Putins erste Beerdigung | Vitaly Portnikov. 30.06.2026.

Der Präsident Russlands, Wladimir Putin, erschien zur Trauerfeier für einen seiner früher engsten Vertrauten, Sergej Iwanow.

Formell hatte Sergej Iwanow zwar schon seit längerer Zeit keine wirklich bedeutenden Ämter mehr in der russischen Führung inne, obwohl er erst im Februar 2026 aus dem Kreis der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der Russischen Föderation ausschied. Dennoch ist er der erste engste Vertraute Putins, der in der russischen Hauptstadt beerdigt wird. Man könnte sagen, dass damit die nächste Fünfjahresperiode prunkvoller Begräbnisse in der Kremlführung beginnt.

Bereits in den ersten Jahren nach Wladimir Putins Machtantritt war ein satirisches Plakat sehr populär, auf dem Putin und seine engsten Vertrauten als gebückte Greise dargestellt wurden – eine Parodie auf die Zusammensetzung eines der letzten Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Damals sprach man von einer Gerontokratie, davon, dass die Mitglieder des Politbüros das Land im Alter von weit über achtzig Jahren regierten und dabei buchstäblich in verantwortungsvollen Ämtern den Verstand verloren.

Der damals noch relativ junge Putin und seine Mitstreiter sahen natürlich keineswegs wie Greise aus. Doch ihr offensichtlicher Wille, die Macht um jeden Preis und auf unbegrenzte Zeit festzuhalten, veranlasste die Autoren dieses satirischen Plakats dazu, Putin, Medwedew und denselben Iwanow als alte Männer darzustellen, die weiterhin Russland regieren.

Heute sind wir an einem Punkt angekommen, an dem das satirische Plakat aus den ersten Jahren der Putin-Herrschaft und die Realität dieser Herrschaft nahezu deckungsgleich geworden sind. Der russische Präsident nimmt Abschied von einem Mann, der noch vor Kurzem Leiter seiner Präsidialverwaltung, Verteidigungsminister Russlands, Erster Stellvertretender Ministerpräsident war und sogar als einer der Anwärter auf die Rolle des sogenannten Nachfolgers Putins galt – jenes Mannes also, dem der russische Präsident nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit als Staatsoberhaupt die Macht vorübergehend übertragen sollte.

Hätte sich die russische Führung damals nicht für Dmitri Medwedew, sondern für Sergej Iwanow entschieden, würden wir heute bereits davon sprechen, dass der zweite Präsident der Russischen Föderation seit der Entstehung dieses Staates auf der politischen Weltkarte verstorben ist und man in Moskau Abschied von ihm nimmt. Und selbstverständlich wäre die Abschiedszeremonie für einen ehemaligen Präsidenten weitaus prunkvoller gewesen als die Trauerfeier für einen ehemaligen Verteidigungsminister.

Es besteht übrigens auch die Möglichkeit, dass Sergej Iwanow die Macht Wladimir Putin kaum zurückgegeben hätte, wie Dmitri Medwedew es tat, und stattdessen im Amt gestorben wäre. Dann würden wir heute selbstverständlich über eine völlig andere Epoche sprechen, und Putin würde man als politischen Pensionär um Kommentare bitten – sofern ihn sein ehemaliger Mitstreiter nicht hinter Gitter gebracht hätte. 

Möglicherweise entschied sich Putin gerade deshalb für Medwedew als Übergangspräsidenten der Russischen Föderation, weil er den Unterschied zwischen dem Tschekisten Iwanow und dem tschekistischen Diener Medwedew kannte. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass die russischen Geheimdienstkreise damals noch gezwungen waren, einen Kompromiss mit der allmächtigen „Familie“ des ersten Präsidenten der Russischen Föderation, Boris Jelzin, zu suchen.

Dmitri Medwedew, der damals recht geschickt zwischen den verschiedenen konkurrierenden Clans lavierte, erschien nicht als jemand, der weder der „Familie“ noch Putins Opritschniki ernsthaft entgegentreten könnte. Deshalb ging man davon aus, dass man, sollte er Präsident Russlands werden, den weiteren Verlauf der Ereignisse später nach Belieben gestalten könne.

Wie wir wissen, waren die Ergebnisse für alle Konkurrenten Putins und des tschekistischen Clans überwältigend. Nachdem Putin nach seiner kurzen Zeit als Ministerpräsident der Russischen Föderation in den Kreml zurückgekehrt war, begann er den politischen Raum systematisch von allen zu säubern, die ihm oder den Vertretern der sogenannten Genossenschaft Osero Konkurrenz machen konnten.

Gut möglich, dass Sergej Iwanow, obwohl er als einer der engsten Vertrauten des russischen Präsidenten galt, ebenfalls Opfer dieser Säuberung wurde. Denn mit der Zeit erkannte Putin offenbar, dass er Menschen brauchte, die nicht einmal hinter verschlossenen Türen wagten, irgendeiner seiner Entscheidungen zu widersprechen – selbst so folgenschweren Entscheidungen wie dem Beginn des großen Krieges gegen die Ukraine.

In politischen Kreisen kursierte stets die Version, Iwanow sei überzeugt gewesen, dass sich das ukrainische Problem mit vorsichtigeren Mitteln lösen lasse. Zwar war auch er – wie Putin – Anhänger der Wiederherstellung der russischen Staatlichkeit innerhalb der Grenzen der Sowjetunion von 1991, glaubte jedoch, dass dieses Ziel auch mit nichtmilitärischen Methoden erreicht werden könne.

Wie dem auch sei – in den letzten Jahren seines Lebens war Iwanow im politischen Raum Russlands praktisch nicht mehr präsent. Selbst bei der berühmten Sitzung des russischen Sicherheitsrates, auf der Putin die Anerkennung der sogenannten Unabhängigkeit der Volksrepubliken im Donbas beschloss und sich auf seinen Blitzkrieg vorbereitete, während die Mitglieder des Sicherheitsrates ihre Loyalität gegenüber dem Kreml-Selbstherrscher bekunden mussten, trat Sergej Iwanow nicht auf. Auch das war ein Zeichen dafür, dass er entweder eine andere Position vertrat oder sich nicht an Entscheidungen beteiligen wollte, die für den Fortbestand seiner politischen Karriere von grundlegender Bedeutung waren.

Wie dem auch sei – damals hing bereits alles ausschließlich von Putins Entscheidungen ab, der sämtliche Hebel der Macht in Russland endgültig in seinen Händen konzentriert und sein Regime in ein eindeutig personalistisches verwandelt hatte, das nicht einmal mehr Rücksicht auf die Stimmung ehemaliger Mitarbeiter des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion nahm, zu denen auch Sergej Iwanow gehörte.

Nun beginnt eine neue Phase in der Entwicklung dieses personalistischen Regimes: die Beerdigungen der engsten Weggefährten. Der Diktator wird sich zunehmend isoliert fühlen, den Menschen in Staatsämtern immer weniger vertrauen, weil sie einer anderen Generation angehören, und immer gefährlichere Entscheidungen treffen, die den weiteren Verlauf der Ereignisse bestimmen werden.

Genau das werden wir in den kommenden Jahren der russischen Entwicklung erleben. Schließlich traf Leonid Breschnew die Entscheidung über den Krieg in Afghanistan bereits, so könnte man sagen, kaum noch bei Bewusstsein, während Putin die Entscheidung über den ukrainischen Blitzkrieg in deutlich besserer körperlicher Verfassung traf.

Stellen Sie sich nur vor, welche Entscheidungen der russische Präsident treffen wird, wenn er endgültig in geistigen Verfall gerät und niemand mehr in seiner Nähe sein wird, der zumindest in der Lage wäre, ihn auf seinen tatsächlichen körperlichen und geistigen Zustand hinzuweisen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Первые похороны Путина | Виталий Портников. 30.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Foundation und Imperium. Vitaly Portnikov. 17.11.24.

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In meiner Kindheit und Jugend, konnte ich nicht verstehen, warum die meisten westlichen Science-Fiction-Autoren über die Zukunft in Form von autoritären Imperien sprechen. Isaac Asimov schuf in seiner Foundation-Reihe eine tausendjährige Geschichte des Galaktischen Imperiums, in der von Demokratie keine Rede war – nur eine Kolonie von Wissenschaftlern, die an den Rand der bewohnten Welten verbannt wurden, war demokratisch. In Ray Bradburys Fahrenheit 451 sind Feuerwehrleute dafür bekannt, verbotene Bücher zu zerstören, und niemand erinnert sich daran, dass sie früher Brände löschten, nicht legten… Ich habe immer versucht zu verstehen, warum dies der Fall war, denn es war offensichtlich, dass die Demokratie in Bezug auf den Fortschritt, und nicht nur den wissenschaftlichen Fortschritt, viel produktiver war als der Totalitarismus. Ich habe versucht, diesen Pessimismus meiner Lieblingsautoren damit zu erklären, dass sie in der Zukunft die Vergangenheit sahen. Bradbury erinnerte sich noch an die Bücherverbrennungen im Reich, Asimov war von der alten Geschichte fasziniert und veröffentlichte eine ganze Reihe von Büchern über die Reiche der Vergangenheit. Warum also nicht ein faszinierendes Bild über die Zukunft entwerfen, das uns an die Dekoration des alten Rom erinnert, nur mit Raumschiffen, Robotern und künstlicher Intelligenz?

Mein Fehler war nicht, dass ich die Intuition der Autoren unterschätzt hätte. Vielmehr habe ich ihre Romane zu einer Zeit des Planautoritarismus gelesen, dessen Geschichte sich dem Ende zuneigte. Ich konnte seine Ineffizienz und seinen Verfall erkennen, aber ich verstand nicht wirklich, was aus dem Markt-Autoritarismus werden könnte. Ich konnte auch nicht verstehen, dass die Entwicklung der Technologie die Demokratie nicht nur fördern, sondern auch zu ihrem Abbau und zum Verschwinden des Wunsches nach demokratischen Verfahren bei den meisten Menschen führen kann, ich hätte Asimov sorgfältiger lesen sollen.

Und nun habe ich mich endlich auf den ersten Seiten seiner Romane wiedergefunden, und ich sehe mit eigenen Augen, wie die Entwicklung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts die demokratische Welt buchstäblich vernichtet. Ich sehe einen amerikanischen Präsidenten, der entweder Nero oder Louis ähnelt, aber sicher nicht der Präsident der stärksten Demokratie der Welt. Ich sehe den Besitzer von High-Tech-Firmen, der aus seiner Bewunderung für die Macht und seiner Verachtung für die Gesellschaft keinen Hehl macht. Sein reicher Rivale verbietet den Journalisten seiner eigenen Zeitung, eine traditionelle Kolumne zur Unterstützung eines der Präsidentschaftskandidaten zu schreiben, weil er einfach Angst vor dem „königlichen Zorn“ hat. Ich sehe Millionen von Menschen, die Zugang zu schnellen Informationen haben, ohne zu wissen, wie sie mit diesen Informationen umgehen sollen und welche Folgen ihre Entscheidungen haben werden, die ebenfalls impulsiv und schnell sind. Ich sehe verwirrte „traditionelle“ Politiker, die es gewohnt sind, sich mit echten Fakten und Herausforderungen zu befassen – also mit Dingen, für die sich heute fast niemand mehr interessiert. Ich sehe Qualitätsmedien, die die Bühne den Tik-Tok-Bloggern überlassen. Und ich bin mir sicher, dass dies erst der Anfang des Buches ist.

Würde ich in meiner Jugend gefragt, ob die Entwicklung des Fortschritts zur Entstehung eines galaktischen Imperiums aus Asimovs Welten führen könnte, könnte ich getrost antworten, dass dieses Imperium in den Zeiten von Caligula und Vespasian blieb. Heute verstehe ich nicht wirklich, wie man seine Entstehung verhindern kann. Die neuen Technologien haben uns nicht klüger gemacht, aber sie haben uns weniger verantwortungsbewusst gemacht. Warum musste ich meine Landsleute davon überzeugen, dass wir der westlichen Agenda, dem Klimaschutz, der Toleranz, den Elektroautos und der digitalen Revolution um Jahrzehnte hinterherhinken, wenn die Vereinigten Staaten letztlich genau das erleben, was wir in unserem eigenen politischen Leben bereits erlebt haben (nur in größerem Maßstab und dümmer)? Warum musste ich darüber sprechen, wie wirksam das Kartellrecht die Oligarchie und ihre Machtambitionen verhindert, wenn die Oligarchie in Amerika nicht einmal ihre Anwesenheit in Mar-a-Lago verbirgt?

Wenn der Prozess der gesellschaftlichen Verdummung und „Tiktokisierung“ erfolgreich weitergeht, werden archaische Führer aus der Vergangenheit für immer unsere Zukunft sein. Und dann wird tatsächlich ein Imperium entstehen, kein galaktisches, sondern ein Imperium von Welten, die unter Diktatoren aufgeteilt sind. Der Versuch, seine Entstehung zu verhindern, ist dasselbe, wie den Fortschritt selbst aufzuhalten. Aber…

Aber Asimov hat zu Recht bewiesen, dass gerade die Form der autoritären Herrschaft die Gesellschaft zu Verfall und Zusammenbruch führt, auch wenn die Menschen, die ihre Idole anbeten, den Zusammenhang zwischen ihren eigenen Entscheidungen und ihrer eigenen Tragödie nicht erkennen. Und ja, nur diejenigen, die sich nicht verwirren lassen und an den freien Willen glauben, auch wenn alle um sie herum vergessen, was das ist, können die Menschheit vor dem endgültigen Zusammenbruch retten. Denn in der Tat ist es der Glaube an den freien Willen, das Handeln und Denken, der den wahren Fortschritt ausmacht, nicht künstliche Intelligenz und Flüge zum Mars. Und der Rückschritt beginnt, wenn jemand anderes, nicht Sie, weiß und entscheidet, was Sie brauchen und wie Sie es brauchen.

Und es ist klar, dass die Menschen dies unter den neuen Umständen nicht sofort verstehen werden, aber sie werden es verstehen: jemand wird durch einen Krieg geimpft werden, jemand durch eine Pandemie, jemand durch eine wirtschaftliche Katastrophe. Manche werden sich vom Beispiel jener „Inseln der Freiheit“ inspirieren lassen, die auch in der dunkelsten Nacht immer bestehen bleiben. Jemand wird einfach ein freier Mensch bleiben, und es wird viele von ihnen geben. Jemand wird seine Würde nicht aufgeben, und jemand wird nicht wollen, dass seine, nicht künstliche, Intelligenz den absoluten Narren dient. Und das pseudogalaktische Imperium wird auf den letzten Seiten des Buches besiegt werden, einfach weil es verrotten wird, wie es natürlich alle Imperien immer tun.