
Мінотавр. Віталій Портников. 11.10.2026.
Der Minotaurus, das kretische Ungeheuer mit dem Kopf eines Stiers und dem Körper eines Menschen, das alle neun Jahre sieben junge Männer und sieben junge Frauen aus Athen verschlang. In Wirklichkeit hatte er in seiner ewigen Gefangenschaft in dem verwinkelten Labyrinth, das der kretische König Minos für dieses Kind aus dem Ehebruch seiner Frau mit einem zauberhaften weißen Stier errichten ließ, überhaupt kein Verlangen danach, sie zu fressen. Und selbst wenn er es gewollt hätte, hätte er das wohl kaum mitteilen können – denn mit dem Minotaurus sprach niemand besonders viel über irgendetwas.
Diese Geisel des Minos war das Symbol seiner Herrschaft über das besiegte Athen. Jedes Mal, wenn Athen ein weiteres Schiff mit Opfern nach Kreta schickte, erkannte es diese Herrschaft auf die brutalste nur denkbare Weise an.
In Athen selbst verstummten all diese Jahre die politischen Diskussionen nicht. Die einen sagten, man müsse König Ägeus und seine gesamte Dynastie loswerden. Denn König Ägeus war schuld am Tod des Sohnes des kretischen Königs, Androgeos – und der erzürnte Vater rächte sich an Athen für den Tod seines Erben. Und wenn es Ägeus nicht mehr gäbe, gäbe es niemanden mehr, dem man den Tod des Androgeos vorwerfen könnte, und damit auch keinen Grund mehr für Rache.
Andere versuchten, Einfluss auf die Personalauswahl zu nehmen. Manche forderten, die schönsten Mädchen und jungen Männer nach Kreta zu schicken – damit man sie nicht fressen, sondern mit ihnen das Bett teilen wollte. Andere wiederum waren der Meinung, man müsse Monster schicken – so würde Kreta keine moralische Befriedigung aus den Opfern ziehen und schließlich auf seine Forderungen verzichten.
Und nur Theseus beschloss, als er im Athen seines Vaters erschien, den Minotaurus zu töten. Und er tötete ihn. Übrigens erzählt der Mythos nicht, dass Theseus den Tod des Minos anstrebte, obwohl das ganze Problem beim kretischen König lag. Aber Theseus, der große Held, verstand, dass die Ausschaltung des Symbols der Aggression dem feindlichen Regime die Möglichkeit nehmen würde, diese Aggression fortzusetzen. Der allgemein bekannte Mythos konzentriert sich hauptsächlich auf den Tod des Minotaurus und auf die Liebe zwischen Theseus und Ariadne, der Tochter des kretischen Königs. Aber in der Mythologie gibt es eine eindeutige Erklärung zum weiteren Schicksal des Minos. Der kretische König kam ums Leben, als er das Friedensabkommen mit Theseus brach, denn er wurde von einem der wichtigsten Götter des griechischen Pantheons bestraft: Poseidon, dem Bruder des Zeus und Gott des Meeres.
Der Urheber des Mythos hatte schon damals verstanden, dass ein Aggressor ohne das Symbol seiner Aggression, ohne seine Macht (wie man heute sagen würde: ohne die Ressourcen für den Krieg) nicht lange bestehen kann. Und das ist eine Lehre für Jahrtausende.
Deshalb ist es müßig, darüber zu streiten, was Putin braucht, damit er den Krieg gegen die Ukraine beendet – die russische Sprache, die Kirche, das Gebiet Donezk oder den Verzicht auf die NATO.
Er braucht nichts außer uns. Bis 2014 war die Ukraine ein blockfreier Staat mit der russischen Sprache in den Regionen, einer russischen Kirche und einer Bevölkerungsmehrheit, die der euroatlantischen Integration ablehnend gegenüberstand. Das hinderte das russische Parlament nicht daran, einen Beschluss über den russischen Status von Sewastopol zu verabschieden, die russische Führung nicht daran, den prorussischen Präsidenten der Krim, den Separatisten Jurij Meschkow, zu unterstützen und die Annexion der Halbinsel vorzubereiten. Das verhinderte weder die Ereignisse um Tusla noch die energiepolitische Erpressung der Ukraine (keineswegs nur zu Zeiten Juschtschenkos). So, wie sie heute ist, wurde die Ukraine nicht einmal nach dem Angriff von 2014, sondern erst nach dem Angriff von 2022. Selbst nach 2014 behaupteten noch unzählige unserer Landsleute, dass „nicht alles so eindeutig“ sei, wählten prorussische und populistische Kräfte und erzählten, dass „das alles nur die Politiker“ seien.
Warum musste Russland, das einen so gewaltigen Einfluss auf die Ukraine hatte, uns überhaupt angreifen? Vielleicht, weil Russland die Ukraine verschlingen wollte, statt mit ihr zusammenzuleben?
Deshalb ist es sinnlos, danach zu suchen, womit man den Minotaurus zufriedenstellen könnte, wenn das eigentliche Ziel Ihre eigene Unterwerfung und Ihr Tod sind. Sie können sich einen kompromissbereiten König suchen (anscheinend haben wir 2019 tatsächlich einen gefunden) und den vorherigen alle gemeinsam unter glücklichem Gelächter von einer Klippe stürzen. Sie können nicht sieben junge Männer und sieben junge Frauen nach Kreta schicken, sondern jeweils zehn. Sie können aufhören, so zu sprechen wie in Athen, und versuchen, so zu sprechen wie auf Kreta. Sie können darauf verzichten, Athene Opfer darzubringen, und stattdessen Zeus oder Poseidon opfern – vielleicht werden sie Sie beschützen. Und Sie können einfach davon träumen, dass sich alles sofort ändern wird, wenn Minos stirbt.
Aber nichts wird Ihnen helfen, solange Sie den Minotaurus nicht vernichten.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Мінотавр. Віталій Портников. 11.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.