Die Helden von heute, die Verbrecher von morgen? Der Fall Hashim Thaçi. Vitaly Portnikov. 20.09.2026.

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Im Sommer 1989 kam ich nach Pristina, nicht nur, um den Kosovo zu sehen, sondern auch, um den Führer der Kosovo-Albaner Ibrahim Rugova kennenzulernen.

Heute ist es schon schwer, sich daran zu erinnern, wie sporadisch und zufällig Informationen in Zeiten ohne Internet waren, erst recht hinter dem sowjetischen „Eisernen Vorhang“, selbst in den Jahren der Perestroika. Die Bedeutung von Rugovas Persönlichkeit und die Notwendigkeit, ihn kennenzulernen, begriff ich nur deshalb, weil ich auf sein Interview mit der slowenischen Jugendzeitschrift „Mladina“ stieß – Slowenien war damals wohl die einzige jugoslawische Republik, die es sich erlauben konnte, ein Gespräch mit einem Dissidenten aus Pristina zu führen.

Rugova, ein albanischer Literaturwissenschaftler und Vorsitzender des Schriftstellerverbands des Kosovo, erinnerte mich an ukrainische Literaten, die sich schon damals darauf vorbereiteten, die Volksbewegung Ruch zu gründen – ihr erster Kongress sollte buchstäblich wenige Wochen nach unserem Treffen in Pristina stattfinden. Wir gingen durch das Stadion neben dem kleinen Häuschen des Schriftstellerverbands, und Rugova erzählte, wie er die Zukunft des Kosovo und Albaniens sah. Damals erschien mir dieses Gespräch allzu romantisch. In Albanien herrschte noch immer ein brutales kommunistisches Regime. Im Kosovo hatte Miloševićs Regime eine regelrechte Apartheid geschaffen und Serben und Albaner durch unsichtbare Grenzen voneinander getrennt. Rugovas Zuversicht in die Zukunft war faszinierend.

Noch erstaunlicher aber war der Glaube dieses eleganten Mannes mit seinem unverkennbaren Halstuch an die Kraft des gewaltlosen Widerstands. Als Antwort auf die Repressionen Belgrads schuf Rugova im Kosovo einen regelrechten Parallelstaat – mit eigenen Universitäten, Schulen, Krankenhäusern und sogar Entbindungskliniken. Milošević wusste diese Bereitschaft des Führers der Kosovo-Albaner zum Gewaltverzicht jedoch nicht zu schätzen. Mehr noch, er provozierte die Situation bewusst, weil er glaubte, die Konfrontation stärke nur seine Macht.

Es überrascht nicht, dass auch die jungen Albaner ihren Führer für einen Romantiker hielten und nicht an gewaltlosen Widerstand glaubten – so entstand die Kosovo-Befreiungsarmee und so trat Hashim Thaçi auf den Plan, der in seiner Jugend Rugovas Ideen leidenschaftlich unterstützt hatte, später jedoch von ihnen enttäuscht wurde. Als ich Rugova kennenlernte, war Hashim Thaçi so alt wie ich – etwas über zwanzig. Zehn Jahre später würde die ganze Welt über ihn sprechen, und Belgrad würde ihn zum wichtigsten Kriegsverbrecher und Terroristen erklären. Mit der Kosovo-Befreiungsarmee, der UÇK (Ushtria Çlirimtare e Kosovës), würden serbische Mütter ihren Kindern Angst machen – und dabei Gespräche darüber vermeiden, was die Serben den Albanern antaten, und zwar nicht Kämpfer einer illegalen Armee, sondern völlig legal agierende Soldaten und Polizisten.

Dass ein derart zermürbender Konflikt, noch dazu auf einem kleinen Territorium, zwangsläufig zu Kriegsverbrechen auf beiden Seiten führen musste, braucht meiner Ansicht nach nicht erklärt zu werden. Doch die Kosovaren haben bei allem tiefen Respekt vor Rugova für immer im Gedächtnis behalten, dass es Thaçi war, der beschloss, sie mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. An dieser Wahrnehmung änderten auch die Konflikte nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nichts, als Thaçi – der sowohl Ministerpräsident als auch Präsident des neuen Staates gewesen war – zu einem aktiven Teilnehmer der permanenten Konflikte innerhalb der neuen politischen Elite wurde.

Anders als die Führer der bosnischen Serben, die erst viele Jahre nach ihrer Anklage gefunden wurden, versteckten sich die Politiker des Kosovo nicht vor dem internationalen Tribunal. Thaçi trat sogar vom Amt des Präsidenten zurück, um sich vor diesem Tribunal zu verteidigen. Doch er verlor den Prozess – was im Kosovo unglaubliche Wut auslöste. Und das, obwohl man im Westen dem Überlebenskampf der Kosovo-Albaner stets mit Sympathie begegnet war und Thaçi ein Partner und besonderer Günstling führender westlicher Politiker gewesen war.

Rugova – das spürte man im Gespräch mit ihm – behandelte die Kosovaren wie seine eigenen Kinder. Thaçi war der Ansicht, seine Landsleute müssten gemeinsam mit ihm kämpfen. Rugova wollte leidenschaftlich die Ehre der Albaner schützen und verhindern, dass ihre Hände mit Blut befleckt würden. Als Milošević beschloss, die Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben, fuhr Rugova nach Belgrad, um den Diktator davon zu überzeugen, diesen fatalen Schritt nicht zu tun. Das war ein Schlag für seine Reputation – aber offenbar interessierte ihn weniger seine eigene Reputation als das Überleben der Nation. 

Thaçi sah den Weg zu diesem Überleben im Widerstand, im Krieg. Und Krieg ist immer eine schmutzige Angelegenheit. Natürlich würde man gerne nur so siegen, wie Ibrahim Rugova es anstrebte. Aber wenn man versucht, dich buchstäblich vom Erdboden zu tilgen, musst du einfach so antworten wie Hashim Thaçi.

Das Urteil gegen den ehemaligen Kommandeur der Kosovo-Befreiungsarmee erinnerte mich an das Schicksal der Anführer der ukrainischen Befreiungskämpfe, mit deren Namen andere Mütter ihren Kindern bis heute Angst machen. Aber das ist nicht nur eine Erfahrung der Vergangenheit, sondern auch eine Frage unserer gemeinsamen Zukunft: Werden diejenigen, die uns heute helfen, morgen vielleicht unsere Helden verurteilen?


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 20.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Vučić benutzte Zelensky | Vitaly Portnikov. 12.06.2025.

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić, der zum ersten Mal seit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine unser Land besuchte, als er am Gipfeltreffen Ukraine-Südosteuropa in Odessa teilnahm, sagt jetzt, er habe Russland nicht verraten, weil er dem Schlussdokument dieses Forums, das die russische Aggression verurteilt, nicht beigetreten sei.

Es ist nicht das erste Mal, dass Vučić ein solches Dokument nicht unterzeichnet. Bei allen vorherigen Foren, an denen er teilgenommen hat, hat er dies bereits getan und sich dem Urteil der russischen Aggression nie angeschlossen.

Als neu in dieser Situation kann man wohl nur betrachten, dass Vučić nicht nur nicht der Erklärung des Forums beigetreten ist, sondern sich auch geweigert hat, der Gefallenen ukrainischen Verteidiger zu gedenken, als er nach Odessa kam.

Kyiv ging auf beispiellose diplomatische Zugeständnisse ein. Und jetzt spricht der serbische Präsident völlig zu Recht von seinem eigenen Sieg. Die Ukraine beschloss, keine Vertreter der Republik Kosovo zu dem Forum einzuladen, die an früheren Veranstaltungen teilgenommen hatten. 

Ja, die Ukraine und Kosovo haben keine diplomatischen Beziehungen. Aber Kosovo unterstützt im Gegensatz zu Serbien die Ukraine konsequent im Widerstand gegen die russische Aggression und verurteilt die Aktionen Russlands gegen unser Land. Die Ukraine und Kosovo haben einen gemeinsamen Feind. 

Serbien hingegen bleibt ein loyaler Verbündeter Moskaus. Und das hat Aleksandar Vučić immer wieder betont, der kurz vor seiner Ankunft in Odessa alles getan hat, um die Lieferung von Waffen, die in Serbien für die Bedürfnisse der ukrainischen Streitkräfte hergestellt werden, zu stoppen.

Niemand zwingt die Ukraine, angesichts dieser schwierigen Situation, in der sich unser Staat befindet, jetzt diplomatische Beziehungen mit dem Kosovo aufzunehmen. Doch die Anwesenheit der kosovarischen Präsidentin Vjosa Osmani auf dem vorherigen Gipfel der Staats- und Regierungschefs Südosteuropas mit dem Präsidenten der Ukraine hat, wie wir sehen, niemanden beunruhigt, nicht einmal den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić, der nach Dubrovnik in Kroatien gekommen war, um an der vorherigen Sitzung teilzunehmen und traditionell die Unterzeichnung der Schlussfolgerungserklärung zu verweigern.

Und jetzt hat die Ukraine gezeigt, dass die ukrainische Diplomatie zu Gunsten von Vučićs Besuch in Odessa den Bedingungen der serbischen Diplomatie zustimmen kann, aber nichts Reales erhält. Vielmehr demütigt sie sich, damit eine Person, die sich ihrer Sympathien für den Kreml nicht schämt und diese Vorurteile ihrer eigenen Gesellschaft nutzt, um ihre fast autokratische Macht zu erhalten, gute diplomatische Ergebnisse erzielen kann.

Nur um Vučić nach Odessa zu bringen, haben wir beschlossen, unsere eigene Vorstellung davon zu opfern, wie die Beziehungen zwischen der Ukraine und anderen Ländern Südosteuropas gestaltet werden sollen, denn wir verstehen sehr wohl, dass die Abwesenheit von Vertretern des Kosovo auf diesem Treffen anderen Ländern der Region nicht verborgen geblieben ist. Und natürlich ist es auch Führern wie Viktor Orbán oder Robert Fico nicht verborgen geblieben, die bereits verstanden haben, wie man Zugeständnisse von der Ukraine erhalten kann.

Auf dem Gipfel selbst verhielt sich Vučić noch blasphemischer. Der serbische Präsident versprach, dass sein Land der Ukraine weiterhin humanitäre Hilfe leisten werde. So, als ob es sich um einen Staat handeln würde, der sich nicht selbst mit Nahrungsmitteln oder Waren versorgen kann. Und er werde auch an der Wiederherstellung einer ukrainischen Stadt oder einer kleinen Region teilnehmen. 

Die Tatsache, dass diese Stadt oder Region von denselben Russen zerstört wird, mit denen Vučić weiterhin gute Beziehungen pflegen möchte, erwähnte der serbische Präsident nicht. Russland, das dieselbe Region oder dieselbe Stadt zerstört, die die Serben wiederherstellen wollen. Er sieht sich nicht als an den zahlreichen Verbrechen auf ukrainischem Boden beteiligt. 

Und noch ein ziemlich wichtiger Punkt. Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky betrachtet die Tatsache, dass Aleksandar Vučić Odessa besucht hat, als positiv, weil er den Krieg mit eigenen Augen gesehen hat. 

Das ist jedoch meiner Meinung nach auch eine sehr zweifelhafte These. Im Gegensatz zu Volodymyr Zelensky, der wie alle ukrainischen Bürger zum ersten Mal im 2014, als der russisch-ukrainische Konflikt begann, mit dem Krieg konfrontiert wurde, und die große Kriegsführung direkt vor seinen Fenstern erst nach Februar 2022 sah, als der Präsident der Russischen Föderation, Vučićs Freund Wladimir Putin, die Entscheidung über einen großen Vernichtungskrieg gegen das Nachbarland traf, hat Aleksandar Vučić den Krieg schon lange gesehen. Auf dem Boden des ehemaligen Jugoslawiens. 

Ja mehr noch, er war einer von denen, die erklärten, wie richtig dieser Krieg sei, denn er war eine Art Pressesprecher in der Regierung des serbischen Diktators Slobodan Milošević, Initiator und Anstifter zahlreicher Kriege auf dem jugoslawischen Gebiet. Und nichts hat Vučić damals gestört. 

Weder die Bombardierung Dubrovniks noch die Vernichtung der Zivilbevölkerung in Bosnien und Herzegowina, noch die Kriege in Kroatien und Bosnien und Herzegowina. All dies erklärte der Informationsminister in der Regierung von Slobodan Milošević ungefähr so, wie jetzt Dmitri Peskov die Notwendigkeit, ukrainische Städte und Dörfer zu zerstören erklärt, dieselben, die Aleksandar Vučić wiederaufbauen will.

Und ich spreche noch gar nicht davon, dass Aleksandar Vučić als Vertreter der serbischen Regierung die NATO-Operation gegen das ehemalige Jugoslawien beobachtet hat, als die zivilisierte Welt den Genozid am Volk des Kosovo beendete. Derselbe Genozid, der später zur Unabhängigkeitserklärung eines Landes führte, mit dem die Ukraine keine diplomatischen Beziehungen unterhält, das aber die Ukraine im Widerstand gegen die russische Aggression weiterhin unterstützt.

Aleksandar Vučić muss sich also nicht mit dem Krieg vertraut machen. Er ist ein alter Bekannter seiner politischen Jugend, die kaum ein Vorbild für einen ukrainischen Politiker sein kann.

Die Ergebnisse des Besuchs des serbischen Präsidenten in Odessa sollten jedoch noch einmal bewertet und überprüft werden. Ob wirklich ein Staatschef, der für seine Sympathien für den Kreml bekannt ist und bereit ist, auf jede Einladung Putins nach Moskau zu kommen, diplomatische Vorteile dafür erhalten sollte, dass er bereit ist, ukrainischen Boden zu betreten.