Expansion. Vitaly Portnikov. 27.06.2026.

Експансія. Віталій Портников. 27.06.2026.

Russland strebt danach, sich als Imperium wiederherzustellen. Das Imperium muss verschwinden. Der Krieg um die Ukraine ist die letzte Schlacht des Imperiums … Wir wiederholen diese oder ähnliche Sätze so oft, dass wir uns selbst nicht einmal mehr den kleinsten Zweifel am imperialen Charakter des Nachbarstaates lassen. Schließlich hieß dieses Land bis 1917 auf Betreiben Peters I. offiziell Russisches Kaiserreich, und auch die Sowjetunion ließ keinen Zweifel an ihrem imperialen Wesen.

Doch wenn dies ein Imperium ist – vielleicht das letzte kontinentale Imperium, das einfach nicht verschwinden kann –, warum verhält es sich dann so seltsam? Das flächenmäßig größte Land der Welt, dessen außereuropäischer Teil seit Jahrhunderten weitgehend unbesiedelt geblieben ist, kämpft nun schon seit vier Jahren um Awdijiwka oder Kostjantyniwka. Die Ölmilliarden werden vor allem für den Krieg ausgegeben – obwohl Russland nur noch über wenige Regionen verfügt, die den Staat überhaupt ernähren können. 

Gut, mag man sagen, das ist Putins Wahnsinn. Aber auch in den 1990er Jahren, als praktisch überhaupt kein Geld vorhanden war, hielt Russland mit seiner Armee die Kontrolle über Transnistrien oder Abchasien aufrecht und war bereit, den Konflikt mit Itschkerien durch einen blutigen Krieg zu lösen. Und die 1920er Jahre des vergangenen Jahrhunderts! Zerstörung, Hunger, völlige Katastrophe – doch die Rote Armee versucht, die Grenzen des Imperiums wiederherzustellen, und die bolschewistischen Führer kommen buchstäblich bis in die 1940er Jahre nicht zur Ruhe, bis hin zur Annexion Tuwas. Dabei findet in den meisten der annektierten Gebiete keinerlei Entwicklung statt – selbst die Russen beginnen von einem seltsamen Imperium zu sprechen, das gezwungen ist, Geld für das Gestohlene auszugeben.

Russland ist tatsächlich ein seltsames Imperium. In der Weltgeschichte gibt es zwei Typen von Imperien. Der erste ist das „sesshafte“ Imperium, das Truppen aussendet, um fremde Ressourcen zu erlangen – eine Geschichte, die sich vom Römischen Reich bis zum Britischen Empire verfolgen lässt. Der zweite Typ ist das Nomadenimperium, das vor allem um Lebensraum kämpft und Ressourcen nicht in den Vordergrund stellt. Ein anschauliches Beispiel für ein solches Imperium ist die Goldene Horde.

Mit Moskau geschah eine erstaunliche Mutation. Das Moskauer Fürstentum war ein sesshafter Randbezirk eines nomadischen Imperiums und erbte dessen politische Kultur. Der Niedergang der Goldenen Horde begann genau in dem Moment, als sie nicht mehr in der Lage war, sich auf neue Gebiete auszudehnen, und sich buchstäblich zusammenzog, indem sie zugunsten ihrer eigenen Randgebiete zerfiel. 

Als der erfolgreichste und zugleich grausamste Erbe erwies sich ausgerechnet Moskau, dessen gesamte Geschichte eine einzige unaufhaltsame Expansion ist. Sie begann buchstäblich mit den ersten Tagen der Umwandlung des Fürstentums in einen selbstständigen Staat und endete nie – buchstäblich nie. 

Dabei kann man nicht behaupten, die Russen benötigten zusätzlichen Lebensraum – sie sind nicht einmal in der Lage, den europäischen Teil ihres eigenen Landes vollständig zu erschließen; von Sibirien und dem Fernen Osten ganz zu schweigen. 

Ebenso wenig kann man sagen, sie führten einen durchdachten Krieg um Ressourcen. Alles geschieht nach dem Verhaltensmuster der russischen Märchenfigur Jemelja, der seine Karriere macht, ohne seinen heimischen Ofen zu verlassen. Findet man auf einem eroberten Gebiet Erdölvorkommen – wunderbar, dann lebt man vom Öl und baut neue Kanonen und Panzer, um noch mehr zu erobern. Und wenn nicht – auch gut, denn das eroberte Gebiet ist immerhin „viermal so groß wie Frankreich“, also bitteschön! 

Alles muss groß und zugleich sinnlos sein – die Zar-Kanone, die niemals geschossen hat; die Zar-Glocke, die niemals geläutet hat; das Zar-Gebiet, das niemals besiedelt oder erschlossen wurde.

Deshalb glaube ich, dass der eigentliche Sinn gerade in dieser unaufhaltsamen Expansion liegt – und nicht einmal im Imperium selbst. Man muss sich bewegen, um die eigene zivilisatorische Impotenz zu kaschieren, die Unfähigkeit, selbst etwas zu schaffen, die Notwendigkeit, ständig nachzuahmen und zu stehlen. Die Bewegung ermöglicht es, das Gestohlene als das Eigene auszugeben und zugleich andere von der Höhe einer vermeintlichen „moralischen Autorität“ herab zu belehren, die sich nicht einmal auf Qualität, sondern allein auf Größe gründet. 

Deshalb konnte die kommunistische Revolution tatsächlich zuerst in Russland siegen, weil sie dieser Idee der Expansion entsprach und – man sollte das nicht vergessen – eben eine „Weltrevolution“ und keine russische Revolution war. Daher rühren all jene Ungarischen und Bayerischen Räterepubliken. Stalin besiegte den wichtigsten Ideologen der „Weltrevolution“, Trotzki, weil er die Kräfte Sowjetrusslands nüchtern einschätzte und erkannte, dass sie ausreichten, um das alte Imperium unter neuen Parolen wiederherzustellen – nicht aber, um die ganze Welt zu erobern. 

Als die Sowjetunion jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Siegermächten gehörte, begann eine Expansion, der selbst Trotzki applaudiert hätte: Mitteleuropa, China, die Hälfte Koreas, Kuba, später Angola und Mosambik und sogar Äthiopien! 

Alles begann in Afghanistan zusammenzubrechen. Der Grund lag jedoch nicht nur im schlecht durchdachten Krieg, sondern auch darin, dass Moskau sich schlicht als unfähig erwies, die Länder seiner riesigen neuen Einflusssphäre zu entwickeln oder ihre Ressourcen sinnvoll zu nutzen. Es trieb sie in den Niedergang und verfiel selbst – und das Problem war nicht nur der Kommunismus als solcher, sondern gerade Russland. 

Es genügt, den Lebensstandard und die Selbstverwirklichungsmöglichkeiten der Menschen im kommunistischen Jugoslawien unter Marschall Tito mit denen in den benachbarten Ländern des sowjetischen Machtblocks zu vergleichen, um alles zu verstehen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie viele Intellektuelle in der Sowjetzeit zumindest von einem solchen jugoslawischen Sozialismus träumten, ohne zu begreifen, dass das eigentliche Problem im Wesen der russischen Expansion lag – und nicht bloß in der kommunistischen Ideologie.

Eigentlich hätte der Zusammenbruch der Sowjetunion den Russen eine Lehre sein müssen – doch das wurde er nicht! Zunächst bemerkten sie diesen Zusammenbruch überhaupt nicht und glaubten, nun einfach in der GUS zu leben. Und als ihnen schließlich klar wurde, dass sie tatsächlich nur noch in Russland lebten, wollten sie dieses Russland wenigstens bis zu den Grenzen eben jener GUS ausdehnen. 

Die „Unabhängigkeit“ Transnistriens unterstützten die Russen bereits wenige Monate nach dem Zerfall der Sowjetunion. Sie schickten Truppen und „Freiwillige“ in den Kaukasus. Es folgten der Krieg gegen Georgien, die Annexion der Krim, der Krieg gegen die Ukraine – und dabei stiehlt der russische Mensch in Butscha Toilettenschüsseln!

In den letzten Tagen, vor dem Hintergrund der für Moskau unerwarteten Katastrophe auf der Krim, denke ich darüber nach, was sie tun werden, wenn sie zum Stillstand kommen, die Ukraine nicht besiegen können und gezwungen sein werden, ihre Expansion einzustellen. Sind sie überhaupt in der Lage, stehen zu bleiben, wenn die Expansion das Wesen ihrer seltsamen und wilden Zivilisation ist? Was werden sie ohne Expansion tun, wenn doch alles, was sie bisher getan haben, der Expansion diente? Werden sie ihren Hass an den nichtrussischen Völkern auslassen, damit diese versuchen, sich von ihnen abzuspalten und sich neue Möglichkeiten für das „Sammeln russischer Erde“ ergeben? Werden sie sich gegenseitig bekämpfen? Oder werden sie einfach die Zähne zusammenbeißen, so tun, als hätten sie alles verstanden, sich einen neuen jungen Putin suchen und sich auf einen neuen Krieg und eine neue Expansion vorbereiten?


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Експансія. Віталій Портников. 27.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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