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Odesa steht in Flammen. Odesa liegt im Dunkeln.
Ich weiß nicht, was ich tun soll, um nicht verrückt zu werden.
Verrückt zu werden ist leicht und einfach.
Praktisch elementar!
– Was kann retten?
– Nichts! – Gar nichts mehr!
Immer derselbe Traum: Ich kehre nach Odesa zurück.
Ich bin zu Hause, in meiner Wohnung, aber ich fahre noch schnell etwas erledigen.
Sonja bleibt allein zu Hause.
Sie ist in ihrem Zimmer.
Sie wartet auf mich und beschäftigt sich mit ihren Sachen.
Sie ist ein erwachsenes Mädchen.
Sie ist jetzt vier Jahre älter als zu Beginn des Krieges.
Als wir fortgingen, war sie 15, jetzt ist sie 19.
Ich fahre ins Stadtzentrum.
Ich bin noch gar nicht weit gekommen – da gerate ich unter einen massiven Angriff.
Odessa steht in Flammen.
Ein Teufelskreis.
Hinter mir brennt alles.
Vor mir brennt alles.
Aber hinter mir sind mein Zuhause, meine Tochter, meine Hunde, mein Leben.
Vor mir sind das Haus meiner Eltern und die Häuser all meiner Freunde.
Ich begreife, dass ich weder zu denen hinter mir noch zu denen vor mir gelangen kann.
Ich verstehe, dass ich nirgendwo und niemals mehr hinkommen werde, dass es keinen Ausweg aus dieser Falle gibt.
Das ist das Ende, in dem jeder allein stirbt.
In meiner Verzweiflung denke ich an Israel, an mein Leben dort, und durch den Wahnsinn dieses Traums höre ich die Stimme von Marina, Marina Pisarenko.
Warum ausgerechnet ihre Stimme!
Verzweifelt, ziemlich aggressiv, fordernd, empört:
„Vika, wie konntest du?! Wie konntest du das, Vika! Du hast dich nicht einmal verabschiedet! Wir haben Bach dir gesucht, Vika! Und was jetzt?!“
Immer derselbe Traum.
Immer und immer wieder.
Und jetzt – nichts mehr.
Es gibt nichts mehr.
Kein Verstecken, kein Zurückkehren, kein Leben.
Wie soll man das erklären? Wem erzählen? Wer wird das verstehen?!
Alle wollen Leichtigkeit und Optimismus.
Ich schenke Leichtigkeit und Optimismus.
Ich bin mobil, aktiv, neugierig, wortreich.
Ich sterbe.
Ich sterbe langsam – jeden Tag.
Denn so ein Leben ist Folter.
Meine physische Anwesenheit hier verwirrt viele. Ich bin in Sicherheit. Und Krieg in Israel – das ist ja nichts Ungewöhnliches!
Aber wie lange wird diese Anwesenheit hier noch dauern?
Was zieht sie nach sich?
Welche Perspektiven gibt es?
Ich bin wie diese Schnecke während des bekannten Sturms „Byron“…
Ich habe sie gestern gesehen.
Sie trug ihr zerbrochenes Häuschen mit sich.
An einem Punkt war sie ganz ohne geblieben.
Große Regentropfen, böiger Wind, ein plötzlicher starker Kälteeinbruch, es war schon fast Nacht, Ashkelon hat es diesmal heftig erwischt –
eine Schnecke ohne Haus, etwas Nacktes, das irgendwohin kriecht, blind, tastend.
Was konnte ich tun?
Ich konnte sie nur von der Straße nehmen, ihr Leben ein wenig verlängern.
So sind wir alle.
So verlängere auch ich mir selbst ein wenig das Leben, täusche andere und mich selbst –
und rücke doch unaufhaltsam dem Jahrestag des vierjährigen Wahnsinns näher.
„Wir sind müde vom Krieg, wir sind müde von den Ukrainern, wir sind von allem müde!..
Unterschreibt endlich Friedensabkommen, gebt alles her und haltet den Mund!“
„Geht nach Hause! Flüchtlinge, Touristen, wer weiß wer! Verschwindet endlich!“
Aber es wird keinen Frieden geben.
Es wird keinen Frieden geben.
Warum wollen so wenige diese einfache Wahrheit begreifen?
Der fragile Mechanismus von Stabilität und Garantien ist zerbrochen.
Nichts funktioniert mehr.
Es gibt nichts mehr.
Und ein „Zuhause“ existiert für die meisten schon nicht mehr.
Und sie gehen, wandern, kriechen durch die Welt – Schnecken mit Haus und ohne, mit durchlöchertem und zertrümmertem Besitz.
Ausgeplünderte, leere Fensterhöhlen blicken uns aus Häusern an, die es nicht mehr gibt…
Und uns gibt es auch nicht.
Es gibt kein Früher mehr und kein Morgen.
Es gibt jemanden im Jetzt.
Jene, die geblieben sind, die noch reagieren können und es für möglich halten, irgendwie noch auf etwas zu antworten.
„Wir sind müde von den Ukrainern!..
Wie lange soll Europa, Israel, die ganze Welt sie noch ernähren?!“
Sattgefüttert, meine Lieben!
Aber den Terror habt ihr nicht gestoppt.
Wir haben genug, auf Vorrat, für immer.
Ich habe nichts mehr zu sagen.
Danke denen, die weiterhin Schnecken aller Art von der Straße nehmen und ihnen das Recht geben, wenigstens ein paar Tage, Wochen, Monate oder Jahre länger zu leben.
Die Zeit der Not und des Krieges siegt.
Die Zeit der Liebe schwindet.
Schreibt mir keine traurigen Nachrichten darüber, dass ihr es gern fröhlicher hättet.
Glaubt mir – ich hätte das auch gern!
Aber ich bin nur ein Mensch.
Ich bin eine Frau, die im Krieg so überlebt, wie sie kann.
Mein „kann“ befindet sich jetzt in einer kritischen Phase.
Am Ende ist mein Beruf ein ganz anderer – ich bin keine Animateurin.
Und ich denke immer häufiger daran, dass, wenn mir etwas zustößt, meine Sonja hier völlig allein bleibt –
aber sie ist zumindest ein Mensch, und hat noch eine Chance.
Meine Hunde dagegen würden ganz sicher einfach eingeschläfert werden.
Das ist alles, was ich jetzt schreiben kann, während ich wie erstarrt bin und einfach Angst habe, alle meine Leute in Odessa anzurufen.
Und ich will keine weinenden Emojis. Bitte setzt nichts. Solche Leser habe ich genug. Inkognito.
Natascha, Weronika, Maria, Lew, Ira, Irina, Irka, Aljoscha, Lenka, Lenotschka, Galina, Jelena Alexejewna,
Natalja Petrowna, Jarina Wladimirowna, Wadik, Boris Issakowitsch, Tolik, Sascha, Schanna Alexejewna,
Ljoscha, Ljudmila, Wera Alexejewna, Swetlana, Waleri, Alexander, Dimka, Inna, Olja, Polinka!!!…
Mama, Papa!!!
Wie geht es euch?
Wie geht es euch?
Wie geht es euch?…
Ma–ma!!!
Jemand antwortet, jemand noch nicht.
Noch nicht.
Ich hoffe sehr, dass es nur noch nicht ist.
Wie lernt man, in dieser verfluchten Welt Humanist zu sein und nicht verrückt zu werden?!
Wie reagiert man auf Massenmorde live?!
Wie soll ich euch meine rechte oder linke Wange hinhalten, ihr Bestien?!
Und mit euch mitfühlen, euch bemitleiden, mich um eure ruhigen Nächte sorgen?!
Und zustimmen, dass „die Deutschen damals etwas anderes waren“ und „das ein anderer Krieg war“…
Vor den Augen der ganzen Welt geschieht das Unrecht des Jahrhunderts, aber die Welt sorgt sich nur um sich selbst.
„Politik interessiert euch nicht!“
So habt ihr mir vor vier Jahren gesagt – aber die ganze Erde ist mit Blut übergossen.
Politik ist etwas anderes.
13.12.2025, Ashkelon
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Autor: Victoria Nikolaeva
Veröffentlichung / Entstehung: 13.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Facebook,
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.

