Der russische Botschafter in Armenien, Sergej Kopyrkin, wurde ins Außenministerium dieses Landes einbestellt, um ihm im Zusammenhang mit feindseligen Äußerungen, die auf einem der Kanäle des russischen Staatsfernsehens gefallen waren, Protest zu übermitteln. Es geht natürlich um die Aussagen des Fernsehmoderators Wladimir Solowjow, der dazu aufgerufen hatte, eine sogenannte „militärische Spezialoperation“ in Armenien zu beginnen.
Diese Aufrufe Solowjows haben in Jerewan besondere Empörung ausgelöst. Der stellvertretende Sprecher des armenischen Parlaments, Ruben Rubinian, verglich Solowjow mit einem Hund, dessen Bellen den Karawanen nicht daran hindern dürfe, sich in die richtige Richtung zu bewegen.
Empörung über Solowjows Äußerungen ist auch in den Ländern Zentralasiens zu hören – bisher allerdings nur auf der Ebene einzelner Abgeordneter. So forderte der kirgisische Abgeordnete Dostan Bekeschew die Führung seines Landes auf, Wladimir Solowjow wegen seiner Aufrufe zu möglichen „Spezialoperationen“ in Zentralasien zur Persona non grata zu erklären. Und der usbekische Abgeordnete Babur Bekmurodow riet dem russischen Fernsehmoderator sogar, lieber mit seiner Nachtigall zu spielen (Wortspiel auf seinen Namen Solowjow und eine spöttische Anspielung auf sein eigenes Propagandageschwätz), statt mit Aussagen aufzutreten, die das internationale Recht verletzen.
Dabei muss man eine einfache Sache verstehen. Solowjow hat lediglich das ausgesprochen, worüber in den höchsten Kreisen der russischen politischen Führung schon lange gesprochen wird. Man kann sagen: Was Putin im Kopf hat, hat Solowjow auf der Zunge. Denn der abgebrühte russische Propagandist versucht vor allem, der russischen Obrigkeit zu gefallen.
Es interessiert ihn überhaupt nicht, was die Führungen der postsowjetischen Staaten darüber denken, wie seine Äußerungen in Jerewan, Bischkek oder Taschkent kommentiert werden. Das Hauptziel der russischen politischen Führung ist die sogenannte „Korrektur des Fehlers von 1991“, also die Rückkehr der heutigen Russischen Föderation zu den Grenzen der Sowjetunion.
Beim FSB kann man sich bis heute nicht damit abfinden, dass die Zerschlagung des Parteiapparats und seine faktische Ersetzung durch Leute aus dem System des sowjetischen KGB nur dazu geführt hat, dass der ehemalige KGB heute lediglich jenen Teil des Territoriums der Sowjetunion kontrolliert, der zum Zeitpunkt des Zerfalls des kommunistischen Imperiums die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik war. Dabei wissen wir sehr genau, dass man an der Lubjanka mit der Kontrolle über die gesamte Sowjetunion gerechnet hatte. Deshalb war die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken eine so bittere Überraschung für die Tschekisten. Deshalb wird Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion später als die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Deshalb wird der russische Präsident schon in seiner Zeit als Vizebürgermeister von Sankt Petersburg – man stelle sich das vor, bereits 1991 – den Bolschewiki vorwerfen, sie hätten durch die Schaffung der Unionsrepubliken selbst die Voraussetzungen für den Zerfall des einst durch den Bürgerkrieg zusammengeschweißten Imperiums geschaffen.
Und es ist klar, dass der brutale Krieg gegen die Ukraine Teil von Putins Bemühungen ist, diesen sogenannten Fehler von 1991 zu korrigieren. Denn Russland ging genau zu dem Zeitpunkt zu aktiven Kampfhandlungen gegen das Nachbarland über, als klar wurde, dass es – wenn auch in ferner Zukunft – objektive Möglichkeiten für einen Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union und zur NATO gibt und damit die Möglichkeit, ukrainische Gebiete einfach in die Russische Föderation einzugliedern, ohne einen ernsthaften Konflikt mit dem Westen, nicht mehr bestehen würde.
Seit 1991 versuchte Russland, die ehemaligen Sowjetrepubliken in einer Art geopolitischem Kühlschrank zu halten. Entweder sie schlossen sich prorussischen Projekten wie der OVKS oder der Eurasischen Wirtschaftsunion an oder bewahrten zumindest Neutralität. Sobald man in Moskau sah, dass eine ehemalige Sowjetrepublik in Richtung Westen driftete, verwandelte sie sich sofort in einen „Staat mit Handicap“, in ein Land mit unklaren Grenzen.
So war es in Moldau und Georgien. Russland hielt jahrzehntelang eine geopolitische Falle im Südkaukasus für Armenien und Aserbaidschan aufrecht. Sobald klar wurde, dass eine ehemalige Sowjetrepublik reale politische Alternativen bekam, begann sofort wirtschaftlicher oder sogar militärischer Druck.
Man kann sagen, dass der große Krieg Russlands gegen die Ukraine die Kulmination dieses Drucks ist. Doch erinnern wir uns an die Kriege in Moldau und Georgien schon in den 1990er Jahren. Erinnern wir uns an den Karabach-Konflikt, an die Konflikte in Zentralasien, an den Krieg Russlands gegen Georgien 2008 – und wir verstehen, dass der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der 2014 mit der Okkupation und Annexion der Krim begann, die Kulmination jahrzehntelanger Bemühungen des Kremls ist, den Einfluss und die Souveränität der Nachbarstaaten zu zerstören und Bedingungen für ihre spätere Einverleibung zu schaffen.
Und selbst wenn Putin heute nicht mehr die Kräfte für solche Schritte hat, so sind die Wünsche doch geblieben. Und je weniger Zeit und Möglichkeiten für die vollständige Unterwerfung der Ukraine bleiben und je brutaler der Krieg gegen dieses Land wird, desto größer werden zumindest die propagandistischen Ambitionen des Kremls.
Deshalb beleidigt Wladimir Solowjow die Nachbarstaaten Russlands ganz bewusst und beruft sich dabei auf amerikanische Aktionen in Lateinamerika. „Wenn Trump das darf, dann dürfen wir es erst recht. Denn im Unterschied zu Trump haben wir unsere Nachbarländer nie als wirkliche Staaten betrachtet.“ Genau das lässt sich aus den beleidigenden Aussagen Solowjows herauslesen.
Deshalb ging der Fernsehmoderator auch bewusst auf diese Provokation ein – in dem Wissen, dass er damit die Menschen in den Nachbarstaaten Russlands beleidigt. Aber dafür wird es Putin gefallen und all jenen, die versuchen, den russischen Präsidenten davon zu überzeugen, dass seine Pläne, Russland wieder in die Sowjetunion zu verwandeln und ihn selbst zum Imperator eines prorussischen Reiches zu machen, früher oder später Wirklichkeit werden – notfalls durch neue blutige Kriege im postsowjetischen Raum.
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Titel des Originals: Соловьева назвали собакой | Виталий Портников. 13.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.01.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.
