Denkmal. Vitaly Portnikov. 28.12.2025.

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Durch die Straßen des Kyiver Podil streifte eine seltsame Gesellschaft. Ein nicht mehr junger Mann mit professoralem Aussehen und dem gleichgültigen Ausdruck eines müden, zerknitterten Gesichts, ein langbeiniger Exzentriker mit flackernden Augen, ein riesiger, zottiger schwarzer Kater, ein roter Riese mit unheilvollem, zusammengekniffenem Blick starrer Augen und eine geschmacklos gekleidete junge Frau in einem abgetragenen Pelzmantel gingen zielstrebig in Richtung Andrijiwskyj-Usswis, und hinter ihnen kam nur mit Mühe ein kleiner Mann in einem einst modischen Mantel hinterher, der in der feuchten Dnipro-Kälte fror.

– Warum haben Sie mich hierher geschleppt, Messire? – fragte der kleine Mann den alten Professor. – Was haben wir alle hier vergessen?

„Das hast du für ‘Batum’“, hätte Woland beinahe gesagt. „Man soll keine Oden auf Mörder schreiben.“ Aber es gehört nicht zur Tradition des Teufels, Tote öffentlich zu entlarven.

– Das ist doch Ihre Heimatstadt, Meister, – begann Woland sanft. – Ihre Heimat! Ich dachte, Sie wären glücklich, ihre Luft zu atmen.

– Ich wäre glücklich, die Luft Moskaus zu atmen, – unterbrach der Schriftsteller den alten Teufel. – Die Patriarchenteiche, Bewunderer, Kollegen, das Leben in der Hauptstadt. Ein russischer Schriftsteller muss in Russland sein – genau das habe ich Iossif Wissarionowitsch gesagt. Und Sie haben mich in die Provinz gebracht. Sehen Sie doch: Hier sind überall Schilder in irgendeiner Sprache, die es gar nicht gibt. Ist das etwa die Petljura-Straße?

– Die Petljura-Straße ist am anderen Ende der Stadt, Meister, – schnurrte Begemot schmeichlerisch.

– In dieser Stadt gibt es wirklich eine Petljura-Straße? Und Sie haben mich hierhergebracht? In eine Stadt mit Petljura und Schildern in dieser „Sprache“? So eine Stadt muss man bombardieren!

– Sie wird schon bombardiert, Meister! Hören Sie die Luftalarmsirene? – rief Azazello fröhlich.

– Wer bombardiert? – erkundigte sich Bulgakov. – Die Deutschen?

– Keineswegs: Ihre Landsleute bombardieren. Russland eben.

– Die Roten? Schon wieder sie?

– Nein, Russland ist heute weder rot noch weiß. Es ist tschekistisch, es ist banditisch. Aber es will, dass jeder Ihre Bücher lesen kann. In der Sprache des Originals.

– Was für ein wunderbares Land! Ohne die Roten! – rührte es Bulgakov. – Warum sind wir dann nicht in Moskau?

„Weil du ‘Batum’ nicht hättest schreiben sollen“, wollte Woland sagen, überlegte es sich aber wieder anders.

– Aber Bewunderer haben Sie auch hier, Meister. Sehen Sie dort: Sie haben sich bei Ihrem Elternhaus versammelt.

– Die da etwa? – fragte Bulgakov verächtlich, doch die Menge hatte den Meister bereits bemerkt und schrie vielstimmig durcheinander.

– Das ist unsere Entschädigung für das Denkmal, Michail Afanassjewitsch! Die Möglichkeit, Sie persönlich zu sehen, die Möglichkeit, Ihnen … Wir sind mit dem „Meister und Margarita“ aufgewachsen. Und „Die Tage der Turbins“ – das ist doch das wahre Kyiv, das edle, und nicht dieses Dorf ringsum! Und Ihr wunderbares Denkmal!

– Und wo ist das Denkmal? – fragte der Schriftsteller.

– Hier ist das Denkmal, hier! Nur steht es unter Bewachung, und seit vier Jahren hat es niemand gesehen! Man schützt es vor russischen Bombardierungen, und diese Ignoranten – sie wollen es abreißen, Michail Afanassjewitsch! Vom Usswis entfernen! Wir haben das Denkmal vor russischen Barbaren gerettet, und Dörfler wollen es abreißen!

– Vor russischen Barbaren? – wunderte sich der Schriftsteller. – Wollt ihr also keinen Sieg Russlands?

– Michail Afanassjewitsch, Russland ist ein furchtbares Land. Sie sind Mörder, sie beschießen friedliche Wohnviertel! Wir wollen, dass Russland zerfällt und verschwindet! Wir sind so stolz auf Sie! Sie sind ein großer Kyiver! Und Russland – das ist ein Land der Scharikows. Und Ihr Denkmal wollen die Scharikows abreißen!

– Sie sind schizophren! – flüsterte der Schriftsteller Woland zu. – Schizophren!

„Deine Bewunderer sind immer schizophren“, wollte der Teufel sagen. „Als ob man nicht schizophren sein könnte und trotzdem verstehen würde, was du da in deinem ‘Meister’ darstellen wolltest. Oder die russische Armee hassen und die Turbins anbeten. Natürlich schizophren! Morphinisten! Aber sie lieben dich.“ Doch natürlich sagte er wieder nichts.

– Leidende Menschen, Meister. Leidende. Sie sehnen sich nach dem russischen Wort, nach der russischen Welt.

– Jetzt sprechen Sie wie Putin, – sagte einer von Bulgakovs Bewunderern, ein nicht mehr junger Schriftsteller, den die Teufel eigens für dieses Treffen mit dem „Intercity“ aus Dnipro hergebracht hatten. – Sind Sie nicht Putin?

– Ich bin nicht Putin, – sagte Woland bedauernd. – Wo käme ich da an Putin heran! Putin ist ein solches Böse, das man in unserer Hölle nicht finden kann. Wir sind eher auf Schriftsteller spezialisiert. Auf „Kulturkram“, wissen Sie. In einem einzelnen Kopf kann man so einen Krieg veranstalten – das fällt keinem Putin ein.

– Ich hoffe, das Treffen mit den Bewunderern hat Sie ein wenig unterhalten, Meister, und Sie werden uns diesen Weihnachtsspaziergang nicht vorwerfen. Korowjew, Champagner für den Meister! Das ist Masandra, von Ihren Landsleuten gestohlen – es trinkt sich besonders leicht. Frohes Fest, Meister!


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Пам’ятник. Віталій Портников. 28.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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