Tod hinter Gittern. Vitaly Portnikov. 30.08.2026.

Смерть за ґратами. Віталій Портников. 30.08.2026.

In diesen Tagen, als Russland seine systematischen Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte fortsetzte, als buchstäblich jede Stunde die Luftschutzsirenen heulten, als Einkaufszentren und Wohnhäuser brannten, starb in Den Haag der ehemalige Chef des Generalstabs der Armee der bosnischen Serben, Ratko Mladić.

Es war ein vorhersehbares Ende. Niemand hatte vor, den alten Mörder selbst kurz vor seinem Tod freizulassen, denn die Verbrechen, die er begangen hatte, ließen keine Begnadigung zu. Und vielleicht ist das Wichtigste jetzt: Mladić starb gerade zu einem Zeitpunkt, als deutlich geworden war, dass all diese Verbrechen eine Generalprobe für Morde ganz anderen Ausmaßes gewesen waren, die Russland nun auf unserem Boden begeht. Ja, formal unterstützte Moskau weder Ratko Mladić noch seinen formellen Vorgesetzten, den Präsidenten der Republika Srpska Radovan Karadžić – er lebt noch und sitzt im Gefängnis. Russland half auch seinem langjährigen Verbündeten, dem faktischen Machthaber über die bosnischen Serben Slobodan Milošević, nicht. In einer kurzen Phase, in der versucht wurde, in Serbien eine echte Demokratie zu etablieren, wurde er der internationalen Justiz ausgeliefert und starb ebenfalls in einer Gefängniszelle des Haager Tribunals.

Doch die russischen Tschekisten waren schon damals an den Vorgängen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens beteiligt, schon damals betrachteten sie den Jugoslawienkrieg als Versuchsfeld. Schon damals halfen sie jenen, sich der Verantwortung zu entziehen, die bereit waren, ihre schrecklichen Wünsche zu erfüllen. Von Srebrenica, das zum blutigen Vorspiel unseres Butscha wurde, von der Belagerung Sarajevos, die zum Vorspiel der Angriffe auf ukrainische Städte wurde, bis zur Jagd auf Menschen in Cherson, bis zu den Raketen- und Drohnenangriffen auf Wohnviertel und bis zur Festnahme Mladićs und seiner Überstellung an das Haager Tribunal vergingen ganze 15 Jahre.

In all diesen Jahren versteckte er sich nicht einmal besonders – zumindest nicht in der Zeit, als sein eigentlicher Vorgesetzter Milošević in Serbien an der Macht blieb. Er wurde nicht aus der serbischen Armee entlassen – wohlgemerkt aus der serbischen, nicht aus der Armee der bosnischen Serben –, er blieb also ein angesehener Militärpensionär. Während dieser gesamten Zeit wusste der FSB, wie aus inzwischen veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, wo man ihn finden konnte. Mehr noch: Er schuf für ihn alle Voraussetzungen, seine Freiheit zu bewahren. Hätte Belgrad nicht den Wunsch gehabt, mit Brüssel eine gemeinsame Sprache zu finden und einen wirklichen Prozess der europäischen Integration einzuleiten, wäre Mladić ungestraft gestorben.

Doch man sollte auch etwas anderes wissen. Zoran Đinđić, der serbische Ministerpräsident, der die Auslieferung Miloševićs organisiert hatte, wurde kurz darauf ermordet. Sein Parteifreund Boris Tadić, der Präsident Serbiens wurde und die Auslieferung von Karadžić und Mladić organisierte, wurde politisch marginalisiert. Und in Belgrad kam der ehemalige Propagandaminister Miloševićs an die Macht, der selbst vor dem Hintergrund des Diktators als Radikaler und Lügner erschien – Aleksandar Vučić, den unser Präsident noch vor wenigen Tagen umarmte. Vučić, ein echtes politisches Tier, versteht sehr gut, dass die Mehrheit der Serben Mladić weiterhin für einen Helden und ein Opfer hält und das Blut an den Händen des Mörders hartnäckig nicht sehen will. Deshalb erzählt er seinen Landsleuten von der Ungerechtigkeit der internationalen Justiz, deshalb schlägt er vor, Mladić in serbischer Erde zu bestatten, deshalb empört er sich darüber, dass man den blutbefleckten General nicht zu Hause sterben ließ.

Das heißt: Die Bestrafung hat stattgefunden. Und das ist wichtig. Aber dass die Gesellschaft sich ihrer Verantwortung für das Verbrechen bewusst geworden wäre oder zumindest den Wunsch entwickelt hätte, sich von diesem Verbrechen zu distanzieren – das ist nicht geschehen. Und das bedeutet, dass Den Haag seine wichtigste Funktion nicht erfüllt hat: Es ist nicht zu einer Impfung gegen das Auftreten neuer Mladićs, gegen neue Kriege, gegen neue ethnische Säuberungen geworden. All das kann sich immer und immer wieder wiederholen.

Und für uns ist das die wichtigste Schlussfolgerung für die kommenden Jahrzehnte. Man kann Gerechtigkeit für die Verbrechen eines Täters erreichen – aber man kann ein Land und eine Gesellschaft nicht verändern, wenn die Bürger selbst solche Veränderungen nicht wollen. Die Serben hatten, anders als die Russen, sowohl die Möglichkeiten als auch die Politiker und internationale Unterstützung – und nichts davon hat geholfen. Und das bedeutet, dass wir und die Russen nun – und vielleicht noch jahrzehntelang – unterschiedliche Helden und unterschiedliche Opfer haben werden. Unsere Helden sind diejenigen, die sie aufgehalten haben. Ihre Helden sind diejenigen, die uns getötet haben. Und selbst wenn wir sie zurückschlagen und es uns irgendwann tatsächlich gelingt, Gerechtigkeit für die Verbrecher zu erreichen, und einige von ihnen im Gefängnis statt im eigenen Bett sterben, wird dies in Russland nur das Gefühl der Ungerechtigkeit und die Gier nach Revanche verstärken.

Dieses Damoklesschwert wird auch nach dem Krieg über unseren Köpfen, über den Köpfen unserer Kinder und Enkel hängen. Es ist wichtig, sich einfach daran zu erinnern – nicht nachzulassen und sich nicht wieder einmal täuschen zu lassen: weder von den heimtückischen Fremden noch von den gierigen und dummen eigenen Leuten.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Смерть за ґратами. Віталій Портников. 30.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Der Tod des bosnischen Schlächters | Vitaly Portnikov. 27.08.2026.

Der ehemalige Befehlshaber der Armee der bosnischen Serben und einer der größten Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts, Ratko Mladić, ist dort gestorben, wo auch der russische Diktator Putin seine Tage beenden sollte und wo bereits der serbische Diktator Milošević seine Tage beendet hat – im Gefängnis des Haager Kriegsverbrechertribunals.

Mladić, der sich viele Jahre vor der internationalen Justiz versteckt hatte, wurde schließlich doch gefasst und an das Internationale Tribunal in Den Haag ausgeliefert und musste sich für seine Verbrechen verantworten – allerdings erst Jahrzehnte, nachdem diese Verbrechen begangen worden waren. Und vor allem blieb sein Lebenswerk, die ethnische Säuberung auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina, durch internationale Vereinbarungen faktisch festgeschrieben.

Bis heute bleibt Bosnien und Herzegowina faktisch ein Staat, der infolge dieser ethnischen Säuberung in mehrere Staaten im Staate geteilt ist. Ein Staat, der bis heute seinen wirklichen Weg nach Europa nicht finden kann und in Korruption versunken ist. Ein Staat, dessen Vergangenheit und Zukunft sich von dem unterscheiden, was in den benachbarten Republiken des ehemaligen Jugoslawien geschieht, die sich entweder längst der Europäischen Union angeschlossen haben oder den Prozess dieser Integration gerade abschließen.

Und das ist eine wichtige Lehre für uns. Die Lehre, dass selbst dann, wenn Verbrechen verurteilt und schließlich bestraft werden, die Zeit, in der diese Verbrechen noch nicht geschehen waren, dennoch nicht zurückgeholt werden kann. Dass die Taten solcher Verbrecher wie Ratko Mladić, Slobodan Milošević, Radovan Karadžić oder Putin einen ziemlich tiefen Abdruck im Schicksal der Völker hinterlassen, gegen die Chauvinisten kämpfen, die bereit sind, ihre vermeintliche Rechtmäßigkeit mit Gewalt zu beweisen.

Natürlich ging die Situation im Zusammenhang mit den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien an der ukrainischen öffentlichen Meinung gewissermaßen vorbei. Die Ukraine begann damals gerade erst, als unabhängiger Staat auf eigenen Beinen zu stehen. Die überwiegende Mehrheit ihrer Bürger interessierte sich kaum für internationale Probleme. Und wenn sie sich dafür interessierte, berücksichtigte sie ziemlich häufig jene Sichtweise, die damals von der russischen Propaganda verbreitet wurde, die für die überwiegende Mehrheit unserer Landsleute eine wichtige Quelle für Erzählungen über die Welt blieb.

Und ich erinnere mich sehr gut an dieses Mitgefühl mit den unglücklichen Serben, denen ihre Nachbarn nicht erlaubten, so zu leben, wie sie es gewohnt waren. Also verteidigten sie eben ihre Rechte mit der Waffe in der Hand gegen Nationalisten. Ein völlig verständlicher Diskurs, den dieselben Russen heute im russisch-ukrainischen Krieg verwenden.

Dabei kann man sagen, dass Bosnien und Herzegowina schon damals ein russisches Versuchsfeld war. Und wenn wir uns die Situation genau ansehen, werden wir im politischen Prozess der Konfliktregelung in diesem Land dieselben Menschen sehen, die später auf internationaler Bühne mit antiukrainischen Erklärungen auftreten sollten.

So war etwa der russische Vertreter für die Regelung in Bosnien und Herzegowina eben jener Vitaly Churkin, der später als Ständiger Vertreter der Russischen Föderation bei den Vereinten Nationen sowohl die Annexion der Krim als auch den unerklärten Krieg im Donbas und andere russische Ambitionen verteidigen sollte, deren Wurzeln faktisch bis in den Jugoslawienkrieg zurückreichen.

Das schreckliche Massaker von Srebrenica, die Ermordung von Männern und Jungen durch die Armee Ratko Mladićs, war ebenfalls eine Vorbereitung auf den russisch-ukrainischen Krieg, auf Butscha. Die Russen beobachteten, wie die internationale Gemeinschaft einen solchen entsetzlichen Genozid aufnahm. Ist sie in der Lage, danach wirklich Ordnung zu schaffen? Ist sie bereit, mit den Mördern zu verhandeln? Und die Russen überzeugten sich damals davon: Ja, sie ist dazu bereit.

Auf der Konferenz im amerikanischen Dayton war Slobodan Milošević, der der geistige Urheber all dieser Verbrechen war, faktisch einer der Hauptakteure des internationalen Regelungsprozesses und der Umwandlung Bosniens in ein Land, das bis heute nicht seinen eigentlichen Platz in der europäischen Gemeinschaft finden konnte. Und faktisch möchten die Russen uns heute mit ihren Vorschlägen zur Regelung der Situation um die Ukraine ebenfalls das Schicksal Bosniens bereiten – gerade mit Unterstützung derselben amerikanischen Diplomatie, die, wie es scheint, aus den Ereignissen auf dem Balkan hätte Schlussfolgerungen ziehen müssen, dies aber nicht getan hat.

Und was ist mit den eigentlichen Mördern Radovan Karadžić und Ratko Mladić? Ja, Jahrzehnte nach der Tragödie wurden sie gefasst und der internationalen Justiz übergeben. Aber wie viele Jahre und auf welche Weise versteckten sie sich im Grunde vor dieser Justiz, gingen ihren eigenen Angelegenheiten nach, überlebten ihre Opfer um viele Jahre – und auch das war kein Zufall.

Für mich ist völlig offensichtlich, dass die Sicherheit dieser Menschen viele Jahre lang gerade von russischen Tschekisten garantiert wurde, die später ebensolche Karadžićs und Mladićs auf der Krim, im Donbas und in allen besetzten Gebieten der Ukraine heranziehen sollten. Sie sollten Kollaborateure finden, die bereit waren, sich an ihren Verbrechen zu beteiligen und als Aushängeschild für eben diese Verbrechen zu dienen.

Die Frage ist also nicht einmal, dass Ratko Mladić seine schändlichen Tage als Gefangener des Internationalen Haager Tribunals beendet hat, als ein Mensch, der wegen jener entsetzlichen Verbrechen, bei denen er auf dem Gebiet Bosniens der Dirigent war, niemals aus dem Gefängnis hätte entlassen werden dürfen. Die Frage ist, wann Putin ins Gefängnis kommt.

Ist es überhaupt möglich, dass der Machthaber eines Atomstaates und die Bürger dieses Staates für ihre Verbrechen so zur Verantwortung gezogen werden, wie die Mörder im ehemaligen Jugoslawien zur Verantwortung gezogen wurden? Oder werden wir weiterhin mit doppelten Standards leben, bei denen ein riesiger Atomstaat tun kann, was ihm beliebt, und der Verbrecher weiterhin ein wichtiger Akteur auf der internationalen Bühne bleibt? Während man nur die Machthaber jener Länder vor Gericht stellen kann, auf die der Westen bis vor Kurzem wenigstens noch irgendeinen Einfluss hatte – und inzwischen scheint selbst dieser Einfluss nicht mehr auszureichen, wenn man betrachtet, was wir bei der Situation im Nahen Osten sehen.

Der Tod des Schlächters ist also eine Erinnerung daran, dass längst nicht jeder Mörder, längst nicht jeder Schurke, längst nicht jeder Henker seinen Platz dort findet, wo er hingehört – in einer Zelle des Nürnberger oder Haager Tribunals. Es gibt noch immer Henker, die unbestraft bleiben. 


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Смерть боснійського мʼясника | Віталій Портников. 27.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Der Krieg gegen die ukrainische Identität: Warum das bosnische Szenario näher liegt als das kroatische oder koreanische. Vitaly Portnikov. 07.09.2025.

https://www.facebook.com/share/p/1BCA2dFaQ3/?mibextid=wwXIfr

Die Ukrainer sprechen, wenn sie über Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges nachdenken, oft vom kroatischen oder koreanischen Szenario. Doch aus der Sicht ihrer Feinde befinden sie sich eher im bosnischen Szenario.

Die Serben sprachen den Kroaten ihre Identität nicht ab, sie waren einfach ihre Feinde. Die koreanischen und chinesischen Kommunisten zweifelten nicht daran, dass im Süden Koreas Koreaner lebten – sie wollten dort lediglich die gesellschaftliche Ordnung ändern. Bei den Bosniaken aber war es völlig anders. Sowohl die Serben als auch, übrigens, anfangs die Kroaten sprachen ihnen Identität als solche ab. Sie betrachteten sie schlicht als Serben oder Kroaten, die nur einen anderen Glauben angenommen hatten, aber im Übrigen dieselben blieben – und zudem dieselbe Sprache sprachen. Der erste Präsident Nordmazedoniens, Kiro Gligorov, erzählte mir, wie er zusammen mit dem Vorsitzenden des Präsidiums von Bosnien und Herzegowina, Alija Izetbegović, den Führern Serbiens und Kroatiens ein zivilisiertes Szenario der Trennung und des Zusammenlebens vorzuschlagen versuchte. Doch sowohl Milošević als auch Tuđman betrachteten Bosnien als eine Fortsetzung Serbiens oder Kroatiens und verstanden überhaupt nicht, warum sie überhaupt irgendwie mit ihm koexistieren sollten.

Die Serben hielten das Entstehen der Republiken der Muslime und Mazedonier überhaupt für eine Laune des Gründers des sozialistischen Jugoslawien, Josip Broz Tito. Sie verstanden wirklich nicht, dass der kommunistische Führer lediglich auf die nationalen Bewegungen während des Zweiten Weltkriegs reagierte und versuchte, ein Modell des Zusammenlebens der Völker seines Landes zu schaffen. Und das ähnelt tatsächlich dem Vorgehen Lenins, der auf die nationale Bewegung im Russischen Reich reagierte und ebenfalls versuchte, eine Kulisse des Zusammenlebens zu schaffen. Aber Putin, wie einst Milošević, hält Lenin für den Mann, der die Ukraine „erfunden“ habe, und nicht als jemanden, der auf die Herausforderungen der ukrainischen Nationalbewegung reagiert hat.

Die Folgen einer solchen Haltung sind offensichtlich. Die Serben führten ethnische Säuberungen in jenen Gebieten durch, in denen es ihnen gelang, und stehen kurz vor einer endgültigen Abspaltung von Bosnien. Die Kroaten erkannten die Identität der Bosniaken einfach deshalb an, weil sie keine andere Wahl hatten, und verstanden, dass der Feind meines Feindes mein Freund ist – ähnlich wie die Polen begannen, die ukrainische Identität anzuerkennen. Der Westen verstand die wahren Ursachen des Krieges in Jugoslawien nie und schuf in Dayton ein völlig lebensunfähiges staatliches Modell des Zusammenlebens von Völkern, von denen eines dem anderen das Existenzrecht abspricht.

Und heute berücksichtigt kein einziger Vorschlag zur Regelung des Krieges gegen die Ukraine die Tatsache, dass das Hauptziel dieses Krieges die Auslöschung der ukrainischen Identität ist – nicht irgendwelche Territorien oder sogar die Staatlichkeit. Die Staatlichkeit muss als Garantie dafür beseitigt werden, dass es darin keine Identität geben wird, und die Territorien müssen besetzt werden, um von Identität „gesäubert“ zu werden. Aber das sind Folgen, nicht die Ursache.

Und solange die Russen nicht anerkennen, dass die Ukrainer ein anderes Volk mit einem eigenen zivilisatorischen Erbe sind, werden keine Bedingungen für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges entstehen – selbst wenn Jahrzehnte der Konfrontation und des Hasses vergehen.

Bucha Balkans. Vitaly Portnikov. 13.07.2025.

https://zbruc.eu/node/121901?fbclid=IwQ0xDSwLhvGNleHRuA2FlbQIxMQABHi3pzQNGN-mid893Oo9-7iw0fhG2Odj3bgKnvkxV7Ar4gxX32DNNSOGsoW9J_aem_exP3KbHqMoLpOJESsy5vug

An dem 30. Jahrestag der Tragödie von Srebrenica wird an eine der schrecklichsten Ereignisse des ohnehin schon schrecklichen 20. Jahrhunderts gedacht. Für diejenigen, die glaubten, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg so etwas in Europa nicht wiederholen könnte, war Srebrenica ein echter Weckruf. Es wurde deutlich: Die Lehren aus der Vergangenheit wurden nicht gezogen, Krieg kann überall ausbrechen, Menschlichkeit ist nicht garantiert, selbst nach Millionen von Opfern.

Für die Ukrainer blieben sowohl Srebrenica als auch die Belagerung von Sarajevo und der gesamte Bosnienkrieg lange Zeit am Rande ihres Bewusstseins. Und wenn wir uns heute fragen, warum in Europa Bucha bereits in Vergessenheit gerät und die Beschießung ukrainischer Städte nicht in den Schlagzeilen erscheint, sollten wir uns daran erinnern, wie wir selbst die bosnische Tragödie wahrgenommen haben. Bis zum Massaker in Srebrenica hatten die Ereignisse auf dem Balkan die Europäer ermüdet und verschwanden allmählich aus den Medien. Deshalb schockierte dieses Massaker die Welt – und hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Ich kann nicht behaupten, dass die Kriege im ehemaligen Jugoslawien im Mittelpunkt meiner journalistischen Arbeit standen, aber ich habe sie dennoch aufmerksamer verfolgt als die meisten meiner Landsleute. Und das nicht nur, weil ich mich seit meiner Kindheit für den Balkan interessierte und keine Sprachbarriere hatte, sondern auch, weil ich immer verstanden habe: Was heute dort geschieht, kann morgen auch bei uns passieren. Daran habe ich nie gezweifelt.

Deshalb waren der Bosnienkrieg und der Völkermord in Srebrenica für mich eine schreckliche Lektion. Eine Lektion, die zudem von den europäischen Gesellschaften und uns selbst nicht gelernt wurde.

Erstens haben mich die Schlussfolgerungen der zivilisierten Welt schockiert. Anstatt zu beweisen, dass ethnische Säuberungen nicht toleriert werden können, beschloss der Westen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Und er tat dies durch die faktische Legitimierung von Gewalt. Anstelle eines multinationalen, multireligiösen Bosnien entstand ein nicht lebensfähiges Konstrukt: Die bosnischen Serben blieben in den Gebieten, aus denen sie die Muslime und Kroaten vertrieben hatten, und erhielten dort einen fast staatsähnlichen Status. Gleichzeitig wurde ihnen der Anschluss an Serbien verwehrt, um die Unverletzlichkeit der international anerkannten Grenzen zu wahren. Und so blieb eine Gesellschaft, die sich mit ethnischen Säuberungen einverstanden erklärt hatte, nicht nur ungestraft, sondern wurde sogar belohnt. Bosnien als Staat ist nach wie vor zutiefst problembelastet. Dies erinnert sehr an die aktuellen Ansätze zur möglichen „Befriedung” der Ukraine durch die faktische Anerkennung der russischen Kontrolle über die besetzten Gebiete.

Zweitens beschloss der Westen, um den Krieg zu beenden, mit einem seiner Hauptverantwortlichen – Slobodan Milošević – zusammenzuarbeiten. Der Diktator, dessen politisches Verhalten später zum Vorbild für Putin werden sollte, wurde zum „Friedensarchitekten“ und Vermittler, obwohl die Führer der bosnischen Serben nur seine Marionetten waren. Dies räumte sogar Senator Joseph Biden ein, der sich daran erinnerte, wie Milošević Radovan Karadžić persönlich „auf den Teppich rief” – nur um den amerikanischen Unterhändlern zu zeigen, wer der wahre Architekt des Prozesses war. Milosevic nutzte diesen Triumph und zog seine eigenen Schlussfolgerungen, als er begann, einen neuen Völkermord vorzubereiten – diesmal in Kosovo.

Drittens habe ich gerade während des Bosnienkrieges gesehen, wie effektiv autoritäre Propaganda sein kann. Die serbische und dann auch die russische. Selbst die meisten Menschen, die die Ereignisse aufmerksam verfolgten, hielten es für einen gewöhnlichen ethnischen Konflikt. In Wirklichkeit war es jedoch ein Krieg zwischen Demokratie und Diktatur. Die ethnische Frage war nur ein Instrument in den Händen des Belgrader Regimes. So wie heute bei Putin. Ich war selbst überrascht, als ich in Moskau eine Delegation der bosnischen Führung aus dem blockierten Sarajevo traf, der nicht nur Muslime, sondern auch Serben und Kroaten angehörten. Das widersprach dem in den Medien verbreiteten Bild eines „rein ethnischen” Krieges.

Viertens, obwohl dies damals nicht offensichtlich war, markierte gerade der Bosnienkrieg die Rückkehr der Lubjanka auf die internationale Bühne. Formal war die russische Regierung noch nicht in den Krieg eingetreten, aber die Kontakte zwischen dem FSB und den Führern der bosnischen Serben, wie Karadžić und Ratko Mladić, waren eng. Dank der Unterstützung aus Moskau konnten sich diese beiden jahrzehntelang der Justiz entziehen. Unterdessen gaben russische Diplomaten sich als neutrale Vermittler. Witali Tschurkin, der später Putins Sprachrohr in der UNO werden sollte, arbeitete damals noch als „liberaler Diplomat“ und kritisierte die bosnisch-serbischen Führer scharf. Aber vielleicht spielte er nur die ihm zugedachte Rolle – wie hätte er sonst später eine so glänzende Karriere machen können?

Mit den Jahren wurde klar, dass so tiefe Wunden nicht heilen. Die Bosnier haben nicht gelernt, mit ihnen zu leben. Und wir werden es wahrscheinlich auch nicht lernen. Aber wir müssen lernen, eine Tragödie zu verarbeiten, wenn sie passiert ist.

Der Bosnienkrieg war der Prolog zum Krieg in der Ukraine. Und Srebrenica war der Prolog zu Bucha.

 Wir vergleichen unsere Erfahrungen oft mit denen Kroatiens – und 2022 hatten wir eine winzige Chance auf genau dieses Szenario. Aber derzeit verläuft alles nach bosnischem Muster. Und unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Westen zusammen mit Russland daran zu hindern, genau dieses Szenario zu verwirklichen. Andernfalls werden wir zu einem marginalisierten, lebensunfähigen Staat – irgendwo zwischen dem Westen und Russland. Ein Staat, der nicht einmal für seine eigenen Einwohner interessant sein wird.