Das ist unser Treffen am dritten Tag der Proteste, die in der Ukraine andauern – gegen den Entzug der Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden. Wie auch an den Tagen zuvor waren viele Menschen auf den Straßen und Plätzen der ukrainischen Städte. Das zeigt im Übrigen, dass es kein echtes Vertrauen der Gesellschaft in die Regierung gibt. Denn der Präsident der Ukraine hat heute mit einer ganz klaren Initiative reagiert und versprochen, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsinstitutionen wiederherzustellen. Es ist offensichtlich, dass sein Gesetzentwurf als dringlich in der Werchowna Rada registriert wird. Das heißt, der Präsident ist grundsätzlich bereit, diesen Fehler zu korrigieren, der innerhalb weniger Stunden während der letzten Sitzung des ukrainischen Parlaments gemacht wurde. Auch wenn er diesen Fehler nicht offen eingesteht. Doch wie wir sehen, trauen die Menschen ihm trotzdem nicht, sie befürchten, dass das Thema erneut ungelöst bleibt.
Dabei ist klar, dass die Regierung, was die Beschneidung der Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden betrifft, keinen Spielraum mehr hat. Dieser Fehler muss korrigiert werden – auch wegen des erheblichen Drucks westlicher Regierungen.
Dabei stellt sich eine berechtigte Frage: Warum hat man das nicht vorausgesehen? Ich lese gerade in den Medien, dass im Büro des ukrainischen Präsidenten weder mit Massenprotesten noch mit einer so scharfen Reaktion des Westens gerechnet wurde. Das ist genau das, worauf ich immer wieder hinweise: Die Kunst der Voraussicht und der Variantenvielfalt ist echte politische Kunst.
Die Kunst, Abgeordnete in einem Parlament, in dem man ohnehin die Mehrheit hat, zu zwingen, für jedes beliebige Gesetz zu stimmen, das einem gefällt, ist keine Kunst – das ist Willkür. Die wahre politische Kunst – das, wofür Menschen überhaupt in die Politik gehen – liegt in der Fähigkeit, auf unterschiedliche Szenarien zu reagieren und Alternativen durchzuspielen für den Fall, dass man auf unvorhergesehene Herausforderungen reagieren muss.
Das hat man uns auf den verschiedensten geisteswissenschaftlichen Fakultäten beigebracht, von der Rechtswissenschaft bis zur Philosophie – Variabilität. Selbst ganz normale sowjetische Bürger, verzeiht den Ausdruck, hat man das gelehrt. Ihr Lieblingsheld war der Standartenführer Stierlitz, der in seiner Residenz bei Berlin Bilder von NS-Führern auf seinem Schreibtisch ausbreitete und zu verstehen versuchte, wer von ihnen mit dem Westen verhandeln könnte. Das war eine große Lehre in Variabilität für ein ganzes Volk, das eigentlich gar nicht zu solcher Variabilität fähig war. Vielleicht sind Zelensky und die Menschen um ihn herum zu jung, um sich an so einen Film zu erinnern. Das Problem ist: Putin ist auf genau solchen Filmen groß geworden. Und das ist die eigentliche Herausforderung, der wir heute gegenüberstehen.
Ich halte es also für durchaus berechtigt, die Frage nach den Szenarien zu stellen: Warum musste dieses Gesetz so schnell verabschiedet werden? War das eine emotionale Reaktion? Oder die Angst vor bestimmten Verfahren und der Wunsch, NABU und SAP in Abhängigkeit von der Generalstaatsanwaltschaft zu bringen? In diesem Fall könnten wir sogar sagen, dass die Regierung mit vielem gerechnet hat – etwa damit, dass sie die Unabhängigkeit von NABU abschafft oder sie eben nicht abschafft, dafür aber in dem Zeitraum bis zu deren Wiederherstellung eine Reihe von brisanten Ermittlungen beenden kann.
Doch es ist schwer nachvollziehbar, wie man das angesichts dieser gesellschaftlichen Reaktion und des realen, scharfen Drucks unserer westlichen Partner tun will – ohne dass jemand sagt: “Ach, deshalb also! Sie wollen ihre Verbündeten vor der Strafverfolgung bewahren.” Das würde bedeuten, dass man alle Scheinwerfer direkt auf die Person richtet, die man vor Antikorruptionsermittlungen retten möchte.
Ein anderer Erklärungsversuch wäre: Die Regierung handelt so vorausschauend, dass sie die ganze Diskussion über die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden nur deshalb angezettelt hat, um von anderen, weitaus gefährlicheren Punkten im Gesetz abzulenken. Beispielsweise davon, dass Staatsanwälte nun nach Belieben ihrer Vorgesetzten entlassen werden können oder dass Sicherheitskräfte Wohnungen ohne richterliche Anordnung betreten dürfen – etwas, das es in der Ukraine noch nie gegeben hat. Das wäre ein ernsthafter Schritt in Richtung autoritärer Staat. Und stellen wir uns vor, die Antikorruptionsbehörden bleiben unabhängig, aber all diese anderen Regelungen bleiben bestehen. Dann könnte man sagen, die Regierung hat uns und die westlichen Partner gut ausgetrickst – und die merken womöglich nicht einmal etwas.
Aber selbst wenn diese Artikel im Gesetz verbleiben, auf dem Weg zur europäischen Integration wird man sie ohnehin loswerden müssen. Das wird Teil von Verhandlungen sein. Und der Ukraine wird ganz klar gemacht: Es wird keine europäische Integration geben, solange ihr Rechtssystem nicht den Verhaltensnormen der zivilisierten Welt entspricht.
Deshalb halte ich weiterhin die These von der Kurzsichtigkeit und der fehlenden Variantenplanung für plausibel. Wir sind diesem Denken ja schon öfter begegnet: etwa im Februar 2022, als man das Szenario eines massiven russischen Angriffs mit Bombardierungen ukrainischer Städte und Dörfer nicht voraussah – obwohl praktisch alle bereits von solchen Plänen sprachen und detaillierte Karten des russischen Vormarschs in der freien Presse veröffentlicht wurden. Und zwar nicht zufällig – Geheimdienste gaben diese Karten bewusst an Journalisten, um auch die Ukraine auf die Ernsthaftigkeit der Lage hinzuweisen. Aber alle hielten das für einen Zeichentrickfilm, nicht für ein realistisches Kriegsbild, das sich erbarmungslos über unser Land ergießt – ein Krieg, der Jahre dauern würde.
Ein weiteres Beispiel für Kurzsichtigkeit war die Wiederbelebung des Normandie-Formats und das Treffen zwischen Zelensky und Putin. Viele sagten damals: Wenn Zelensky sich mit Putin trifft und sich nicht unterwürfig zeigt, öffnet das die Tür für einen großen Krieg – mit der Besetzung neuer ukrainischer Gebiete und unzähligen Toten. Die beste Strategie wäre gewesen, sich überhaupt nicht mit Putin zu treffen, ihn auf Distanz zu halten, ihn mit seinen Illusionen allein zu lassen. Das wäre ein geschickter politischer Schachzug gewesen, der der Ukraine vielleicht ein paar Jahre Frieden und Vorbereitung verschafft hätte. Doch niemand dachte daran. Zelensky war überzeugt, dass ein Treffen mit Putin nötig sei, um alle Probleme zu lösen – so wie heute die ukrainische Delegation ein weiteres Treffen vorbereitet. Dabei ist klar: Sollte ein solches Treffen stattfinden, wird das einzige Ergebnis eine Eskalation sein. Denn Putin trifft Zelensky nur, um dessen vollständige Kapitulation zu akzeptieren. Und wenn Zelensky glaubt, dass er mit Putin etwas aushandeln kann – worüber denn bitte? Über eine Weiterführung des Krieges mit neuer Wucht! Wenn Putin sieht, dass Zelensky sich nicht ergibt, wird er noch wütender sein als 2019. Aber gut – heute ist es eine andere Situation: Ein jahrelanger Krieg. Länder und Armeen sind erschöpft. Man kann diskutieren. Damals konnte man das nicht.
Ein weiteres Beispiel war die mangelnde Vorbereitung auf das Treffen mit Trump im Oval Office. Viele westliche Beobachter, europäische Politiker, US-Senatoren rieten Zelensky, das Treffen lieber zu vermeiden – angesichts von Trumps Haltung zur Ukraine. Man hätte lieber zuerst ein Abkommen über Mineralien unterzeichnen sollen und dann versuchen, amerikanische Unterstützung zurückzugewinnen – in dem Wissen, dass Putin Trump ohnehin täuscht und ein anderer Moment kommt, um dessen Kurs zu ändern. Wie wir wissen, ist all das leider nicht geschehen.
Diese Beispiele zeigen für mich klar: Es fehlt an Weitblick und an Varianten-Denken. Aber genau das braucht die ukrainische Regierung. Deshalb spreche ich immer wieder über die Notwendigkeit einer Regierung der nationalen Einheit oder nationalen Rettung – einer Zusammenarbeit zwischen verschiedenen politischen Gruppen. Denn in einer solchen Regierung bringt jeder unterschiedliche Szenarien ein. Man hat Auswahlmöglichkeiten. Wer auf diese Vielfalt verzichtet, wirkt am Ende wie ein Narr. Das ist ein Naturgesetz.
Das ist auf der einen Seite ein Problem der ukrainischen Führung – aber andererseits auch unsere Stärke im Kampf gegen Russland. Denn auch Putin hat sich in seinem letzten Jahrzehnt der Macht aller Varianten beraubt. In Russland herrscht ein klar sowjetisches System, das der Führung nur angenehme Nachrichten meldet. Niemand wagt es, Putin unliebsame, aber realistische Alternativen vorzulegen. In autoritären Ländern gibt es keine Alternativen.
Die Stärke demokratischer Politik liegt genau darin: Menschen diskutieren miteinander, wägen verschiedene Entwicklungen ab, erklären dem Staatsoberhaupt persönliche wie nationale Risiken. Das gilt auch für die aktuelle Antikorruptionsdebatte. Zu glauben, dass alle alles schlucken – sagen wir, man denkt, es interessiert niemanden – ist naiv. Was aber, wenn plötzlich zehntausende Menschen protestieren und sagen: Dieses Gesetz gefährdet unser Sicherheitsgefühl? Was, wenn westliche Partner intensiven Druck ausüben und ihre Finanzhilfen stoppen?
Heute war übrigens der erste Tag seit Kriegsbeginn, an dem ein Teil der westlichen – insbesondere europäischen – Gelder aufgrund unerfüllter Zusagen zurückgehalten wurde. Das ist ein schlechtes Zeichen, ein ernsthafter Warnschuss. Denn wir müssen uns klar machen: Die Ukraine ist ein Land an der künstlichen Beatmung. Wird sie abgeschaltet, sehen wir sofort, was mit unserer Staatlichkeit, unserer Wirtschaft, mit Löhnen und Renten passiert: Nichts passiert. Der gesamte ukrainische Staatshaushalt fließt in die Versorgung der Streitkräfte, die ihrerseits alles tun, um die russische Armee zu stoppen – eine Armee, deren Ziel es ist, die ukrainische Staatlichkeit zu zerstören oder zumindest so viel Territorium wie möglich einzunehmen im Rahmen dieses Zermürbungskriegs.
Und damit kommen wir zum zweiten Thema unseres heutigen Gesprächs: dem Interview von General Valery Zaluzhny, dem derzeitigen ukrainischen Botschafter in Großbritannien, mit dem Portal LB.ua. Jedes Interview des Generals wird als Sensation wahrgenommen, obwohl er seit seinem ersten öffentlichen Auftreten eigentlich immer das Gleiche sagt. Nur dass die Ukrainer es jedes Mal als sensationell empfinden. Zaluzhny sprach davon, dass der Krieg bis 2034 andauern könnte. Das war die Hauptmeldung in den Kommentaren. Er meinte jedoch: “Gott bewahre, dass es bis 2034 dauert”, wenn es der Ukraine nicht gelingt, tragfähige Sicherheitsstrukturen aufzubauen. Denn auch bei einem möglichen Waffenstillstand mit Russland ist eine Wiederaufnahme der Kämpfe jederzeit denkbar – bis ins Jahr 2034 und darüber hinaus.
Ich sage es gleich: Das ist kein fixes Datum. Die Ukraine könnte dauerhaft im Kriegszustand leben, wie Israel – und das nicht für 20, sondern 50 Jahre. Ein konkretes Enddatum für diesen Konflikt gibt es nicht. Ob 2034, 2025 oder 2054 – das hängt von zahllosen Faktoren ab, darunter auch von politischen Veränderungen in Russland selbst.
Ich habe oft gesagt: Die einzige Garantie für die Existenz der Ukraine ist ein demokratisches Russland. Kein zerfallenes Russland voller autoritärer Mini-Staaten mit Atomwaffen, keine Diktatur, die sich kurz zurückzieht, um dann zum finalen Schlag auszuholen. Nein – eine normale Demokratie. Ob Russland je so eine Demokratie sein kann, ist unklar. Aber es gab Versuche. Und es gab Phasen, in denen Russland politisch fortschrittlicher war als die Ukraine – nicht wegen uns, sondern weil man unsere Gesellschaft im Sowjetstaat zur konservativsten gemacht hat. Alles Mutige, Ehrliche, Frische wurde ausgerottet. Es brauchte Zeit, um eine Gesellschaft aufzubauen, die den Menschen mehr Achtung entgegenbringt als das russische System.
Ich weiß genau, wann die Ukraine Russland überholt hat: 2004, mit der Orangen Revolution. Bis dahin ähnelten unsere politischen Prozesse sehr den russischen. Unsere Souveränitätserklärung kam nach der der russischen Duma, unsere Unabhängigkeit nach dem gescheiterten Putsch in Moskau. Unser Präsidentschaftsduell wurde nach russischem Vorbild inszeniert. Doch nach 2004 endeten die Parallelen. Russland versank im Totalitarismus – ein Weg, der zwangsläufig zu militärischer Aggression gegen die Ukraine führen musste. Die Ukraine hingegen wurde ein Land freier Wahlen und Aufstände – also das Land, das sie schon vor der bolschewistischen und sogar der imperialen Zeit hätte sein sollen. Das Eis der jahrzehntelangen russisch-sowjetischen Besatzung ist gebrochen.
Aber das ist ein historischer Exkurs, denn wir sprechen hier nicht über Geschichte, sondern über die Realität. Und die Realität besteht in einer ganz einfachen Tatsache: Wir können nicht jahrzehntelang auf eine Veränderung der russischen gesellschaftlichen Infrastruktur warten – weil wir nicht wissen, ob wir sie überhaupt noch erleben. Wir müssen über die Bewahrung der ukrainischen Staatlichkeit und die Existenz des ukrainischen Volkes auf seinem ethnischen Territorium nachdenken. Ich wiederhole es unermüdlich: Eine Niederlage der ukrainischen Staatlichkeit würde diesmal das Ende der Geschichte des ukrainischen Volkes bedeuten. Denn die Russen haben all ihre bisherigen Fehler in Bezug auf die Kontrolle der Ukrainer unter russischem Mandat erkannt. Diesmal würden sie keine Ukrainer mehr dulden. Die Ukrainer würden vertrieben, vernichtet, vollkommen russifiziert – nicht einfach zur russischen Sprache überführt, sondern als Russen deklariert werden, wie das bereits in den besetzten Gebieten der Ukraine geschieht. Und das passiert innerhalb von zehn, fünfzehn Jahren Besatzung. Dann bleiben die Ukrainer nur noch im Ausland. Das ist eine existentielle Prüfung. Und daher stellt sich die Frage: Wie kann man ihr mit den heutigen technischen und politischen Mitteln begegnen?
Ein weiterer sehr wichtiger Faktor für zumindest eine Unterbrechung des Krieges ist, dass Russland das Geld für den Krieg ausgeht. Bislang gibt es jedoch keine objektiven Anzeichen dafür, dass Russland in absehbarer Zeit das Geld für den Krieg ausgehen wird. Russland kann seinen Militäretat bewältigen – aus dem einfachen Grund, dass die Russen in Zeiten eines Eroberungskrieges bereit sind, den Gürtel enger zu schnallen, weil sie das motiviert. Und das ist vollkommen logisch. Wenn man eine Sklavengesellschaft erschafft, in der der Einzelne keine Rolle spielt, in der jeder dem Staat, jedem Polizisten, jedem Beamten ausgeliefert ist, dann bleiben zwei Ventile: die kommunale Behörde und der Krieg. Die Behörde ist inzwischen nicht mehr so sicher. Der Krieg ist sicherer. Ein imperialistischer Krieg kompensiert die eigene Ohnmacht. Immer wenn Russland einen Eroberungskrieg geführt hat, vertraute seine Gesellschaft der Regierung. Für so eine Regierung bedeutet es eine Niederlage, den Krieg zu beenden, ohne die gewünschte Beute, ohne viele Feinde zu vernichten oder deren Gebiete in Ruinen zu verwandeln. Deshalb führt Putin diesen Krieg mit solcher Inbrunst und Begeisterung.
Wir müssen verstehen, dass Putin in diesem Krieg mehrere Ebenen von Zielen verfolgt. Und wir müssen uns jeder dieser Ebenen entgegenstellen. Erstens: die Besetzung möglichst großer Teile der ukrainischen Gebiete und deren spätere Eingliederung in die Russische Föderation. Das ist offensichtlich. Wir sehen es vor unseren Augen. Zwar gelingt der russischen Armee derzeit nicht allzu viel – auch wegen veränderter Technologien. Und tatsächlich wird es irgendwann, sollte die Zahl der russischen Gefallenen weiter steigen, zu Problemen mit dem Mobilisierungspotenzial kommen – vor allem, wenn es um eine Armee bezahlter Söldner geht. Die Einberufung gewöhnlicher Bürger ohne Bezahlung wird die Stabilität innerhalb Russlands und den Haushalt nicht stärken. Deshalb versucht Putin seit drei Jahren, eine allgemeine Mobilmachung zu vermeiden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Führung Rekruten in Moskau oder St. Petersburg einziehen wird. Wobei: St. Petersburg ist irrelevant – nur Moskau zählt. Doch offensichtlich gibt es nicht mehr genügend Menschen, die bereit sind, allein fürs Geld zu kämpfen. Und ohne Geld – das ist für Russland eine äußerst heikle Frage.
Daher versucht Russland, den Krieg technologisch so umzustellen, dass er mit möglichst wenig Personal geführt werden kann. Deshalb diese Masse an Drohnen, deshalb diese Zahl an Raketenangriffen. Denn wenn wir Russland wirklich erschöpfen wollen – und Zaluzhny sagt ja selbst, dass es ein Abnutzungskrieg ist (laut ihm seit Ende 2023, ich meine sogar seit Anfang 2023) – dann braucht man keine Offensive, sondern kontinuierliche Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte. Ziel: die Ukraine unattraktiv für Investitionen zu machen, sodass die Bevölkerung nach und nach abwandert. Denn: Wenn du Investor bist und Geld in eine Fabrik steckst, und morgen schlägt eine Rakete ein – dann gibt es keine Fabrik mehr. Wenn du ein Bürger bist, weißt du nicht einmal, ob du dein Haus in der Stadt noch renovieren sollst – vielleicht trifft es morgen eine Drohne.
So wird das Land allmählich zu einer Zone der Hoffnungslosigkeit. Eine „Libanisierung“ der Ukraine. Auch das könnte Putins Plan sein: Nicht eine militärisch besiegte Ukraine, sondern eine Ukraine, die in einen ewigen, für Russland kostengünstigen Abnutzungskrieg hineingezogen wird – als ewiges Beispiel dafür, was mit Völkern geschieht, die sich Russland nicht unterwerfen. „Ein Fiasko erwartet euch – in Kasachstan, Belarus oder anderswo –, wenn ihr uns nicht gehorcht.“ Das ist das Musterbeispiel, das Russland der Welt zeigen will. Denn die Ukraine war – zumindest nach dem Maidan 2013/2014 – ein Erfolgsmodell. Und es wurde sehr viel Geld investiert, um daraus ein Modell des Scheiterns zu machen: innenpolitisch, territorial, mit Hilfe oligarchischer Fernsehsender und all dem Unfug, der damals ablief. Ihr erinnert euch gut daran.
Ein weiterer zentraler Aspekt dieses Krieges ist der demografische Krieg. Auch das wiederhole ich ständig. Dieser Krieg zielt auf die Bevölkerung – denn wir leben in einem Land, dessen Volk in der russischen Geschichte stets die einzige wirkliche demografische Alternative darstellte. Es gab keinen zweiten so großen Volksstamm im Russischen Reich oder in der Sowjetunion. Deshalb war die Ukraine die zweitwichtigste Republik der UdSSR. Deshalb galten die „Kleinrussen“ fast als „Großrussen“ im Imperium. Deshalb konnten viele Ukrainer hohe Posten in der Sowjetführung erreichen – allerdings nur, wenn sie die nationalistische Agenda Russlands unterstützten, also halfen, die eigene Identität zu zerstören.
Aber das hat die Russen immer beunruhigt. Und noch mehr beunruhigen sie heute die Ukrainer, die ein unabhängiges politisches Subjekt in Zentraleuropa werden. Ein großes demokratisches Land in Zentraleuropa – das ist für Russland inakzeptabel. Ein Ukraine auf dem Niveau der Slowakei – das ginge gerade noch, falls man sie nicht komplett einnehmen kann. Der ständige Exodus der Ukrainer, der Geburtenrückgang, das weitverbreitete Gefühl, dass es in der Ukraine keine Perspektiven gibt – all das ist Teil dieses großen Erschöpfungskriegs.
Und das zeigt: Ja, man kann bis 2034 oder 2044 Krieg führen – wenn man die Ressourcen richtig einsetzt. Dafür braucht man keine Großoffensiven. Man braucht nur eins: die Atmosphäre völliger Perspektivlosigkeit. Und die Leute, die im Land bleiben, merken gar nicht, dass mit ihnen längst etwas geschehen ist.
Ich lese seit Jahren libanesische Zeitungen. Und ich verstehe sehr gut: Die meisten Menschen im heutigen Libanon haben keine echten Entwicklungsperspektiven mehr. Aber wenn man libanesische Medien öffnet, sieht man ein lebendiges Land – mit Kultur, Politik, Wahlen, Protesten, Parteien, Konflikten, Kriegen. Alles brodelt. Und doch leben viele Libanesen längst in Frankreich oder der arabischen Welt, besuchen ihre Heimat nur noch, um an den Gräbern ihrer Eltern zu weinen. Die, die geblieben sind, merken nicht, dass sie längst in einer Art „Und täglich grüßt das Murmeltier“-Zustand leben. Auch das ist Putins Ziel.
Damit habe ich die zentralen Herausforderungen umrissen, denen wir uns in den kommenden Kriegsjahren stellen müssen. Ich kann euch nicht sagen, wann dieser Krieg endet. Aber ich kenne eine Regel: Kriege, die nicht innerhalb von 7 bis 8 Monaten enden, dauern mindestens 7 bis 8 Jahre. Deshalb sagte ich 2022 zu westlichen Politikern und Experten: Ihr müsst alles tun, um Putin jetzt zum Abbruch dieses Krieges zu zwingen. Wenn ihr diesen Moment verpasst, landet ihr in einem endlosen Krieg – einer Wunde Europas, die früher oder später die ganze EU destabilisieren wird. Leider verstanden das damals viele nicht. Sie glaubten, ein Krieg lasse sich wie ein Zug einfach mit der Notbremse anhalten. Aber so funktioniert das nicht. Wenn der Zug einmal Fahrt aufgenommen hat, hält ihn nichts mehr auf. Er fährt unbeirrbar weiter.
Und so stehen wir nun vor der Situation, wie sie eben ist. Wie sollen wir all diese Probleme lösen? Wie ich eingangs sagte: Die Ukraine kann diesen Krieg gegen Russland nur als Teil der westlichen Welt gewinnen. Russland hat den Globalen Süden auf seiner Seite – China, Indien mit ihren Ölkäufen. Aber viele dieser Hebel lassen sich nach und nach abstellen. Indien, Brasilien, Türkei – man kann sie vom russischen Markt lösen. Wenn Russland am Ende nur noch mit China verbunden ist, dann wird China – das seine Geschäfte mit dem Westen nicht gefährden will – irgendwann Stabilität einfordern. Das bedeutet nicht, dass China Russland eine Niederlage erlaubt. Aber es wird auch nicht zulassen, dass Russland gewinnt.
Und so könnte sich der Abnutzungskrieg festfahren – und in eine jahrelange Pause übergehen. Auch das ist ein realistisches Szenario. Auch darüber muss gesprochen werden. Es ist ein wahrscheinlicher Verlauf des russisch-ukrainischen Kriegs. Wir müssen also sagen: Ja, wir verstehen das Risiko.
General Valery Zaluzhny hat immer von der Dauer dieses Krieges gesprochen. Schon in seinem ersten Artikel – gemeinsam mit General Zabrodsky – hat er das geschrieben. Übrigens gab es in diesem Text auch viele prophetische Aussagen, wie später in anderen Veröffentlichungen von Zaluzhny. Er sprach früh davon, dass sich der Krieg technologisch verändern werde. Damals fragten sich alle: Was meint er damit? Was kann sich heute schon so dramatisch ändern wie einst durch die Erfindung des Schwarzpulvers? Nun – der Krieg des Jahres 2025 ähnelt überhaupt nicht mehr dem Krieg von 2022. Es ist ein Krieg der Drohnen und der Technologien. Das heißt: Der technische Wandel hat bereits stattgefunden.
Das also sind meine Kommentare zu den beiden Hauptthemen des heutigen Tages.
Jetzt wollen wir versuchen, auf ein paar Fragen zu antworten.
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Frage: Hat der Präsident seine Fehler in diesem Abenteuer verstanden? Wird er daraus lernen?
Portnikov: Ich kann Ihnen nicht sagen, was der Präsident der Ukraine versteht und ob er seine Entscheidung zur Einschränkung der Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden für ein Abenteuer hält – oder ob er sie nur unter dem Druck der Gesellschaft und der westlichen Partner wieder zurücknehmen muss. Ich glaube nicht, dass Zelensky seine Handlungen als Abenteuer betrachtet. Aber er zieht stets Konsequenzen. Man sieht, dass Zelensky schnell auf gesellschaftliche Erwartungen und westliche Kritik reagiert. Viele wollen das nicht anerkennen, aber selbst wenn man persönliche Abneigung gegen ihn oder seine Politik empfindet, kann man diese Eigenschaft nicht übersehen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Viktor Janukowytsch, der ebenfalls absurde Gesetze erließ – aber die Reaktion der Gesellschaft und des Westens ignorierte. Janukowytsch hörte nur auf Putin. Das Ergebnis kennen wir: den zweiten Maidan, die Tragödie auf den Straßen Kyivs, die Himmlische Hundertschaft, die Flucht des Präsidenten – und so wurde es dem Feind leichter gemacht, einen Teil unseres Territoriums zu besetzen. Janukowytsch war grundsätzlich unfähig zum Dialog mit seinen Landsleuten. Er respektierte weder das Volk noch den Westen. Zelensky hingegen – selbst wenn er nicht den Dialog sucht – sieht die Menschen, die sich vor seiner Residenz versammeln. Und das ist immerhin etwas.
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Frage: Wie Sie sagen – Zelensky rettet alles vor NABU, aber solange die Werchowna Rada Ferien hat, wird „nach Strich und Faden“ gestohlen und Korruption betrieben?
Portnikov: Ich glaube nicht, dass das mit den Ferien der Werchowna Rada zu tun hat oder dass man derzeit jemand versucht, etwas vor NABU zu retten. Übrigens glaube ich auch nicht, dass die Korruptionsprozesse stark mit NABU zusammenhängen. Ich bin grundsätzlich gegen jede Form von Fetischisierung. In seinem jetzigen Zustand war NABU der Regierung kein großes Hindernis – vielleicht nur einigen ihrer Vertreter. Daher sehe ich keine logische Verbindung zwischen den aktuellen Ereignissen und einem Zuwachs an Korruptionsinteressen.
Frage: Beeinflussen die Stimmungen in der ukrainischen Gesellschaft die Verhandlungen mit Russland? Wird das als Druckmittel eingesetzt?
Portnikov: Ich sage es gleich: Es gibt keinerlei Verhandlungen mit Russland. Wer über Verhandlungen mit Russland als reale Möglichkeit spricht, täuscht sich selbst und die ukrainische Gesellschaft. Die Russische Föderation ist an keinerlei Gesprächen mit der Ukraine interessiert – sie interessiert sich ausschließlich für die Vernichtung der Ukraine als „separatistische Formation“ auf dem russischen Körper.
Der angeblich wiederbelebte Verhandlungsprozess, von dem Wladimir Putin spricht, verfolgte nur ein Ziel: den Ultimatum-Versuch europäischer Führer vom 10. Mai zu torpedieren, der nach einem Telefonat mit Trump in Kyiv – gemeinsam mit Zelensky – stattfand. Putin wurde damals aufgefordert, bis zum 12. Mai das Feuer einzustellen, andernfalls drohten ihm koordinierte Sanktionen der USA und der EU.
Ich weiß nicht, welche Sanktionen das genau gewesen wären, aber ich bin sicher: Keine Sanktionen würden Putin zwingen, den Krieg zu beenden. Dennoch wäre es ein harter Schlag für die russische Wirtschaft gewesen, wenn sie von Washington, Brüssel und London gemeinsam beschlossen worden wären. Putin ignorierte das Ultimatum faktisch und bot stattdessen an, die Gespräche in Istanbul wiederaufzunehmen. Das war nichts weiter als ein Pass in Richtung Präsident Trump – ein Vorwand, um erstens die Sanktionen zu verhindern, zweitens unsere Delegation zu Scheingesprächen zu schicken und drittens zu behaupten, er habe nie von einem bedingungslosen Waffenstillstand gesprochen, obwohl er das sehr wohl tat.
Das ist ein entscheidender Punkt, den wir nicht vergessen dürfen. Seitdem sehen wir nur eine Imitation von Verhandlungen. Russland hat keinerlei echtes Interesse an Einigungen – es will nur die bedingungslose Kapitulation der Ukraine. Wenn die Ukraine morgen unter russischen Bedingungen kapituliert, wird der Krieg pausieren – bis zur endgültigen Eliminierung der ukrainischen Staatlichkeit.
Was Russland will, steht in seinen Memoranden:
– Abzug der ukrainischen Streitkräfte aus Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja; Anerkennung des russischen Status dieser Regionen und der Krim;
– Verfassungsänderungen in der Ukraine, durch die diese Gebiete aus der Verfassung gestrichen werden;
– Sonderstatus für die russische Sprache; Garantien für die russisch-orthodoxe Kirche;
– und die Entfernung des Artikels über die euroatlantische Integration.
Und ich bin sicher, das wäre nur der Anfang. Selbst wenn die Werchowna Rada das wollte – was sie nicht tut –, könnte sie es rechtlich gar nicht: Zwei getrennte Sitzungen wären nötig, was im Kriegszustand unmöglich ist. Russland könnte dennoch das Feuer beenden – oder auch nicht. Diese “Verhandlungen” sind in Wahrheit nur dazu da, Trump 50 Tage zu verschaffen – und ihm dann noch 150 weitere. Mehr wollen sie nicht.
Die Stimmungen der ukrainischen Gesellschaft können in diesen “Verhandlungen” nicht genutzt werden – denn es gibt keine echten Verhandlungen.
Hofft nicht, dass der Krieg am Verhandlungstisch endet. Nein – und nochmals nein. Russland hat mit der Ukraine nichts zu verhandeln. Die Ukraine ist für Russland kein Staat, sondern ein feindliches Gebiet, das zerstört werden soll. Mit Feindgebiet wird nicht verhandelt – es wird vernichtet. Alles, was wir tun können, ist Russland zu stoppen, damit es erkennt, dass es aktuell nicht in der Lage ist, dieses Territorium in eine Wüste zu verwandeln. Das ist unsere einzige Chance. Es gibt keine zweite Chance. Keine Chance auf Diplomatie.
Können wir Russland stoppen? Ja – mit angemessener militärischer Unterstützung und jahrelangem Widerstand gegen die russische Aggression. Wenn Russland dieses Jahr das Geld ausgeht, wird alles aufhören. Das heißt aber nicht, dass es nicht wieder beginnt. Phasen von langem Frieden und kurzen Kriegen – das ist das Schicksal des ukrainischen Volkes. Ein anderes Schicksal hat die Geschichte uns nicht zugedacht. Aber wenigstens dorthin müssen wir noch gelangen.
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Frage: Wie finden wir das Gleichgewicht zwischen Protesten und Verteidigungsfähigkeit?
Portnikov: Die aktuellen Proteste wirken sich meiner Meinung nach nicht negativ, sondern im Gegenteil förderlich auf die Verteidigungsfähigkeit aus. Ohne unabhängige Antikorruptionsbehörden wird auch im Verteidigungsbereich gestohlen. Eine Armee ohne Waffen – und wir stellen viele Waffen her – verliert schneller gegen die Russen. Deshalb sehe ich keine Probleme darin, dass Menschen die Wiederherstellung der Antikorruptionsinfrastruktur fordern und zeigen, dass die Gesellschaft sowohl Regierung als auch Verteidigungsfähigkeit kontrolliert.
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Frage: Warum glauben Sie, dass Putin 100 Jahre alt wird? 1853 dachte auch Nikolaus I. so – und dann griffen England und Frankreich ein.
Portnikov: Ich glaube nicht, dass Putin 100 Jahre alt wird. Aber ich glaube, dass der Tschekist*innen-Staat, der in Russland existiert, auch ohne Putin gegen die Ukraine kämpfen kann. Dieser Krieg ist nicht Putins persönlicher Krieg, sondern eine „Korrektur“ des Jahres 1991 – des Zusammenbruchs der Sowjetunion –, wie ihn der ehemalige KGB, heute FSB, anstrebt. Diese Idee, die Ukraine müsse „zurückgeholt“ werden, hörte ich von russischen Geheimdienstlern schon in den 1990er Jahren, als noch niemand wusste, wer Putin ist.
Deshalb bin ich überzeugt: Das ist kein persönlicher Rachefeldzug Putins, sondern eine Vendetta des russischen Staates – insbesondere des FSB. Wenn England und Frankreich eingreifen würden wie 1853, könnte sich die Lage ändern. Aber wie soll man gegen die größte Atommacht der Gegenwart kämpfen – erst recht, wenn die andere größte Atommacht, die USA, nicht eingreifen will?
Wartet also nicht auf Putins Tod. Er könnte durch jemanden ersetzt werden, der noch aggressiver ist – jemand, der den Krieg gegen die Ukraine als Triumph seiner Herrschaft sieht. Das „Kadaver der Ukraine“ könnte dann sein Amtszimmer schmücken, um zu zeigen, dass er mächtiger sei als Putin. Es geht also nicht um Putin, nicht um seine Nachfolge – sondern um das russische Volk selbst. Die Nation. Das ist entscheidend. Zu glauben, dass das Problem mit Putin endet, ist Selbsttäuschung.
Das ist ein Krieg mit den Russen. Jeder Russe ist überzeugt, dass dieses Gebiet Russland gehört. Wer das nicht glaubt, ist in Russland ein Ausgestoßener. Ihr habt doch alle schon unzählige Gespräche mit „normalen“ Russen geführt. Ihr wisst, was sie denken. Warum belügt ihr euch selbst?
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Frage: Wenn Russland erschöpft ist, reicht es dann nicht, einfach die Kriegsintensität zu halbieren? Der Zerfall der ukrainischen Staatlichkeit würde sich dann von selbst ergeben.
Portnikov: Die Frage ist: Was bedeutet es, die Kriegsintensität zu „halbieren“? Was heißt das konkret – weniger Raketen? Können wir unter diesen Bedingungen Wahlen abhalten, das Kriegsrecht zumindest in manchen Regionen abschaffen? Wenn Russland die Intensität senkt – aber wir nicht – was dann? Entscheidend ist: Wer zuerst aufgibt. Und wir dürfen nicht diejenigen sein, die zuerst aufgeben. Das ist eine Frage des Überlebens.
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Frage: Jekaterina Schulman meint, Putin habe den Krieg begonnen, um seine Macht zu erhalten und eine Demokratisierung Russlands zu verhindern. Wie sehen Sie das?
Portnikov: Für mich ist das Unsinn. Putin hatte volle Kontrolle, als er 2014 die Krim annektierte – und auch später. Ja, seine Umfragewerte stiegen nach der Annexion – was viel über die Russen aussagt. Aber auch vorher war seine Macht nicht bedroht. Denn in Russland zählt nicht die Volksmeinung, sondern die Effizienz der Sicherheitskräfte – und die hatte er perfektioniert.
Das haben wir 2020 in Belarus gesehen. Die Mehrheit der Bevölkerung wollte Lukaschenko nicht mehr, war bereit zu protestieren. Aber sein Sicherheitsapparat war so effizient, dass er die Proteste völlig zerquetschte. Das ganze Volk fiel in innere Emigration – es gibt heute kein belarussisches Subjekt im politischen Prozess mehr.
Putin ist nicht wie Lukaschenko einfach ein KGB-Agent – er ist der KGB. Er ist der Apparat. Wenn Putin 2014 die Krim nicht annektiert hätte – nichts wäre passiert.
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Frage: Sie hielten kürzlich eine Vorlesung über vier Zukunftsszenarien für die Ukraine. Haben sich Ihre Einschätzungen zu deren Wahrscheinlichkeiten verändert?
Portnikov: Ich erinnere mich, dass es um vier hypothetische Szenarien ging:
1. Territoriale Integrität mit Souveränität
2. Territoriale Integrität ohne Souveränität
3. Keine territoriale Integrität und keine Souveränität
4. Keine territoriale Integrität, aber mit Souveränität
Das sind natürlich theoretische Konstrukte. Wichtig ist nicht der Prozentsatz, sondern welches Szenario wir anstreben: vollständige territoriale Integrität mit Unabhängigkeit. Realistisch scheint mir das Szenario, bei dem wir Souveränität und Unabhängigkeit bewahren, auch wenn nicht alle Gebiete befreit werden können – und gleichzeitig keine weiteren Gebiete abgeben müssen. Das wäre mithilfe des Westens umsetzbar. Russland strebt dagegen die vollständige Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit an.
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Frage: Angesichts des Handelns der ukrainischen Regierung – sollte Moldau separat mit der EU verhandeln? Vielleicht gelingt es Moldau, dem EU-Beitritt näherzukommen?
Portnikov: Ich glaube nicht, dass Moldau ohne die Ukraine in die EU kommt. Denn ohne Lösung des Transnistrien-Problems – das nur im Kontext der Ukraine lösbar ist – wird Moldau nicht vorankommen. Außerdem wissen wir noch gar nicht, ob die proeuropäischen Kräfte in Moldau bei den nächsten Parlamentswahlen an der Macht bleiben können. Lassen wir uns das erst abwarten, bevor wir enttäuscht sind.
Entscheidend ist nicht, ob die Länder „gemeinsam“ verhandeln – sondern wer es tatsächlich zuerst schafft, sich in Richtung EU zu bewegen. Und glauben Sie mir: Nicht die Fehler der ukrainischen oder georgischen Regierung sind das Haupthindernis. In Georgien ist es die Nähe Russlands. In der Ukraine – der Krieg. Das sind die wahren Probleme. Und glauben Sie mir: Nicht das Verhalten der ukrainischen Regierung und auch nicht das der georgischen Regierung ist der entscheidende Hinderungsgrund für eine reale europäische Integration.
Das wahre Problem Georgiens ist die russische Präsenz nur wenige Kilometer von Tiflis entfernt – und der russische Einfluss auf Georgien. Das wahre Problem der Ukraine ist der Krieg mit Russland – und natürlich die Auswirkungen dieses Krieges auf die Gesellschaft und die Regierung. Denn wenn es diesen Krieg nicht gäbe, würden die demokratischen, wahlbasierten Mechanismen funktionieren. Die realen Probleme Moldawiens sind Transnistrien und die pro-russischen Stimmungen in Teilen der eigenen Bevölkerung. Der russische Einfluss auf Moldau. Niemand in Europa weiß, wie man diese Probleme wirklich löst oder wann diese Länder tatsächlich Teil der Europäischen Union sein werden.
Deshalb gilt: Man muss einfach weitermachen, sich vorwärts bewegen. Aber man muss auch verstehen, dass es in dieser Situation – ehrlich gesagt – einfacher und realistischer ist, der NATO beizutreten als der Europäischen Union.