Der Kreml verschärft die „Friedensbedingungen“ | Vitaly Portnikov. 02.06.2026.

Um den Krieg zu beenden – sogar innerhalb eines Tages –, müsse der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, seinen Streitkräften den Befehl geben, die russischen Regionen zu verlassen, betont der Pressesprecher des Präsidenten der Russischen Föderation Putin, Dmitri Peskow. Mit den russischen Regionen meint man in Moskau bekanntlich die Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja der Ukraine sowie die Autonome Republik Krim und Sewastopol, die in der Verfassung der Russischen Föderation als Subjekte Russlands verzeichnet sind.

Somit ist Russland der Auffassung, dass nicht seine Truppen die aus Sicht des Völkerrechts und des gesunden Menschenverstands besetzten ukrainischen Gebiete verlassen sollten, sondern im Gegenteil die Streitkräfte der Ukraine den Donbass, das Gebiet Saporischschja und die Region Cherson räumen müssten, damit Putins geopolitische Fantasien verwirklicht werden können – zumindest unter Bedingungen, in denen die russische Armee nicht in der Lage ist, das gesamte Territorium der Ukraine zu besetzen.

Schon als die Russen betonten, dass die ukrainische Armee für den Beginn von Verhandlungen über einen Waffenstillstand die Gebiete Donezk und Luhansk verlassen müsse, stellte ich mir die Frage: Warum sind für den Kreml damals nur Donezk und Luhansk Gegenstand von Verhandlungen über den Frieden gewesen? Warum sollten die Gebiete Saporischschja und Cherson, die von Russland genauso annektiert wurden wie die Gebiete Donezk und Luhansk der Ukraine, nicht ebenfalls jene Territorien sein, aus denen Russland den Abzug ukrainischer Truppen fordert?

Offensichtlich war dies damals Teil irgendwelcher Konsultationen mit der Administration von Präsident Donald Trump. Damit man in Washington die Ansprüche des Kremls nicht für überzogen hielt, entschied man sich, zunächst mit den Gebieten Donezk und Luhansk zu beginnen. Auch deshalb, weil Kramatorsk, Slowjansk und andere Städte des Gebiets Donezk, die unter der Kontrolle der legitimen ukrainischen Regierung stehen, von Russland als befestigte Festungen wahrgenommen wurden, deren Eroberung das Leben vieler russischer Söldner sowie militärischer Ausrüstung kosten würde, die – wie wir verstehen – für Putin weitaus wichtiger ist als das Leben irgendwelcher russischer Bürger, die bereit sind, für Geld unsere Landsleute zu töten.

Doch nun sehen wir, dass Peskow ausspricht, was tatsächlich gemeint ist, da keinerlei echte Verhandlungen mit der Ukraine stattfinden und dieser Verhandlungsprozess für Putin nicht mehr erforderlich ist, um Kontakte mit der Trump-Administration aufrechtzuerhalten. Damit Russland überhaupt über einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front nachdenken kann, muss Putin seinen Landsleuten zumindest den Anschein eines Sieges vermitteln können – davon, dass es Russland gelungen ist, die Kontrolle über sämtliche Gebiete zu erlangen, die nach der Verfassung dieses Landes als russisch erklärt wurden.

Das wäre zumindest eine Art Simulation eines Sieges in einer Situation, in der die Kontrolle über das gesamte Territorium unseres Landes nicht erreicht werden kann. Gleichzeitig besteht natürlich auch der Wunsch, Zwietracht innerhalb der ukrainischen Gesellschaft zu säen, denn die Destabilisierung der Ukraine war und bleibt eine der wichtigsten Aufgaben der russischen politischen Führung.

Man möchte erreichen, dass die Menschen in der Ukraine glauben, es gebe doch Möglichkeiten, den Krieg zu beenden, den Beschuss ukrainischer Städte und die Tötung ukrainischer Bürger zu stoppen. Und diese Möglichkeit bestehe darin, Russland jene ukrainischen Gebiete zu überlassen, auf die es territoriale Ansprüche erhebt und die es in seine Verfassung eingetragen hat – eine Verfassung, die Putin längst zu einem wertlosen Lappen gemacht hat.

Ich würde jedoch nicht empfehlen, die Erklärungen des Kreml-Sprechers oder auch die Aussagen Putins ernst zu nehmen. Man sollte sich immer daran erinnern: Mit einem Menschenfresser kann man über nichts verhandeln. Der Appetit des Menschenfressers wächst beim Essen. Wenn man ihm das Territorium von vier ukrainischen Regionen überlässt, wird er, glauben Sie mir, sofort Pläne zur Eroberung benachbarter ukrainischer Gebiete schmieden. Gibt man ihm diese benachbarten Gebiete, wird er weitergehen.

Genau das ist die klassische Salami-Taktik, an die man sich stets erinnern sollte, wenn wir die Situation im russisch-ukrainischen Krieg diskutieren. Und es ist kein Zufall, dass diese Forderungen gerade jetzt erhoben werden, da die Ukraine den Korridor von Russland zur Krim unter Kontrolle nimmt, da russische Raffinerien und militärisch-industrielle Betriebe angegriffen werden, da Putin trotz neuer Einnahmen aus dem Verkauf russischen Öls katastrophal das Geld für den Krieg ausgeht und es im Interesse des russischen Präsidenten liegt, diesen Krieg aus Sicht der Stabilität seines menschenverachtenden Regimes möglichst schnell zu beenden – allerdings mit einem realen Ergebnis, das man als Sieg darstellen und das die Vorbereitung auf einen neuen Krieg nach der Wiederherstellung russischer Möglichkeiten ermöglichen kann. Und Putin kann durchaus davon ausgehen, dass der Abzug ukrainischer Truppen aus vier Regionen unseres Landes ein Sprungbrett für neue Offensiven schaffen würde.

Deshalb bleibe ich dabei, dass von einem echten Friedensvertrag zwischen Russland und der Ukraine keine Rede sein kann. Ebenso wenig kann man echte Friedensverhandlungen zwischen Moskau und Kyiv erwarten – selbst nicht unter Vermittlung der Administration des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Worauf man hingegen hoffen kann, ist, dass die russischen Truppen zum Stillstand kommen, weil die Reserven des Aggressorstaates erschöpft sein werden. Genau zur Vernichtung dieser Reserven müssen die ukrainischen Streitkräfte arbeiten. Genau zur Vernichtung dieser Reserven müssen die ukrainischen Diplomaten arbeiten, indem sie Voraussetzungen für neue verheerende Sanktionen gegen die Wirtschaft der Terrorföderation schaffen.

Und natürlich wird es in dieser Situation keinen Truppenabzug geben. Möglich wäre vielmehr ein Waffenstillstand entlang der Kontaktlinie der verfeindeten Armeen, verbunden mit einer ernsthaften weiteren Arbeit zur Verhinderung eines neuen Angriffs der Russischen Föderation durch die Umwandlung der Ukraine in einen echten Festungsstaat.

All das liegt noch vor uns, wenn es gelingt, die russische Armada heute aufzuhalten. Dem Menschenfresser zu geben, was er verschlingen will, wäre nicht der Weg zum Ende des Konflikts, sondern die schlechteste denkbare Form seiner Fortsetzung.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Кремль посилює «умови миру» | Віталій Портников. 02.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 02.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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3 Kommentare

  1. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

    Sehr geehrte Frau Limbach,
    Sehr geehrter Herr Portnikov,
    vielen Dank für Ihren engagierten Beitrag. Ihre Analyse macht deutlich, wie groß das Misstrauen gegenüber den Absichten des Kremls ist und wie tief die Wunden dieses Krieges reichen. Die wiederholten russischen Forderungen nach ukrainischen Gebietsabtretungen erscheinen aus ukrainischer Sicht nachvollziehbarerweise als inakzeptabel und stehen im Widerspruch zu den Grundsätzen der territorialen Integrität und des Völkerrechts.
    Dennoch möchte ich einige kritische Anmerkungen machen.
    Ihr Beitrag bewegt sich stellenweise weniger auf der Ebene politischer Analyse als auf der Ebene moralischer Verurteilung. Begriffe wie „Menschenfresser“ mögen die Empörung vieler Leser widerspiegeln, erschweren aber eine nüchterne Betrachtung der politischen Realität. Geschichte und Diplomatie zeigen, dass selbst zwischen erbitterten Kriegsgegnern Verhandlungen möglich und oft notwendig sind. Frieden entsteht selten zwischen Freunden, sondern meistens zwischen Feinden.
    Zudem bleibt offen, ob die These einer ausschließlich expansiven russischen Strategie tatsächlich als gesicherte Tatsache gelten kann oder eher eine plausible, aber letztlich nicht beweisbare Prognose darstellt. Ebenso sollte bedacht werden, dass eine dauerhafte militärische Lösung gegen eine Atommacht erhebliche Risiken birgt und die Fortsetzung des Krieges ebenfalls einen hohen menschlichen Preis fordert.
    Unbestritten ist, dass die Annexion der Krim sowie der ukrainischen Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja international überwiegend nicht anerkannt wird und die große Mehrheit der Staaten diese Territorien weiterhin als Teil der Ukraine betrachtet. Ebenso unbestritten ist jedoch, dass ein dauerhafter Frieden nur dann möglich sein wird, wenn ein Weg gefunden wird, der Sicherheit, Gerechtigkeit und die legitimen Interessen der betroffenen Menschen miteinander verbindet.
    Gerade deshalb erscheint es wichtig, zwischen berechtigter Kritik an der russischen Politik und einer Sprache zu unterscheiden, die den politischen Gegner vollständig dämonisiert. Je länger ein Krieg dauert, desto größer wird die Gefahr, dass die Logik des Konflikts die Logik des Friedens verdrängt.
    Mit freundlichen Grüßen

    Ein interessierter Leser

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    1. Betrachten Sie „Menschenfresser“ in diesem Fall als wissenschaftliche Terminologie

      Ich habe mal ein Gedicht eines russischen Autors übersetzt:

      Lernen Sie kennen: das ist Vera Petrowna – sie ist eine Menschenfresserin.
      Und nicht so, dass Vera Petrowna Menschen zum Mittagessen kocht – nein!
      Und nicht so, dass Vera Petrowna nachts heimlich schleicht,
      Mit dem Messer spielt, mit dem Stock klopft, mit dem Zahn fletscht
      – Wiederum nein! Es nämlich so, dass sie wie eine Blume wächst :
      Wenn der Ostwind weht neigt sie sich nach West.
      Wenn der Westwind weht – nach Osten,
      Und, was am wichtigsten ist,
      Dass in diesen Momenten Vera Petrowna noch keinen frisst.
      Doch wenn der Chef – egal ob groß oder nicht –
      Öffentlich über Frieden und Glück spricht und ein besonderes Signal gibt,
      Ein Zeichen – dann versteht Vera Petrowna es sofort.
      Und dann richten sich ihre Schulter auf, ihr Auge leuchtet rot,
      Ein religiöses Gefühl wächst, Klassenhass, mädchenhafte Ehre –
      Und sie beginnt zu suchen, wer zu verschlingen wäre.
      Entdeckt sie einen feindseligen Blick, eine giftige Zunge, falsche Vibration,
      Schreibt die einfältige Vera Petrowna eine Denunziation,
      Die raffinierte Vera Petrowna schreibt eine Abhandlung oder einen Artikel
      Mit dem vielversprechenden Titel:
      „Die vollständigste Liste von Empfehlungen
      ………………………..zur Erkennung und Verhinderung der Aktivitäten ………………………..politisch schädlicher Elemente,
      ………………………..die Russland daran hindern, sich zu erheben und im Paradies zu leben.“
      Und die allerklügste Vera Petrowna weiß, dass Menschenfleisch hat einen Preis,
      Und sucht sich Arbeit bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft, dem Gericht –
      Dort ist das Fleisch frischer, die Lieferungen zuverlässiger und alles vernünftig ist;
      Und überhaupt, in der Gemeinschaft zu essen, ist gesünder als allein,
      Wofür es viele Beispiele gibt – in jedem Land, zu jeder Zeit allgemein.
      Und die Sauce, unter der Menschenfleisch am süßesten schmeckt,
      Wird gemäß der Epoche immer von neu entdeckt,
      Weil die Normen und Parameter für die Beschaffung von Menschenfleisch
      Überarbeitet werden und bleiben nicht immer gleich.
      Aber dann ändern sich die Zeiten,
      Die Behörden geben das Signal zum Schluss.
      Vera Petrowna lässt Schultern hängen,
      ihr rotes Auge erblasst
      Und wird blau oder braun, wie es ursprünglich war.
      Die Gefühle, der Hass, die Ehre kühlen auf einmal ab.
      Der Mensch sieht wieder so aus wie zuvor.
      Und ich fahre mit Vera Petrowna im Bus, sie erzählt mir davon–
      Dass die Radieschen dieses Jahr nichts taugen, aber die Kartoffeln gut sind,
      Dass der Dezember schneefrei wird.
      Und dann sehe ich, sie schaut irgendwie seltsam,
      Als ob sie versucht, durch meinen Mantel zu schauen,
      Welchen Teil von mir – für den Braten, welchen – für die Suppe taugt.
      „Mit Fleisch ist es jetzt auch nicht einfach“, sagt sie, „man findet es kaum“.
      Ich öffne den Mund. Was soll ich sagen –
      Ich weiß es nicht,
      wohin soll ich rennen, habe ich keine Ahnung.
      Der Motor brummt, das Herz klopft, der Bus langsam kriecht,
      Und in Vera Petrownas Auge brennt ein blutrotes Licht.

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      1. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

        Liebe Frau Limbach,

        vielen Dank für die Veröffentlichung dieser eindrücklichen Übersetzung. Das Gedicht zeichnet mit großer sprachlicher Kraft einen Typus von Mensch nach, der sich opportunistisch den jeweils herrschenden Machtverhältnissen anpasst und bereit ist, an Ausgrenzung, Verfolgung oder Vernichtung anderer mitzuwirken. Die Figur der Vera Petrowna steht dabei offensichtlich nicht für eine einzelne Person, sondern für ein wiederkehrendes gesellschaftliches Phänomen, das in unterschiedlichen politischen Systemen und Epochen anzutreffen ist.

        Gerade deshalb erscheint mir die Verwendung des Begriffs „Menschenfresser“ als literarische und metaphorische Zuspitzung nachvollziehbar. Sie verweist nicht auf tatsächlichen Kannibalismus, sondern auf die Bereitschaft, die Würde, Freiheit oder sogar das Leben anderer Menschen den Interessen der Macht zu opfern. In diesem Sinne besitzt der Begriff eine lange Tradition in Literatur, Philosophie und politischer Kritik.

        Gleichzeitig halte ich es für wichtig, die Grenzen solcher Metaphern im Blick zu behalten. Wenn politische oder gesellschaftliche Gegner als „Menschenfresser“ bezeichnet werden, besteht die Gefahr, dass komplexe menschliche Motive und Verantwortlichkeiten auf ein einziges, stark moralisierendes Bild reduziert werden. Die Geschichte zeigt, dass Entmenschlichung nicht nur von Tätern ausgehen kann, sondern auch in der Sprache ihrer Kritiker entstehen kann. Eine kritische Auseinandersetzung gewinnt oft an Überzeugungskraft, wenn sie zwischen schuldhaftem Handeln und der bleibenden menschlichen Würde der handelnden Personen unterscheidet.

        Besonders nachdenklich stimmt mich die letzte Szene im Bus. Dort wird deutlich, dass Vera Petrowna keine außergewöhnliche Gestalt ist, sondern eine scheinbar ganz gewöhnliche Nachbarin. Gerade diese Banalität macht das Gedicht so beklemmend. Es erinnert daran, dass die Bereitschaft zur Denunziation, zur Anpassung an Macht und zur Ausgrenzung anderer nicht nur ein Problem „der anderen“ ist, sondern eine Versuchung, die jede Gesellschaft und möglicherweise jeden Menschen betrifft.

        In diesem Sinne lese ich das Gedicht weniger als Anklage gegen bestimmte Personen oder Völker, sondern als Warnung vor den Mechanismen von Konformismus, ideologischer Verblendung und moralischer Selbstrechtfertigung. Darin liegt seine bleibende Aktualität.

        Vielen Dank für die Übersetzung und die Anregung zum Nachdenken.

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