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Es ist kaum verwunderlich, dass es Wehrdienstverweigerer gibt.
Denn Krieg ist nicht die natürliche Umgebung des Menschen.
Die natürliche Umgebung des Menschen sind das Zuhause, Freunde, Kinder, die Katze auf der Fensterbank, der nicht ausgetrunkene Kaffee und Pläne für morgen.
Seltsam wäre es, keine Angst davor zu haben, all das zu verlieren.
Krieg ist, wenn ein Mensch stundenlang in einer kalten Grube liegt und darüber nachdenkt, wie er den Abend noch erleben könnte.
Er denkt an heißes Wasser. Trockene Socken. Sein eigenes Bett. Seine Mutter. Seine Frau. Seine Kinder. An die Katze, die niemand füttern wird.
Krieg riecht nach nasser Kleidung, die man schon die dritte Woche trägt. Nach altem Schweiß. Nach Diesel. Nach Mäusen. Nach Schimmel im Bunker. Krieg riecht nach Verbranntem. Und nach Leichen.
Krieg ist, wenn du durch eine Explosion aufwachst und einige Sekunden lang nicht begreifst, ob es ein Traum war oder ob du schon nicht mehr existierst.
Wenn der Mensch, mit dem du gestern noch Kaffee getrunken hast, heute zu einem Foto auf deinem Handy geworden ist.
Wenn dein Leben davon abhängt, ob dich eine Drohne von der Größe einer gut genährten Möwe bemerkt hat.
Wenn du lernst, am Geräusch zu unterscheiden, wovor man noch weglaufen muss und wovor wegzulaufen bereits zu spät ist.
Wenn all deine großen Zukunftspläne durch einen einzigen fremden Fehler, einen einzigen Splitter oder eine einzige Sekunde Pech enden können.
Es gibt noch etwas, worüber selten gesprochen wird.
Im Krieg ist es ein seltsames Gefühl, duschen zu gehen.
Denn während du nackt unter dem Wasser stehst, sitzt irgendwo am Rand deines Bewusstseins der Gedanke: „Das wäre ein verdammt idiotischer Tod, wenn jetzt etwas einschlägt.“
Genauso seltsam ist es, sein großes Geschäft zu verrichten.
Ich mache keine Witze.
Ein Mensch kann sich an Explosionen, Feuchtigkeit und schlaflose Nächte gewöhnen. Aber der Gedanke, dass man mit heruntergelassenen Hosen getötet werden könnte, erscheint aus irgendeinem Grund besonders ungerecht.
Der Krieg besteht aus sehr seltsamen Erinnerungen.
Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut daran, wie ich einmal unter Beschuss mit einem Teller Mivina-Nudeln herumgerannt bin.
Neben mir schlugen Mörsergranaten ein. Etwas pfiff, etwas krachte. Erdklumpen und Splitter flogen durch die Luft. Und ich schlängelte mich zwischen den Kratern hindurch, duckte mich, manövrierte, ließ aber den Teller hartnäckig nicht aus der Hand.
Damals lachten die Jungs noch: „Sieh mal einer an, die Belarussen lassen ihr Eigentum nicht los!“
Im Krieg wurde mehrmals damit gedroht, mich unter Beschuss aus dem Bunker zu werfen.
Der Grund war ernst.
Ich schnarchte.
Und genau damals verstand ich, dass zwischen Kameradschaft und dem Wunsch, einen Kameraden umzubringen, manchmal nur eine einzige schlaflose Nacht liegt.
Und ich erinnere mich noch daran, wie die Jungs lange darüber lachten, dass ich im Schlaf den Kommandeur umarmt hatte, weil es so kalt war. Das Gehirn interessiert sich nachts nicht besonders für Dienstvorschriften und Hierarchien – der Körper sucht die Nähe eines anderen warmen Körpers. Ich wachte auf, und die Jungs lachten: „Jetzt bist du verpflichtet, ihn zu heiraten!“
Ich erinnere mich auch daran, wie ein Soldat unter Beschuss seinem Sohn am Telefon Mathematik erklärte. Ringsum krachte es, und er erklärte geduldig irgendwelche Bruchrechnungen. Als hinge das Schicksal des Universums von einer richtig gelösten Aufgabe ab.
Und vielleicht war es auch so.
Denn wenn ein Kind seine Hausaufgaben macht, bedeutet das, dass die Welt noch nicht endgültig zusammengebrochen ist.
Krieg handelt davon, wie das Leben sich hartnäckig weigert aufzuhören.
Und er spricht auch seine eigene Sprache.
An einem Ort gab es eine Stellung. Sie hieß „Himmel“.
Jemand hielt heute den Himmel. Jemand ging gestern in den Himmel. Jemand kehrte vom Himmel zurück. Jemand steckt im Himmel fest. Jemand muss im Himmel abgelöst werden. Jemand schlägt vor: „Lasst uns zum Himmel gehen.“
Ich war im Himmel.
Ich habe den Krieg bereits in seinem Entstehen gesehen. Gleich Anfang März 2014. Kaum war ich in Donezk angekommen, befand ich mich in einem Raum mit einem russischen Saboteur, der über Putin schimpfte, weil dieser „zögert, sich windet, Schiss hat“. Bei sich hatte er sechs Sprengsätze.
Ich dokumentierte russische Geheimdienste in Luhansk und Slowjansk noch vor Beginn irgendwelcher Kampfhandlungen. Sie fingen Menschen ab und schleppten sie „in den Keller“. Ich dokumentierte den Beginn ethnischer Säuberungen.
In einem Hostel in Donezk geriet ich in eine bunte Gesellschaft von Europäern. Meist Abenteurer. Sie hatten keine blasse Ahnung, was hier vor sich ging. Oft kamen sie in der Vorstellung, hier „Freiheitskämpfer“ zu sehen. Sie interessierten sich sehr für die russische Kultur.
Später schrien einige dieser Menschen vor Glück, als sie die ukrainische Flagge sahen. Und riefen mit Akzent: „Ruhm der Ukraine!“
Denn das, was in den Gebieten geschah, die von der Besatzung erfasst wurden, war … ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Es war, als hätte jemand alle hellen Bestandteile des menschlichen Lebens dort ausgesaugt und den gesamten Raum stattdessen mit einer Mischung aus Angst, Verzweiflung und Ohnmacht gefüllt. Und das Schlimmste war das Gefühl, dass es dich nicht mehr gibt. Denn nun kontrollierst du nichts mehr.
Man fragt mich manchmal: Wie kannst du Menschen verurteilen, die sich dem staatlichen Zwang verweigern? Du bist doch Anarchist! Und das dann auch noch „Verrat“ nennen. Ist das nicht Ausdruck eines totalitären Bewusstseins? Zumal dieser Staat es nicht verdient, verteidigt zu werden!
Als eingefleischter alter Anarchist betrachte ich staatliche Zwangsapparate tatsächlich mit Misstrauen. Als Humanist verstehe ich die Angst biologischer Körper vollkommen, in die unmenschlichen Bedingungen des Krieges zu geraten. Und als Anhänger einer strikten Einhaltung der Menschenrechte empören mich die Missbräuche einzelner Mitarbeiter der Wehrersatzbehörden.
Früher hatten die Steppenvölker ein gutes Instrument – die „Abwanderung“.
Wenn dir etwas nicht gefiel, satteltest du dein Pferd, brachst auf, suchtest neues Land und richtetest dort dein Leben nach deinen Vorstellungen ein.
Aber freies Land gibt es nicht mehr. Alles ist besetzt.
Deshalb beginnt Freiheit heute nicht mehr mit der Flucht. Sie beginnt mit der Verteidigung jener wenigen Orte, an denen der Mensch noch sich selbst gehört.
Genau deshalb sehe ich keinen Widerspruch.
Ich kann den Staat nicht mögen. Ich kann die Bürokratie hassen. Ich kann über Beamte schimpfen.
Aber wenn Menschen kommen, die dem Menschen selbst das Recht nehmen wollen, ein Mensch zu sein, wird die Wahl sehr viel einfacher.
Das „eigene“ Land hat nichts mit Blut und Boden zu tun. Es geht um den Raum menschlicher Selbstbestimmung. Um einen Ort, an dem der Mensch Mensch bleibt.
Besatzung bedeutet nicht bloß einen Wechsel der Kulissen, sondern den Verlust des Lebensraums, der dir gehört.
Die Russen und die Belarussen haben keine eigenen Länder. (Nun, die Russen sollten auch keines haben, solange sie nicht aufhören, Russen zu sein.) Die Ukrainer haben ihr eigenes Land.
Emigration ist derselbe Verlust – nur mit der Möglichkeit, sich einen neuen Raum anzueignen. Aber das ist nicht jedem möglich. Und sie verlangt Jahre eines Daseins als „Halbmensch“. Für viele bleibt die Möglichkeit, diesen neuen Raum zu meistern, eine Illusion.
Der Mensch lebt nicht nur innerhalb seines Körpers. Der Mensch lebt innerhalb einer ganzen Welt, die um ihn herum gewachsen ist.
Die Katze auf der Fensterbank. Kinderzeichnungen am Kühlschrank. Die Schlüssel in der Tasche. Der Baum vor dem Fenster. Die Lieblingsroute durch die Stadt. Menschen, denen man nicht erklären muss, wer man ist. Die Sprache, in der man denkt. Witze, die man ohne Erklärung versteht. Die Gräber der Menschen, die man geliebt hat. All das, was dich zu dem macht, was du bist.
Deshalb ist die Verteidigung des eigenen Landes die Verteidigung des eigenen erweiterten Körpers.
Dazu gehören nicht nur Dinge und Orte, sondern auch das Netz menschlicher Beziehungen und des Vertrauens.
In Tausenden kleiner Interaktionen zwischen Menschen. Im Recht, Nein zu sagen. Im Recht, Ja zu sagen. Im Recht, sich zusammenzuschließen. Im Recht, keine Angst zu haben.
Gemeinsame Regeln. Unsichtbare Vereinbarungen. Die Gewohnheit, einander zu helfen.
Die Möglichkeit, die Regierung zu kritisieren. Die Möglichkeit, einen dummen Beitrag auf Facebook zu schreiben, ohne Gefahr zu laufen, im Keller zu landen. Die Möglichkeit, einen Journalisten, Anwalt oder Abgeordneten anzurufen. Die Möglichkeit, eine Bürgerinitiative, eine Gewerkschaft oder einen Nachbarschaftschat zu gründen.
Die Möglichkeit, Fremden ein wenig mehr zu vertrauen, als es in einem Gefängnis üblich ist.
Die Emigration schneidet weder einen Arm noch ein Bein ab. Sie schneidet einen riesigen Teil dieser erweiterten menschlichen Welt ab, den man anschließend jahrelang wieder nachwachsen lassen muss.
Die Besatzung amputiert all dies. Und lässt keine Möglichkeit zur Regeneration mehr.
Sie sind noch jung, haben einen modernen Beruf und es ist Ihnen egal, wo genau Sie leben?
Aber es gibt Millionen, denen das nicht egal ist. Die nirgendwohin gehen können. Alte Menschen. Hilfsbedürftige. Kinder. Ihre Mütter.
Und es gibt noch Hunderttausende, die bereits gefallen sind. Hunderttausende Verwundete. Hunderttausende, die seit Jahren kein friedliches Leben mehr hatten.
Jeder, der hätte bleiben können, nicht hätte fliehen oder sich entziehen müssen, es aber dennoch getan hat, hat die Lücke in der Verteidigung um einen Zentimeter vergrößert. Hat den Druck auf diejenigen erhöht, die kämpfen. Hat das Risiko für diejenigen erhöht, die nirgendwohin wegkönnen.
Jeder zusätzliche Zentimeter dieser kriechenden, toten Finsternis macht unsere ganze menschliche Welt um einen weiteren Zentimeter kleiner.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Sozialmedia
Autor: Dzmitry Halko.
Veröffentlichung / Entstehung: 16.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.