Der Tod des bosnischen Schlächters | Vitaly Portnikov. 27.08.2026.

Der ehemalige Befehlshaber der Armee der bosnischen Serben und einer der größten Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts, Ratko Mladić, ist dort gestorben, wo auch der russische Diktator Putin seine Tage beenden sollte und wo bereits der serbische Diktator Milošević seine Tage beendet hat – im Gefängnis des Haager Kriegsverbrechertribunals.

Mladić, der sich viele Jahre vor der internationalen Justiz versteckt hatte, wurde schließlich doch gefasst und an das Internationale Tribunal in Den Haag ausgeliefert und musste sich für seine Verbrechen verantworten – allerdings erst Jahrzehnte, nachdem diese Verbrechen begangen worden waren. Und vor allem blieb sein Lebenswerk, die ethnische Säuberung auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina, durch internationale Vereinbarungen faktisch festgeschrieben.

Bis heute bleibt Bosnien und Herzegowina faktisch ein Staat, der infolge dieser ethnischen Säuberung in mehrere Staaten im Staate geteilt ist. Ein Staat, der bis heute seinen wirklichen Weg nach Europa nicht finden kann und in Korruption versunken ist. Ein Staat, dessen Vergangenheit und Zukunft sich von dem unterscheiden, was in den benachbarten Republiken des ehemaligen Jugoslawien geschieht, die sich entweder längst der Europäischen Union angeschlossen haben oder den Prozess dieser Integration gerade abschließen.

Und das ist eine wichtige Lehre für uns. Die Lehre, dass selbst dann, wenn Verbrechen verurteilt und schließlich bestraft werden, die Zeit, in der diese Verbrechen noch nicht geschehen waren, dennoch nicht zurückgeholt werden kann. Dass die Taten solcher Verbrecher wie Ratko Mladić, Slobodan Milošević, Radovan Karadžić oder Putin einen ziemlich tiefen Abdruck im Schicksal der Völker hinterlassen, gegen die Chauvinisten kämpfen, die bereit sind, ihre vermeintliche Rechtmäßigkeit mit Gewalt zu beweisen.

Natürlich ging die Situation im Zusammenhang mit den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien an der ukrainischen öffentlichen Meinung gewissermaßen vorbei. Die Ukraine begann damals gerade erst, als unabhängiger Staat auf eigenen Beinen zu stehen. Die überwiegende Mehrheit ihrer Bürger interessierte sich kaum für internationale Probleme. Und wenn sie sich dafür interessierte, berücksichtigte sie ziemlich häufig jene Sichtweise, die damals von der russischen Propaganda verbreitet wurde, die für die überwiegende Mehrheit unserer Landsleute eine wichtige Quelle für Erzählungen über die Welt blieb.

Und ich erinnere mich sehr gut an dieses Mitgefühl mit den unglücklichen Serben, denen ihre Nachbarn nicht erlaubten, so zu leben, wie sie es gewohnt waren. Also verteidigten sie eben ihre Rechte mit der Waffe in der Hand gegen Nationalisten. Ein völlig verständlicher Diskurs, den dieselben Russen heute im russisch-ukrainischen Krieg verwenden.

Dabei kann man sagen, dass Bosnien und Herzegowina schon damals ein russisches Versuchsfeld war. Und wenn wir uns die Situation genau ansehen, werden wir im politischen Prozess der Konfliktregelung in diesem Land dieselben Menschen sehen, die später auf internationaler Bühne mit antiukrainischen Erklärungen auftreten sollten.

So war etwa der russische Vertreter für die Regelung in Bosnien und Herzegowina eben jener Vitaly Churkin, der später als Ständiger Vertreter der Russischen Föderation bei den Vereinten Nationen sowohl die Annexion der Krim als auch den unerklärten Krieg im Donbas und andere russische Ambitionen verteidigen sollte, deren Wurzeln faktisch bis in den Jugoslawienkrieg zurückreichen.

Das schreckliche Massaker von Srebrenica, die Ermordung von Männern und Jungen durch die Armee Ratko Mladićs, war ebenfalls eine Vorbereitung auf den russisch-ukrainischen Krieg, auf Butscha. Die Russen beobachteten, wie die internationale Gemeinschaft einen solchen entsetzlichen Genozid aufnahm. Ist sie in der Lage, danach wirklich Ordnung zu schaffen? Ist sie bereit, mit den Mördern zu verhandeln? Und die Russen überzeugten sich damals davon: Ja, sie ist dazu bereit.

Auf der Konferenz im amerikanischen Dayton war Slobodan Milošević, der der geistige Urheber all dieser Verbrechen war, faktisch einer der Hauptakteure des internationalen Regelungsprozesses und der Umwandlung Bosniens in ein Land, das bis heute nicht seinen eigentlichen Platz in der europäischen Gemeinschaft finden konnte. Und faktisch möchten die Russen uns heute mit ihren Vorschlägen zur Regelung der Situation um die Ukraine ebenfalls das Schicksal Bosniens bereiten – gerade mit Unterstützung derselben amerikanischen Diplomatie, die, wie es scheint, aus den Ereignissen auf dem Balkan hätte Schlussfolgerungen ziehen müssen, dies aber nicht getan hat.

Und was ist mit den eigentlichen Mördern Radovan Karadžić und Ratko Mladić? Ja, Jahrzehnte nach der Tragödie wurden sie gefasst und der internationalen Justiz übergeben. Aber wie viele Jahre und auf welche Weise versteckten sie sich im Grunde vor dieser Justiz, gingen ihren eigenen Angelegenheiten nach, überlebten ihre Opfer um viele Jahre – und auch das war kein Zufall.

Für mich ist völlig offensichtlich, dass die Sicherheit dieser Menschen viele Jahre lang gerade von russischen Tschekisten garantiert wurde, die später ebensolche Karadžićs und Mladićs auf der Krim, im Donbas und in allen besetzten Gebieten der Ukraine heranziehen sollten. Sie sollten Kollaborateure finden, die bereit waren, sich an ihren Verbrechen zu beteiligen und als Aushängeschild für eben diese Verbrechen zu dienen.

Die Frage ist also nicht einmal, dass Ratko Mladić seine schändlichen Tage als Gefangener des Internationalen Haager Tribunals beendet hat, als ein Mensch, der wegen jener entsetzlichen Verbrechen, bei denen er auf dem Gebiet Bosniens der Dirigent war, niemals aus dem Gefängnis hätte entlassen werden dürfen. Die Frage ist, wann Putin ins Gefängnis kommt.

Ist es überhaupt möglich, dass der Machthaber eines Atomstaates und die Bürger dieses Staates für ihre Verbrechen so zur Verantwortung gezogen werden, wie die Mörder im ehemaligen Jugoslawien zur Verantwortung gezogen wurden? Oder werden wir weiterhin mit doppelten Standards leben, bei denen ein riesiger Atomstaat tun kann, was ihm beliebt, und der Verbrecher weiterhin ein wichtiger Akteur auf der internationalen Bühne bleibt? Während man nur die Machthaber jener Länder vor Gericht stellen kann, auf die der Westen bis vor Kurzem wenigstens noch irgendeinen Einfluss hatte – und inzwischen scheint selbst dieser Einfluss nicht mehr auszureichen, wenn man betrachtet, was wir bei der Situation im Nahen Osten sehen.

Der Tod des Schlächters ist also eine Erinnerung daran, dass längst nicht jeder Mörder, längst nicht jeder Schurke, längst nicht jeder Henker seinen Platz dort findet, wo er hingehört – in einer Zelle des Nürnberger oder Haager Tribunals. Es gibt noch immer Henker, die unbestraft bleiben. 


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Смерть боснійського мʼясника | Віталій Портников. 27.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Bucha Balkans. Vitaly Portnikov. 13.07.2025.

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An dem 30. Jahrestag der Tragödie von Srebrenica wird an eine der schrecklichsten Ereignisse des ohnehin schon schrecklichen 20. Jahrhunderts gedacht. Für diejenigen, die glaubten, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg so etwas in Europa nicht wiederholen könnte, war Srebrenica ein echter Weckruf. Es wurde deutlich: Die Lehren aus der Vergangenheit wurden nicht gezogen, Krieg kann überall ausbrechen, Menschlichkeit ist nicht garantiert, selbst nach Millionen von Opfern.

Für die Ukrainer blieben sowohl Srebrenica als auch die Belagerung von Sarajevo und der gesamte Bosnienkrieg lange Zeit am Rande ihres Bewusstseins. Und wenn wir uns heute fragen, warum in Europa Bucha bereits in Vergessenheit gerät und die Beschießung ukrainischer Städte nicht in den Schlagzeilen erscheint, sollten wir uns daran erinnern, wie wir selbst die bosnische Tragödie wahrgenommen haben. Bis zum Massaker in Srebrenica hatten die Ereignisse auf dem Balkan die Europäer ermüdet und verschwanden allmählich aus den Medien. Deshalb schockierte dieses Massaker die Welt – und hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Ich kann nicht behaupten, dass die Kriege im ehemaligen Jugoslawien im Mittelpunkt meiner journalistischen Arbeit standen, aber ich habe sie dennoch aufmerksamer verfolgt als die meisten meiner Landsleute. Und das nicht nur, weil ich mich seit meiner Kindheit für den Balkan interessierte und keine Sprachbarriere hatte, sondern auch, weil ich immer verstanden habe: Was heute dort geschieht, kann morgen auch bei uns passieren. Daran habe ich nie gezweifelt.

Deshalb waren der Bosnienkrieg und der Völkermord in Srebrenica für mich eine schreckliche Lektion. Eine Lektion, die zudem von den europäischen Gesellschaften und uns selbst nicht gelernt wurde.

Erstens haben mich die Schlussfolgerungen der zivilisierten Welt schockiert. Anstatt zu beweisen, dass ethnische Säuberungen nicht toleriert werden können, beschloss der Westen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Und er tat dies durch die faktische Legitimierung von Gewalt. Anstelle eines multinationalen, multireligiösen Bosnien entstand ein nicht lebensfähiges Konstrukt: Die bosnischen Serben blieben in den Gebieten, aus denen sie die Muslime und Kroaten vertrieben hatten, und erhielten dort einen fast staatsähnlichen Status. Gleichzeitig wurde ihnen der Anschluss an Serbien verwehrt, um die Unverletzlichkeit der international anerkannten Grenzen zu wahren. Und so blieb eine Gesellschaft, die sich mit ethnischen Säuberungen einverstanden erklärt hatte, nicht nur ungestraft, sondern wurde sogar belohnt. Bosnien als Staat ist nach wie vor zutiefst problembelastet. Dies erinnert sehr an die aktuellen Ansätze zur möglichen „Befriedung” der Ukraine durch die faktische Anerkennung der russischen Kontrolle über die besetzten Gebiete.

Zweitens beschloss der Westen, um den Krieg zu beenden, mit einem seiner Hauptverantwortlichen – Slobodan Milošević – zusammenzuarbeiten. Der Diktator, dessen politisches Verhalten später zum Vorbild für Putin werden sollte, wurde zum „Friedensarchitekten“ und Vermittler, obwohl die Führer der bosnischen Serben nur seine Marionetten waren. Dies räumte sogar Senator Joseph Biden ein, der sich daran erinnerte, wie Milošević Radovan Karadžić persönlich „auf den Teppich rief” – nur um den amerikanischen Unterhändlern zu zeigen, wer der wahre Architekt des Prozesses war. Milosevic nutzte diesen Triumph und zog seine eigenen Schlussfolgerungen, als er begann, einen neuen Völkermord vorzubereiten – diesmal in Kosovo.

Drittens habe ich gerade während des Bosnienkrieges gesehen, wie effektiv autoritäre Propaganda sein kann. Die serbische und dann auch die russische. Selbst die meisten Menschen, die die Ereignisse aufmerksam verfolgten, hielten es für einen gewöhnlichen ethnischen Konflikt. In Wirklichkeit war es jedoch ein Krieg zwischen Demokratie und Diktatur. Die ethnische Frage war nur ein Instrument in den Händen des Belgrader Regimes. So wie heute bei Putin. Ich war selbst überrascht, als ich in Moskau eine Delegation der bosnischen Führung aus dem blockierten Sarajevo traf, der nicht nur Muslime, sondern auch Serben und Kroaten angehörten. Das widersprach dem in den Medien verbreiteten Bild eines „rein ethnischen” Krieges.

Viertens, obwohl dies damals nicht offensichtlich war, markierte gerade der Bosnienkrieg die Rückkehr der Lubjanka auf die internationale Bühne. Formal war die russische Regierung noch nicht in den Krieg eingetreten, aber die Kontakte zwischen dem FSB und den Führern der bosnischen Serben, wie Karadžić und Ratko Mladić, waren eng. Dank der Unterstützung aus Moskau konnten sich diese beiden jahrzehntelang der Justiz entziehen. Unterdessen gaben russische Diplomaten sich als neutrale Vermittler. Witali Tschurkin, der später Putins Sprachrohr in der UNO werden sollte, arbeitete damals noch als „liberaler Diplomat“ und kritisierte die bosnisch-serbischen Führer scharf. Aber vielleicht spielte er nur die ihm zugedachte Rolle – wie hätte er sonst später eine so glänzende Karriere machen können?

Mit den Jahren wurde klar, dass so tiefe Wunden nicht heilen. Die Bosnier haben nicht gelernt, mit ihnen zu leben. Und wir werden es wahrscheinlich auch nicht lernen. Aber wir müssen lernen, eine Tragödie zu verarbeiten, wenn sie passiert ist.

Der Bosnienkrieg war der Prolog zum Krieg in der Ukraine. Und Srebrenica war der Prolog zu Bucha.

 Wir vergleichen unsere Erfahrungen oft mit denen Kroatiens – und 2022 hatten wir eine winzige Chance auf genau dieses Szenario. Aber derzeit verläuft alles nach bosnischem Muster. Und unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Westen zusammen mit Russland daran zu hindern, genau dieses Szenario zu verwirklichen. Andernfalls werden wir zu einem marginalisierten, lebensunfähigen Staat – irgendwo zwischen dem Westen und Russland. Ein Staat, der nicht einmal für seine eigenen Einwohner interessant sein wird.

Fehlende Lehren aus Srebrenica. Vitaly Portnikov. 11.07.2025.

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Dass die Welt den 30. Jahrestag des Völkermords in Srebrenica vor dem Hintergrund massiver Beschüsse der Ukraine und des Todes von Zivilisten durch russische Raketen und Drohnen begeht, ist ein Beweis dafür, dass die Welt weder damals noch heute echte Lehren aus dieser Tragödie gezogen hat. Und Bucha, wo sich die Ereignisse so sehr an Srebrenica erinnern, ereignete sich 27 Jahre nach diesem schrecklichen Massaker. Übrigens haben sowohl nach Srebrenica als auch nach Bucha die Täter die Tat bestritten und von einer Inszenierung gesprochen. 

Solche Parallelen lassen sich zahlreich finden. Gerade nach Srebrenica „reifte“ im Westen die Erkenntnis, dass der Krieg um jeden Preis beendet werden müsse und Vereinbarungen mit dem eigentlichen Organisator und Anstifter der Vernichtung Bosniens, Slobodan Milošević, getroffen werden müssten.  

Infolgedessen wurden die Ergebnisse der von den Serben organisierten ethnischen Säuberungen faktisch legitimiert, die Republik Srpska wurde anerkannt, Bosnien wurde zu einem nicht funktionsfähigen Staat unter westlicher Protektion, und Milošević begann, sich auf einen neuen Völkermord vorzubereiten – in Kosovo.

Jetzt soll das Ausmaß der Bombardierungen durch Putin den Westen dazu bewegen, die Ergebnisse der Verbrechen und Annexionen zu legitimieren. Doch selbst wenn Zugeständnisse an Putin die Ukraine in ein neues Bosnien verwandeln, wird das niemanden vor einem neuen Krieg bewahren. 

Die Morde in Srebrenica hätten die zivilisierte Welt davon überzeugen müssen, dass eine Einigung mit Mördern aussichtslos ist. Doch was für andere Regionen und Kontinente selbstverständlich ist, wird in Europa aus irgendeinem Grund nicht als offensichtlich angesehen. 

Vielleicht weil „unsere“ Henker in schicken Anzügen herumlaufen, dieselben Kirchen und Theateraufführungen besuchen wie wir und nicht wie Terroristen aus der Wüste aussehen, sondern wie angesehene Politiker, die einfach „zu sehr“ an die Macht glauben oder sich einfach „zu sehr“ um die Sicherheit ihrer Völker sorgen. Wie könnten solche Menschen den Holodomor, den Holocaust, Srebrenica und Bucha organisieren? 

Aber das Blut ihrer Opfer hat überall auf der Welt dieselbe Farbe.