Warum Putin von „Noworossija“ gesprochen hat Vitaly Portnikov. 09.12.2025.

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Vor dem Hintergrund der fortgesetzten Verhandlungen, die angeblich zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges führen sollen, erwähnte der russische Präsident auf einer Pressekonferenz in Neu-Delhi die Unvermeidlichkeit der „Befreiung“ des Donbass und „Noworossijas“ durch seine Truppen.

Auf den ersten Blick mag diese Erklärung überraschen. Denn bis vor Kurzem sprach Putin ausschließlich von der Notwendigkeit des Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem von Kyiv kontrollierten Gebiet der Region Donezk und bezeichnete dies sogar als Hauptbedingung für die Beendigung des Krieges. Genau darüber sprechen die amerikanischen Gesandten mit dem russischen Präsidenten, mehr noch – sogar Donald Trump selbst hat wiederholt die Idee eines Abzugs der ukrainischen Truppen aus dem Donbass unterstützt und betont, dass die Russen dieses Gebiet „sowieso erobern werden“. Und nun taucht plötzlich im Wortschatz Putins das scheinbar schon vergessene „Noworossija“ wieder auf – der Appetit, wie man weiß, kommt beim Essen!

Warum also begann Putin gerade jetzt wieder von „Noworossija“ zu sprechen? Erstens betrachtet der russische Präsident jegliche Verhandlungen mit ihm als ein Zeichen von Schwäche. Und umso mehr empfindet er die Suche nach einem Kompromiss als Schwäche. Wenn die Amerikaner tatsächlich bereit sind, Druck auf die Ukrainer auszuüben und von ihnen den Abzug der Truppen aus dem Donbass zu verlangen, warum sollte man dann nicht auch andere ukrainische Gebiete in die Liste seiner Neujahrswünsche aufnehmen?

Zweitens wirkt der Begriff „Noworossija“ in politischer Hinsicht ausreichend verschwommen und eröffnet dem russischen Präsidenten enorme Möglichkeiten für neue Forderungen. Man kann selbstverständlich die besetzten und annektierten Gebiete der Regionen Cherson und Saporischschja zu „Noworossija“ erklären und dann nicht nur den Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbass, sondern auch aus diesen Regionen verlangen. Man kann sogar darauf verzichten, auf einem sofortigen Truppenabzug zu bestehen, und sich mit der Formulierung eines vorübergehend eingefrorenen Konflikts zufriedengeben, während man betont, dass Russland diese Territorien früher oder später ohnehin zurückholen werde – möge das Damoklesschwert des Krieges weiterhin über den Köpfen der Ukrainer hängen, selbst in jener beinahe fantastischen Situation, in der es gelingen sollte, einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zu erreichen.

Doch bei entsprechendem Wunsch lässt sich das Gebiet „Noworossijas“ auch erweitern, denn Putin hatte nicht zufällig bereits in seiner Rede zur Annexion der Krim die „Geschenke der Bolschewiki“ an die Ukraine hervorgehoben. Auch in seiner Ansprache an die Russen in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2022 sprach der russische Präsident von der Notwendigkeit der Selbstbestimmung der „Völker der Ukraine“. Welche Völker sollen das sein? Etwa ein „Volk des Donbass“! Solche „Völker“ lassen sich schließlich in jeder von Russland besetzten ukrainischen Region erfinden – genau mit dem Ziel, sie für einen „unabhängigen Staat“ zu erklären und anschließend zu annektieren. Genau dies war auch Putins Blitzkriegsplan: die legitime ukrainische Macht in Kyiv zu beseitigen und seine Marionetten Viktor Janukowytsch und Viktor Medwedtschuk zu zwingen, eine Reihe von „Referenden“ in bestimmten Regionen durchzuführen – eben in jenem „Noworossija“. In jenem „Noworossija“, von dem in Russland bereits im August 1991 die Rede war. Denn schon Putins politischer Lehrmeister Anatolij Sobtschak sprach von den „Geschenken der Bolschewiki“, und der Kreml gab sowohl unter Jelzin als auch unter Putin Millionen Rubel für die Unterstützung prorussischer Kräfte und Stimmungen im Osten und Süden der Ukraine aus. Die Möglichkeit einer Annexion wurde niemals vergessen – man hoffte nur, dass sie leicht und schnell verlaufen würde.

Den großangelegten Annexionsplan von 2014 musste Putin, wie bekannt, aufschieben. Auch sein Blitzkrieg von 2022 scheiterte, doch das bedeutet keineswegs, dass Putin seinen Plan aufgegeben hätte. Er hat ihn lediglich aufgeschoben und entschieden, dass das Instrument zur Annexion ukrainischer Gebiete nicht mehr der Blitzkrieg, sondern ein jahrelanger Abnutzungskrieg sein werde. Und an „Noworossija“ erinnerte er jetzt, weil er entschieden hat, dass die Amerikaner „wanken“ und man von ihnen nun alles verlangen könne.

Und wie steht es dann um den Friedensprozess, von dessen Wiederbelebung in den letzten Wochen so viel die Rede ist? Gar nicht. Putins jüngste Erklärungen zeigen gerade, dass für ihn ein echter Friedensprozess in der Realität überhaupt nicht existiert und dass er die Besuche amerikanischer Gesandter ausschließlich dazu benutzt, Zeit zu gewinnen, den Krieg fortzusetzen und seine territorialen sowie politischen Forderungen weiter zu verschärfen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чому Путін згадав про «Новоросію» Віталій Портников. 09.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Putin will „Noworossija“ besetzen | Vitaly Portnikov. 04.12.2025.

Der Präsident Russlands, Wladimir Putin, hat erneut Noworossija erwähnt. In seinem Interview am Vorabend seines Besuchs in Indien betonte Putin, dass Russland in jedem Fall den Donbass und Noworossija befreien werde – auf militärischem oder anderem Wege.

Bezeichnend ist, dass Putin inzwischen keineswegs mehr nur von der Region Donezk spricht. Und es bleibt nur zu verstehen, von welcher „Noworossija“ er spricht, wenn er die Notwendigkeit ihrer „Befreiung“ betont. Geht es dabei um die Gebiete der ukrainischen Regionen Saporischschja und Cherson? Wie bekannt ist, wurde ein Teil dieser Territorien bereits 2022 von den Russen besetzt und später innerhalb der administrativen Grenzen der ukrainischen Regionen Saporischschja und Cherson annektiert. Oder geht es um einen umfassenderen Plan – jenes politische Projekt, von dem wir Putin während der Sitzung der Föderalversammlung der Russischen Föderation anlässlich der Annexion der Krim sprechen hörten?

Gerade damals erwähnte Putin das sogenannte bolschewistische „Geschenk“ an die Ukraine, das mit den meisten östlichen und südlichen Regionen unseres Landes zusammenhänge. Und genau dieses Gebiet wurde in Moskau damals als Noworossija bezeichnet, das – wie wir heute verstehen – Teil der Russischen Föderation werden sollte.

Übrigens sprach Putin auch am 24. Februar 2022, als er sich mit der Ankündigung des Beginns der sogenannten speziellen Militäroperation an seine Landsleute wandte, davon, dass Russland die Rechte aller „Völker“ der Ukraine gewährleisten müsse.

Fragen Sie mich bitte nicht, welche Völker das sein sollen, wenn die überwältigende Mehrheit der Einwohner der Ukraine ethnische Ukrainer sind. Aber wir erinnern uns ja, wie 2014 plötzlich das „Volk des Donbass“, das „Volk der Region Donezk“ oder „der Region Luhansk“ auftauchte. Später erschienen dann das „Volk der Region Saporischschja“ oder „der Region Cherson“, und Teile der von Russland besetzten Gebiete erklärten bei Pseudoreferenden, sie seien nun unabhängige Staaten, die sich Russland anschließen wollten.

Genau auf diese Weise wollte Putin auch 2022 vorgehen. Er hoffte, dass die Marionettenregierung, die er in Kyiv nach der Einnahme der Stadt durch russische Truppen installieren wollte, einer ganzen Reihe von Referenden im Osten und Süden der Ukraine zustimmen würde. Und selbstverständlich würden die Teilnehmer dieser Fake-Referenden der Ausrufung der „Unabhängigkeit“ dieser ukrainischen Regionen mit anschließendem Anschluss an Russland zustimmen.

Und jener Teil der Ukraine, der nicht von diesem Referendumsprogramm erfasst worden wäre, sollte sich selbstverständlich in eine neue Belarus verwandeln – ein Land, das von einer putinschen Marionette geführt würde und alle Wünsche Russlands erfüllen müsste, allerdings in verkleinerter Form.

Das war übrigens genau jener Blitzkrieg-Plan, von dem wir bereits im Februar 2022 gesprochen haben. Nun kehrt Putin offenbar zu diesem Modell zurück – vor dem Hintergrund seiner Verhandlungen mit den Vertretern Trumps, Steve Witkoff und Jared Kushner.

Und das zeigt ein weiteres Mal, dass die sogenannten russischen Bedingungen in diesen Verhandlungen nichts Reales bedeuten. Wenn Ukrainer beginnen, ernsthaft darüber zu diskutieren, ob man vielleicht tatsächlich einen Teil der Region Donezk aufgeben müsse, damit der Krieg endet, und wenn Trump oder Rubio davon sprechen, dass es sich nur um ein kleines Gebiet handele, das von ukrainischen Truppen gehalten werde und ohnehin früher oder später von Russland besetzt würde – dann übersehen sie eine ganz einfache Sache.

Es geht überhaupt nicht um den Donbass. Es geht darum, dass Putin Bedingungen stellt, die vor allem auf die Destabilisierung der politischen Lage in unserem Land abzielen. Er will mithilfe Trumps die ukrainische politische Führung dazu zwingen, sich zumindest mit der Besetzung der Region Donezk durch russische Truppen abzufinden – mit der Aufgabe jener Festungen, die die ukrainischen Streitkräfte seit vielen Jahren verteidigen. Und sobald das geschieht – worauf Putin hofft, dass es zu einer scharfen Destabilisierung des politischen Lebens in unserem Land führen wird –, werden die Russen sofort wieder von Noworossija sprechen und vom ukrainischen Führung verlangen, auch aus den Regionen Saporischschja und Cherson die Truppen abzuziehen.

So ist auch Hitler vorgegangen. Zunächst verlangte er von der Tschechoslowakei die Übergabe der Kontrolle über das Sudetenland. Als der britische Premier Neville Chamberlain und der französische Premier Daladier diesen Forderungen Adolf Hitlers zustimmten, wurde schon wenige Monate später der Präsident der verkleinerten Tschechoslowakei nach Berlin zitiert und darüber informiert, dass er der Umwandlung seines Landes in das Protektorat Böhmen und Mähren zustimmen und noch in der Reichskanzlei seine Zustimmung zur faktischen Liquidierung der Souveränität und Unabhängigkeit seines Staates unterschreiben müsse.

Für die Ukraine hat Putin einen vollkommen identischen Plan. Gerade deshalb sollte man sich nicht selbst täuschen. Es gibt keine Bedingung eines Abzugs der ukrainischen Truppen aus der Region Donezk im Austausch für einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front und erst recht nicht für ein Ende des Krieges als solchem. Es gibt Putins klares Verständnis, dass die östlichen und südlichen Regionen der Ukraine von Russland kontrolliert werden und Teil Russlands werden müssen.

Und natürlich kann Putin nach der Salamitaktik vorgehen: Zuerst die Region Donezk fordern, dann Cherson und Saporischschja – und danach, wie wir verstehen, auch Charkiw, Mykolajiw und Odesa. Denn der Entzug des Zugangs der Ukraine zum Meer ist – selbst wenn es nicht gelingt, die staatliche Souveränität unseres Landes vollständig zu zerstören – ebenfalls eines der wichtigen Ziele der russischen Führung und, ich würde sagen, auch eines der wichtigen Ziele des russischen Volkes, das diese expansionistischen Absichten seines Präsidenten unterstützt.

Und hier bleibt nur noch zu verstehen: Verstehen die Amerikaner das eigentlich? Es scheint, sie verstehen es. Denn derselbe Donald Trump hat wiederholt gesagt, dass Putin offenbar die ganze Ukraine braucht – und nicht nur den Donbass oder die sogenannte Noworossija.

Und wenn sie das verstehen – warum verhalten sie sich dann inadäquat, warum verschließen sie die Augen vor den wahren Absichten des russischen Präsidenten, warum unternehmen sie keine Anstrengungen, die auf die Eindämmung von Putins expansiven Bestrebungen gerichtet wären? Denn es ist absolut offensichtlich: Wenn er diesen Weg weitergeht, wird er nicht bei der Ukraine haltmachen. Die Destabilisierung der Lage in Europa wird ebenfalls eines der wichtigen Elemente der weiteren russischen Politik werden.

Das logisch zu verstehen, wie auch alle anderen Handlungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, fällt mir, wie Sie verstehen, ziemlich schwer. Doch die Tatsache bleibt bestehen: Gerade vor dem Hintergrund der Verhandlungen mit Witkoff und Kushner, gerade vor dem Hintergrund des Treffens amerikanischer Vertreter mit der ukrainischen Delegation unter Leitung des Sekretärs des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates Umerow, spricht Putin völlig ruhig – als hätte es diese fast vier Jahre des großen russisch-ukrainischen Krieges nie gegeben – von Noworossija, die von den russischen Streitkräften „befreit“ werden müsse. So, als hätte es sonst überhaupt nichts gegeben. So, als hätte man nicht einmal diesen reduzierten Katalog putinscher Forderungen in Gestalt eines Teils der Region Donezk diskutiert.

Deshalb sollte man weder wir noch Trump, noch Witkoff, Kushner und Rubio, noch all jene, die die wahren Ziele der russischen expansionistischen Politik in Richtung Ukraine verstehen wollen, in Illusionen leben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Путін хоче окупувати «Новоросію» | Віталій Портников. 04.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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