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Diese vier Jahre des umfassenden Krieges haben alles grundlegend verändert.
Sie haben die Ukraine verändert.
Sie haben die Welt verändert.
Sie haben uns verändert.
Diese vier schrecklichen Jahre haben alles zerstört.
Sie haben unsere Städte zerstört.
Sie haben unsere Leben und unsere Zukunft zerstört.
Sie haben unsere Körper und unsere Seelen verstümmelt.
Und das Wichtigste — diese vier Jahre haben unsere Vorurteile und Illusionen vollständig zerschmettert. Unsere vorgetäuschten Werte und falschen Überzeugungen.
Sie haben unsere warme Fantasiewelt in das aggressive Umfeld der Realität getaucht.
Und unser klares und konsequentes Wissen in einen wahnsinnigen Strom von Informationen.
Seit jenem 24. Februar hat die kalte Dusche der grausamen Wirklichkeit systematisch und endgültig unsere infantilen Vorstellungen von dieser Welt zunichtegemacht.
Sie hat die rosarote Brille, die wir über Generationen hinweg gepflegt haben, in Stücke zerschlagen.
Sie hat uns gezwungen, unsere eigenen Ansichten und den wahren Wert der Dinge neu zu überdenken.
Menschen.
Ideen.
Ziele.
Beziehungen.
Worte.
Umarmungen.
Und sogar … Tode.
Deshalb ist der vollständige Zusammenbruch der Illusionen die wichtigste Errungenschaft dieser unglaublich schweren, katastrophalen und verdammt wertvollen vier Jahre.
Illusionen darüber, wer unser Freund ist und wer in Wirklichkeit unser Feind ist.
Illusionen darüber, dass ein so großer Krieg im 21. Jahrhundert auf keinen Fall beginnen könne, weil er einfach niemals beginnen könne. Noch dazu im gesegneten und begnadeten Europa.
Weil das unsinnig und dumm wäre.
Weil das völliger Wahnsinn wäre!
Weil „nur ein Idiot mit Panzern gegen das brüderliche Ukraine ziehen und mit Raketen auf friedliche ukrainische Städte schießen würde“.
Und selbst als der Krieg bereits vor unserer Haustür stand und hartnäckig mit seiner knochigen Hand an unsere Tür klopfte, schlugen wir, schockiert und benommen, noch lange hysterisch um uns und suchten unbeholfen nach Antworten auf die einfachen Fragen „Warum?“, „Wozu?“ und „Wie zum Teufel konnte das passieren?“.
Wir suchten und fanden keine Antworten, weil wir vollständig in der Gefangenschaft von Selbstsuggestion und Stereotypen waren. Denn am Anfang schien es einfach ein Traum zu sein. Ein dummer, verrückter Traum. Dass wir bald aufwachen würden und alles verschwinden würde wie eine Fata Morgana.
Dann redeten wir uns ein, dass „sie genauso Menschen aus Fleisch und Blut seien wie wir – und dass deshalb natürlich niemand die Zivilbevölkerung angreifen würde“.
Danach klammerten wir uns verzweifelt an den Glauben, dass die Russen und unsere ukrainischen Verwandten in Russland sich empören, auf die Straßen russischer Städte gehen und dieses sinnlose, blutige Gemetzel beenden würden.
Selbstsicher waren wir überzeugt, dass „das alles bald vorbei sein wird und der Krieg höchstens zwei oder drei Wochen dauern wird (zwei oder drei Monate, bis Neujahr, bis zum nächsten Sommer usw.)“.
Wir versicherten einander, dass „sie spätestens dann erschrecken und aufhören würden, wenn die ersten Hunderte (Tausende, Zehntausende, Hunderttausende) Tote zu beklagen wären.“
Doch all das erwies sich als Täuschung – als Echo unseres schematischen, stereotypen Denkens, das uns über Jahrzehnte hinweg gezielt von fremder Propaganda eingeprägt worden war.
Deshalb wurden diese vier verrückten Jahre für eine riesige Zahl von Ukrainern zu einem schweren und dornenreichen Weg zur Erkenntnis. Zu einer neuen Welt, in der wir endlich sehen, wer wer ist. Und wer wir selbst sind.
Und plötzlich wurde klar, dass unser uralter Feind in Wirklichkeit nicht der ist, für den er sich ausgibt. Russland entpuppte sich als ein Gebilde aus Lügen und Täuschung – eine gigantische Ansammlung von Mythen, Vorurteilen und Stereotypen. Ein riesiger, hässlicher Koloss auf tönernen Füßen, dessen einziges Ziel Zerstörung und Tod ist. Ein Monster, das sich geschickt hinter der glänzenden Fassade einer aufgeblähten ‚Größe‘ und einer vorgetäuschten ‚Spiritualität‘ verbirgt.
Es stellte sich heraus, dass die hochgepriesene zweitgrößte Armee der Welt mit ihrem „Schutz des Vaterlandes“, „Pflicht“, „Ehre“, „Herren Offizieren“, „ein Soldat wird doch einem Kind nichts antun“, „Russen lassen ihre Leute nicht im Stich“ usw. in Wirklichkeit nur eine Ansammlung von Mördern, Sadisten, Plünderern und Abschaum ist, die alles auf ihrem Weg zerstört. Eine Herde von Sklaven, die sich an allen um sie herum für Jahrhunderte der eigenen Erniedrigung rächt. Eine Horde, die in jeder Ortschaft, die sie betritt, zuerst Gefängnisse, Folterkammern und Orte von Massenhinrichtungen einrichtet. Eine Bande von Verkommenen, die sich damit brüstet, Gefangene zu misshandeln, Girlanden aus abgeschnittenen Ohren zu zeigen und mit der Zahl vergewaltigter Frauen zu prahlen. Alle – ausnahmslos: vom einfachen, austauschbaren Sturmtruppsoldaten bis hin zum Armeegeneral.
In diesen wenigen Jahren haben wir endlich endgültig verstanden, dass die russische Sprache, die russische Kirche, die russische Kultur, Musik, Kunst, Wissenschaft, Sport, die intellektuelle Elite, die liberale Opposition, die Emigration, der Journalismus usw. lediglich die Vorhut, gewissermaßen die Avantgarde der alles verschlingenden russischen Propaganda- und Informationsmaschine sind, deren Ziel es ist, sich in das Vertrauen der zivilisierten westlichen Gesellschaften einzuschleichen. Indem sie Rechte und Freiheiten nutzen, dringen sie von hinten in die Köpfe des westlichen Bürgers ein. Sie schlagen ein Loch in ihre Herzen und Emotionen. Sie säen auf dem fruchtbaren Boden von Offenheit, Respekt und Toleranz die Keime von Zweifel, Misstrauen und Zynismus. Sie bahnen einen bequemen Weg für diejenigen, die ihnen folgen — für russische Kriminalität, russisches schmutziges Geld, russische Saboteure und schließlich für russische Panzer und Schwärme russischer Orks.
Doch diese vier Jahre haben unsere Sicht nicht nur auf den Feind verändert. Sie haben auch unsere Perspektive auf Verbündete und Partner grundlegend verändert. Für die Ukrainer wurde es zu einer Offenbarung, dass man in der modernen Welt der Regeln, Abkommen und Vereinbarungen ausschließlich … auf sich selbst und nur auf sich selbst zählen kann.
Denn deine Freunde, Verbündeten oder Partner können in einem bestimmten Moment einfach Angst bekommen, ihre Meinung ändern, dich ignorieren, sich vom Geld verführen lassen und nicht nur ihre eigenen Verpflichtungen aufkündigen, sondern im schwersten Moment sogar dir in den Rücken fallen. Dir die Lebenswege abschneiden. Dein Getreide auf den Asphalt kippen. Dir keine Waffen zur Verteidigung geben, während du verblutest. Sich mit deinem Feind verbrüdern und von dir eine sofortige Kapitulation verlangen, indem sie das heuchlerisch einen Friedensplan nennen. Und dich am Ende auch noch für all das verantwortlich machen.
Weil deine Vorfahren angeblich irgendwann einmal einen Streit mit ihren Vorfahren gehabt hätten. Weil du nicht demütig genug und nicht dankbar genug gewesen bist. Weil du den falschen Anzug getragen hast. Weil du zu oft und zu laut nach Gerechtigkeit rufst, über deinen Schmerz und dein Recht auf Existenz sprichst. Weil du dich, verdammt noch mal, hartnäckig weigerst zu sterben. Und das nervt tatsächlich alle und stört den durchschnittlichen Bewohner von Warschau oder Florida dabei, gemütlich sein Bier zu schlürfen und Pornos zu schauen. Denn wer möchte schon, wenn er den verzweifelten Widerstand der Ukrainer sieht, mit dem Gefühl der eigenen Erbärmlichkeit und Bedeutungslosigkeit leben?
Und Millionen von Ukrainern, die im Westen ihre Familien retteten, sahen plötzlich und erkannten, dass der typische Bewohner Europas oder Amerikas ein gewöhnlicher schwacher Mensch ist, aus demselben Fleisch und Blut wie sie selbst. Ein Mensch mit seinen Vor- und Nachteilen. Mit eigenen Ängsten und Vorurteilen, Schwächen und Fehlern, Erwartungen und Phobien, mit denen man ebenfalls rechnen muss.
Und die große und glänzende westliche Zivilisation selbst ist ein buntes Konglomerat absolut unterschiedlicher Länder mit typisch ukrainischen Herausforderungen: Korruption und Inkompetenz, sozialen Problemen und Energieabhängigkeit, von der Realität abgekoppelten Eliten und einem wilden Aufblühen des Populismus usw.
Mehr noch: Dieselben Vereinigten Staaten von Amerika, dieses Vorbild für Demokratie, Freiheiten und Werte in der Hollywood-Version, diese „leuchtende Stadt auf dem Hügel“ („shining city on a hill“), erwiesen sich als ein Land mit einer so gigantischen Liste ungelöster Probleme, mit einer so kolossalen Vermögens- und sozialen Ungleichheit, mit einem so starken Bedarf an Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Stabilität, dass die ideologische Kluft und Polarisierung in der amerikanischen Gesellschaft einfach beispiellose Ausmaße erreicht hat. Die Folge davon war das Aufkommen an der Macht in den USA einer ganzen Kohorte politischer Betrüger und prinzipienloser Opportunisten, deren Maß an Unmoral, beruflicher Unfähigkeit und Korruption sich die Ukrainer mit ihren lächerlichen „Mindychs“ nicht einmal hätten vorstellen können.
Denn das Markenzeichen der USA wurden plötzlich nicht mehr Freiheiten, Rechte und Werte, sondern Chaos, Inkompetenz und eine fortschreitende Degeneration der amerikanischen politischen Eliten mit ihrer Dummheit, Sinnlosigkeit und wahnsinnigen Kitschigkeit. All diese lauten Korruptions- und Pädophilie-Skandale. Die Missachtung von Menschen und Regeln. Der dreiste und zynische Handel mit Insiderinformationen, Loyalität, Privilegien und politischem Einfluss. Die Nutzung der unbegrenzten administrativen, diplomatischen, finanziellen und militärischen Ressourcen der Vereinigten Staaten zur Erweiterung eigener Geschäftsimperien durch Erpressung ganzer Städte, Länder und Regionen.
Mit einem Wort: Für die vom Krieg und Terror erschöpfte ukrainische Gesellschaft, die Amerika immer als unbestreitbare Autorität betrachtete, wurde der Zusammenbruch des Rufs der USA zu einer sehr schmerzhaften, aber äußerst wichtigen Entdeckung. Ein endgültiger Nagel im Bewusstsein der Komplexität und Veränderlichkeit dieser unvollkommenen Welt. Einer Welt, in der für uns nur noch ein Wert geblieben ist, nur noch ein sicherer Ort, nur noch ein „gelobtes Land“ — die unabhängige Ukraine.
Deshalb wurde die größte Errungenschaft der Ukrainer in diesen vier verrückten Jahren der vollständige Zusammenbruch von Vorurteilen und Stereotypen über sich selbst. Eine vollständige Neubewertung der eigenen Möglichkeiten und des eigenen Platzes auf diesem Planeten.
Denn der Ukrainer ist heute ein Synonym für Unbeugsamkeit und Heldentum, Ausdauer und Fleiß, Solidarität und gegenseitige Hilfe, Kreativität und Intellekt, Würde und Streben nach Freiheit.
Natürlich ist das alles Pathos und wir sind keineswegs perfekt. Natürlich bahnen wir uns erst noch unseren Weg und haben noch viel Raum zum Wachsen. Natürlich haben wir viele schmerzliche Fehler gemacht, machen sie und werden sie noch machen. Und natürlich ist jeder von uns ein kleiner und schwacher Mensch, der allein zu wenig fähig ist. Aber …
Aber es stellt sich heraus: Wenn wir zusammen sind. Wenn uns eine gemeinsame Sache und gemeinsame Werte verbinden. Wenn wir Inspiration und ein gemeinsames hohes Ziel haben. Dann sind wir zu unglaublichen Durchbrüchen und zu titanischen Taten fähig.
Und in dieser neuen Welt des Wahnsinns, des Chaos und des Zusammenbruchs der Illusionen haben wir eine unglaubliche Chance, uns endgültig aus den Klauen eines wahnsinnig gewordenen Imperiums zu befreien und für diese faule und verwöhnte Welt zu einem Vorbild und Wegweiser zu werden. Zu denen, über die Bücher geschrieben und Legenden erzählt werden.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: ЧОТИРИ РОКИ КРАХУ ІЛЮЗІЙ
Autor: Yaroslav Deneka
Veröffentlichung / Entstehung: 09.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.