Bristol. Vitaly Portnikov. 02.02.2025.

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In den ersten Tagen des großen Krieges, als alles noch ganz am Anfang stand, fragte mich einer meiner ausländischen Kollegen, ob ich wirklich glaubte, dass die Russen die historischen Zentren von Kyiv, Charkiw, Odesa oder Lviv beschießen würden.

Ich habe nicht vermutet – ich war mir sicher. Ich kenne die Russen gut, mit ihrem Mantra: „Dann sollst du keinem gehören !“ ( ein Spruch aus „Mädchen ohne Mitgift“ von Alexander Ostrowski ). Mir war klar, dass sie alles, was sie erreichen konnten, zu verderben versuchten, und alles, was sie nicht erreichen konnten, zu zerstörten. Ich wusste, dass sie kein Gefühl für die Erinnerung haben, weder an die der anderen noch an die eigene, und dass es für sie ganz normal ist, ein historisches Gebäude abzureißen um an seiner Stelle ein neues, totes Gebäude zu errichten, das aber „besser als das alte“ ist. Mir wurde klar, dass sie weder in Menschen noch in Gebäuden eine Seele spüren. Dass für sie die Bewunderung von Meereslandschaften oder alten Kirchen in erster Linie ein Attribut und kein Bedürfnis ist, ein Versuch, die Anwesenheit einer Seele und Gefühlen zu imitieren. Ich habe Königsberg nicht vergessen, das von den Ruinen seiner alten Gebäude „befreit“ in ein bedeutungsloses Kaliningrad verwandelt wurde. Ich habe auch nicht vergessen, dass in den acht Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg keiner der führenden russischen Schriftsteller an die Tragödie dieser großen Stadt, eines der wichtigsten zivilisatorischen Zentren Europas, erinnert hat. Die einzige Schriftstellerin, die die Wunden Königsbergs berührte, war Galina Pahutyak, und ihr Weinen über die fremde Ruinen wurde zu einer Vorahnung dessen, was Moskau mit den ukrainischen Städten anstellen möchte.

Es würde gerne ihre Seele töten, es würde gerne ihre Atmosphäre zerstören. Denn wenn man eine Stadt tötet, tötet man auch die Hoffnung ihrer Bewohner, dass alles wieder normal wird und sie wieder durch ruhige, friedliche Straßen an vertrauten Gebäuden vorbeigehen werden. Denn wenn es keine Straßen und keine Gebäude gibt, gibt es auch keine Seele!

Nach dem, was fast jeden Tag auf den Straßen von Charkiw passiert, nach den zerstörten Stadthäusern im historischen Zentrum von Lemberg, nach den Anschlägen auf Museen und Theater kann uns natürlich nichts mehr überraschen. Aber Überraschung und Traurigkeit sind unterschiedliche Gefühle. Der Raketenangriff auf Bristol ruft ein Gefühl der Traurigkeit und Verzweiflung hervor: Wie kann man nur so herzlos sein? Über diese Gefühllosigkeit schrieb einst, nach dem Zweiten Weltkrieg, der brillante polnische Essayist Jerzy Stempowski, der in den Ruinen Europas betonte, dass diejenigen, die diese Zerstörungen planten, keinen Sinn für die Kontinuität der Werte hatten, die in den zerstörten Gebäuden weiterlebten, die das Erbe Europas waren, seine Atmosphäre, seine Bescheidenheit und sein Exzess, sein Chic und sein stilles Gebet. Jede tote Kirche und jedes tote Haus hat Europa das genommen, was es nach zwei großen Kriegen nie mehr zurückbekommen konnte.

So geht es mir auch heute, wenn ich an die Versuche denke, die historischen Zentren unserer Städte zu zerstören, an die Barbaren, die nichts vergessen und nichts gelernt haben. Ich denke, dass die Leute, die die Befehle geben und die Raketen abschießen, noch vor einigen Jahren durch die Straßen gehen konnten, die sie heute zerstören, auf der Sommerterrasse eines Cafés in Odesa sitzen und zu ihrem Begleiter, der gerade das Bristol betrachtete, sagen konnten: „Schau, was für ein schönes Haus.“ Hätten sie gedacht, dass sie jemals versuchen würden, dieses Haus zu zerstören? Was mich betrifft, so war es ihnen schon damals egal…

„Das Bristol war schon immer anders als die klassischen europäischen Hotels. Natürlich baute Bernadazzi ein klassisches europäisches Hotel, aber die Inneneinrichtung erinnerte einen daran, dass man nie zu viel Luxus und Raffinesse haben kann. Das europäische Hotel aus der Zeit des Bristol faszinierte durch seine strenge Form und die Bequemlichkeit des Lebens, aber das Bristol selbst gab Ihnen die Möglichkeit, sich in all den Kronleuchtern dieses Odesa-Europas zu zeigen – und daran konnte auch das Hotel Krasnaja nichts ändern! Ja, das Bristol war schon immer ein Exzess. Aber ist es nicht gerade dieser Exzess, diese Gastfreundschaft, diese Fähigkeit, über das eigene Selbstüberschätzung zu lachen, für die wir Odesa lieben? Bristol hatte schon immer all die Exzesse, die Überheblichkeit und die Ironie einer Großstadt am Schwarzen Meer – einer Stadt, die die Russen, wie dieser hässliche Gollum aus Tolkiens Romanen, immer als „ihr Schatz“ betrachtet haben, immer beneidet haben und rasend wurden, das es unseres, nicht ihres ist. Und nun ist wieder einmal eine Rakete im Zentrum dieser Stadt eingeschlagen. Und sie hat das Bristol direkt getroffen.

Ich habe diese Hotels, die in ihrer Zeit stehen geblieben sind, immer geliebt. Hotels, in deren Lobbys man die Anwesenheit von Gästen, die gerade ihre Zimmer vor hundert Jahren verlassen haben, körperlich spüren kann. Ich stellte mir vor, wie Vera Kholodnaya langsam von ihrem Zimmer im Bristol zur Bar hinunterging, und ich sah das Entsetzen in ihren Augen, als sie den Aufprall von etwas Hartes und Unerbittliches direkt neben dem Hotel hörte. Die schwarzen, tiefen Augen von Vera Kholodnaya. Das Champagnerglas, das ihr aus der Hand glitt und in zischende Scherben zerbrach. Die erschrockenen Schreie der Karyatiden des Hotels. Das Echo eines Raketeneinschlags in einer nächtlichen Stadt. Jetzt werde ich mich an all dies zusammen erinnern. Und es wird auch die Atmosphäre sein – die Atmosphäre eines anderen Odesa, das immer noch nicht zerstört werden kann.

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