Tod hinter Gittern. Vitaly Portnikov. 30.08.2026.

Смерть за ґратами. Віталій Портников. 30.08.2026.

In diesen Tagen, als Russland seine systematischen Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte fortsetzte, als buchstäblich jede Stunde die Luftschutzsirenen heulten, als Einkaufszentren und Wohnhäuser brannten, starb in Den Haag der ehemalige Chef des Generalstabs der Armee der bosnischen Serben, Ratko Mladić.

Es war ein vorhersehbares Ende. Niemand hatte vor, den alten Mörder selbst kurz vor seinem Tod freizulassen, denn die Verbrechen, die er begangen hatte, ließen keine Begnadigung zu. Und vielleicht ist das Wichtigste jetzt: Mladić starb gerade zu einem Zeitpunkt, als deutlich geworden war, dass all diese Verbrechen eine Generalprobe für Morde ganz anderen Ausmaßes gewesen waren, die Russland nun auf unserem Boden begeht. Ja, formal unterstützte Moskau weder Ratko Mladić noch seinen formellen Vorgesetzten, den Präsidenten der Republika Srpska Radovan Karadžić – er lebt noch und sitzt im Gefängnis. Russland half auch seinem langjährigen Verbündeten, dem faktischen Machthaber über die bosnischen Serben Slobodan Milošević, nicht. In einer kurzen Phase, in der versucht wurde, in Serbien eine echte Demokratie zu etablieren, wurde er der internationalen Justiz ausgeliefert und starb ebenfalls in einer Gefängniszelle des Haager Tribunals.

Doch die russischen Tschekisten waren schon damals an den Vorgängen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens beteiligt, schon damals betrachteten sie den Jugoslawienkrieg als Versuchsfeld. Schon damals halfen sie jenen, sich der Verantwortung zu entziehen, die bereit waren, ihre schrecklichen Wünsche zu erfüllen. Von Srebrenica, das zum blutigen Vorspiel unseres Butscha wurde, von der Belagerung Sarajevos, die zum Vorspiel der Angriffe auf ukrainische Städte wurde, bis zur Jagd auf Menschen in Cherson, bis zu den Raketen- und Drohnenangriffen auf Wohnviertel und bis zur Festnahme Mladićs und seiner Überstellung an das Haager Tribunal vergingen ganze 15 Jahre.

In all diesen Jahren versteckte er sich nicht einmal besonders – zumindest nicht in der Zeit, als sein eigentlicher Vorgesetzter Milošević in Serbien an der Macht blieb. Er wurde nicht aus der serbischen Armee entlassen – wohlgemerkt aus der serbischen, nicht aus der Armee der bosnischen Serben –, er blieb also ein angesehener Militärpensionär. Während dieser gesamten Zeit wusste der FSB, wie aus inzwischen veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, wo man ihn finden konnte. Mehr noch: Er schuf für ihn alle Voraussetzungen, seine Freiheit zu bewahren. Hätte Belgrad nicht den Wunsch gehabt, mit Brüssel eine gemeinsame Sprache zu finden und einen wirklichen Prozess der europäischen Integration einzuleiten, wäre Mladić ungestraft gestorben.

Doch man sollte auch etwas anderes wissen. Zoran Đinđić, der serbische Ministerpräsident, der die Auslieferung Miloševićs organisiert hatte, wurde kurz darauf ermordet. Sein Parteifreund Boris Tadić, der Präsident Serbiens wurde und die Auslieferung von Karadžić und Mladić organisierte, wurde politisch marginalisiert. Und in Belgrad kam der ehemalige Propagandaminister Miloševićs an die Macht, der selbst vor dem Hintergrund des Diktators als Radikaler und Lügner erschien – Aleksandar Vučić, den unser Präsident noch vor wenigen Tagen umarmte. Vučić, ein echtes politisches Tier, versteht sehr gut, dass die Mehrheit der Serben Mladić weiterhin für einen Helden und ein Opfer hält und das Blut an den Händen des Mörders hartnäckig nicht sehen will. Deshalb erzählt er seinen Landsleuten von der Ungerechtigkeit der internationalen Justiz, deshalb schlägt er vor, Mladić in serbischer Erde zu bestatten, deshalb empört er sich darüber, dass man den blutbefleckten General nicht zu Hause sterben ließ.

Das heißt: Die Bestrafung hat stattgefunden. Und das ist wichtig. Aber dass die Gesellschaft sich ihrer Verantwortung für das Verbrechen bewusst geworden wäre oder zumindest den Wunsch entwickelt hätte, sich von diesem Verbrechen zu distanzieren – das ist nicht geschehen. Und das bedeutet, dass Den Haag seine wichtigste Funktion nicht erfüllt hat: Es ist nicht zu einer Impfung gegen das Auftreten neuer Mladićs, gegen neue Kriege, gegen neue ethnische Säuberungen geworden. All das kann sich immer und immer wieder wiederholen.

Und für uns ist das die wichtigste Schlussfolgerung für die kommenden Jahrzehnte. Man kann Gerechtigkeit für die Verbrechen eines Täters erreichen – aber man kann ein Land und eine Gesellschaft nicht verändern, wenn die Bürger selbst solche Veränderungen nicht wollen. Die Serben hatten, anders als die Russen, sowohl die Möglichkeiten als auch die Politiker und internationale Unterstützung – und nichts davon hat geholfen. Und das bedeutet, dass wir und die Russen nun – und vielleicht noch jahrzehntelang – unterschiedliche Helden und unterschiedliche Opfer haben werden. Unsere Helden sind diejenigen, die sie aufgehalten haben. Ihre Helden sind diejenigen, die uns getötet haben. Und selbst wenn wir sie zurückschlagen und es uns irgendwann tatsächlich gelingt, Gerechtigkeit für die Verbrecher zu erreichen, und einige von ihnen im Gefängnis statt im eigenen Bett sterben, wird dies in Russland nur das Gefühl der Ungerechtigkeit und die Gier nach Revanche verstärken.

Dieses Damoklesschwert wird auch nach dem Krieg über unseren Köpfen, über den Köpfen unserer Kinder und Enkel hängen. Es ist wichtig, sich einfach daran zu erinnern – nicht nachzulassen und sich nicht wieder einmal täuschen zu lassen: weder von den heimtückischen Fremden noch von den gierigen und dummen eigenen Leuten.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Смерть за ґратами. Віталій Портников. 30.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Tod des bosnischen Schlächters | Vitaly Portnikov. 27.08.2026.

Der ehemalige Befehlshaber der Armee der bosnischen Serben und einer der größten Kriegsverbrecher des 20. Jahrhunderts, Ratko Mladić, ist dort gestorben, wo auch der russische Diktator Putin seine Tage beenden sollte und wo bereits der serbische Diktator Milošević seine Tage beendet hat – im Gefängnis des Haager Kriegsverbrechertribunals.

Mladić, der sich viele Jahre vor der internationalen Justiz versteckt hatte, wurde schließlich doch gefasst und an das Internationale Tribunal in Den Haag ausgeliefert und musste sich für seine Verbrechen verantworten – allerdings erst Jahrzehnte, nachdem diese Verbrechen begangen worden waren. Und vor allem blieb sein Lebenswerk, die ethnische Säuberung auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina, durch internationale Vereinbarungen faktisch festgeschrieben.

Bis heute bleibt Bosnien und Herzegowina faktisch ein Staat, der infolge dieser ethnischen Säuberung in mehrere Staaten im Staate geteilt ist. Ein Staat, der bis heute seinen wirklichen Weg nach Europa nicht finden kann und in Korruption versunken ist. Ein Staat, dessen Vergangenheit und Zukunft sich von dem unterscheiden, was in den benachbarten Republiken des ehemaligen Jugoslawien geschieht, die sich entweder längst der Europäischen Union angeschlossen haben oder den Prozess dieser Integration gerade abschließen.

Und das ist eine wichtige Lehre für uns. Die Lehre, dass selbst dann, wenn Verbrechen verurteilt und schließlich bestraft werden, die Zeit, in der diese Verbrechen noch nicht geschehen waren, dennoch nicht zurückgeholt werden kann. Dass die Taten solcher Verbrecher wie Ratko Mladić, Slobodan Milošević, Radovan Karadžić oder Putin einen ziemlich tiefen Abdruck im Schicksal der Völker hinterlassen, gegen die Chauvinisten kämpfen, die bereit sind, ihre vermeintliche Rechtmäßigkeit mit Gewalt zu beweisen.

Natürlich ging die Situation im Zusammenhang mit den ethnischen Säuberungen im ehemaligen Jugoslawien an der ukrainischen öffentlichen Meinung gewissermaßen vorbei. Die Ukraine begann damals gerade erst, als unabhängiger Staat auf eigenen Beinen zu stehen. Die überwiegende Mehrheit ihrer Bürger interessierte sich kaum für internationale Probleme. Und wenn sie sich dafür interessierte, berücksichtigte sie ziemlich häufig jene Sichtweise, die damals von der russischen Propaganda verbreitet wurde, die für die überwiegende Mehrheit unserer Landsleute eine wichtige Quelle für Erzählungen über die Welt blieb.

Und ich erinnere mich sehr gut an dieses Mitgefühl mit den unglücklichen Serben, denen ihre Nachbarn nicht erlaubten, so zu leben, wie sie es gewohnt waren. Also verteidigten sie eben ihre Rechte mit der Waffe in der Hand gegen Nationalisten. Ein völlig verständlicher Diskurs, den dieselben Russen heute im russisch-ukrainischen Krieg verwenden.

Dabei kann man sagen, dass Bosnien und Herzegowina schon damals ein russisches Versuchsfeld war. Und wenn wir uns die Situation genau ansehen, werden wir im politischen Prozess der Konfliktregelung in diesem Land dieselben Menschen sehen, die später auf internationaler Bühne mit antiukrainischen Erklärungen auftreten sollten.

So war etwa der russische Vertreter für die Regelung in Bosnien und Herzegowina eben jener Vitaly Churkin, der später als Ständiger Vertreter der Russischen Föderation bei den Vereinten Nationen sowohl die Annexion der Krim als auch den unerklärten Krieg im Donbas und andere russische Ambitionen verteidigen sollte, deren Wurzeln faktisch bis in den Jugoslawienkrieg zurückreichen.

Das schreckliche Massaker von Srebrenica, die Ermordung von Männern und Jungen durch die Armee Ratko Mladićs, war ebenfalls eine Vorbereitung auf den russisch-ukrainischen Krieg, auf Butscha. Die Russen beobachteten, wie die internationale Gemeinschaft einen solchen entsetzlichen Genozid aufnahm. Ist sie in der Lage, danach wirklich Ordnung zu schaffen? Ist sie bereit, mit den Mördern zu verhandeln? Und die Russen überzeugten sich damals davon: Ja, sie ist dazu bereit.

Auf der Konferenz im amerikanischen Dayton war Slobodan Milošević, der der geistige Urheber all dieser Verbrechen war, faktisch einer der Hauptakteure des internationalen Regelungsprozesses und der Umwandlung Bosniens in ein Land, das bis heute nicht seinen eigentlichen Platz in der europäischen Gemeinschaft finden konnte. Und faktisch möchten die Russen uns heute mit ihren Vorschlägen zur Regelung der Situation um die Ukraine ebenfalls das Schicksal Bosniens bereiten – gerade mit Unterstützung derselben amerikanischen Diplomatie, die, wie es scheint, aus den Ereignissen auf dem Balkan hätte Schlussfolgerungen ziehen müssen, dies aber nicht getan hat.

Und was ist mit den eigentlichen Mördern Radovan Karadžić und Ratko Mladić? Ja, Jahrzehnte nach der Tragödie wurden sie gefasst und der internationalen Justiz übergeben. Aber wie viele Jahre und auf welche Weise versteckten sie sich im Grunde vor dieser Justiz, gingen ihren eigenen Angelegenheiten nach, überlebten ihre Opfer um viele Jahre – und auch das war kein Zufall.

Für mich ist völlig offensichtlich, dass die Sicherheit dieser Menschen viele Jahre lang gerade von russischen Tschekisten garantiert wurde, die später ebensolche Karadžićs und Mladićs auf der Krim, im Donbas und in allen besetzten Gebieten der Ukraine heranziehen sollten. Sie sollten Kollaborateure finden, die bereit waren, sich an ihren Verbrechen zu beteiligen und als Aushängeschild für eben diese Verbrechen zu dienen.

Die Frage ist also nicht einmal, dass Ratko Mladić seine schändlichen Tage als Gefangener des Internationalen Haager Tribunals beendet hat, als ein Mensch, der wegen jener entsetzlichen Verbrechen, bei denen er auf dem Gebiet Bosniens der Dirigent war, niemals aus dem Gefängnis hätte entlassen werden dürfen. Die Frage ist, wann Putin ins Gefängnis kommt.

Ist es überhaupt möglich, dass der Machthaber eines Atomstaates und die Bürger dieses Staates für ihre Verbrechen so zur Verantwortung gezogen werden, wie die Mörder im ehemaligen Jugoslawien zur Verantwortung gezogen wurden? Oder werden wir weiterhin mit doppelten Standards leben, bei denen ein riesiger Atomstaat tun kann, was ihm beliebt, und der Verbrecher weiterhin ein wichtiger Akteur auf der internationalen Bühne bleibt? Während man nur die Machthaber jener Länder vor Gericht stellen kann, auf die der Westen bis vor Kurzem wenigstens noch irgendeinen Einfluss hatte – und inzwischen scheint selbst dieser Einfluss nicht mehr auszureichen, wenn man betrachtet, was wir bei der Situation im Nahen Osten sehen.

Der Tod des Schlächters ist also eine Erinnerung daran, dass längst nicht jeder Mörder, längst nicht jeder Schurke, längst nicht jeder Henker seinen Platz dort findet, wo er hingehört – in einer Zelle des Nürnberger oder Haager Tribunals. Es gibt noch immer Henker, die unbestraft bleiben. 


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Titel des Originals: Смерть боснійського мʼясника | Віталій Портников. 27.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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