In internationalen Rankings werden die von der Russischen Föderation besetzten ukrainischen Gebiete als einige der unfreiesten und gefährlichsten Territorien der heutigen Welt eingestuft. Wir sehen tatsächlich, was dort geschieht: wie Menschen wegen anderer politischer Ansichten gefoltert und getötet werden, wie die Rechtsprechung nicht funktioniert, wie Folter und andere Formen von Misshandlung und Zwang angewandt werden.
Mein Kollege Stanislav Aseyev, der derzeit in den Verteidigungskräften der Ukraine dient, hat über das, was in den besetzten Gebieten geschieht, ein Buch über „Isolazija“ geschrieben, das ehemalige Zentrum für zeitgenössische Kunst, das die russischen Besatzer und Kollaborateure in ein echtes Konzentrationslager nach dem Vorbild der Stalin- und Hitlerzeit verwandelt haben. Und wenn jemand wissen möchte, wo sich ein Konzentrationslager befindet, soll er auf Donezk, Luhansk, Simferopol schauen. Er soll auf die Orte schauen, an denen Menschen getötet und gefoltert werden.
Aber für die Sängerin Olga Polyakova befindet sich das Konzentrationslager hier, in der Ukraine, weil Vertreter des Showbusiness und andere Prominente sich in unserem Land nicht so verhalten können, als gäbe es bis heute keinen Krieg.
Man muss der Wahrheit ins Auge sehen: So war die Stimmung in der Gesellschaft nach 2014, nach der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbas. Eine enorme Zahl unserer Mitbürger wollte nichts hören, was ihren Komfort einschränken oder ihre Möglichkeiten mindern würde, auf den für sie gewohnten Märkten zu arbeiten. Die Menschen wollten weder ihre Gewohnheiten noch die kulturelle und politische Welt verändern, zu der sie vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine offensichtlich gehörten.
Und wie wir sehen, ist viereinhalb Jahre nach Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine der Wunsch, wieder in die vertraute komfortable Welt zurückzukehren, nicht mehr so erstaunlich und kann inzwischen auch in den sozialen Netzwerken offen geäußert werden.
Die Wahrheit ist jedoch, dass es diese komfortable Welt nie wieder geben wird. Und dass bestimmte Gewohnheiten und bestimmte Verhaltensmodelle, die in einem Kreis als anständig gelten können, unter Menschen, die den Krieg mit größerem Schmerz erleben, völlig anders aussehen können.
Es ist offensichtlich, dass sich während eines so großen Krieges, angesichts so großer Opfer und so großer Zerstörungen nicht nur Staaten, sondern auch Völker voneinander entfernen. Und das russische und das ukrainische Volk werden sich mit jedem weiteren Tag der Zerstörungen auf dem Territorium der Ukraine und Russlands und mit der Fortsetzung der Verbrechen der russischen Armee auf ukrainischem Boden weiter voneinander entfernen.
Es ist offensichtlich, dass selbst Popfestivals, die nicht in Russland stattfinden und an denen bestimmte Vertreter der russischen Emigration sowie eine gegenüber der Politik neutrale Pop-Szene teilnehmen, für jene, die die gewohnte Welt vermissen, in der Stars der ehemaligen gesamtsowjetischen Unterhaltungskultur präsent sind, als völlig richtige und akzeptable Veranstaltungen erscheinen können, von denen aber völlig anders wahrgenommen werden können, die im Krieg ihren Mann oder ihren Sohn verloren haben.
Es ist völlig offensichtlich, dass selbst die russische Sprache von jenen, die sie seit ihrer Kindheit mit ihren Eltern sprechen, und von jenen, die gehört haben, wie in dieser Sprache Befehle an diejenigen erteilt wurden, die auf ukrainischen Boden kamen, um zu töten, emotional völlig unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Und das sind enorme Probleme einer Gesellschaft im Krieg, die man erkennen und behandeln muss – sowohl in den kommenden Jahren dieses schweren Krieges als auch in den kommenden schwierigen Nachkriegsjahrzehnten.
Aber zu glauben, dass sich ein Mensch in einem Konzentrationslager befindet, nur weil andere eine andere Meinung zu seinem Verhaltensmodell im eigenen beruflichen Umfeld haben können, scheint mir eine enorme Übertreibung zu sein. Jede öffentliche Person muss bereit sein, Kritik an ihrem Verhalten zu akzeptieren, selbst wenn sie glaubt, keine gesellschaftlichen Tabus zu verletzen. So ist die Logik eines großen Krieges. So wird auch die Logik der Suche nach Modellen des gegenseitigen Verständnisses in der traumatisierten ukrainischen Nachkriegsgesellschaft sein.
Aber ein Konzentrationslager. Ein Konzentrationslager ist „Isolazija“. Ein Konzentrationslager ist, wenn man dich foltert und dir nicht bloß rät, russische Popstars nicht zu umarmen. Ein Konzentrationslager ist, wenn man dich für ein Like in sozialen Netzwerken zu 15 Jahre Haft verurteilen kann. Ein Konzentrationslager ist, wenn man dich in einer Strafkolonie tötet, weil du über die Korruption der ersten Person im Staat berichtest. Das ist ein Konzentrationslager.
Und ich verstehe, dass es sehr, sehr schwer ist, sich von jenem Modell des Komforts zu verabschieden, an das sich Vertreter eines großen Teils der ukrainischen Elite und der ukrainischen Gesellschaft – keineswegs nur in der Kunst – in den ersten Jahrzehnten der ukrainischen Unabhängigkeit gewöhnt hatten, als die Ukraine nicht so sehr ein Staat war, sondern vielmehr eine umbenannte Ukrainische SSR. Aber diese Ukraine wird es nie wieder geben, und es wird auch kein Modell des Zusammenlebens der ukrainischen Welt mit der „russischen Welt“ geben.
Und es wird wesentlich ernstere moralische Fragen an diejenigen geben, die in der Ukraine leben und öffentliche Aufmerksamkeit beanspruchen werden. Besonders, und auch das muss man verstehen, in den Nachkriegsjahren, wann immer sie kommen mögen.
Man muss sich klar vor Augen halten: Die Ukraine kämpft in diesem Krieg nicht nur dafür, Ukraine zu bleiben, nicht nur dafür, dass das ukrainische Volk die Chance erhält, auf seinen ethnischen Gebieten zu bestehen, von denen brutale und heimtückische Besatzer es zu vertreiben versuchen, die für sich längst entschieden haben, welches Schicksal jene Gebiete erwartet, die sie besetzt haben und die sie noch besetzen wollen.
Die Ukraine kämpft auch dafür, nicht in ein Konzentrationslager nach russischem Vorbild verwandelt zu werden.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Полякова опинилась у концтаборі | Віталій Портников. 11.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.