Das Nationale Antikorruptionsbüro hat dem ehemaligen Minister für Energie und Justiz der Ukraine, Herman Galuštschenko, kurz nach seinem gescheiterten Versuch, die Ukraine zu verlassen, einen Tatverdacht zugestellt. Es geht dabei sowohl um die Beteiligung an der Bildung einer kriminellen Organisation als auch um Beihilfe zur Geldwäsche illegal erlangter Mittel.
Konkret ist von der Einrichtung eines Trusts die Rede, der Bedingungen schaffen sollte, um Dutzende Millionen Dollar zu waschen. Es geht unter anderem um den Erhalt von 112 Millionen. Und es handelt sich um einen hochrangigen Amtsträger, ein Mitglied des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, um einen Menschen, der über mehrere Jahre hinweg eine für den Staat strategisch äußerst wichtige Branche wie die Energieversorgung leitete. Und was Energie für einen Staat bedeutet, das haben wir in diesem schwierigen Winter sehr deutlich zu spüren bekommen.
Natürlich kann man sagen, dass die Folgen dieses Winters in erster Linie mit den unaufhörlichen russischen Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur zusammenhängen. Doch wenn diejenigen, die die ukrainische Energieversorgung leiteten, nicht an ihre eigene Tasche, sondern an das künftige Überleben des Landes gedacht hätten, hätte die Lage möglicherweise nicht so kritisch ausgesehen.
Und wieder einmal kehren wir zu einem Thema zurück, das seit den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019 aktuell ist: der Zerfall des Systems der staatlichen Verwaltung und die Unfähigkeit zu einer durchdachten und seriösen Personalpolitik. Die Verwandlung der Personalpolitik – und das bei Positionen, von denen das bloße Existieren der Ukraine abhängt – in eine Lotterie.
Man könnte mir sagen, dass dieses Schema im Fall Galuštschenko nicht greife. Galuštschenko war kein ehemaliger Drehbuchautor von „Kwartał 95“, kein Studiobesitzer, keine Person aus dem Showbusiness. Er war vielmehr ein typischer Beamter. Und nach meiner Logik sollte die Regierung gerade aus solchen Beamten bestehen, aus Fachleuten.
Erstens aber sollte eine Regierung nach meiner Logik aus Politikern bestehen, nicht aus Beamten. Ein Minister ist immer eine politische Ernennung. Das Auftreten eines Beamten auf einem Ministerposten ist der direkte Weg zu seiner Korruptheit. Denn ein Politiker denkt in erster Linie an sein politisches Überleben, an neue Wahlen, an seine Popularität bei den Wählern. Ein Beamter jedoch, der ins Ministerium gelangt, weil ihm die erste Person im Staat wohlgesonnen ist, kann nur daran denken, wie er dieser ersten Person dient und wie er Geld verdient.
Das ist die typische Logik des postsowjetischen Raums, zu der wir 2019 zurückgekehrt sind. Davor waren in den Ministerien Politiker, die man kritisieren konnte, die ihren Aufgaben keineswegs immer gerecht wurden, unter denen es ebenfalls Korruption geben konnte – doch diese Menschen dachten weit mehr an ihr politisches Überleben als eben jener Galuštschenko, der niemals eine politische Karriere gemacht oder auch nur imitiert hat.
Wir erinnern uns heute kaum noch daran, dass er Mitglied einer politischen Partei war, die bei den Präsidentschaftswahlen der Ukraine einen eigenen Kandidaten aufstellte – und dieser Kandidat erhielt eine Stimmenzahl, die man kaum mit dem Mikroskop erkennen konnte. Der eigentliche Aufstieg der Beamtenkarriere Herman Galuštschenkos fiel mit dem Aufstieg der Präsidentschaft Viktor Janukowytschs zusammen. In dieser Zeit wurde Galuštschenko Exekutivdirektor von Energoatom. Und obwohl er stets seine Verbindungen zum ehemaligen Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine und heutigen Mitglied des Föderationsrates der Russischen Föderation, Andrij Derkatsch, bestritt, geht es hier nicht einmal um persönliche Kontakte, sondern um ein systemisches Wachstum.
Mir schien es völlig offensichtlich, dass Personen, die mit dem System Janukowytsch verbunden waren – einem System, das auf die Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit ausgerichtet war, denn gerade in den Jahren 2010–2013 wurden entscheidende Schritte unternommen, die für die spätere Bedrohung der Ukraine maßgeblich waren, insbesondere im Sicherheitsbereich –, nicht in die Macht zurückkehren und keine verantwortlichen Posten bekleiden sollten, von denen das Überleben des ukrainischen Staates abhängt. Umso weniger während eines großen Krieges, in dem offensichtlich wird, dass das Hauptziel des Feindes eben die Zerstörung dieser Staatlichkeit und die schrittweise Eingliederung des ukrainischen Territoriums in die Russische Föderation ist.
Selbst ein professioneller Beamter jener Zeit kann wie jemand erscheinen, dessen Dienste man besser nicht in Anspruch nimmt. Es geht hier nicht einmal mehr nur um Korruption, sondern um Integrität, um das Verständnis, dass die Ukraine nur von denen verteidigt werden kann, denen sie wirklich am Herzen liegt. Und das sind keineswegs alle Menschen mit ukrainischem Pass und auch nicht alle, die wissen, wie man als Beamter arbeitet.
Denn auch in Russland gibt es viele Menschen, die wissen, wie man professionell als Beamter arbeitet. Und einige von ihnen waren übrigens früher professionelle Beamte in der Ukraine. Für sie spielte es schlicht keine Rolle, wo sie als professionelle Beamte arbeiteten – Hauptsache Karriere und korrupte Einnahmen.
Vielleicht bereitete ihnen die Ukraine sogar gewisse Probleme, weil man auf dem russischen Markt viel mehr verdienen kann. Dort ist die Zusammenarbeit mit der Macht – wenn es um Korruption geht – systemisch organisiert. Für solche Menschen war die russische Flagge, zumindest bis zu den jüngsten westlichen Sanktionsmaßnahmen, ein Symbol ihres zukünftigen Erfolgs.
Es geht also nicht um die Person Herman Galuštschenko. Etwas Ähnliches musste zwangsläufig geschehen – und geschieht auch. Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren noch viele solcher Fakten erfahren werden, bei denen sich viele an den Kopf fassen. Der Lotterie-Ansatz in der Personalpolitik, das Fehlen eines Integritätskriteriums und das fehlende Bewusstsein, dass der Maidan 2013–2014 die Ukraine von einer umbenannten Sowjetrepublik, die sie bis 2014 war, in ein echtes Land verwandelte – und dass man sich in den Ansätzen des Staatsaufbaus an der Logik des Maidan und nicht an der Logik der Revanche orientieren muss, weil die Logik der Revanche zum Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit führen wird –, all das hat zu der Situation geführt, in der wir uns heute befinden, selbst jenseits der russischen Aggression.
Wobei – wiederum – diese Situation gerade dafür geschaffen wurde, dass die russische Aggression erfolgreich sein sollte. Putin hat sich nur verrechnet. Denn neben Menschen, denen es völlig gleichgültig ist, ob es die Ukraine gibt oder nicht, gibt es ein Volk, das an ihrem Fortbestehen interessiert ist. Und genau deshalb sind Antikorruptionsermittlungen erfolgreich – weil sie die Fortsetzung unseres Kampfes dafür sind, dass die Ukraine auf der politischen Weltkarte bestehen bleibt, trotz des offensichtlichen Wunsches Russlands, einen hohen Preis für unser Verschwinden zu zahlen.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Галущенку вручили підозру | Віталій
Портников. 16.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 16.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.
