Die Amerikaner bleiben in Kyiv | Vitaly Portnikov. 28.05.2026.

Die Botschaft der Vereinigten Staaten in der ukrainischen Hauptstadt erklärte, dass sie in Kyiv bleibt, nachdem die Leiterin der europäischen Diplomatie Kaja Kallas mitgeteilt hatte, die Amerikaner hätten die ukrainische Hauptstadt nach dem Telefongespräch des Außenministers der Russischen Föderation Sergej Lawrow mit seinem amerikanischen Kollegen, dem Außenminister der Vereinigten Staaten Marco Rubio, verlassen.

Die Botschaft betonte, dass sie ihre Arbeit im gewohnten Modus fortsetzt und alle Meldungen darüber, dass ihre Tätigkeit eingestellt werde, falsch seien. Damit bestätigte sich erneut die bekannte These, dass Entscheidungen über die Arbeit diplomatischer Vertretungen auf der Grundlage ihrer eigenen Sicherheitsprotokolle getroffen werden und nicht aufgrund von Erklärungen, die vom Außenministerium der Russischen Föderation oder irgendeiner anderen Behörde ausgehen könnten.

Und damit erwiesen sich die Erklärungen des russischen Außenministeriums über die Notwendigkeit für diplomatische Vertreter, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen, ebenso wie das Gespräch zwischen dem Außenminister der Russischen Föderation und dem Außenminister der Vereinigten Staaten als klassisches Instrument der Einschüchterung.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass diese Erklärung meiner Ansicht nach eine Reaktion auf den Beschuss der Residenz des albanischen Botschafters in Kyiv während des jüngsten Großangriffs auf die ukrainische Hauptstadt war. Und aus Sicht der Russen könnte dies, wenn sie neue Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt planen, zur Beschädigung weiterer diplomatischer Vertretungen, von Botschafterresidenzen und zu Angriffen auf die in Kyiv akkreditierten Diplomaten führen. Die Russische Föderation würde natürlich gerne die Verantwortung für derartige Handlungen von sich weisen, denn Angriffe auf diplomatische Vertretungen sind in der Regel immer mit ernsthaften Skandalen verbunden.

Nun ist Russland nicht einmal mehr vor Protesten vermeintlich befreundeter Staaten im postsowjetischen Raum geschützt. In Moskau hat man dies bereits erkannt, nachdem der Präsident Aserbaidschans, Ilham Aliyev, scharf protestierte, nachdem ein russisches Luftverteidigungssystem ein aserbaidschanisches Zivilflugzeug im Luftraum der Russischen Föderation getroffen hatte. Und anschließend versuchten die Russen nicht nur, diesen tragischen Vorfall zu vertuschen, sondern weigerten sich faktisch auch, sich bei Baku zu entschuldigen.

Gewisse Worte des Bedauerns wurden erst einige Monate später und nach ständigen Protesten sowohl von Präsident Ilham Aliyev als auch von anderen aserbaidschanischen Beamten geäußert. Für Russland ist dies jedoch eine ernste Lehre. Und in Moskau versteht man sehr gut, dass in der ukrainischen Hauptstadt die Botschaften der Vereinigten Staaten, der Volksrepublik China, der Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie der Staaten verbleiben, die zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und sogar zur Eurasischen Wirtschaftsunion gehören.

Und natürlich schafft jeder neue Angriff der Russischen Föderation auf Kyiv reale Probleme für jede diplomatische Vertretung. Denn Raketen wählen, wie wir sehen, nicht aus – umso weniger, würde ich sagen, mit russischer Präzision –, wohin sie einschlagen sollen.

In Wohnviertel der ukrainischen Hauptstadt, auf die die Russen gewöhnlich zielen, um die friedlichen Bewohner Kyivs einzuschüchtern, oder in diplomatische Vertretungen. Somit sind sowohl die Erklärungen des Außenministeriums der Russischen Föderation, in denen ausländischen Diplomaten ausdrücklich empfohlen wird, Kyiv zu verlassen, als auch das Telefongespräch zwischen dem Außenminister der Russischen Föderation Sergej Lawrow und dem Außenminister der Vereinigten Staaten Marco Rubio nicht nur ein Element propagandistischer Einschüchterung, sondern auch ein Versuch, sich der Verantwortung für die Folgen weiterer russischer Angriffe auf das diplomatische Personal zu entziehen. 

Und das muss man verstehen, wenn wir die Situation im Zusammenhang mit der Reaktion der Botschaften sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO diskutieren. Man muss verstehen, dass Diplomaten sich in erster Linie von ihren eigenen Sicherheitsprotokollen leiten lassen.

Im Jahr 2022 sprachen weder das Außenministerium der Russischen Föderation noch andere russische Behörden irgendwelche Warnungen an diplomatische Vertretungen aus – das gab es einfach nicht. Gleichzeitig wurden jedoch bekanntlich die Botschaften der Vereinigten Staaten und anderer westlicher Länder aus der ukrainischen Hauptstadt evakuiert, weil sie die Gefahr für ihr diplomatisches Personal infolge einer möglichen Einnahme Kyivs durch russische Truppen erkannten, da die Nachrichtendienste genau eine solche Entwicklung der Ereignisse und genau solche Absichten des Präsidenten der Russischen Föderation Putin vorausgesehen hatten.

Die Botschaft der Volksrepublik China wurde damals jedoch nicht aus der ukrainischen Hauptstadt evakuiert. Ihre Evakuierung erfolgte erst im März 2022, weil die chinesischen Sicherheitsdienste die Präsenz russischer Truppen damals nicht als unmittelbare Bedrohung für die in Kyiv akkreditierten Diplomaten einschätzten. Die Angriffe der russischen Luftwaffe auf Kyiv stellten hingegen bereits eine direkte Gefahr für die Sicherheit der Diplomaten und die Arbeit der Botschaft dar. Und so wurde eine neue Entscheidung getroffen.

Daher werden Rubio und die anderen Außenminister der Länder, an die sich die Russische Föderation wendet, nicht auf Lawrows Erklärungen achten, sondern auf die reale Situation auf dem Schlachtfeld, auf die tatsächliche Bedrohung durch Luftangriffe und auf die Schlussfolgerungen ihrer eigenen Nachrichtendienste. 

Ganz zu schweigen davon, dass wir verstehen müssen: Über Luftangriffe und deren Gefährlichkeit sollte nicht das Außenministerium informieren, dessen Vertreter in der Regel nicht über die Ziele solcher Angriffe und darüber informiert werden, gegen wen sie gerichtet sein werden. Darüber, wie die Armee handeln wird, informiert die Armee selbst, also das Verteidigungsministerium oder der Generalstab der Streitkräfte der Russischen Föderation. Genau das sind die Behörden, die drohen und warnen müssten.

Wenn jedoch das Außenministerium der Russischen Föderation tätig wird, müssen wir verstehen, dass wir es in erster Linie mit Propaganda zu tun haben. Es sei daran erinnert, dass Sergej Lawrow im Jahr 2022 einer der letzten russischen Beamten war, die über den möglichen Angriff der Russischen Föderation auf die Ukraine informiert wurden. Bis zu den letzten Tagen, als dieser Angriff bereits vorbereitet wurde, bestritt der Außenminister der Russischen Föderation in Gesprächen mit seinen westlichen Kollegen dessen Möglichkeit und wusste, wie es scheint, tatsächlich nichts über die wirklichen Pläne, weil er nicht informiert worden war.

So tritt er auch jetzt eher als Instrument der Propaganda auf denn als Beamter, der über die tatsächlichen Entscheidungen des Präsidenten der Russischen Föderation Bescheid weiß. Dieser ist damals wie heute von einem Kreis von Sicherheitsfunktionären umgeben, mit denen er die Entscheidungen über die weiteren Entwicklungen an den Fronten des russisch-ukrainischen Krieges trifft.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Американці залишаються в Києві | Віталій Портников. 28.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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1 Kommentar

  1. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

    Sehr geehrte Frau Limbach,

    vielen Dank für die Übersetzung und Veröffentlichung des Beitrags von Vitaly Portnikov. Der Text enthält wichtige Hinweise auf die propagandistische Dimension russischer Kommunikation sowie auf die realen Gefahren für Diplomaten und Zivilisten in Kyiv. Gerade deshalb erscheint es jedoch notwendig, einige Aussagen differenzierter zu betrachten.

    Der Beitrag zeichnet ein sehr eindeutiges Bild: Russland erscheint ausschließlich als Akteur gezielter Einschüchterung, während westliche Entscheidungen primär als rational und sicherheitsorientiert dargestellt werden. Eine solche Darstellung greift meines Erachtens zu kurz und blendet wesentliche Aspekte des Konflikts aus.

    Zunächst ist festzuhalten, dass diplomatische Sicherheitsbewertungen grundsätzlich komplex sind und nicht allein propagandischen Motiven zugeschrieben werden können. Wenn Staaten ihre Diplomaten warnen oder Evakuierungen erwägen, geschieht dies häufig auch aus Vorsicht gegenüber einer realen Eskalationsgefahr. Daraus automatisch eine bewusste russische Strategie zur „Vorab-Entlastung“ möglicher Angriffe abzuleiten, bleibt letztlich eine Interpretation, keine belegte Tatsache.

    Ebenso problematisch erscheint die Formulierung, Russland greife „gewöhnlich“ Wohnviertel an, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Unabhängige Untersuchungen internationaler Organisationen dokumentieren zwar wiederholt schwere zivile Schäden infolge russischer Angriffe. Gleichzeitig sollte in einem seriösen Beitrag klar zwischen belegten Tatsachen, Wahrscheinlichkeiten und politischen Bewertungen unterschieden werden. Gerade in Kriegszeiten ist sprachliche Präzision entscheidend.

    Auch die Darstellung Sergej Lawrows als bloßes „Propagandainstrument“ wirkt eher wertend als analytisch. Dass politische Kommunikation auf allen Seiten propagandistische Elemente enthält, dürfte kaum bestritten werden können. Eine glaubwürdige Analyse gewinnt jedoch an Stärke, wenn sie nicht ausschließlich moralisch kategorisiert, sondern unterschiedliche Interessenlagen transparent macht.

    Besonders wichtig erscheint mir zudem, daran zu erinnern, dass jede Eskalation dieses Krieges — unabhängig davon, welche Seite man politisch unterstützt — in erster Linie die Zivilbevölkerung trifft: ukrainische Familien, russische Familien, Menschen in zerstörten Städten und Regionen. Diplomatische Sprache sollte daher möglichst deeskalierend und nicht zusätzlich emotionalisierend wirken.

    Der Beitrag enthält ohne Zweifel relevante Beobachtungen zur Sicherheitslage in Kyiv. Dennoch wäre eine stärkere Trennung zwischen Fakten, Vermutungen und politischen Bewertungen wünschenswert. Gerade journalistische oder kommentierende Texte gewinnen an Glaubwürdigkeit, wenn sie Raum für Differenzierung lassen und nicht den Eindruck vermitteln, komplexe geopolitische Entwicklungen ausschließlich aus einer Perspektive zu betrachten.

    Mit freundlichen Grüßen

    Hans Gamma

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