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Im Sommer 1989 kam ich nach Pristina, nicht nur, um den Kosovo zu sehen, sondern auch, um den Führer der Kosovo-Albaner Ibrahim Rugova kennenzulernen.
Heute ist es schon schwer, sich daran zu erinnern, wie sporadisch und zufällig Informationen in Zeiten ohne Internet waren, erst recht hinter dem sowjetischen „Eisernen Vorhang“, selbst in den Jahren der Perestroika. Die Bedeutung von Rugovas Persönlichkeit und die Notwendigkeit, ihn kennenzulernen, begriff ich nur deshalb, weil ich auf sein Interview mit der slowenischen Jugendzeitschrift „Mladina“ stieß – Slowenien war damals wohl die einzige jugoslawische Republik, die es sich erlauben konnte, ein Gespräch mit einem Dissidenten aus Pristina zu führen.
Rugova, ein albanischer Literaturwissenschaftler und Vorsitzender des Schriftstellerverbands des Kosovo, erinnerte mich an ukrainische Literaten, die sich schon damals darauf vorbereiteten, die Volksbewegung Ruch zu gründen – ihr erster Kongress sollte buchstäblich wenige Wochen nach unserem Treffen in Pristina stattfinden. Wir gingen durch das Stadion neben dem kleinen Häuschen des Schriftstellerverbands, und Rugova erzählte, wie er die Zukunft des Kosovo und Albaniens sah. Damals erschien mir dieses Gespräch allzu romantisch. In Albanien herrschte noch immer ein brutales kommunistisches Regime. Im Kosovo hatte Miloševićs Regime eine regelrechte Apartheid geschaffen und Serben und Albaner durch unsichtbare Grenzen voneinander getrennt. Rugovas Zuversicht in die Zukunft war faszinierend.
Noch erstaunlicher aber war der Glaube dieses eleganten Mannes mit seinem unverkennbaren Halstuch an die Kraft des gewaltlosen Widerstands. Als Antwort auf die Repressionen Belgrads schuf Rugova im Kosovo einen regelrechten Parallelstaat – mit eigenen Universitäten, Schulen, Krankenhäusern und sogar Entbindungskliniken. Milošević wusste diese Bereitschaft des Führers der Kosovo-Albaner zum Gewaltverzicht jedoch nicht zu schätzen. Mehr noch, er provozierte die Situation bewusst, weil er glaubte, die Konfrontation stärke nur seine Macht.
Es überrascht nicht, dass auch die jungen Albaner ihren Führer für einen Romantiker hielten und nicht an gewaltlosen Widerstand glaubten – so entstand die Kosovo-Befreiungsarmee und so trat Hashim Thaçi auf den Plan, der in seiner Jugend Rugovas Ideen leidenschaftlich unterstützt hatte, später jedoch von ihnen enttäuscht wurde. Als ich Rugova kennenlernte, war Hashim Thaçi so alt wie ich – etwas über zwanzig. Zehn Jahre später würde die ganze Welt über ihn sprechen, und Belgrad würde ihn zum wichtigsten Kriegsverbrecher und Terroristen erklären. Mit der Kosovo-Befreiungsarmee, der UÇK (Ushtria Çlirimtare e Kosovës), würden serbische Mütter ihren Kindern Angst machen – und dabei Gespräche darüber vermeiden, was die Serben den Albanern antaten, und zwar nicht Kämpfer einer illegalen Armee, sondern völlig legal agierende Soldaten und Polizisten.
Dass ein derart zermürbender Konflikt, noch dazu auf einem kleinen Territorium, zwangsläufig zu Kriegsverbrechen auf beiden Seiten führen musste, braucht meiner Ansicht nach nicht erklärt zu werden. Doch die Kosovaren haben bei allem tiefen Respekt vor Rugova für immer im Gedächtnis behalten, dass es Thaçi war, der beschloss, sie mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. An dieser Wahrnehmung änderten auch die Konflikte nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nichts, als Thaçi – der sowohl Ministerpräsident als auch Präsident des neuen Staates gewesen war – zu einem aktiven Teilnehmer der permanenten Konflikte innerhalb der neuen politischen Elite wurde.
Anders als die Führer der bosnischen Serben, die erst viele Jahre nach ihrer Anklage gefunden wurden, versteckten sich die Politiker des Kosovo nicht vor dem internationalen Tribunal. Thaçi trat sogar vom Amt des Präsidenten zurück, um sich vor diesem Tribunal zu verteidigen. Doch er verlor den Prozess – was im Kosovo unglaubliche Wut auslöste. Und das, obwohl man im Westen dem Überlebenskampf der Kosovo-Albaner stets mit Sympathie begegnet war und Thaçi ein Partner und besonderer Günstling führender westlicher Politiker gewesen war.
Rugova – das spürte man im Gespräch mit ihm – behandelte die Kosovaren wie seine eigenen Kinder. Thaçi war der Ansicht, seine Landsleute müssten gemeinsam mit ihm kämpfen. Rugova wollte leidenschaftlich die Ehre der Albaner schützen und verhindern, dass ihre Hände mit Blut befleckt würden. Als Milošević beschloss, die Albaner aus dem Kosovo zu vertreiben, fuhr Rugova nach Belgrad, um den Diktator davon zu überzeugen, diesen fatalen Schritt nicht zu tun. Das war ein Schlag für seine Reputation – aber offenbar interessierte ihn weniger seine eigene Reputation als das Überleben der Nation.
Thaçi sah den Weg zu diesem Überleben im Widerstand, im Krieg. Und Krieg ist immer eine schmutzige Angelegenheit. Natürlich würde man gerne nur so siegen, wie Ibrahim Rugova es anstrebte. Aber wenn man versucht, dich buchstäblich vom Erdboden zu tilgen, musst du einfach so antworten wie Hashim Thaçi.
Das Urteil gegen den ehemaligen Kommandeur der Kosovo-Befreiungsarmee erinnerte mich an das Schicksal der Anführer der ukrainischen Befreiungskämpfe, mit deren Namen andere Mütter ihren Kindern bis heute Angst machen. Aber das ist nicht nur eine Erfahrung der Vergangenheit, sondern auch eine Frage unserer gemeinsamen Zukunft: Werden diejenigen, die uns heute helfen, morgen vielleicht unsere Helden verurteilen?
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 20.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.