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Wenn das Opfer die Gewalt schließlich als Gewalt bezeichnet, beginnt der Missbrauchstäter nur selten darüber zu sprechen, was er getan hat.
Stattdessen wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der als DARVO bezeichnet wird:
- Deny (Leugnen)
- Attack (Angreifen)
- Reverse Victim and Offender (Opfer und Täter vertauschen)
Der Begriff DARVO entstand ursprünglich zur Beschreibung des Verhaltens eines Täters in zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch dieselbe Logik lässt sich auch darin erkennen, wie ein Aggressorstaat auf Vorwürfe wegen seiner eigenen Verbrechen reagiert.
Im ersten Teil habe ich darüber geschrieben, wie Russland im Voraus Rechtfertigungen für Gewalt vorbereitet. Im zweiten über fünf Instrumente, die dem Opfer den Halt in seiner eigenen Realität nehmen.
DARVO ist der nächste Schritt in diesem System. Dieser Mechanismus setzt ein, wenn das Opfer schließlich doch benennt, was ihm angetan wird.
- Zunächst leugnet der Missbrauchstäter die Gewalt selbst: Da war nichts, du hast dir alles ausgedacht, du hast das falsch verstanden, ich war das nicht!
- Dann greift er denjenigen an, der über die Gewalt spricht: Du lügst, du bist einfach hysterisch, deine Freundinnen manipulieren dich, du willst mir Böses, du bist doch selbst gefährlich!
- Und dann erklärt er sich selbst zum Opfer: Du bist es, die meine Freiheit einschränkt, ich habe dich nicht angegriffen, du hast mich provoziert, ich bin gezwungen, mich gegen dich zu verteidigen!
Genau so erklärte Russland die Verbrechen in Butscha. Das sei ein Fake, es habe keine Leichen gegeben oder sie seien dort abgelegt worden; dann hieß es, das sei eine Hollywood-Inszenierung, die Journalisten würden lügen, der Westen manipuliere. Und schließlich: Die Ukraine habe acht Jahre lang den „Donbas bombardiert“ – wo wart ihr alle vorher?
Das Opfer wurde zum Aggressor. Der Aggressor zum Opfer.
Dafür muss man nicht einmal eine einzige überzeugende Version der Ereignisse schaffen. Die verschiedenen Versionen können einander widersprechen. Man kann gleichzeitig behaupten, dass es in Butscha keine Leichen gegeben habe, dass die Ukraine sie dort platziert habe und dass die Getöteten selbst schuld gewesen seien.
Entscheidend ist hier nicht, zu erklären, was geschehen ist, sondern die Möglichkeit zu zerstören, Gewalt als Gewalt zu bezeichnen und eindeutig festzustellen, wer sie verübt hat.
Denn sobald der Satz „Russland hat die Ukraine angegriffen“ fällt, muss er sofort von einem Dutzend Relativierungen umgeben werden.
- Aber was war davor?
- Warum hat Russland das getan?
- Die NATO hat Russland bedroht!
- Ihr werdet von den Amerikanern, den Briten oder Europa manipuliert!
- So eindeutig ist das alles nicht!
- Dort wurden Menschen wegen der russischen Sprache getötet!
- Das ist kein Angriff, das ist Verteidigung!
Und statt über die Verantwortung des Aggressors zu sprechen, beginnt eine endlose Untersuchung des Verhaltens des Opfers.
Genau deshalb wird von der Ukraine ständig Zurückhaltung verlangt.
Wir müssen auf die richtige Weise über die Getöteten sprechen. Ruhig genug sein, wenn wir von zerstörten Städten erzählen. Dankbar genug für die Hilfe sein. Verhältnismäßig in unseren Reaktionen. Nicht zu kategorisch. Nicht zu wütend.
Man erinnert uns daran, dass der Kampf gegen ein Monster uns selbst in ein Monster verwandeln könne. Dass man Hass nicht mit Hass beantworten dürfe. Dass man seine Menschlichkeit bewahren müsse.
Für sich genommen können diese Sätze durchaus richtig klingen. Das Problem beginnt dann, wenn sie nicht an denjenigen gerichtet werden, der systematisch Gewalt ausübt, sondern an denjenigen, der versucht, diese Gewalt zu überleben und zu stoppen.
Faktisch sagt man der Ukraine:
- Ihr habt kein Recht auf Wut, Verzweiflung, Zorn, Schmerz und Trauer. Auf menschliche Emotionen also, die in dieser Situation vollkommen angemessen sind.
- Ihr dürft über die Gewalt nur in einer Form sprechen, die einem außenstehenden Beobachter kein Unbehagen bereitet. Ohne Schreien, Hass, scharfe Worte, übermäßige Forderungen und Emotionen.
- Andernfalls wird eure Reaktion als Beweis dafür benutzt, dass ihr um nichts besser seid als der Aggressor.
Doch die Emotionen des Opfers und die systematische Gewalt des Missbrauchstäters sind keine symmetrischen Dinge.
Wut beweist nicht, dass es keine Gewalt gegeben hat. Zorn verwandelt Verteidigung nicht in einen Angriff.
Russische Sprache, Kultur und Symbole nicht mehr in der eigenen Umgebung sehen zu wollen, macht die Ukraine nicht zur Ursache der russischen Aggression. Das ist eine Reaktion, die danach kam.
Die Gewalt und die Rechtfertigungen dafür hatte Russland dagegen im Voraus vorbereitet.
Allerdings gibt es hier noch einen weiteren schwierigen Punkt.
Russische kulturelle Marker wurden nicht nur in unsere Städte und Lehrpläne eingebaut. Sie wurden auch in private Erinnerungen, in die Kindheit, in Lieblingsbücher und in die Namen vertrauter Straßen und Orte eingebaut.
Deshalb wird der Versuch, sie zu entfernen, häufig nicht als Angriff auf Russland wahrgenommen, sondern als Angriff auf die eigene Vergangenheit.
Ausführlicher dazu im nächsten Teil.
Die Links zu den vorherigen Teilen:
Russland als Missbrauchstäter. Teil eins. Kateryna Khoptynska. 10.09.2026.
Russland als Missbrauchstäter. Teil zwei. Kateryna Khoptynska. 11.09.2026.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Росія як абʼюзер. Частина третя.
Autor: Kateryna Khoptynska
Veröffentlichung: 14.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.
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