
Es scheint, als würden viereinhalb Jahre des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine und zwölf Jahre des Konflikts zwischen den beiden Ländern eine klare Antwort auf diese Frage geben: Nein, Russland verfügt nicht über die dafür notwendigen Ressourcen. Aber können wir davon ausgehen, dass Putin das nicht versteht?
Der russische Präsident führt gegen die Ukraine einen weitaus komplexeren Krieg. Die Krim oder der Donbas sind in einem solchen Krieg Brückenköpfe für Angriffe auf das von der legitimen Regierung kontrollierte Territorium der Ukraine und zugleich ein Vorwand für die Fortsetzung des Krieges.
Der Vorschlag, die Truppen aus dem von den ukrainischen Streitkräften kontrollierten Teil der Region Donezk abzuziehen, fügt sich logisch in diese Strategie ein. Wissen Sie, was passieren wird, wenn die ukrainische Regierung solchen Bedingungen zustimmt oder es der russischen Armee beispielsweise gelingt, die Kontrolle über den gesamten Donbas zu erlangen? Die Russen werden anfangen, „Pufferzonen“ einzurichten, um die Sicherheit der „neuen Territorien“ zu gewährleisten, dann auch in diesen „Pufferzonen“ Referenden über einen Anschluss an Russland abhalten und immer weiter fordern, fordern und fordern.
Im Jahr 2022 ließen sich neben der Besetzung großer Teile des ukrainischen Territoriums und einem Machtwechsel in Kyiv zwei weitere Hauptziele der russischen Führung klar erkennen: die Destabilisierung der Ukraine und die Schaffung der Voraussetzungen für eine große Migrationskrise in Europa. Putin erinnerte sich gut daran, wie vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Syrien und der Ankunft von Millionen Migranten aus dem Nahen Osten in Europa die Zustimmungswerte rechtsextremer Parteien, die den „Werten“ des Kremls nahestehen, wie auf Hefe zu wachsen begannen. Und man wollte, dass es mit der Ukraine genauso kommt wie mit Syrien.
Schon wenige Monate nach Beginn des großen Krieges ließ sich feststellen, dass diese Kalkulationen nicht aufgegangen waren. Die Ukrainer schlossen sich zusammen, um ihren Staat zu verteidigen. Die Europäer nahmen geflüchtete Frauen mit ihren Kindern gastfreundlich auf. Die erhoffte Krise blieb aus.
Doch die Kalkulation mit einem jahrelangen Abnutzungskrieg beruht gerade darauf, dass das, was sich nicht sofort erreichen ließ, mit der Zeit erreicht werden kann. Dass Russland durchhalten wird, während dem Gegner irgendwann die Geduld ausgeht. Und jetzt sehen wir die ersten Anzeichen dafür, dass dieser teuflische Plan des Kremls Wirklichkeit zu werden beginnt.
Wir sehen, wie sich bei einem Teil der ukrainischen Gesellschaft Panik breitmacht – sowohl angesichts der ständigen Angriffe mit ballistischen Raketen, gegen die es kaum Abwehrmöglichkeiten gibt, als auch angesichts der Erkenntnis, dass ein Ende des Krieges noch lange nicht in Sicht ist. Und das ist nicht nur eine erfolgreiche Kalkulation der russischen Führung, sondern auch eine schwere Fehleinschätzung der ukrainischen. In Kyiv betrachtete man die Hoffnung auf ein schnelles Ende des Krieges als eine Art Droge, mit der sich die Gesellschaft beruhigen und ihre Demoralisierung verhindern ließe. Doch die Wirkung jeder Droge, jedes Beruhigungsmittels lässt früher oder später nach.
Genau das ist jetzt geschehen – möglicherweise waren nicht nur die Raketen der Auslöser, sondern auch missglückte Personalentscheidungen von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Und hier zeigt sich ein Paradox: Diejenigen, die sich bereits seit 2019 der erheblichen Probleme hinsichtlich Zelenskys Fähigkeit bewusst waren, das Land im Krieg zu führen, werden heute nicht müde, an die Legitimität des amtierenden Präsidenten und daran zu erinnern, wie wichtig es ist, ihm bis zum Ende des Krieges Vertrauen entgegenzubringen. Diejenigen dagegen, die Zelensky wie eine Ikone verehrten, sind nun damit beschäftigt, nach neuen Ikonen zu suchen – was derzeit offensichtlich nicht angebracht ist.
Auch die Migrationsprobleme verschärfen sich – und das ist nur natürlich. Schließlich war selbst der 2022 eingeführte Schutz für Ukrainer nur vorübergehend gedacht – und nun zeigt sich, dass „vorübergehend“ lediglich ein Euphemismus ist, hinter dem sich ein praktisch dauerhafter Aufenthalt ukrainischer Staatsbürger in den Ländern der Europäischen Union verbirgt. Stellen wir uns nun eine neue Ausreisewelle im Winter vor. Oder versuchen wir zu verstehen, warum der europäische Steuerzahler aus eigener Tasche nicht nur Frauen mit Kindern unterstützen soll, sondern auch Männer, die illegal nach Europa gelangen, um sich ihrer verfassungsmäßigen Pflicht zu entziehen.
Putin kann also den „eigentlichen“ Krieg nicht gewinnen, könnte aber bei der Destabilisierung der Ukraine und des Westens erfolgreich sein? Ja, der russische Präsident bekommt dann eine Chance, wenn wir weder uns selbst noch den Menschen die Wahrheit sagen wollen. Wenn die ukrainische Führung weiterhin mit ihren Landsleuten nicht wie mit Verteidigern des Vaterlandes spricht, sondern wie mit künftigen Wählern – obwohl niemand weiß, wann der Krieg in absehbarer Zukunft enden und Wahlen stattfinden werden. Wenn europäische Politiker versuchen, ihre Bürger selbst dann zu beruhigen, wenn Raketen und Drohnen aus Russland auf ihrem Territorium einschlagen, und ihnen versichern, ihr Land sei nicht das Ziel, sondern die Einschläge seien nur Zufall. Wenn man in den Vereinigten Staaten noch immer nicht begreifen kann, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine Teil einer globalen „Spezialoperation“ zur Schwächung Amerikas ist.
Wer sich vor Ehrlichkeit und einer angemessenen Einschätzung der Realität fürchtet, öffnet der Lüge und Putin den Weg.
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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Ще одна війна: чи може Росія захопити всю територію України та оголосити її області субʼєктами Російської Федерації? Віталій Портников. 17.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.