Heute hat man mich getötet. Olena Kudrenko. 29.07.2026.

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Heute hat man mich getötet. Das Ungeheuer auf der anderen Seite der Grauzone zündete zufrieden eine Zigarette an. Es warf den Zigarettenstummel auf die vor Schmerz aufschreiende ukrainische Erde.

Aber der Reihe nach …

Am Anfang war die Kindheit. Und in ihr gab es gute Dinge – die Illusion, dass alles gut werden würde. Ich glaubte aufrichtig, dass die Sonne immer hell scheinen würde und die reifen Erdbeeren im Garten meiner Eltern ewig wachsen würden. Während ich sie aß, kostete ich jene Jahre aus, in denen man mir nicht einmal die Hälfte dessen erzählt hatte, wozu Menschen fähig sind. In der Illusion von Güte und Vertrauen konnte man sich eine Zeit lang fühlen wie Gott in Frankreich. Einfach deshalb, weil man nichts von der Existenz der Hölle auf Erden weiß.

Dann begannen die Lektionen – Lektionen, die das Leben selbst erteilte. Dass man sogar ein hohes Alter erreichen kann und erst dann begreift, dass man all die Jahre in Wirklichkeit gar nicht gelebt hat. Dieselben Illusionen, dieselbe Imitation, derselbe Selbstbetrug, die Unkenntnis seiner selbst und derjenigen, die man an sich heranlässt. Verliebtheit, Glück, Enttäuschung. Jugend, ihr Verlust und Krankheiten. Zeiten, in denen etwas wichtig ist – und Zeiten, in denen einem einfach alles gleichgültig ist. Die Liebe zu etwas – und mit der Zeit der Hass auf eben dieses.

Das Leben ist kein warmes Bett, man muss seinen Weg durch das Leben gehen. Man muss an ihm leiden, man muss es genießen.

Aber es ist zerbrechlich.

Da fahre ich mit dem Auto auf einer fast menschenleeren Straße. Ich bringe etwas in eine Nachbarstadt und denke an den Abend, der kommen wird. An das schmutzige Geschirr, das ich nicht mehr geschafft habe zu spülen. An die Blumen, die ich gestern nicht gegossen habe. Daran, dass ich einen Termin für eine Ultraschalluntersuchung vereinbaren muss. Und an das Hoftor der Nachbarn, das quietscht und meine ohnehin schon strapazierten Nerven noch mehr belastet.

Auf der anderen Seite der Grauzone hat er seinen todbringenden Vogel bereits losgeschickt. Aus der Vogelperspektive sieht er mein einsames Auto. Ich lasse das Auto am Straßenrand stehen und renne schwer atmend quer über das Feld zu einem schmalen Waldstreifen. Er nimmt nicht das Auto ins Visier.

Er nimmt mich ins Visier.

Mein Gehirn weigert sich zu glauben, dass mein Tod ganz nah ist. Ich renne, und das hohe Gras schneidet mir in die Beine und hinterlässt Schnitte auf meiner hellen Haut. Die Bäume kommen immer näher, und er dort oben scheint sich über mich lustig zu machen. Er sieht mich. Er sieht meine Angst. Er sieht meine Augen. Derjenige, der die Drohne steuert, sieht, wer ich bin – aber das hält ihn nicht davon ab, mich weiter zu verfolgen. Ich schaffe es noch, mich an die Illusionen zu erinnern. An die Erdbeeren. An die Blumen zu Hause, die ich nicht gegossen habe.

Bevor er mich tötete.

Das Ungeheuer auf der anderen Seite der Grauzone zündete sich zufrieden eine Zigarette an. Es warf den Zigarettenstummel auf die vor Schmerz aufschreiende ukrainische Erde.

P. S. Natürlich handelt dieser Beitrag nicht von mir. Es ist meine Reaktion auf eine Nachricht, die inzwischen wohl schon etwa einen Monat alt ist. Eine Drohne verfolgte eine Dorfschullehrerin, die ihr Auto auf der Straße stehen ließ und in Richtung Wald lief. Sie wurde vorsätzlich getötet, nachdem auf der Kamera eindeutig zu erkennen war, dass sie eine zivile Frau war.

Region Charkiw, 2026.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Olena Kudrenko
Veröffentlichung: 29.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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