Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrsky, betont in einem Interview mit der britischen Zeitung The Times, dass Kyiv seine Hauptstrategie nun auf einen Abnutzungskrieg gegen die russischen Möglichkeiten setzt.
Dabei geht es um die Verteidigung der ukrainischen Gebiete, auf denen die russischen Truppen Offensiven durchzuführen versuchen, um die Zerstörung der russischen Logistik sowie der wirtschaftlichen Grundlage der Russischen Föderation durch ständige Angriffe mit Drohnen und Raketen. Syrsky erklärte den Journalisten der britischen Zeitung, dass die russischen Streitkräfte im vergangenen Zeitraum 183.500 Gefallene und Schwerverwundete verloren hätten. Der Journalist der Zeitung hebt hervor, dass dies mehr sind als die 180.500 Personen, die im Jahr 2026 in die russische Armee eingezogen wurden.
Auf diese Weise versucht die Ukraine, dem Gegner derart hohe Verluste zuzufügen, dass Präsident Putin vor die Wahl gestellt wird: entweder eine deutlich umfassendere und intensivere Mobilmachung oder die Einstellung der Kampfhandlungen.
Interessant ist, dass der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte – im Gegensatz zu vielen Experten und Beobachtern – bislang keinen tatsächlichen Wendepunkt im russisch-ukrainischen Krieg erkennt. Er hofft jedoch weiterhin, dass ein solcher Wendepunkt gerade infolge der Maßnahmen der ukrainischen Armee eintreten wird: durch die Verteidigung des Territoriums, die Zerstörung der russischen Militärlogistik sowie der wirtschaftlichen Grundlage der Russischen Föderation.
Große Hoffnungen setzt man natürlich auf Drohnen, deren Einsatz durch die Ukraine sich in letzter Zeit verdoppelt hat. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 ist der Einsatz ukrainischer Drohnen für Angriffe auf feindliche Stellungen sowie auf dessen Infrastruktur im Vergleich zum gesamten Jahr 2025 um 300 Prozent gestiegen. Gleichzeitig produziert die Ukraine weiterhin intensiv neue Drohnen und liegt damit deutlich vor der Russischen Föderation.
Zugleich betont der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, dass der Einsatz von Drohnen Offensiven großer Truppenverbände sowohl für die russischen als auch für die ukrainischen Streitkräfte praktisch unmöglich gemacht hat. Die Ausmaße der sogenannten Kill Zone haben sich vergrößert. Es ist faktisch unmöglich geworden, mit schwerem militärischem Gerät bis zu den feindlichen Stellungen vorzudringen, da dieses unter den neuen Bedingungen seine Bedeutung verliert, die es noch im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit während zahlreicher lokaler Konflikte besaß.
Wenn es der Infanterie gelingt, die von Drohnen kontrollierte Kill Zone zu durchbrechen, kann sie daher faktisch nur noch mit leichter Bewaffnung und ohne Begleitung durch schweres Militärgerät angreifen – so wie während der Kämpfe des Ersten Weltkriegs. Paradoxerweise hat also die neue Militärtechnik die Rolle des Menschen im Krieg nicht im Sinne der Zukunft verändert, sondern im Sinne einer weit zurückliegenden Vergangenheit von vor mehr als hundert Jahren. Zugleich zeigt diese Situation jedoch auch, dass die Russische Föderation mit ihren Streitkräften kaum jene Ziele erreichen kann, die Putin bereits im Jahr 2022 gesetzt hatte.
Die Tatsache, dass nicht nur Russland, sondern auch die Ukraine einen Abnutzungskrieg gegen den Nachbarstaat führt, stellt die russische politische Führung und die russischen Streitkräfte tatsächlich vor schwierige Aufgaben. Denn sie müssen sich inzwischen bewusst werden, dass die ehrgeizigen imperialen Ziele, die Putin seiner Armee gesetzt hat, selbst bei einer Fortsetzung des Krieges über weitere Jahre hinweg kaum erreichbar erscheinen. Das Maximum, zu dem Russland heute – angesichts der neuen Technologien, über die sowohl die ukrainischen als auch die russischen Streitkräfte verfügen – noch fähig ist, ist erneut die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die besetzten Gebiete der Ukraine.
Gleichzeitig zeigt jedoch die Erfahrung der Krim, dass eine solche Kontrolle über Gebiete ohne irgendwelche Friedensvereinbarungen mit der Ukraine diese Territorien faktisch nur noch nominell unter der Kontrolle Moskaus belässt. Man kann dort eine Besatzungsverwaltung haben wie auf der Krim, man kann dort eigene Truppen und die Schwarzmeerflotte stationieren. Die ständigen ukrainischen Angriffe auf die Logistik der Krim sowie auf die Infrastruktur der besetzten Halbinsel können die Krim jedoch rasch in ein Gebiet verwandeln, das zum Leben ungeeignet ist. Und ein solches Schicksal könnte auch andere von der Russischen Föderation besetzte ukrainische Regionen ereilen.
Schon bald könnte sich eine recht einfache Frage stellen: Wenn Russland nicht bereit ist, mit der Ukraine über eine Rückkehr zu den international anerkannten Grenzen des Nachbarstaates zu verhandeln, kann es die besetzten Gebiete dann überhaupt kontrollieren, wenn ihre Logistik und Infrastruktur ständig bedroht sind? Und welchen Sinn haben die Krim oder der Donbas für Russland, wenn diese Gebiete ihre Rolle als Aufmarschgebiet für Offensiven gegen andere Regionen der Ukraine verlieren und stattdessen zu einer Art Falle werden – sowohl für die in diesen Regionen konzentrierten Streitkräfte der Russischen Föderation als auch für jene russischen Staatsbürger, die sich dort ansiedeln und die Funktion von Kolonisten erfüllen?
Sowohl die Militärangehörigen als auch die Kolonisten werden die besetzten Gebiete letztlich verlassen müssen, weil sie um ihre eigene Sicherheit fürchten. Doch auch auf dem Territorium Russlands erwartet sie im Falle eines ausbleibenden Friedens mit der Ukraine Gefahr – aufgrund ukrainischer Angriffe auf die militärische und die erdölindustrielle Infrastruktur der Russischen Föderation.
Man könnte sagen, dass der militärtechnologische Wandel in der Kriegsführung Staaten wie die Russische Föderation eigentlich dazu drängen müsste zu begreifen, dass sich ihre Ziele mit Gewalt nicht erreichen lassen. Das Problem besteht jedoch darin, dass im Kreml noch immer Menschen aus einer fernen Vergangenheit sitzen, die in den Kategorien des Ersten oder Zweiten Weltkriegs denken und nicht begreifen, wie sehr sich die Welt verändert hat.
Und möglicherweise ist gerade dieses Unvermögen der russischen politischen und militärischen Führung zu erkennen, dass wir es mit einem neuen Krieg und einer neuen Realität zu tun haben, der Grund dafür, dass die ukrainischen Streitkräfte den Abnutzungskrieg gegen den aggressiven Nachbarstaat fortsetzen können – sowohl im Hinblick auf dessen menschliches Potenzial, das zu Zehntausenden in ukrainischen Städten und Siedlungen zugrunde geht, als auch im Hinblick auf Russlands Industrie und logistische Infrastruktur, die buchstäblich vor den Augen der Bevölkerung dieses Landes sowie seiner Führung zerstört werden.
Und je schneller die Russen erkennen, dass der Abnutzungskrieg nun tatsächlich ihren eigenen Staat bedroht, desto schneller werden sie der Notwendigkeit einer Aussöhnung mit der Ukraine zustimmen und bereit sein, nicht innerhalb der Grenzen der mythischen Sowjetunion zu existieren, die ihr ruhmloses Ende glücklicherweise im Jahr 1991 fand, sondern innerhalb der Grenzen der ehemaligen Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Сирський: війна на виснаження – нова стратегія України | Віталій Портников. 27.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.