Odesa steht in Flammen. Odesa liegt im Dunkeln. Victoria Nikolaeva. 13.12.2025.

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Odesa steht in Flammen. Odesa liegt im Dunkeln.

Ich weiß nicht, was ich tun soll, um nicht verrückt zu werden.
Verrückt zu werden ist leicht und einfach.
Praktisch elementar!
– Was kann retten?
– Nichts! – Gar nichts mehr!

Immer derselbe Traum: Ich kehre nach Odesa zurück.
Ich bin zu Hause, in meiner Wohnung, aber ich fahre noch schnell etwas erledigen.
Sonja bleibt allein zu Hause.
Sie ist in ihrem Zimmer.
Sie wartet auf mich und beschäftigt sich mit ihren Sachen.
Sie ist ein erwachsenes Mädchen.
Sie ist jetzt vier Jahre älter als zu Beginn des Krieges.
Als wir fortgingen, war sie 15, jetzt ist sie 19.

Ich fahre ins Stadtzentrum.
Ich bin noch gar nicht weit gekommen – da gerate ich unter einen massiven Angriff.

Odessa steht in Flammen.

Ein Teufelskreis.
Hinter mir brennt alles.
Vor mir brennt alles.
Aber hinter mir sind mein Zuhause, meine Tochter, meine Hunde, mein Leben.
Vor mir sind das Haus meiner Eltern und die Häuser all meiner Freunde.
Ich begreife, dass ich weder zu denen hinter mir noch zu denen vor mir gelangen kann.
Ich verstehe, dass ich nirgendwo und niemals mehr hinkommen werde, dass es keinen Ausweg aus dieser Falle gibt.

Das ist das Ende, in dem jeder allein stirbt.

In meiner Verzweiflung denke ich an Israel, an mein Leben dort, und durch den Wahnsinn dieses Traums höre ich die Stimme von Marina, Marina Pisarenko.
Warum ausgerechnet ihre Stimme!
Verzweifelt, ziemlich aggressiv, fordernd, empört:
„Vika, wie konntest du?! Wie konntest du das, Vika! Du hast dich nicht einmal verabschiedet! Wir haben Bach dir gesucht, Vika! Und was jetzt?!“

Immer derselbe Traum.
Immer und immer wieder.

Und jetzt – nichts mehr.
Es gibt nichts mehr.
Kein Verstecken, kein Zurückkehren, kein Leben.

Wie soll man das erklären? Wem erzählen? Wer wird das verstehen?!
Alle wollen Leichtigkeit und Optimismus.
Ich schenke Leichtigkeit und Optimismus.
Ich bin mobil, aktiv, neugierig, wortreich.
Ich sterbe.

Ich sterbe langsam – jeden Tag.
Denn so ein Leben ist Folter.

Meine physische Anwesenheit hier verwirrt viele. Ich bin in Sicherheit. Und Krieg in Israel – das ist ja nichts Ungewöhnliches!
Aber wie lange wird diese Anwesenheit hier noch dauern?
Was zieht sie nach sich?
Welche Perspektiven gibt es?

Ich bin wie diese Schnecke während des bekannten Sturms „Byron“…
Ich habe sie gestern gesehen.
Sie trug ihr zerbrochenes Häuschen mit sich.
An einem Punkt war sie ganz ohne geblieben.
Große Regentropfen, böiger Wind, ein plötzlicher starker Kälteeinbruch, es war schon fast Nacht, Ashkelon hat es diesmal heftig erwischt –
eine Schnecke ohne Haus, etwas Nacktes, das irgendwohin kriecht, blind, tastend.

Was konnte ich tun?
Ich konnte sie nur von der Straße nehmen, ihr Leben ein wenig verlängern.

So sind wir alle.
So verlängere auch ich mir selbst ein wenig das Leben, täusche andere und mich selbst –
und rücke doch unaufhaltsam dem Jahrestag des vierjährigen Wahnsinns näher.

„Wir sind müde vom Krieg, wir sind müde von den Ukrainern, wir sind von allem müde!..
Unterschreibt endlich Friedensabkommen, gebt alles her und haltet den Mund!“
„Geht nach Hause! Flüchtlinge, Touristen, wer weiß wer! Verschwindet endlich!“

Aber es wird keinen Frieden geben.
Es wird keinen Frieden geben.
Warum wollen so wenige diese einfache Wahrheit begreifen?

Der fragile Mechanismus von Stabilität und Garantien ist zerbrochen.
Nichts funktioniert mehr.
Es gibt nichts mehr.
Und ein „Zuhause“ existiert für die meisten schon nicht mehr.

Und sie gehen, wandern, kriechen durch die Welt – Schnecken mit Haus und ohne, mit durchlöchertem und zertrümmertem Besitz.
Ausgeplünderte, leere Fensterhöhlen blicken uns aus Häusern an, die es nicht mehr gibt…
Und uns gibt es auch nicht.

Es gibt kein Früher mehr und kein Morgen.

Es gibt jemanden im Jetzt.
Jene, die geblieben sind, die noch reagieren können und es für möglich halten, irgendwie noch auf etwas zu antworten.

„Wir sind müde von den Ukrainern!..
Wie lange soll Europa, Israel, die ganze Welt sie noch ernähren?!“

Sattgefüttert, meine Lieben!
Aber den Terror habt ihr nicht gestoppt.

Wir haben genug, auf Vorrat, für immer.
Ich habe nichts mehr zu sagen.

Danke denen, die weiterhin Schnecken aller Art von der Straße nehmen und ihnen das Recht geben, wenigstens ein paar Tage, Wochen, Monate oder Jahre länger zu leben.

Die Zeit der Not und des Krieges siegt.
Die Zeit der Liebe schwindet.

Schreibt mir keine traurigen Nachrichten darüber, dass ihr es gern fröhlicher hättet.
Glaubt mir – ich hätte das auch gern!
Aber ich bin nur ein Mensch.
Ich bin eine Frau, die im Krieg so überlebt, wie sie kann.

Mein „kann“ befindet sich jetzt in einer kritischen Phase.

Am Ende ist mein Beruf ein ganz anderer – ich bin keine Animateurin.
Und ich denke immer häufiger daran, dass, wenn mir etwas zustößt, meine Sonja hier völlig allein bleibt –
aber sie ist zumindest ein Mensch, und hat noch eine Chance.
Meine Hunde dagegen würden ganz sicher einfach eingeschläfert werden.

Das ist alles, was ich jetzt schreiben kann, während ich wie erstarrt bin und einfach Angst habe, alle meine Leute in Odessa anzurufen.
Und ich will keine weinenden Emojis. Bitte setzt nichts. Solche Leser habe ich genug. Inkognito.

Natascha, Weronika, Maria, Lew, Ira, Irina, Irka, Aljoscha, Lenka, Lenotschka, Galina, Jelena Alexejewna,
Natalja Petrowna, Jarina Wladimirowna, Wadik, Boris Issakowitsch, Tolik, Sascha, Schanna Alexejewna,
Ljoscha, Ljudmila, Wera Alexejewna, Swetlana, Waleri, Alexander, Dimka, Inna, Olja, Polinka!!!…
Mama, Papa!!!

Wie geht es euch?
Wie geht es euch?
Wie geht es euch?…

Ma–ma!!!

Jemand antwortet, jemand noch nicht.
Noch nicht.
Ich hoffe sehr, dass es nur noch nicht ist.

Wie lernt man, in dieser verfluchten Welt Humanist zu sein und nicht verrückt zu werden?!
Wie reagiert man auf Massenmorde live?!
Wie soll ich euch meine rechte oder linke Wange hinhalten, ihr Bestien?!
Und mit euch mitfühlen, euch bemitleiden, mich um eure ruhigen Nächte sorgen?!
Und zustimmen, dass „die Deutschen damals etwas anderes waren“ und „das ein anderer Krieg war“…

Vor den Augen der ganzen Welt geschieht das Unrecht des Jahrhunderts, aber die Welt sorgt sich nur um sich selbst.
„Politik interessiert euch nicht!“
So habt ihr mir vor vier Jahren gesagt – aber die ganze Erde ist mit Blut übergossen.

Politik ist etwas anderes.

13.12.2025, Ashkelon

🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media

Autor: Victoria Nikolaeva
Veröffentlichung / Entstehung: 13.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Facebook,
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Mord in Odesa | Vitaly Portnikov. 14.03.2025.

In Odessa wurde am helllichten Tag der Aktivist Demjan Haneliuk erschossen, der von der russischen Propaganda als Organisator der Ereignisse am Gewerkschaftshaus in Odessa bezeichnet wurde.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass dieses Mord unmittelbar nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte erfolgte, der den ukrainischen Staat faktisch für die Folgen des Brandes in diesem Gebäude verantwortlich gemacht hat. Der Brand ereignete sich vor dem Hintergrund der Versuche der Russischen Föderation, im Gefolge der Ereignisse nach dem Maidan 2013-2014 die Kontrolle über den gesamten Osten und Süden der Ukraine zu übernehmen.

Natürlich ist aus dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ersichtlich, dass die russischen Aktionen zur Destabilisierung der Lage in der Ukraine als Hauptursache für das Geschehen im Odesser Gewerkschaftshaus angesehen werden. Der ukrainischen Regierung werden Vorwürfe gemacht, insbesondere weil hochrangige Beamte, von denen wir wissen, dass sie auf der Seite Moskaus standen, nicht ordnungsgemäß von der ukrainischen Regierung verfolgt wurden und nach Russland fliehen konnten, von wo sie offensichtlich ihre Aufgaben zur Destabilisierung erhielten.

Für den Kreml und seine Agenten haben die Details des Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte natürlich keine wirkliche Bedeutung. Der Fakt zählt. Die Ukraine verliert sogar einen internationalen Gerichtsprozess im Zusammenhang mit den Ereignissen in Odessa, und am nächsten Tag wird in dieser ukrainischen Stadt eine Person ermordet, die von den Russen weiterhin als Organisator des Geschehens angesehen wird. Obwohl wir sehr wohl wissen, dass es damals überhaupt keinen Organisator der Ereignisse am Gewerkschaftshaus gab. Es ging eher um eine ganze Reihe von Zusammenstößen zwischen denen, die halfen, Odessa in eine Volksrepublik zu verwandeln, und denen, die versuchten, diesen Aktionen der russischen Agentur entgegenzuwirken und zur Erhaltung Odessas und der Oblast Odessa innerhalb des ukrainischen Staates beizutragen.

Und wir alle wissen sehr wohl, dass der Kampf darum noch lange nicht beendet ist, dass die Pläne des russischen Präsidenten Wladimir Putin und seines Umfelds die Besetzung des gesamten Ostens und Südens unseres Landes, möglicherweise sogar die Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit, beinhalten, auf die man im Kreml weiterhin setzt, wenn die Ergebnisse des russisch-ukrainischen Krieges diskutiert werden, die für den russischen Staat und die russische politische Führung günstig wären.

Aus dieser Sicht ist die Destabilisierung in der Ukraine Teil der russischen Bemühungen, die Staatlichkeit der Nachbarn zu zerstören. Nicht nur der Krieg, nicht nur die Beschüsse friedlicher ukrainischer Städte mit Raketen und Drohnen, unter denen Odessa als eine der ersten leidet, sondern auch eine ernsthafte Destabilisierung der Lage, Morde, Einschüchterung der Bevölkerung und Versuche, die Ukraine in ein Gebiet des totalen Terrors zu verwandeln.

In diesem Zusammenhang fügen sich die Morde in Odessa in das Paradigma ein, das wir seit der Erschießung von Iryna Faryon in Lviv beobachten. Natürlich können die ersten Schläge genau diejenigen treffen, die Russland als Vertreter radikaler politischer Ansichten bezeichnen wird.

Aber jederzeit kann sich der Terror auch auf diejenigen ausdehnen, die Ansichten äußern, die denen der russischen Propaganda nahe kommen. Und natürlich ist dies auch eine Vorbereitung darauf, dass die Ukrainer Terror als Normalität akzeptieren und sich nicht über mögliche Anschläge und Morde an Vertretern der ukrainischen politischen und militärischen Führung wundern, was zweifellos auch zu den Plänen von Wladimir Putin, des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation, des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation und aller Institutionen gehört, die an der Liquidierung des ukrainischen Staates und der Eingliederung seiner Gebiete in Russland in den nächsten Jahren arbeiten.

Denn alle in der russischen Hauptstadt verstehen, dass das Zeitfenster der Möglichkeiten, das mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten verbunden ist, sich schließen könnte, und daher müssen die Ereignisse jetzt beschleunigt werden, damit, wie einer der engsten Vertrauten von Wladimir Putin, Nikolai Patrushev, sagte, der ukrainische Staat im Jahr 2025 nicht mehr existiert und im Kreml die Wiederherstellung seines Imperiums zumindest in den Grenzen von 1991 gefeiert wird, wenn es um die Ukraine und das benachbarte Belarus geht, das faktisch von den Russen besetzt ist.

Jedes Attentat ist also Teil einer großen antiukrainischen Strategie Moskaus. Und so muss man es auch sehen. Die Frage ist, wie die ukrainischen Institutionen auf diese offensichtliche Gefahr reagieren.

Denn es ist jetzt bekannt, dass der Odesser Aktivist sich das mit Meldungen über erhaltene Drohungen an den Sicherheitsdienst der Ukraine gewandt und um Personenschutz gebeten hat. Daher musste das Geschehen um ihn herum nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit der konkreten Person und ihrer Familie, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit geklärt werden zu verstehen, wie stark die russischen Agenten und alle, die hoffen, dass Odessa früher oder später ein ganz gewöhnliches regionales Zentrum der Russischen Föderation wird, und über den institutionellen Gebäuden dieser Hafenstadt die Trikolore Russlands wehen wird, in Odessa und in der südlichen Ukraine positioniert sind.

Und Wladimir Putin wird dann seinen Landsleuten, die auf die Eroberung des ukrainischen Südens und den weiteren Vormarsch auf Moldawien eingestellt sind, problemlos von der russischen Odessa erzählen können. 

In dieser Situation ist der Kampf gegen die Agenten, die angesichts der langjährigen Arbeit des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation und anderer russischer Geheimdienste zahlreich sind, vor allem in den Regionen, in denen prorussische Kräfte immer große Sympathien in der Bevölkerung genossen haben und aufgrund dieser Sympathien Ämter in der Regierung, Abgeordnetenmandate und die Möglichkeit erlangten, die lokale Regierung zu kontrollieren, von größter Bedeutung.

Genau diese reale Arbeit mit den Agenten, das Verständnis, wie viele von ihnen nach Beginn des großen Krieges im Februar 2022 hinzugekommen sind, ist eine Frage des Überlebens des ukrainischen Staates im Widerstand gegen die russische Aggression. Und das Verständnis, dass, wenn die Kampfhandlungen tatsächlich für einige Zeit eingestellt werden, die Bemühungen Russlands, die Lage in der Ukraine zu destabilisieren und unseren Staat in ein Gebiet des totalen Terrors und der Gefahr zu verwandeln, nicht nur nicht aufhören, sondern sich verdoppeln, verdreifachen und zu einem wichtigen Bestandteil der russischen Politik gegenüber dem Nachbarstaat werden, bis Moskau die militärischen Aktionen gegen die Ukraine wieder aufnehmen kann, um das Land, das Putin und seine Landsleute so hassen, endgültig zu vernichten.

An all diese ernsten Gefahren muss man sich nicht nur erinnern, wenn es wieder zu einem Mord kommt. Sie sind Teil unserer Überlebensstrategie in diesem schwierigen Kampf. 

Bristol. Vitaly Portnikov. 02.02.2025.

https://zbruc.eu/node/120599?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTEAAR0ZgeCLpdpNOVmQJbnaHPuCU5m6d5Rc_IH4ZlAD0jtLEi9BLlV2yMJSRmw_aem_zRj4tbfVa_wEq0iTY3A6mA

In den ersten Tagen des großen Krieges, als alles noch ganz am Anfang stand, fragte mich einer meiner ausländischen Kollegen, ob ich wirklich glaubte, dass die Russen die historischen Zentren von Kyiv, Charkiw, Odesa oder Lviv beschießen würden.

Ich habe nicht vermutet – ich war mir sicher. Ich kenne die Russen gut, mit ihrem Mantra: „Dann sollst du keinem gehören !“ ( ein Spruch aus „Mädchen ohne Mitgift“ von Alexander Ostrowski ). Mir war klar, dass sie alles, was sie erreichen konnten, zu verderben versuchten, und alles, was sie nicht erreichen konnten, zu zerstörten. Ich wusste, dass sie kein Gefühl für die Erinnerung haben, weder an die der anderen noch an die eigene, und dass es für sie ganz normal ist, ein historisches Gebäude abzureißen um an seiner Stelle ein neues, totes Gebäude zu errichten, das aber „besser als das alte“ ist. Mir wurde klar, dass sie weder in Menschen noch in Gebäuden eine Seele spüren. Dass für sie die Bewunderung von Meereslandschaften oder alten Kirchen in erster Linie ein Attribut und kein Bedürfnis ist, ein Versuch, die Anwesenheit einer Seele und Gefühlen zu imitieren. Ich habe Königsberg nicht vergessen, das von den Ruinen seiner alten Gebäude „befreit“ in ein bedeutungsloses Kaliningrad verwandelt wurde. Ich habe auch nicht vergessen, dass in den acht Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg keiner der führenden russischen Schriftsteller an die Tragödie dieser großen Stadt, eines der wichtigsten zivilisatorischen Zentren Europas, erinnert hat. Die einzige Schriftstellerin, die die Wunden Königsbergs berührte, war Galina Pahutyak, und ihr Weinen über die fremde Ruinen wurde zu einer Vorahnung dessen, was Moskau mit den ukrainischen Städten anstellen möchte.

Es würde gerne ihre Seele töten, es würde gerne ihre Atmosphäre zerstören. Denn wenn man eine Stadt tötet, tötet man auch die Hoffnung ihrer Bewohner, dass alles wieder normal wird und sie wieder durch ruhige, friedliche Straßen an vertrauten Gebäuden vorbeigehen werden. Denn wenn es keine Straßen und keine Gebäude gibt, gibt es auch keine Seele!

Nach dem, was fast jeden Tag auf den Straßen von Charkiw passiert, nach den zerstörten Stadthäusern im historischen Zentrum von Lemberg, nach den Anschlägen auf Museen und Theater kann uns natürlich nichts mehr überraschen. Aber Überraschung und Traurigkeit sind unterschiedliche Gefühle. Der Raketenangriff auf Bristol ruft ein Gefühl der Traurigkeit und Verzweiflung hervor: Wie kann man nur so herzlos sein? Über diese Gefühllosigkeit schrieb einst, nach dem Zweiten Weltkrieg, der brillante polnische Essayist Jerzy Stempowski, der in den Ruinen Europas betonte, dass diejenigen, die diese Zerstörungen planten, keinen Sinn für die Kontinuität der Werte hatten, die in den zerstörten Gebäuden weiterlebten, die das Erbe Europas waren, seine Atmosphäre, seine Bescheidenheit und sein Exzess, sein Chic und sein stilles Gebet. Jede tote Kirche und jedes tote Haus hat Europa das genommen, was es nach zwei großen Kriegen nie mehr zurückbekommen konnte.

So geht es mir auch heute, wenn ich an die Versuche denke, die historischen Zentren unserer Städte zu zerstören, an die Barbaren, die nichts vergessen und nichts gelernt haben. Ich denke, dass die Leute, die die Befehle geben und die Raketen abschießen, noch vor einigen Jahren durch die Straßen gehen konnten, die sie heute zerstören, auf der Sommerterrasse eines Cafés in Odesa sitzen und zu ihrem Begleiter, der gerade das Bristol betrachtete, sagen konnten: „Schau, was für ein schönes Haus.“ Hätten sie gedacht, dass sie jemals versuchen würden, dieses Haus zu zerstören? Was mich betrifft, so war es ihnen schon damals egal…

„Das Bristol war schon immer anders als die klassischen europäischen Hotels. Natürlich baute Bernadazzi ein klassisches europäisches Hotel, aber die Inneneinrichtung erinnerte einen daran, dass man nie zu viel Luxus und Raffinesse haben kann. Das europäische Hotel aus der Zeit des Bristol faszinierte durch seine strenge Form und die Bequemlichkeit des Lebens, aber das Bristol selbst gab Ihnen die Möglichkeit, sich in all den Kronleuchtern dieses Odesa-Europas zu zeigen – und daran konnte auch das Hotel Krasnaja nichts ändern! Ja, das Bristol war schon immer ein Exzess. Aber ist es nicht gerade dieser Exzess, diese Gastfreundschaft, diese Fähigkeit, über das eigene Selbstüberschätzung zu lachen, für die wir Odesa lieben? Bristol hatte schon immer all die Exzesse, die Überheblichkeit und die Ironie einer Großstadt am Schwarzen Meer – einer Stadt, die die Russen, wie dieser hässliche Gollum aus Tolkiens Romanen, immer als „ihr Schatz“ betrachtet haben, immer beneidet haben und rasend wurden, das es unseres, nicht ihres ist. Und nun ist wieder einmal eine Rakete im Zentrum dieser Stadt eingeschlagen. Und sie hat das Bristol direkt getroffen.

Ich habe diese Hotels, die in ihrer Zeit stehen geblieben sind, immer geliebt. Hotels, in deren Lobbys man die Anwesenheit von Gästen, die gerade ihre Zimmer vor hundert Jahren verlassen haben, körperlich spüren kann. Ich stellte mir vor, wie Vera Kholodnaya langsam von ihrem Zimmer im Bristol zur Bar hinunterging, und ich sah das Entsetzen in ihren Augen, als sie den Aufprall von etwas Hartes und Unerbittliches direkt neben dem Hotel hörte. Die schwarzen, tiefen Augen von Vera Kholodnaya. Das Champagnerglas, das ihr aus der Hand glitt und in zischende Scherben zerbrach. Die erschrockenen Schreie der Karyatiden des Hotels. Das Echo eines Raketeneinschlags in einer nächtlichen Stadt. Jetzt werde ich mich an all dies zusammen erinnern. Und es wird auch die Atmosphäre sein – die Atmosphäre eines anderen Odesa, das immer noch nicht zerstört werden kann.

Die Banalität des Krieges. Vitaly Portnikov. 21.07.24.

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Vor kurzem wurde ich eingeladen, im Rahmen eines Projekts über die Zukunft von Odesa an einer Diskussion in Kyiv teilzunehmen. Es war eine Diskussion, wovon es inzwischen eine ganze Menge an vielen Orten gibt. Ich hörte mir an, wie die Teilnehmer darüber sprachen, wie man in einer Stadt, die bombardiert wird, Geschäfte führen kann, wie man den „Mythos Odesa“, d.h. die Wahrnehmung der südlichen Stadt durch ihre Bewohner und Besucher, verändern kann, aber ich sah darin nicht einmal einen Hinweis auf die Zukunft.

Schließlich hängt die Zukunft von Odesa, wie die jeder anderen ukrainischen Stadt, nicht von der Schaffung von Mythen ab, sondern vom Ausgang des Krieges. Wenn die Ukraine sich abwehrt und ein europäisches Land wird, wird Odessa zu einem der wichtigsten Häfen des Kontinents werden. Wenn unser Weg nach Europa länger wird, wird die Entwicklung der Stadt weniger intensiv sein. Wenn die Ukraine die Kontrolle über das Meer verliert, wird Odessa einfach zu einer Sackgasse auf der Landkarte des Landes, denn es ist unklar, wie sich der Hafen ohne das Meer entwickeln wird… Aber auch mit dem Meer wird viel davon abhängen, wie hoch die Sicherheitsgarantien nach dem Krieg sind. Denn wenn dieses Niveau nicht angemessen ist, könnte Odessa selbst – wie schon oft in seiner Geschichte – zu einem Vorposten reaktionärer Kräfte werden, die auf dem „georgischen Modell“ des Hafens und des Landes bestehen. Und über all diese Optionen müssen wir heute nachdenken“, schloss ich und erinnerte die Teilnehmer an das Schicksal von Triest, das einst der wichtigste Hafen Österreich-Ungarns war und heute nur noch eine schöne italienische Stadt ist, die in ihrer Vergangenheit lebt. Dieses Schicksal hätte Odesa vermeiden sollen…

Und dann unterbrach eine ältere Professorin aus Odesa diesen „Satz von Plattitüden“, wie sie meine Gedanken definierte, mit Irritation. „Danke, dass Sie uns daran erinnern, dass wir uns im Krieg befinden. Als ob wir das nicht wüssten!“

Um ehrlich zu sein, habe ich mit dieser spöttischen Bemerkung nicht gerechnet. Aber sie zeigte, wie zumindest ein Teil der ukrainischen Gesellschaft versucht – und das ist nicht das erste Mal in unserer Geschichte -, sich der Realität zu entledigen und sie durch den Versuch zu ersetzen, zu den bequemen Vorkriegsgesprächen zurückzukehren, die jetzt als Gespräche über die Zukunft deklariert werden. Der Krieg ist in diesen Gesprächen eine wirklich bedauerliche Banalität, die man besser ignorieren sollte, weil sie sonst die Scheinwelt, in der man lebt, mächtig und grausam durchkreuzt. Als wir uns an einem der Veranstaltungsorte in der Hauptstadt unterhielten, waren in Odesa Explosionen zu hören – aber was ist die Realität banaler Explosionen im Vergleich zur Schönheit und Relevanz des mythologischen Raums, in dem man sich befindet?

Der Wunsch, die Vergangenheit als Zukunft auszugeben, ist für viele Menschen, die sich nicht mit der Gegenwart abfinden wollten, zu einem Urteil geworden. Denn die Zukunft unterscheidet sich von der Vergangenheit, weil man sich viele Möglichkeiten vorstellt und versucht, sich auf jede vorzubereiten. Dass man nicht in Wünschen denkt, sondern in Möglichkeiten. Dass man nicht imitiert, sondern das Leben lebt, auch das Leben im Krieg. Wenn wir uns ehrlich sagen, dass unsere gemeinsame Zukunft vom Ausgang des Krieges abhängt und dass dieser Ausgang von unseren Erwartungen und Träumen abweichen kann, werden wir sehen, wie viele Wege zur Rettung der Ukraine in jedem Szenario offen stehen. Und dann wird unsere Gesellschaft ihre berühmte Ambivalenz und Infantilität ablegen, wenn wir gleichzeitig Verhandlungen wollen und keine Zugeständnisse an den Feind machen wollen, den Krieg an der Ostgrenze beenden wollen und mit denen Verständnis haben, die das Land an die Westgrenze verlassen. Dann werden wir erkennen, dass die Ukraine als Staat auch ohne ihre wichtigsten Städte eine Zeit lang funktionieren kann, aber diese Städte werden sich ohne die Ukraine in eine zivilisatorische Ödnis verwandeln. Nein, Krieg ist keine Plattitüde, Krieg ist eine Realität. Banalität ist die Fähigkeit eines Menschen, den Krieg zu ignorieren.

„Das Thema Atomwaffen ist noch nicht aufgetaucht“, spottete der Professor aus Odesa weiter. Und ich erinnerte mich an meinen Besuch in Hiroshima, einer wunderschönen japanischen Stadt, die für immer ein historisches Symbol für eine nukleare Katastrophe geworden ist. Aber das ist es für Politiker, Historiker, Journalisten und Touristen. Für ihre Bewohner ist Hiroshima einfach eine blühende Stadt, die sie lieben und die sie buchstäblich aus der Asche wieder aufgebaut haben. In dieser Stadt, deren Einwohnerzahl heute wahrscheinlich größer ist als die von Odesa, habe ich darüber nachgedacht, wie wichtig es ist, weiterzumachen und selbst tote Städte mit Leben zu füllen. Doch dazu müssen wir uns zunächst der Realität, der militärischen Realität unserer Zeit, bewusst sein.