
Моментът след Путин. Виталий Портников. 30.06.2026.
Nähert sich nach fünf Jahren Krieg wirklich ein Wendepunkt?
Fünf Jahre sind genug Zeit, um eine einfache Sache zu verstehen: Der Wendepunkt in diesem Krieg hängt nicht von der militärischen Lage an der Front ab, sondern vom wirtschaftlichen Zustand Russlands. Putin kann eskalieren, so viel er will – aber Eskalation kostet Geld. Und das Geld wird immer weniger.
Und hier ist wichtig zu verstehen, was jetzt geschieht. Die Angriffe der Ukraine auf die russische Ölinfrastruktur – Häfen, Raffinerien, Logistikknotenpunkte – und auf den militärisch-industriellen Komplex Russlands zeigen bereits eine reale Wirkung. Die Öleinnahmen des Kremls sinken. Die Waffenproduktion wird erschwert. Das ist keine Metapher und keine Propaganda – das sind Zahlen, die Reuters, Foreign Affairs und russische Beamte selbst in geschlossenen Sitzungen bestätigen.
Der Wendepunkt wird nicht dann eintreten, wenn Putin beschließt aufzuhören, sondern dann, wenn er nicht mehr weitermachen kann. Das sind verschiedene Dinge. Und dank der ukrainischen Angriffe auf das Herz der russischen Kriegswirtschaft ist Letzteres deutlich näher, als es scheint.
Was ist das eigentliche Ziel der russischen Provokationen in Rumänien und im Baltikum – Einschüchterung oder offener Konflikt?
Weder das eine noch das andere – und zugleich beides. Russland will keinen offenen Konflikt mit der NATO – das würde seine Vernichtung bedeuten. Aber es will die Grenzen kennen, wo das Bündnis stoppen wird, wo es Angst bekommen wird, wo es beginnen wird, sich zu rechtfertigen, statt zu handeln.
Und hier gibt es eine gefährliche Asymmetrie. Russland testet – die NATO reagiert zurückhaltend, erklärt, beruhigt. Der Kreml liest das nicht als Besonnenheit, sondern als Schwäche. Und beim nächsten Mal geht er ein Stück weiter. Genau eine solche vorsichtige Reaktion ermutigt Moskau zu neuen Provokationen, wie die jüngste Geschichte mit dem Auftauchen einer russischen Drohne im Luftraum Rumäniens anschaulich gezeigt hat. Das Bündnis reagierte zurückhaltend. Russland merkt sich das.
Das ist keine Vorbereitung auf einen großen Krieg, sondern eine Vorbereitung darauf, dass sich die NATO an Verletzungen gewöhnt und überhaupt nicht mehr darauf reagiert.
Das gefährlichste Szenario ist nicht jenes, in dem Russland ein NATO-Land offen angreift, sondern jenes, in dem es dies so schrittweise tut, dass der Moment, in dem man hätte reagieren müssen, bereits vorbei ist.
Sind Szenarien einer „schleichenden“ Eskalation im Baltikum oder rund um den Suwałki-Korridor realistisch?
Russland wird ein NATO-Land nicht im klassischen Sinne dieses Wortes angreifen – mit Kriegserklärung und großangelegter Invasion. Das wäre Selbstmord, und im Kreml versteht man das sogar jetzt, da Putins Zurechnungsfähigkeit immer mehr Fragen aufwirft.
Aber es gibt ein anderes Szenario, und es ist deutlich realistischer. Langsam, Schritt für Schritt, die Grenzen dessen verwischen, was als Angriff gilt. Ein Zwischenfall auf See. Eine Drohne über dem Territorium eines Bündnismitglieds. Eine Provokation am Suwałki-Korridor. Jedes Mal reagiert die NATO zurückhaltend, und Moskau zieht den Schluss, dass auch der nächste Schritt toleriert werden wird.
Der Suwałki-Korridor ist ein eigenes und sehr ernstes Thema. Er ist die einzige Landverbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten. Wenn Russland ihn gemeinsam mit Belarus blockiert, ist das formal kein Angriff auf die NATO. Aber es ist die faktische Isolierung dreier Bündnisstaaten. Und was wird das Bündnis dann tun? Das ist die Frage, auf die Brüssel bis heute keine klare Antwort hat.
Welche Faktoren könnten Putin zwingen, seine absurden Bedingungen für einen Waffenstillstand aufzugeben?
Putin wird seine Bedingungen nicht freiwillig aufgeben. Das muss man klar und ohne Illusionen verstehen. Er kann sie verschweigen, verschieben, anders formulieren – aber nicht aufgeben, denn für ihn ist das keine Verhandlungsposition, sondern ein ideologisches Fundament.
Ihn zu einer Änderung seiner Position zwingen kann nur eines: der Mangel an Ressourcen zur Fortsetzung des Krieges. Und hier kehren wir wieder zur Wirtschaft zurück. Die Angriffe auf die Ölinfrastruktur, der Rückgang der Einnahmen, die Erschöpfung des militärisch-industriellen Komplexes – all das verengt Putins Handlungsspielraum schrittweise.
Bedingungen für ein Ende der intensiven Phase des Krieges existieren, aber nicht durch Verhandlungen, sondern durch den Moment, in dem Russland physisch nicht mehr in der Lage sein wird, das heutige Niveau der Kampfhandlungen aufrechtzuerhalten. Das ist keine Frage von Putins Wunsch. Es ist eine Frage seiner Möglichkeiten. Und gerade deshalb ist es so wichtig, den Druck nicht zu verringern – weder den sanktionspolitischen noch den militärischen –, in dem Moment, in dem er reale Ergebnisse zu zeigen beginnt.
Welcher Kompromiss wäre für die Ukraine beim Abschluss eines Waffenstillstands zulässig – besonders unter äußerem Druck, und welche Risiken bestehen für das Land?
Das ist keine Frage an mich – das ist eine Frage an die ukrainische Gesellschaft und an die ukrainische Führung. Ich habe kein Recht zu entscheiden, welcher Kompromiss für ein Land zulässig ist, das kämpft und Menschen verliert. Das wäre anmaßend von jedem Kommentator – unabhängig davon, wie nah er der Ukraine steht.
Aber ich kann sagen, was unzulässig ist. Unzulässig ist jeder Waffenstillstand, der Russland die Möglichkeit lässt, den Krieg nach einigen Jahren unter für Russland günstigeren Bedingungen wieder aufzunehmen. Unzulässig ist ein Waffenstillstand ohne reale Sicherheitsgarantien – keine Versprechen, sondern rechtlich bindende Garantien mit einem Mechanismus zu ihrer Umsetzung. Und unzulässig ist Druck auf Kyiv, Bedingungen zu akzeptieren, die Moskau später als Brückenkopf für den nächsten Schlag nutzen wird.
Die Risiken sind offensichtlich. Wenn die Ukraine unter Druck territoriale Zugeständnisse macht, ist das kein Frieden, sondern eine Pause. Russland wird sie zur Wiederaufrüstung nutzen und zurückkehren. Dieses Szenario haben wir bereits 2014–2022 gesehen. Es zu wiederholen wäre ein Verbrechen – sowohl gegenüber der Ukraine als auch gegenüber ganz Europa.
Was halten Sie von den Berichten über einen „Verlust des Glaubens“ an Putin und Umgruppierungen innerhalb der Kreml-Elite?
Ich würde diese Berichte weder zurückweisen noch überschätzen. Ja, in Putins Umfeld existiert Unzufriedenheit. Das ist keine Erfindung westlicher Analysten – das bestätigen sowohl Gespräche russischer Nomenklaturvertreter mit westlichen Journalisten als auch bestimmte Signale, die aus Russland selbst kommen.
Aber man muss die Natur dieser Unzufriedenheit verstehen. Diese Menschen sind nicht mit dem Krieg als solchem unzufrieden – sie sind damit unzufrieden, dass Putin ihn ineffektiv und inadäquat führt. Sie teilen dasselbe imperiale Programm und wollen dasselbe Ergebnis. Sie würden es nur gern mit geringeren Verlusten und größerer Vorhersehbarkeit erreichen.
Deshalb ist es verfrüht, von irgendeinem Putsch oder Kurswechsel zu sprechen. Diese Menschen haben Angst vor Putin und werden nicht handeln, solange sie nicht spüren, dass er wirklich schwach ist. Und wenn sie es spüren – falls sie es spüren –, kann alles sehr schnell gehen. Die russische Geschichte kennt solche Präzedenzfälle. Doch bisher beobachten wir Unzufriedenheit ohne Handlung. Und das ist keine politische Kraft. Das ist nur eine Stimmung.
Kann Putin davon überzeugt werden, dass er die Ukraine verloren hat? Oder könnten die Strukturen in Moskau seine neoimperiale Doktrin irgendwann aufgeben?
Putin kann nicht überzeugt werden – er kann nur gestoppt werden. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied. Ein Mensch, der fest glaubt, dass es kein ukrainisches Volk gibt, dass die Ukraine ein künstliches Gebilde ist, dass er eine historische Mission erfüllt – ein solcher Mensch ändert seine Meinung nicht unter dem Einfluss von Argumenten. Er ändert sein Verhalten nur unter dem Einfluss der Umstände.
Aber es gibt eine tiefere Frage: Wird sich Russland nach Putin verändern? Und hier muss ich ehrlich sein: nicht automatisch und nicht schnell. Die neoimperiale Doktrin ist keine Erfindung Putins – sie ist ein Produkt der russischen politischen Kultur, die sich über Jahrhunderte herausgebildet hat. Putin hat sie nicht geschaffen – er hat sie genutzt und verstärkt.
Veränderung ist möglich, aber nur durch ein tiefes Trauma der Niederlage und durch Generationen, die in einem anderen Kontext aufwachsen werden. Deutschland veränderte sich nach 1945 – aber dafür waren die vollständige militärische und moralische Vernichtung des NS-Regimes und Jahrzehnte der Entnazifizierung unter äußerer Kontrolle notwendig. Russland hat bisher nichts Vergleichbares durchlaufen. Und solange es das nicht durchläuft, sollte man nicht auf einen organischen Verzicht auf imperiale Ambitionen setzen.
Russland will ein „Zivilisationsstaat“ und die Metropole des Eurasianismus sein. Sie haben erklärt, dass Russland dies durch die Konfrontation mit dem Westen erreichen will, ohne sich damit abzufinden, lediglich ein asiatischer Staat zu sein. Ist das möglich?
Das ist ein schönes Konzept – und völlig lebensunfähig. Russland kann aus einem einfachen Grund keine Metropole des Eurasianismus sein: Es verfügt dafür weder über das wirtschaftliche Potenzial noch über kulturelle Anziehungskraft oder realen Einfluss auf die Länder, die es anführen müsste.
Schauen Sie sich die sogenannte eurasische Peripherie an. Kasachstan distanziert sich immer stärker von Moskau und sucht seinen eigenen Weg. Aserbaidschan verfolgt eine völlig unabhängige Politik. Selbst Belarus, dessen Machthaber Alexander Lukaschenko buchstäblich auf russischen Bajonetten sitzt, versucht zumindest formale Souveränität zu bewahren und blickt nach Peking als Gegengewicht zu Moskau.
China ist hier das Schlüsselwort. Die wirkliche Metropole des Eurasianismus ist Peking und nicht Moskau. Und Russland versteht das, kann es aber nicht eingestehen, denn die Anerkennung dieser Tatsache würde das Ende des gesamten Konzepts des „Zivilisationsstaates“ bedeuten.
Die Konfrontation mit dem Westen macht Russland nicht zum eurasischen Zentrum – sie macht es zum Juniorpartner Chinas. Und das ist genau das Gegenteil dessen, wovon Putin träumt. Der eurasische Traum Moskaus endet dort, wo die chinesische Realität beginnt.
Mit welchen Realitäten wird Russland bei einem möglichen Ende der Kampfhandlungen oder sogar schon davor konfrontiert sein? Welche Prozesse erwarten Sie?
Russland ist bereits mit einem Teil dieser Realitäten konfrontiert und versucht, sie nicht wahrzunehmen. Eine demografische Katastrophe – Hunderttausende Tote, Verwundete und Emigranten. Wirtschaftliche Erschöpfung – Inflation, sinkende Realeinkommen, ein Haushaltsdefizit, das auf Kosten künftiger Generationen gedeckt wird. Technologischer Rückschritt – der Abzug westlicher Unternehmen und Technologien, für die es keinen Ersatz gibt.
Doch das schwerwiegendste Problem ist politischer Natur. Putin und der FSB haben ein System geschaffen, das auf einem einzigen Menschen und auf Angst beruht. Wenn dieser Mensch geht – und früher oder später wird er gehen –, könnte sich das System nicht geordnet transformieren. Es wird entweder zusammenbrechen oder sich im Machtkampf zwischen jenen drei Kräften, von denen ich bereits gesprochen habe – dem FSB, dem FSO und der Armee –, in etwas noch Brutaleres verwandeln.
Der gefährlichste Moment für Russland und für die Welt ist nicht der Krieg selbst. Es ist die Zeit nach Putin, wenn Menschen mit Atomwaffen und ohne klare Legitimität die Macht in einem Atomstaat unter sich aufteilen werden. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass der Westen schon jetzt nicht nur darüber nachdenkt, wie der Krieg beendet werden kann, sondern auch darüber, was danach mit Russland geschehen soll.
Wo wird Russland weiterhin versuchen, Einfluss auszuüben, und wie erfolgreich könnten diese Versuche nach dem Scheitern seiner großimperialen Ambitionen sein?
Russland wird seine Versuche, Einfluss auszuüben, nicht aufgeben – selbst geschwächt, selbst nach einer Niederlage. Das liegt in der Natur des Regimes. Die einzige Frage ist, welche Instrumente ihm dafür noch zur Verfügung stehen werden.
Das militärische Instrument wird erheblich eingeschränkt sein – die Armee ist erschöpft, die Technik zerstört, die personellen Ressourcen gehen zur Neige. Der Wiederaufbau echter militärischer Stärke erfordert Jahrzehnte und Geld, das nicht vorhanden sein wird.
Doch es gibt andere Instrumente. Die Energie – solange Russland Öl und Gas verkauft, verfügt es über einen Hebel. Desinformation und hybrider Krieg – das ist billig und effektiv, und hier hat Moskau erhebliche Erfahrungen gesammelt. Die Unterstützung prorussischer Bewegungen und Parteien in Europa – auch das wird nicht verschwinden.
Geografisch wird sich Russland auf das konzentrieren, was in seiner Reichweite bleibt – Zentralasien, den Südkaukasus und Afrika, wo es bereits aktiv über die Wagner-Gruppe und deren Nachfolger operiert. Doch auch dort wird es verdrängt – von China in Zentralasien, von der Türkei im Südkaukasus und von verschiedenen Akteuren in Afrika.
Gesondert sollte man über den Balkan sprechen. Russland wird erhebliche Anstrengungen unternehmen, dort über prorussische Kräfte in Serbien, Bulgarien und Nordmazedonien präsent zu bleiben. Der Balkan ist eine traditionelle russische Einflusszone, und Moskau betrachtet ihn als Brückenkopf innerhalb Europas. Gerade deshalb sind Wahlen in diesen Ländern und die Stärkung prorussischer Parteien keine rein inneren Angelegenheiten dieser Staaten. Sie sind Teil der russischen Strategie.
Nach dem Scheitern seiner großimperialen Ambitionen läuft Russland Gefahr, sich in einen Regionalstaat zu verwandeln, der vorgibt, weiterhin global zu sein. Das ist eine gefährliche Kombination, denn solche Staaten kompensieren den Verlust realen Einflusses gewöhnlich durch Aggressivität und Unberechenbarkeit.
Warum erwies sich Russlands hybrider Krieg gegen Europa als so erfolgreich?
Weil Europa lange Zeit nicht glauben wollte, dass dieser Krieg überhaupt geführt wird. Das ist der Hauptgrund. Russland griff ganz offen an – über soziale Netzwerke, durch die Finanzierung von Parteien, durch Energieerpressung, durch Desinformation –, während Europa sich jahrelang selbst einredete, es handle sich lediglich um „unterschiedliche Sichtweisen“ und „komplizierte Geopolitik“.
Der zweite Grund ist, dass Russland auf reale Probleme setzt. Es erfindet die Unzufriedenheit der Europäer nicht – es findet sie und verstärkt sie. Ungleichheit, Migration, Identitätsverlust, Misstrauen gegenüber den Eliten – all das existierte schon vor Russland. Moskau hat lediglich gelernt, diese Risse in Abgründe zu verwandeln.
Der dritte Grund ist die Asymmetrie. Russland gibt für die Destabilisierung Europas nur einen Bruchteil dessen aus, was Europa für seinen Schutz aufwendet. Ein paar Trollfabriken, einige bestochene Politiker, einige Medienprojekte – und das Ergebnis ist unverhältnismäßig groß.
Und schließlich handelt Russland geduldig. Es wartet nicht auf sofortige Ergebnisse. Es sät jahrelang Zwietracht und erntet dann, wenn eine Krise entsteht – eine Energiekrise, eine Migrationskrise oder eine Wirtschaftskrise. Dann stellt sich heraus, dass es in jedem europäischen Land bereits Stimmen gibt, die genau das sagen, was Moskau hören möchte.
Warum fanden russische hybride Narrative – über „traditionelle Werte“, ein „Europa der Vaterländer“ usw. – eine solche Übereinstimmung mit der Welle der extremen Rechten?
Das ist weder Zufall noch bloße Übereinstimmung. Es ist eine bewusste Strategie – und sie begann lange bevor die meisten Analysten sie bemerkten.
Russland erkannte eine einfache Wahrheit: Die liberale Demokratie ist nicht von außen verwundbar, sondern von innen. Sie kann nicht mit Panzern besiegt werden, aber sie kann durch ihre eigenen Werte untergraben werden. Meinungsfreiheit. Offenheit. Toleranz gegenüber unterschiedlichen Ansichten. Und Moskau begann, Narrative zu produzieren und zu verbreiten, die genau diese Offenheit gegen das System selbst richten.
„Traditionelle Werte“ sind die ideale Waffe. Sie sprechen das reale Gefühl des Verlustes an, das Millionen Menschen in Europa und Amerika empfinden. Die Globalisierung hat die vertraute Welt verändert – und Russland bietet eine einfache Antwort: Schuld sind die Liberalen, die Globalisten, die Eliten. Das ist dasselbe populistische Narrativ, das man auch bei Trump, Orbán und Le Pen findet. Moskau hat es nicht erfunden, verstärkt und finanziert es jedoch aktiv.
„Europa der Vaterländer“ ist überhaupt eine alte französische Idee, die Russland einfach übernommen und für seine eigenen Bedürfnisse umgefärbt hat. Ein gespaltenes Europa ohne gemeinsame Außenpolitik – genau das braucht Moskau. Und es hat Verbündete gefunden, die aufrichtig an diese Ideen glauben – oder zumindest so tun.
Wie sehen aus Kyiv die neue politische Rolle von Rumen Radew und die Veränderungen der politischen Landschaft Bulgariens aus?
Ich habe Radew bereits kommentiert, und meine Position hat sich nicht geändertp. Er ist nicht Orbán und wird auch keiner werden. Nicht, weil er proeuropäisch wäre – das ist er nicht –, sondern weil ihm die Instrumente dafür fehlen.
Orbán konnte es sich leisten, Orbán zu sein, weil er über eine verfassungsändernde Mehrheit und die vollständige Kontrolle über die staatlichen Institutionen verfügte. Radew hat das nicht. Um überhaupt irgendeine reale Politik umzusetzen – sei es eine innenpolitische Reform oder selbst der Austausch des Generalstaatsanwalts –, braucht er die Unterstützung der proeuropäischen Kräfte. Und diese erinnern sich an seine Präsidentschaft.
Aus Kyiv sieht das wie eine Situation aus, in der ein Mensch mit prorussischen Sympathien sich in Umständen wiederfindet, die es ihm nicht erlauben, diese Sympathien umzusetzen. Bulgarien braucht Geld aus den europäischen Fonds. Der bulgarische militärisch-industrielle Komplex verdient an Lieferungen für die Ukraine. Das ist die reale Wirtschaft – und sie ist stärker als jede Ideologie.
Das Wichtigste, was man verstehen muss, ist Folgendes: Was für Orbán ein Vorwand war – alles zu blockieren und eine Rechtfertigung zu finden –, muss für Radew ein tatsächliches Ziel sein. Wenn er wirklich Reformen in Bulgarien will, muss er mit jenen zusammenarbeiten, die die Ukraine unterstützen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Und ich hoffe, dass er das versteht.
Was verfolgt Trump tatsächlich mit seiner Haltung gegenüber der Ukraine? Jetzt ist er durch den Iran abgelenkt, zuvor behauptete er jedoch, eine Annäherung an Moskau habe einen tiefen geostrategischen Sinn – nämlich die Konfrontation mit China?
Trump verfolgt gegenüber der Ukraine keine konsistente Strategie. Was er gelegentlich als Strategie formuliert – Russland und China auseinanderzubringen –, ist keine Strategie. Es ist ein Wunsch. Und noch dazu ein unrealistischer Wunsch.
Russland und China sind keine Verbündeten im klassischen Sinne, aber sie haben ein gemeinsames Interesse: den amerikanischen Einfluss in der Welt zu schwächen. Solange dieses Interesse besteht, wird keine amerikanische Annäherung an Putin ihn dazu bringen, sich von Peking abzuwenden. China ist für Russland heute die wirtschaftliche Lebensader. Es ermöglicht die Umgehung der Sanktionen. Es ist Absatzmarkt für russisches Öl. Auf solche Dinge verzichtet man nicht wegen netter Gespräche mit Trump.
Die eigentliche Triebkraft von Trumps Politik gegenüber der Ukraine ist die amerikanische Innenpolitik. Die Benzinpreise. Die Kriegsmüdigkeit seiner Wählerschaft. Der Wunsch, irgendeinen Sieg zu verkünden – ganz gleich welchen und zu welchem Preis – und anschließend weiterzugehen. Die Ukraine ist in diesem Weltbild weder ein Verbündeter noch ein Wert an sich. Sie ist ein Problem, das gelöst und anschließend vergessen werden soll.
Und genau das ist die gefährlichste aller möglichen Positionen gegenüber einem Land, das um seine Existenz kämpft.
Die neue amerikanische Strategie der nationalen Sicherheit verbirgt ihre Feindseligkeit gegenüber Europa nicht. Welche Politik wäre für den Kontinent die beste – unabhängig von den Entwicklungen in den USA?
Europa hat endlich das bekommen, wovor es sich so lange gedrückt hat – die Verantwortung für seine eigene Sicherheit. Und so seltsam es auch klingen mag: Das könnte sich nicht als Katastrophe, sondern als Chance erweisen.
Die beste Politik für Europa besteht jetzt darin, nicht länger zu warten. Nicht länger auf amerikanische Entscheidungen, amerikanische Genehmigungen oder amerikanische Garantien zu warten. Eine eigene Verteidigungsindustrie aufzubauen – und das geschieht bereits, wenn auch langsamer, als es nötig wäre. Die Ukraine zu unterstützen – nicht, weil Washington das wünscht, sondern weil es im unmittelbaren Interesse Europas selbst liegt.
Eine gemeinsame Außenpolitik zu entwickeln – und genau das ist am schwierigsten. Nicht nur, weil es innerhalb der EU trojanische Pferde gibt. Die Lage hat sich verändert – Orbán hat die Wahlen verloren, und Ungarn kehrt schrittweise zu einer konstruktiveren Position zurück. Aber die Interessen von 27 Staaten mit unterschiedlicher Geschichte, unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichem Bedrohungsempfinden miteinander in Einklang zu bringen, ist außerordentlich schwierig. Und genau diese Harmonisierung – nicht einzelne prorussische Stimmen – ist die größte Herausforderung für die europäische Einheit.
Die amerikanische Feindseligkeit gegenüber Europa ist nicht bloß eine Laune Trumps. Sie ist ein Symptom eines tiefergehenden Wandels in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten. Und Europa muss seine Politik auf der Grundlage gestalten, dass sich dieser Wandel als dauerhaft erweisen könnte.
Doch eines kann Europa sich nicht leisten: vor russischem Druck aus der Illusion heraus zu kapitulieren, dadurch Stabilität zu gewinnen. Denn Russland versteht Zugeständnisse nicht als Geste des guten Willens, sondern als Einladung zum nächsten Schritt. Das haben wir bereits erlebt – und dürfen es nicht vergessen.
Wird die Ukraine nach allem, was geschehen ist, die Kraft haben, sich zu der von vielen erwarteten neuen Stütze des europäischen Raums zu entwickeln, die dem Druck nicht nur Russlands, sondern auch der USA und Chinas standhalten kann?
Das ist eine Frage, die ich mir ständig stelle. Und ihre Antwort hängt nicht von äußeren Faktoren ab, sondern von der Ukraine selbst.
Die Ukraine hat bereits bewiesen, dass sie kämpfen kann. Das war im Februar 2022 nicht selbstverständlich – selbst für diejenigen, die an sie glaubten. Fünf Jahre Widerstand gegen eine der größten Armeen der Welt – das ist eine Tatsache, die das Bild dieses Landes für immer verändert hat.
Aber eine Stütze Europas zu sein, ist etwas anderes. Das bedeutet nicht nur zu kämpfen, sondern auch aufzubauen. Institutionen. Rechtsstaatlichkeit. Eine Wirtschaft, die attraktiv ist und nicht abschreckt. Und hier hat die Ukraine ernsthafte Probleme, die der Krieg nicht gelöst, sondern teilweise sogar verschärft hat. Doch das ist eine Frage für die Zeit nach dem Krieg. Und ich hoffe, dass die ukrainische Gesellschaft, die diese Prüfung durchgestanden hat, sowohl die Kraft als auch den Willen haben wird, ein neues Land aufzubauen.
Der Druck seitens der USA unter Trump, der mögliche Druck Chinas – all das ist eine Realität, mit der die Ukraine umgehen müssen wird. Und diesem Druck kann sie nur auf eine Weise standhalten: indem sie so eng in die europäischen Strukturen integriert ist, dass Druck auf die Ukraine automatisch zu Druck auf ganz Europa wird.
Werden die Kräfte ausreichen? Ich hoffe es. Aber das ist keine Frage des Schicksals, sondern der Entscheidungen, die jetzt getroffen werden und nach dem Sieg getroffen werden.
Ich verfolge Ihre Kommentare und Prognosen seit einigen Jahren und würde gern wissen: Wann haben Sie sich in Ihrer Einschätzung geirrt?
Ich habe mich mehrere Male geirrt und schäme mich nicht, das zuzugeben. Ein Mensch, der sich niemals irrt, sagt entweder überhaupt nichts oder lügt.
1991 glaubte ich, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine nicht so schnell erfolgen würden – und das nur wenige Wochen nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, von der Tribüne der Werchowna Rada die ukrainischen Abgeordneten dazu aufgerufen hatte, die erneuerte Sowjetunion Gorbatschows zu unterstützen. Die Geschichte erwies sich als schneller als meine Prognosen.
2014 war ich der Ansicht, dass die Besetzung der Krim zur Ausrufung eines quasiunabhängigen Staates führen würde und nicht zu ihrer Annexion und Eingliederung in die Russische Föderation. Was tatsächlich geschah, erwies sich als eine wahre Katastrophe für die russisch-ukrainischen Beziehungen und für das Völkerrecht insgesamt – eine Katastrophe für Jahrzehnte.
Und schließlich hoffte ich, dass die Menschheit länger in der Lage sein würde, die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg zu bewahren. Dass die Erinnerung an jene Katastrophe eine Wiederholung verhindern würde. Diese Hoffnungen erwiesen sich als vergeblich.
Sehen Sie in der Unberechenbarkeit der heutigen Welt auch etwas Optimistisches? Zum Beispiel scheint es, als funktionierten die Absprachen der „Großen“ und das Zeichnen neuer Grenzen auf Servietten nicht mehr nach Plan.
Das ist zugleich eine optimistische und eine pessimistische Beobachtung. Ja, die Welt ist unberechenbarer geworden. Und ja, die großen Absprachen auf Servietten funktionieren nicht mehr so wie früher. Aber ist das wirklich etwas Gutes?
Das System von Jalta, in dem die Großmächte die Welt über die Köpfe kleiner Völker hinweg aufteilten, war ungerecht und führte letztlich zu dem, was wir heute erleben. Die Ukraine wurde in gewissem Sinne gerade zum Opfer eines solchen Denkens – als man versuchte, über ihr Schicksal ohne sie selbst zu entscheiden.
Andererseits bedeutet Unberechenbarkeit nicht immer Freiheit. Manchmal bedeutet sie einfach Chaos. Und im Chaos überleben nicht unbedingt die Gerechtesten, sondern die Stärksten und Skrupellosesten.
Deshalb gründet sich mein vorsichtiger Optimismus auf etwas anderes – nicht auf die Unberechenbarkeit der Welt, sondern darauf, dass kleine Völker gelernt haben, für sich selbst zu kämpfen. Die Ukraine hat das bewiesen. Und genau das ist die wirkliche Veränderung, die von Bedeutung ist. Denn letztlich wird Geschichte nicht durch Absprachen auf Servietten gemacht, sondern durch Menschen und Völker, die sich weigern, fremde Entscheidungen über ihr eigenes Schicksal hinzunehmen.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Моментът след Путин. Виталий Портников. 30.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.06.2026.
Originalsprache: bg
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
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