Russland als Missbrauchstäter. Teil zwei. Kateryna Khoptynska. 11.09.2026.

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In Teil eins habe ich darüber geschrieben, dass ein Missbrauchstäter seine Rechtfertigung für die Gewalt im Voraus vorbereitet, während das Opfer erst im Nachhinein reagiert.

Doch Gewalt besteht nur selten aus einer einzigen Handlung. Sie ist ein System, in dem verschiedene Instrumente einander stützen und dem Opfer nach und nach den Halt in der eigenen Realität nehmen.

Genauso funktioniert auch der russische Informationsmissbrauch. Man kann ihn in einer Matrix aus fünf miteinander verbundenen Instrumenten darstellen.

1. Zunächst bestreitet Russland überhaupt die Existenz der Ukraine als eigenständiges Subjekt.

Die Ukraine habe es angeblich nie gegeben, die Ukrainer seien erfunden worden, die ukrainische Sprache sei nicht echt, und jede unserer Entscheidungen sei in Wirklichkeit von jemand anderem getroffen worden.

Ich würde das als ontologisches Gaslighting bezeichnen. Gewöhnliches Gaslighting bringt einen Menschen dazu, an seiner eigenen Wahrnehmung der Realität zu zweifeln. Hier aber wird die Grundlage dieser Realität selbst bestritten: deine Existenz als eigenständiges Subjekt.

„Dich gibt es nicht. Es gibt nur einen Teil von mir, der aus irgendeinem Grund beschlossen hat, eigenständig zu sein. Es gibt ein Territorium, das zufällig nicht unter meiner Kontrolle steht. Es gibt Menschen, die vergessen haben, wer sie in Wirklichkeit sind“.

Unsere natürliche Reaktion in dieser Situation besteht darin, Russland und der Welt zu beweisen, dass wir real sind, dass unsere Kultur existiert, dass wir eine eigene Geschichte haben, dass unsere Sprache eigenständig ist und so weiter. Aber Russland braucht keine Beweise für unsere Existenz. Es braucht die Diskussion darüber, ob wir überhaupt wirklich existieren.

Während wir unser Recht darauf beweisen, eigenständig zu sein, verhält Russland sich bereits so, als hätten wir dieses Recht nicht.

2. Das nächste Instrument ist die Abwertung von allem, was die Ukraine selbst hervorbringt.

Die ukrainische Kultur sei „provinziell“. Der ukrainische Staat sei ein „Halbstaat“. Die ukrainische Sprache eigne sich nicht für Wissenschaft, Stadtleben oder modernes Leben. Jegliche Errungenschaften werden entweder zum Zufall erklärt, von Russland vereinnahmt oder mit Hilfe von außen erklärt.

Man versucht nicht nur, dich davon zu überzeugen, dass du kein eigenständiger Mensch bist, sondern nimmt dir auch noch die Beweise für deine eigene Leistungsfähigkeit.

3. Anschließend versucht man, das Opfer von Unterstützung zu isolieren.

In gewöhnlichen missbräuchlichen Beziehungen werden Freunde und Verwandte, die einem Menschen helfen könnten, die Situation von außen zu betrachten, zum „schlechten Einfluss“. Angeblich bringen sie ihn gegen den Partner auf und zerstören etwas, das ohne sie wunderbar wäre.

In der russischen Variante manipuliert uns angeblich ebenfalls jeder, der die Ukraine unterstützt.

Europa benutzt uns. Die USA führen ihren Krieg mit unseren Händen. Die NATO treibt die Ukraine in einen Konflikt. Die Ukrainer können nicht von sich aus ein Bündnis mit anderen Ländern wollen – irgendjemand muss sie zwangsläufig dazu gebracht haben.

Auf diese Weise bestreitet Russland zugleich unsere Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, und versucht, uns von jenen abzuschneiden, die uns dabei helfen, diese Entscheidungen zu verteidigen.

4. Die Verantwortung für die Gewalt wird auf das Opfer selbst abgewälzt.

„Wir waren gezwungen anzugreifen.“ Gezwungen, weil die Ukraine in die NATO wollte. Weil sie sich weigerte, in die russische Einflusssphäre zurückzukehren. Weil sie ihre eigene Sprache verteidigte. Weil sie sich weigerte, bequem zu sein. Weil sie Widerstand leistete.

In dieser Logik reagiert Russland immer nur. Es beginnt nichts, entscheidet sich für nichts und trägt für nichts Verantwortung. Die Entscheidung trifft angeblich die Ukraine. Und Russland ist wegen unserer falschen Entscheidungen lediglich „gezwungen“, zu bombardieren, zu besetzen und zu töten.

5. Und schließlich – das Markieren des Territoriums.

Dem Missbrauchstäter genügt es nicht, das Verhalten des Opfers zu kontrollieren. Ihm ist es wichtig, den Raum als seinen eigenen zu markieren.

Auf der Ebene eines Landes geht es dabei nicht nur um militärische Präsenz oder erobertes Territorium. Es geht um Straßennamen, Denkmäler, den kulturellen Kanon, die Sprache des öffentlichen Raums, Lehrpläne, Symbole und Rituale.

Sie sollen ständig daran erinnern, wessen Geschichte hier die maßgebliche ist, wessen Kultur die „große“ ist, wer das Recht hat, die Dinge zu benennen und festzulegen, was als Norm gilt.

Jedes dieser Instrumente funktioniert für sich genommen, doch hier wird all das als ein System der Einflussnahme und Kontrolle eingesetzt.

Die Leugnung der Identität nimmt dem Opfer das Recht, eigenständig zu sein. Die Abwertung überzeugt es davon, dass es ohne den Missbrauchstäter zu nichts fähig ist. Die Isolation schneidet es von Unterstützung ab. Das Abwälzen der Verantwortung macht es selbst für die Gewalt verantwortlich, die ihm angetan wird.

Das Markieren des Territoriums macht die Anwesenheit des Missbrauchstäters zu einem gewohnten Bestandteil seines eigenen Lebens.

Im Ergebnis muss Russland nicht einmal erreichen, dass die Menschen jede einzelne Behauptung glauben. Es genügt, wenn sie innerhalb des von Russland geschaffenen Koordinatensystems bleiben. Wenn sie die Ukraine immer wieder anhand der Fragen diskutieren, die Russland formuliert hat.

Und wenn das Opfer die Gewalt schließlich als Gewalt bezeichnet und beginnt, Widerstand zu leisten, setzt ein weiterer Mechanismus ein.

Aggressor und Opfer tauschen die Rollen.

Und nun wird von der Ukraine verlangt zu erklären, warum sie so wütend, undankbar und aggressiv ist.

Darum geht es im nächsten Teil.

Link zum ersten Teil


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Росія як абʼюзер. Частина друга.
Autor: Kateryna Khoptynska
Veröffentlichung: 11.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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