Russland als Missbrauchstäter. Teil eins. Kateryna Khoptynska. 10.09.2026.

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Gewöhnlich bereitet ein Missbrauchstäter seine Rechtfertigung für die Gewalt im Voraus vor. Er tut das systematisch, über Jahre hinweg und für mehrere Zielgruppen gleichzeitig. Das Opfer hingegen reagiert erst danach.

In dem Moment, in dem die Gewalt offensichtlich wird, hat der Täter bereits eine fertige Version der Ereignisse parat: Er habe nicht angegriffen, sondern sei provoziert worden; er habe nicht kontrolliert, sondern sich gekümmert; er habe nicht gedemütigt, das Opfer sei einfach zu emotional oder hysterisch. Er habe nicht zuschlagen wollen, man habe ihn dazu gezwungen.

Und während das Opfer noch zu verstehen versucht, was überhaupt geschehen ist, erklärt der Täter bereits allen anderen, warum es selbst schuld ist.

Genau das hat Russland jahrzehntelang mit der Ukraine gemacht.

Die Geschichte von der „künstlichen Ukraine“, vom „einen Volk“, von einer „Sprache, die es nicht gibt“, von Ukrainern, die angeblich ständig von irgendjemandem getäuscht und ausgenutzt werden, entstand weder nach der großangelegten Invasion noch nach 2014. Sie wurde schon vorher vorbereitet.

Über staatliche Medien, die Schule, die Kirche, den Kulturraum und Netzwerke von Einflussagenten in anderen Ländern. Für Russen, für den Westen und für die Ukrainer selbst.

Die Ukraine hatte keine vergleichbare Maschinerie – nicht etwa, weil sie schwächer war oder weil niemand daran gedacht hätte. Wir hatten schlicht keinen Grund, der Welt jahrelang zu erklären, warum Russland nicht existiert, warum die Russen in Wirklichkeit Ukrainer sind, die von irgendjemandem getäuscht wurden, und warum wir gezwungen seien, sie „befreien“ zu gehen. Denn die Ukraine bereitete keine Aggression vor, die im Voraus hätte gerechtfertigt werden müssen.

Die meisten von uns nahmen die russischen Narrative lange Zeit überhaupt nicht ernst. Wir hörten vom „einen Volk“, und wunderten uns: Wie kann man so etwas glauben?

Wir waren nicht die Zielgruppe irgendeiner systematischen ukrainischen antirussischen Propaganda. Dafür waren wir viele Jahre lang die Zielgruppe russischer Propaganda über uns selbst, in der uns erzählt wurde, wir würden ein Anti-Russland aufbauen, wir seien irgendwie nicht richtig, mit uns stimme etwas nicht.

All das gelangte über Medien, Bücher, Filme, Lehrpläne und die Alltagssprache zu uns. Und allmählich gewöhnte es uns daran, uns selbst mit russischen Augen zu betrachten.

Als die offene Gewalt begann, gab es deshalb bereits eine fertige Erklärung für alle anderen. Russland habe nicht angegriffen, sondern sich „verteidigt“, nicht besetzt, sondern „befreit“, nicht den ukrainischen Staat zerstört, sondern einen „historischen Fehler korrigiert“, nicht Ukrainer getötet, sondern „die eigenen Leute gerettet“.

Die Ukraine war gezwungen, erst nach dem Angriff zu beweisen, dass sie überhaupt existiert. Dass sie eine eigene Geschichte hat. Eine eigene Sprache. Eigene Interessen. Ein eigenes Recht, darüber zu entscheiden, mit wem sie zusammen sein und welchen Weg sie einschlagen will.

Und hier setzt ein geschlossenes System ein, aus dem man nur sehr schwer ausbrechen kann. Wenn das Opfer schreit, ist das der Beweis dafür, dass es hysterisch und aggressiv ist. Wenn es schweigt, bedeutet das, dass nichts Schlimmes geschehen ist.

  • Wenn sich die Ukraine empört, ist das „Russophobie“.
  • Wenn sie sich von der russischen Sprache und Kultur abwendet, ist das „aggressiver Nationalismus“.
  • Wenn sie Schutz sucht, ist das eine „Bedrohung für Russland“.
  • Wenn sie Widerstand leistet, bedeutet das, dass gerade sie keinen Frieden will.

Jede Reaktion des Opfers wird als neuer Beleg für die Version des Täters benutzt.

Genau deshalb wird von außen so häufig nicht über die russische Gewalt selbst diskutiert, sondern darüber, wie die Ukraine darauf reagiert. Ob wir ruhig genug sind. Ob wir dankbar genug sind. Ob wir nicht zu wütend sind. Ob wir uns richtig ausdrücken. Ob wir nicht zu viel verlangen. Ob wir nicht allzu kategorisch alles Russische ablehnen. Ob wir nicht zurückhaltender, nachgiebiger und bequemer sein sollten.

Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis dessen, dass Russland über Jahre hinweg den Boden bereitet und im Voraus den Rahmen festgelegt hat, in dem die Welt seine Gewalt später wahrnehmen würde.

In diesem Rahmen erscheint die russische Aggression als erzwungene Reaktion auf die Handlungen anderer. Und die ukrainische Reaktion auf die Aggression erscheint als eigenständiges Problem, das bewertet, begrenzt und korrigiert werden müsse.

Die russische Propaganda muss keineswegs alle davon überzeugen, dass Russland im Recht ist. Es genügt ihr, dafür zu sorgen, dass die Welt statt über die Frage „Was tut Russland der Ukraine an?“ über die Frage „Reagiert die Ukraine richtig darauf?“ diskutiert.

Genau so funktioniert Missbrauch auch in gewöhnlichen Beziehungen. Der Täter muss keineswegs allen beweisen, dass das Opfer schuld ist. Es reicht, dafür zu sorgen, dass seine Worte Zweifel hervorrufen, seine Reaktionen übertrieben erscheinen und sein Verhalten stärker diskutiert wird als die Gewalt, die ihm angetan wird.

Ein Land ist natürlich kein Mensch. Aber Systeme von Macht, Kontrolle und Gewalt reproduzieren dieselben Mechanismen. Zunächst zwingt der Täter allen seine Version des Opfers auf. Dann übt er Gewalt aus. Und wenn das Opfer beginnt, sich zu verteidigen, benutzt er dessen Widerstand als Beweis dafür, dass gerade das Opfer von Anfang an das Problem gewesen sei.

Und all das beginnt nicht erst mit der Gewalt selbst. Es beginnt damit, das Opfer und alle anderen davon zu überzeugen, dass es kein Recht hat, eigenständig zu sein. Dass es in Wirklichkeit gar nicht existiert.

Aber darum geht es im nächsten Teil.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Росія як абʼюзер. Частина перша. 10.09.2026.
Autor: Kateryna Khoptynska.
Veröffentlichung: 10.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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