht ein russischer, sondern ein ukrainischer Abgeordneter geblieben, hätte gewissenhaft die Aufträge des Zentrums erfüllt, das Gebiet Sumy betreut und die inoffizielle Leitung des staatlichen Energieunternehmens Energoatom ausgeübt – jenes Unternehmens, das er bereits im Jahr 2006 erstmals geleitet hatte. Und ich schließe keineswegs aus, dass er im neuen Korruptionsskandal gar nicht aufgetaucht wäre – im Gegensatz zu dessen übrigen Beteiligten ist Derkatsch ein echter Profi und wäre kaum in die Tonbandarchive des NABU geraten. Und wir hätten weiterhin den Offizier des FSB-Dienstgrads – möglicherweise sogar bereits General (zumindest entspricht seine Position im Föderationsrat einem solchen Rang) – als ukrainischen Politiker mit widersprüchlicher Biografie wahrgenommen und nostalgisch den orangenen Schal unserer Jugend an seinem Hals in Erinnerung behalten.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Шалик Деркача
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 16.11.2025
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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