Das NABU durchsucht Minditsch und Haluschtschenko. Vitaly Portnikov. 10.11.2025.

Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) berichtet über eine groß angelegte Operation, die mit systematischer Korruption im Energiesektor in Verbindung steht. Journalistischen Quellen zufolge werden Durchsuchungen beim bekannten Geschäftsmann und Miteigentümer der Firma Kvartal 95, Tymur Minditsch, durchgeführt. Offensichtlich hat er das Territorium der Ukraine kurz vor diesen Durchsuchungen verlassen. Durchsucht wird auch das Eigentum des ukrainischen Justizministers und ehemaligen Energieministers Herman Haluschtschenko.

Diese Operation findet vor dem Hintergrund russischer Versuche statt, die ukrainische Energieversorgung zu zerstören, sowie im Zusammenhang mit der Affäre um den ehemaligen Leiter des staatlichen Energiekonzerns Ukrenergo, Kudryzkyj, den Präsident Volodymyr Zelensky persönlich der mangelnden Vorbereitung des Energiesektors auf russische Angriffe beschuldigte. Nun wird klar, warum die Regierung mit solcher Hartnäckigkeit versucht hat, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft von der Generalstaatsanwaltschaft abhängig zu machen und diese unabhängigen Institutionen in die Machtvertikale einzubauen.

Bekanntlich verhinderten nur der energische Protest der westlichen Partner der Ukraine – sowie die Proteste in Kyiv selbst dieses Vorhaben. Es waren die ersten Massenproteste seit Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine.

Offensichtlich war vielen in der Regierung das Ausmaß dieses Falles bewusst, dessen Zeugen wir jetzt werden und der sich zu einem regelrechten politischen Erdbeben entwickelt. Für viele Ukrainer könnte sich dieses Erdbeben in den kommenden Wintermonaten zudem als ein energiepolitisches erweisen.

An dieser Stelle möchte ich nicht auf die Details dieses Falls eingehen. Ich denke, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch viel darüber erfahren werden. Ich möchte stattdessen auf meine eigene Haltung aufmerksam machen, die ich über viele schwierige Jahre für den ukrainischen Staat und das ukrainische Volk hinweg stets verteidigt habe.

Der erste Punkt betrifft die Bedeutung von Professionalität. Man kann sich ein unprofessionelles Staatsmanagement nur dann leisten, wenn das Land weder durch Krieg noch durch eine Verschärfung der Beziehungen zu Nachbarn bedroht ist – insbesondere zu solchen Nachbarn, deren Ziel es ist, unsere Staatlichkeit auf jede erdenkliche Weise zu zerstören, sei es militärisch, wirtschaftlich oder politisch.

Und als viele Menschen nach 2014 und natürlich auch nach 2019 die Bedeutung von Professionalität ignorierten oder meinten, man könne diesem oder jenem Präsidentschaftskandidaten oder Bürger, der ein Abgeordnetenmandat anstrebt, die Chance geben, das Regieren erst zu erlernen, versuchte ich zu warnen: Während jemand versucht, Politik zu lernen – was man im Übrigen gar nicht lernen kann –, könnte es sein, dass ihr den nächsten Tag gar nicht mehr erlebt.

Genau deshalb habe ich im Jahr 2022, als der große Krieg Russlands gegen die Ukraine begann, auf der Bildung einer Regierung der nationalen Einheit bestanden. Ich betonte, dass die damalige Regierung, die sich vor allem auf die Sympathien der Menschen und auf das Unverständnis der Mehrheit unserer Mitbürger stützte, dass unprofessionelle Staatsführung zwangsläufig in eine Krise und eine Sackgasse führt, dringend eine Injektion von Professionalität benötigte – schlichtweg, um das physische Überleben unserer Mitbürger, unser aller Überleben, in diesem großen Krieg zu sichern.

Und der dritte Punkt, den ich immer wieder betone: Es ist sinnlos, sich auf Wahlen vorzubereiten, solange es keine realistischen Aussichten auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges gibt – und damit auch keine Perspektive für irgendeine Wahl in absehbarer Zeit. Denn der russische Machthaber ist entschlossen, sein finsteres Werk bis zum Ende zu führen – bis zum Ende der Ukraine, bis zum Ende des ukrainischen Volkes.

Dem kann man nur mit professioneller Staatsführung entgegentreten. Nicht mit Emotionen, nicht mit Vertrauen in enge Vertraute, nicht mit der Hoffnung, dass sich alles irgendwie von selbst löst, nicht durch den Heroismus der Menschen – der früher oder später nachlässt oder erschöpft ist –, sondern durch Professionalität und durch das Verständnis, wie man einen demokratischen Staat unter den Bedingungen eines anhaltenden Krieges und ständiger gesellschaftlicher Belastungen führt.

Bedeutet das, dass die Ukraine ohne solch professionelles Management – und damit mit wachsenden Korruptionsrisiken – keine Chance hat, auf der politischen Weltkarte zu bleiben, und dass das ukrainische Volk keine Chance hat, auf der ethnografischen Landkarte zu überleben? Nein. Zu unserem großen Glück ist die Ukraine Teil der zivilisierten Welt. Teil des Westens. Und die Sichtweise dieser westlichen Welt hat nach wie vor entscheidende Bedeutung für das Funktionieren des ukrainischen Staates.

Ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten und der europäischen Länder gäbe es den ukrainischen Staat schon seit Jahren nicht mehr auf der politischen Landkarte. Denn wir sind ein Land mit 20 bis 30 Millionen Einwohnern, das gegen eine 140-Millionen-Atommacht kämpft. Und das muss man begreifen, um keine Illusionen zu haben. 

Die Tatsache, dass wir Teil des Westens sind, hilft uns, ein gewisses Gleichgewicht in diesem ungleichen Krieg zu bewahren. Daher bestehen in diesem Krieg nach wie vor Chancen, zumindest zu überleben, die Staatlichkeit zu erhalten und einen großen Teil der Bevölkerung in den traditionellen ukrainischen Siedlungsgebieten zu bewahren.

Doch wenn die Kampfhandlungen eines Tages enden – und das wird, ob in den 2020er oder 2030er Jahren, unweigerlich geschehen –, wird die Frage der professionellen Staatsführung, der nationalen Einheit und der Injektion von Professionalität in die populistischen Ansätze für die Zukunft des ukrainischen Staates erneut aufkommen. Denn weitere Experimente mit der ukrainischen Staatlichkeit, an denen Bürger teilnehmen, die die Komplexität und Schwierigkeit staatlicher Führung nicht verstehen, könnte die ukrainische Staatlichkeit womöglich nicht noch einmal überleben.

Mit jedem neuen Jahr wird das Niveau der Herausforderungen immer höher und schwieriger – sowohl für diejenigen, die dieses Land führen, als auch für alle, die in diesem Land leben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: НАБУ обшукує Міндіча і Галущенка | Віталій Портников. 10.11.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.11.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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