Der Mord in Kalyniwka | Vitaly Portnikov. 14.07.2026.

Der Besuch meiner Kollegen im Dorf Kalyniwka im Gebiet Kyiv, wo zuvor Soldaten der 155. Brigade zwei Zivilisten aus diesem Ort verschleppt und getötet hatten, ermöglicht es, die Ursachen dessen zu verstehen, was dort geschehen ist.

Und es stellt sich heraus, dass es sich um einen banalen Alltagskonflikt handelte. Offenbar missfiel den Verwandten des Brigadekommandeurs, die in diesem Dorf lebten, das Verhalten junger Dorfbewohner. Daraufhin wurde beschlossen, mit Hilfe der eigenen Untergebenen die Fähigkeit zu demonstrieren, Ordnung zu schaffen. Es wurde sogar eine Liste von Personen erstellt, die offensichtlich ebenfalls eingeschüchtert, verschleppt oder sogar getötet werden sollten.

Dass ein derart schreckliches Verbrechen infolge eines Alltagskonflikts geschah, ist natürlich eine weitere Warnung im Hinblick auf unsere gemeinsame Zukunft. Es handelt sich nicht einmal um einen Konflikt zwischen Militärangehörigen und Zivilisten, denn der Vater der Getöteten war ebenfalls beim Schutz unseres Landes gefallen. Und einer der Getöteten hatte nach Angaben von Dorfbewohnern ebenfalls in den Streitkräften der Ukraine gedient.

Es handelt sich auch nicht um einen Konflikt, der mit Geschäftsinteressen oder der Beteiligung von Menschen an einer kriminellen Gruppierung zusammenhing. Nein, zu dem Verbrechen führte, würde ich sagen, ein in vielen Werken der ukrainischen Literatur beschriebener Alltagskonflikt, genauer gesagt der Versuch zu demonstrieren, wer im Dorf die Regeln bestimmt. Und wir verstehen sehr gut, dass sich ein solcher Konflikt schon bald in jeder Ortschaft der Ukraine ereignen kann – von Kalyniwka bis Kyiv.

Es geht darum, bereits heute darüber nachzudenken, wie das Gewaltmonopol des Staates unter Bedingungen geschützt werden kann, in denen sich eine enorme Zahl von Menschen im Besitz von Waffen befindet. Diese Waffen können sowohl im Kampf gegen den Feind als auch bei dem Versuch eingesetzt werden, den eigenen Mitbürgern das eigene Recht auf Entscheidungsgewalt sowie darauf zu beweisen, zu bestrafen oder zu begnadigen. So ist es immer während Revolutionen, Aufständen und großen Kriegen.

Auch im Jahr 2014 war es nach dem Maidan für die neue Regierung nicht einfach, das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen. Denn einige Teilnehmer dieser Ereignisse wollten sich selbst dann, als das repressive Regime von Viktor Janukowytsch faktisch demontiert worden war und die neue Regierung sich mit der Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung befasste, nicht von den Möglichkeiten trennen, die sich ihnen während der revolutionären Ereignisse plötzlich eröffnet hatten.

Dasselbe geschieht, wenn große Kriege über Jahre andauern. Daran ist nichts Unvorhersehbares. Die Frage ist allein, wie effektiv sich der Staat erweisen wird und ob seine Bürger verstehen, dass der unkontrollierte Einsatz von Gewalt zu Chaos, Anarchie, Schießereien auf den Straßen und zur Verwandlung des Staates in ein Gebiet führen kann, in dem verschiedene bewaffnete Gruppen um Einfluss kämpfen und jeder, dem seine eigene Sicherheit am Herzen liegt, vor allem darüber nachdenken wird, ein solches Land zu verlassen, um weder sein eigenes Leben noch das seiner Angehörigen zu gefährden.

Ja, genau das könnte das Schicksal der Ukraine nach dem Krieg sein, wenn wir nicht schon heute darüber nachdenken, welche Funktion der Staat Ukraine haben soll und welche Rolle einem Menschen mit einer Waffe zukommt. Und hier tragen nicht nur der Staat als solcher, sondern auch die Streitkräfte der Ukraine und ihre Führung eine enorme Verantwortung. Denn wir verstehen sehr gut, dass es in jeder Gesellschaft und in jeder Armee unterschiedliche Menschen gibt – mit ihren eigenen Vorstellungen vom Leben, ihren Ambitionen, ihrem Verständnis von Gesetz und Recht sowie ihrer eigenen Vorstellung davon, wie sie ihre Bedeutung unter Beweis stellen können, auch in jener Ortschaft, in der die Familie eines bewaffneten Menschen lebt oder in der er selbst nach dem Ende der Kampfhandlungen leben wird.

Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass die Ukraine auch nach dem Krieg Ziel von Destabilisierungsversuchen seitens der Russischen Föderation bleiben wird. Ungeachtet aller Erwartungen, Russland werde nun bald zerfallen, wird es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht verschwinden und ein mächtiger Feind der Ukraine bleiben, der auf die Zerschlagung der Staatlichkeit des Nachbarlandes ausgerichtet ist – unabhängig davon, wie der russisch-ukrainische Krieg endet.

Und auch der Kreml wird solche Konflikte bereitwillig nutzen und schaffen, um zumindest durch die Destabilisierung der Ukraine das zu erreichen, was die Russen in diesem endlosen Krieg nicht erreichen können.

Deshalb müssen wir nicht nur im Krieg standhalten, sondern dabei auch den ukrainischen Staat nicht verlieren. Das ist ebenfalls eine äußerst wichtige und verantwortungsvolle Herausforderung für die Zukunft. Und die Ereignisse in Kalyniwka sind eine völlig eindeutige Demonstration dafür, wie ernst diese Herausforderung ist und wie wichtig es ist, staatliche Verantwortung und militärische Disziplin aufrechtzuerhalten.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Вбивство у Калинівці | Віталій Портников. 14.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 14.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.