Die Ebenen des Krieges | Vitaly Portnikov. 23.02.2026.

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Wenige Tage vor dem vierten Jahrestag des Beginns des großen russischen Angriffs auf die Ukraine erschütterte eine Explosion im Zentrum von Lwiw die Stadt, die von den Strafverfolgungsbehörden als Terroranschlag eingestuft wurde.

Das Geschehene erinnerte erneut an die Vielschichtigkeit des russisch-ukrainischen Krieges, daran, dass er nicht ausschließlich auf ein Aufeinandertreffen von Armeen reduziert werden kann. Schließlich wird der Krieg gegen die Ukraine von einem Staat geführt, in dem die Macht von den Geheimdiensten monopolisiert ist – den Nachfolgern des ehemaligen Komitees für Staatssicherheit der UdSSR, das unter den neuen historischen Bedingungen unter den Bezeichnungen Föderaler Sicherheitsdienst und Auslandsgeheimdienst Russlands existiert. Doch die wichtigste Institution, die der KGB erlangt hat, ist das Amt des Präsidenten Russlands. Das wichtigste Büro des Landes, von dem die Tschekisten immer geträumt haben: Welcher Wachmann möchte nicht einmal auf dem Stuhl seines eigenen „Objekts“ sitzen!

Man muss verstehen, dass sich der Krieg der Tschekisten vom Krieg der Generäle unterscheidet. Ja, im Kreml würde man sich natürlich wünschen, dass die Armee einfach das gesamte Territorium der Ukraine einnimmt und dem FSB ermöglicht, zu den Verfahren der „Filtration“ und „Feinderkennung“ überzugehen. Doch wenn es dem Militär, das für Putin nur eines der Instrumente zur Erreichung seines Ziels ist, nicht gelingt, heißt das nicht, dass sich der FSB beruhigt und auf das Ergebnis der militärischen Handlungen wartet.

Die Destabilisierung eines feindlichen Landes durch Terror ist ein wichtiger Faktor zur Unterstützung der Armee, denn sie erlaubt es, die Bevölkerung eines solchen Landes in ständiger Anspannung zu halten, unerwünschte Politiker und Aktivisten auszuschalten und neue Spaltungslinien zu schaffen. Übrigens: Wenn ich von einem feindlichen Land spreche, möchte ich daran erinnern, dass für die Spitze des FSB zeitweise auch Russland selbst ein solches Land war – damals, als es in der russischen Gesellschaft noch Stimmungen gab, die mit dem Wunsch nach einem normalen menschlichen Leben verbunden waren. Die Armee führte Krieg in Tschetschenien, während die Tschekisten Terror organisierten, Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Städten sprengten, oppositionelle Politiker und Journalisten ermordeten – also „arbeiteten“.

Ein weiterer wichtiger Faktor bei dem Versuch, die Ukraine zu erobern, ist politische Propaganda. Bis 2014 wurde sie – gemeinsam mit den der ukrainischen Macht und den Oligarchen nahestehenden Fernsehsendern wie „Inter“ oder „1+1“ – vom russischen Fernsehen betrieben, das für viele Ukrainer die wichtigste Informationsquelle blieb. Gerade dieses Fernsehen trug zum Sieg von Leonid Kutschma bei den Präsidentschaftswahlen 1994 und von Viktor Janukowytsch 2010 bei und half damit real bei der Degeneration der ukrainischen Gesellschaft und dabei, die Ukraine in der „Grauzone“ des russischen Einflusses zu halten. Nach 2014 wurde das russische Fernsehen durch die Sender Medwedtschuks ersetzt, und nach 2022 begannen anonyme Telegram-Kanäle eine ebenso wichtige Rolle bei der „Verdummung“ der Ukrainer zu spielen. Und jetzt sehe ich eine neue Tendenz: Die Russen werden mit Hilfe Rechtsradikaler aus dem Westen auf den ukrainischen Markt zurückkehren. Formal werden wir die Eröffnung irgendwelcher amerikanischer oder europäischer Medien sehen, faktisch wird es derselbe FSB sein.

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor ist wirtschaftlicher Druck – verbunden mit der Bestechung nicht nur von Machthabern und Oligarchen, sondern auch der Bevölkerung selbst, die das alte Sprichwort von der Mausefalle und dem kostenlosen Käse allzu gern vergisst – oder besser gesagt: vom billigen Gas. Mit Hilfe von Gas versuchte man bereits zu Zeiten Boris Jelzins, die Ukraine festzuhalten und ihre Hinwendung zum Westen zu verhindern. Putin war bereits zu offenem Erpressen bereit, das sich nach dem Maidan 2004 und dem Sieg von Viktor Juschtschenko bei den Präsidentschaftswahlen noch verstärkte. Und niemand hat gesagt, dass Russland künftig keine wirtschaftlichen Instrumente einsetzen wird – mehr noch: Selbst wenn man sich die derzeit unrealistische Situation eines baldigen Endes der Kampfhandlungen vorstellen würde, wird der Kreml versuchen, Instrumente wirtschaftlicher Erpressung in jedes Friedensabkommen einzubauen. Natürlich mit Unterstützung der amerikanischen Administration, in der selbst auf der Ebene von Vizepräsident J. D. Vance von der Bedeutung des Handels zwischen Russland und der Ukraine gesprochen wurde. Wie könnte man eine solche Sichtweise nicht ausnutzen?

Die Aufzählung all dieser Instrumente überzeugt davon, dass es auf die Frage „Wann wird der russisch-ukrainische Krieg enden?“ nur eine richtige Antwort gibt – niemals. Solange die Russen glauben, dass die ukrainische Staatlichkeit liquidiert und das ukrainische Volk ausgelöscht werden muss, wird der Konflikt gleichzeitig auf mehreren Ebenen der Eskalation weitergehen, selbst wenn Moskau nicht genug Kräfte für intensive militärische Aktionen hat. Auf genau eine solche Entwicklung sollten sich sowohl die Bürger der Ukraine vorbereiten, die zu Hause leben, als auch jene, die sich im Ausland befinden.

Denn die Bewahrung des Staates und des ukrainischen Volkes unter den Bedingungen eines langen Krieges, von Terror, Propaganda und wirtschaftlichem Druck wird unsere wichtigste Aufgabe bleiben. Und die Jahre des russisch-ukrainischen Konflikts – selbst wenn man seinen Beginn auf den Maidan 2013–2014 und den russischen Einmarsch auf der Krim und im Donbas datiert – haben gezeigt, dass man einer solchen Aufgabe selbst in den schwersten Momenten gewachsen sein kann, vorausgesetzt, man bewahrt Einheit, gesunden Menschenverstand und ein realistisches Verständnis der Lage.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Поверхи війни. Віталій Портников. 23.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Neue Terroranschläge in der Ukraine | Vitaly Portnikov. 23.02.2026.

Explosion in Mykolajiw an einer stillgelegten Tankstelle, als Polizeibeamte zur Schichtablösung dort eintrafen. Sieben Personen wurden verletzt, zwei von ihnen schwer. Und eine Explosion in einer Polizeidienststelle in der Region Dnipropetrowsk. Zum Glück gab es dort keine Todesopfer. Und all das vor dem Hintergrund des jüngsten Terroranschlags in Lwiw, als Polizisten zu einem fingierten Notruf wegen eines angeblichen Eindringens in ein Geschäft gerufen wurden. Wie Sie wissen, kam dabei eine Polizistin ums Leben, viele Menschen wurden verletzt.

Natürlich ist das kein Zufall. Das ist der Beginn einer neuen Putin’schen Spezialoperation gegen die Ukraine – nun verbunden mit Terror, und zwar gezielt mit Terror gegen die Nationale Polizei der Ukraine, gegen die Strafverfolgungsbehörden. Putin denkt überhaupt nicht in Kategorien eines klassischen Krieges als Frontverlauf, sondern in einer Reihe von Spezialoperationen, die er zur Erschöpfung und Zerstörung des Gegners durchführt. Das ist die elementare Logik eines Offiziers des ehemaligen Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion, das später zum Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation wurde. Und jetzt sehen wir eine neue Phase dieser Tätigkeit Putins, eine neue Spezialoperation – Terror gegen Polizisten, gegen Sicherheitsorgane.

Warum gerade gegen die Polizei? Das ist selbstverständlich der Versuch, Unzufriedenheit mit der Staatsmacht als solcher zu provozieren. „Sie ist ineffektiv, unsere Polizei ist ineffektiv. Normale Menschen werden nicht in die Luft gesprengt – Polizisten schon. Mit ihnen hat man natürlich kein Mitleid, weil sie ihre Arbeit schlecht machen. Sie sind ohnehin korrupt, sie verdienen unser Vertrauen nicht. Warum sollten wir mit ihnen Mitleid haben?“ Selbst wenn solche Stimmungen nicht unter vielen Menschen vorhanden sind, werden sie von russischen Bots in den sozialen Netzwerken angeheizt werden. Und natürlich ist auch das Teil der Arbeit zur Schwächung der Ukraine.

Schon als wir vom Terroranschlag in Lwiw erfuhren, sagte ich, dass dies erst der Anfang sei. Wie wir sehen, ließen die Ereignisse leider nicht lange auf sich warten. Man möchte den in Mykolajiw verletzten Polizisten und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aussprechen. Selbstverständlich kann es weitere Terrorakte geben, die gezielt darauf ausgerichtet sind, eine Welle des Misstrauens in der ukrainischen Gesellschaft gegenüber den Strafverfolgungsbehörden zu erzeugen.

Das ist systematische Arbeit. Es gibt einen Plan, es gibt Verantwortliche, sie erfüllen ihre Aufgaben. So war es beispielsweise auch in Russland selbst während des zweiten Tschetschenienkrieges, als plötzlich Wohnhäuser in die Luft flogen. Zunächst in Wolgodonsk – und wie es in der Russischen Föderation üblich ist, beunruhigte die Explosion eines Hauses in einer fernen Provinz niemanden besonders. Russland lebt generell nicht mit Blick auf seine Provinz. Dann begannen Häuser in Moskau selbst zu explodieren – was natürlich sofort zu Hauptnachrichten im damaligen russischen Staat wurde.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Häuser explodierten in Wohnbezirken, nicht im Zentrum Moskaus, um zu zeigen, dass die Terroristen Menschen angreifen, die völlig außerhalb der Politik stehen, außerhalb der Elite, die nichts mit den Ereignissen im Kaukasus zu tun haben. Aber diese niederträchtigen Leute töten einfache, unbeteiligte Menschen. Und die Explosionen hörten erst auf, als in einem Haus in Rjasan, das offenbar das nächste Opfer der FSB-Leute werden sollte, zufällig Sprengstoffvorräte entdeckt wurden.

Dem damaligen Leiter des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands, einem der engsten Vertrauten Putins – Patruschew –, blieb nichts anderes übrig, als die öffentliche Meinung auf ihre Gutgläubigkeit zu testen und sich damit zu rechtfertigen, dass es sich gar nicht um Sprengstoff, sondern um Zucker gehandelt habe – und überhaupt seien es nur gewöhnliche FSB-Übungen gewesen.

Dabei verstand jeder sehr gut, dass es nur eine Organisation gibt, die an jenen Sprengstoff gelangen konnte, der bei den Explosionen der Häuser in der russischen Hauptstadt verwendet wurde. Und als dieser Sprengstoff in Rjasan gefunden wurde – er wurde nur in einem einzigen Betrieb hergestellt und um ihn zu erhalten, brauchte man eine entsprechende Genehmigung aus Moskau, vom FSB –, irritierte das niemanden. Nicht einmal, als der Sänger des russischen Regimes, der Schriftsteller Prochanow, den Roman „Herr Hexogen“ über diese Ereignisse schrieb.

Und jetzt sehen wir eine sehr ähnliche Situation – ebenfalls ohne besondere, ich würde sagen, intellektuelle Anstrengung, einfach nach einem Dienstplan, der offensichtlich von jemandem aus der Führung des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands oder des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation oder eben jener Hauptverwaltung des Generalstabs gebilligt wurde, deren Leiter noch vor kurzem von Putin als Chef der russischen Delegation bei Verhandlungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten eingesetzt wurde.

Fast jeden Tag nun Anschläge gegen Polizisten, die einerseits Hass auf die Polizei schüren und andererseits die Gesellschaft einschüchtern sollen: „Wenn sogar die Polizei in die Luft gesprengt wird, welche Sicherheitsgarantien können wir dann noch haben?“ – damit die Menschen das häufiger sagen, damit es mehr Destabilisierung gibt, damit mehr Verständnis entsteht, dass der einzige Ausweg für einfache Menschen, wenn sie überleben wollen, die Kapitulation vor Russland zu Putins Bedingungen sei.

Und dass das so nicht funktioniert, dass die Zunahme des Terrors neben den fortgesetzten massiven Angriffen gegen die Ukraine die Ukrainer nicht zur Kapitulation und zur Zustimmung zur Zerstörung ihres Staates bewegt – das beunruhigt weder Putin noch seine Kollegen an der Lubjanka. Sie sind es gewohnt, nach genehmigten Plänen von Spezialoperationen zu arbeiten und fest daran zu glauben, dass diese Pläne früher oder später zu dem Ergebnis führen werden, das der Präsident der Russischen Föderation benötigt – zur Erfüllung jener Aufgabe, die Putin seinen FSB-Leuten und Militärs bereits im Februar 2022 gestellt hat, als er die Entscheidung traf, die Ukraine anzugreifen, um die ukrainische Führung und später auch die ukrainische Staatlichkeit zu liquidieren.

Praktisch genau am 23. Februar 2022 hatte Putin sich endgültig über das Tempo seiner Spezialoperation und darüber entschieden, wie sie sich entwickeln sollte. Und jetzt, da von seinem Blitzkrieg nicht einmal mehr eine Erinnerung geblieben ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Terror fortzusetzen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Нові теракти в Україні | Віталій Портников. 23.02.2026.
Autor / Verfasser / Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.02.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Schal von Derkatsch. Vitaly Portnikov. 16.11.2025.

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Vor dem Hintergrund des wohl lautesten Korruptionsskandals der jüngeren ukrainischen Geschichte ist im Informationsraum erneut der Name des russischen „Senators“ und ehemaligen Abgeordneten der ukrainischen Werchowna Rada Andrij Derkatsch aufgetaucht. Für mich persönlich war dies die größte Offenbarung. Ein großer Korruptionsskandal war meiner Meinung nach bereits seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 unvermeidlich. Denn dort, wo die Monopolisierung der Macht mit Unerfahrenheit und totalem Misstrauen gegenüber unverständlichen „Fremden“ einhergeht und man stattdessen auf vollkommen „eigene Leute“ setzt, kann Korruption nur total sein.

Doch dass es Derkatsch selbst nach seiner Flucht nach Russland gelingt, eine einflussreiche Person in dem Land zu bleiben, das Russland zu zerstören versucht, macht ihn zu einem Agenten der Extraklasse – eine Art James Bond. Wir verstehen doch, dass Derkatsch kein Verräter ist, sondern ein hochrangiger russischer Geheimdienstoffizier, der jahrelang die Aufträge des Zentrums ausgeführt hat, oder? Verräter – solche wie Janukowytsch oder Asarow – werden von der russischen Propaganda nur gelegentlich eingesetzt, um die nächsten Putin-Narrative zu verbreiten. Und Derkatsch wurde einfach „versetzt“ – vom ukrainischen Parlament in das russische. Und wie wir sehen, stimmt auch mit seinen Finanzströmen alles.

In Wirklichkeit aber ist Andrij Derkatsch keineswegs ein James Bond. Er erinnert eher an Stirlitz aus dem alten sowjetischen Witz über einen Geheimagenten, der in einer „Rotarmistenmütze“ durch die deutsche Reichskanzlei spaziert und nicht verstehen kann, warum ihn alle für einen fremden Agenten halten.

Derkatsch hatte gleich eine ganze Schrankwand voller solcher „Mützen“ – die FSB-Akademie, die Vereinigung „Für die Ukraine, Belarus und Russland“, das Lobbying für die Interessen der russischen Kirche, die Arbeit für Janukowytsch… Aber die meisten ukrainischen Politiker, selbst aus dem national-demokratischen Lager, hielten Derkatsch hartnäckig für einen Vernünftigen und beinahe für einen der ihren, da sie sich an die Rolle des TV- und Radiosenders „Era“ während der ersten Maidan-Revolution erinnerten. Doch Derkatsch trug den orangenen Schal nur, weil er den Auftrag dazu hatte – und weil er zu dieser Zeit bereits Mitglied der Fraktion der Sozialistischen Partei war, genau jener Fraktion, die später die anderen Maidan-Parteien zugunsten einer wackeligen Koalition mit Janukowytsch verraten sollte. Übrigens lief in einem ebenso orangenen Schal damals auch der russische „Senator“ aus der besetzten Region Saporischschja, Dima Rogosin, über den Maidan – auch er hatte vom „Dienst“ den Befehl erhalten, die Rolle eines Oppositionellen zu spielen, nur nicht eines ukrainischen wie im Fall von Derkatsch, sondern eines russischen.

Ein weiteres wichtiges Argument dafür, dass man Derkatsch unbewusst für „einen der unseren“ hielt, war sein Vater, der ehemalige Leiter des SBU. Diese Verwandtschaft verlieh dem jüngeren Derkatsch etwas Aristokratisches, eine Art blutsmäßiges Interesse an der Bewahrung der Ukraine – und sein Studium in Moskau erschien vielen einfach als Fortsetzung der Familientradition. Dass der SBU zu Zeiten seines Vaters – und noch lange danach – ein Dienst blieb, in dessen Führungsetagen viele russische Sicherheitsbeamte als „Verwandte“ betrachtet wurden, wollte niemand wahrhaben. Wir lebten weiter in einer Art verzauberter Welt, in der man uns beinahe offen sagte, dass man uns bald vernichten werde – und wir hielten dies für einen Scherz und glaubten, die Russen und ihre zahlreichen Agenten in der ukrainischen Elite wollten lediglich Kapital schlagen, und zwar nicht einmal politisches. Selbst der amtierenden ukrainischen Regierung, die demonstrativ jede Zusammenarbeit mit den „alten“ Politikern ablehnte, kam es nie in den Sinn, dass die Verleumdungskampagne gegen Petro Poroschenko und Joe Biden nicht im Auftrag des FBI, sondern mit Unterstützung des FSB organisiert worden sein könnte – vom inoffiziellen „Herrn des Gebiets Sumy“ höchstpersönlich.

Damit allen schließlich alles klar wurde – also so klar, dass man nicht mehr so tun konnte, als wäre nichts geschehen – musste Derkatsch in Russland auftauchen und Mitglied des Föderationsrates werden. Und das geschah keineswegs, weil die ukrainischen Geheimdienste endlich verstanden hätten, mit wem sie es zu tun haben. Sondern weil sich nach dem Skandal um die „Derkatsch-Tonbänder“ die US-Geheimdienste ernsthaft für den ukrainischen Abgeordneten interessierten – und alles schnell herausfanden, weil es eigentlich gar nichts herauszufinden gab: Alles lag auf der Hand.

Wäre es nicht zu diesen Tonbändern gekommen, wäre Derkatsch weiterhin nicht ein russischer, sondern ein ukrainischer Abgeordneter geblieben, hätte gewissenhaft die Aufträge des Zentrums erfüllt, das Gebiet Sumy betreut und die inoffizielle Leitung des staatlichen Energieunternehmens Energoatom ausgeübt – jenes Unternehmens, das er bereits im Jahr 2006 erstmals geleitet hatte. Und ich schließe keineswegs aus, dass er im neuen Korruptionsskandal gar nicht aufgetaucht wäre – im Gegensatz zu dessen übrigen Beteiligten ist Derkatsch ein echter Profi und wäre kaum in die Tonbandarchive des NABU geraten. Und wir hätten weiterhin den Offizier des FSB-Dienstgrads – möglicherweise sogar bereits General (zumindest entspricht seine Position im Föderationsrat einem solchen Rang) – als ukrainischen Politiker mit widersprüchlicher Biografie wahrgenommen und nostalgisch den orangenen Schal unserer Jugend an seinem Hals in Erinnerung behalten.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Шалик Деркача
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 16.11.2025
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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