Skandal in Petropawliwska Borschtschahiwka: Die Folgen | Vitaly Portnikov. 02.11.2026.

Das Erscheinen des Leiters des ukrainischen Präsidentenbüros und des Kommandeurs der Nationalgarde vor einem Privathaus in der Ortschaft Petropawliwska Borschtschahiwka unterstreicht nur den ganzen Ernst der Lage, die im Zusammenhang mit Berichten über die Festhaltung von Militärangehörigen in diesem Haus entstanden ist. Doch mit jeder Minute lässt sich sagen, dass sich die uns bekannten Informationen verändern, durch neue Details und Einzelheiten ergänzt werden, sowohl hinsichtlich der Beteiligten an den Ereignissen als auch hinsichtlich des Status des Gebäudes und des Status der Bürger, die sich darin befanden. Man könnte diese Details und Einzelheiten nun lange wiedergeben, aber mir scheint, dass Sie bereits gut wissen, was rund um dieses Haus in Petropawliwska Borschtschahiwka geschieht, und vor allem wissen Sie viel mehr, als ich Ihnen jetzt erzählen kann. Denn schon eine oder zwei Stunden nach der Aufzeichnung dieses Beitrags werden neue Details und Einzelheiten auftauchen, die sich von dem unterscheiden können, was wir im Augenblick wissen. Und das Wichtigste ist, dass sich Nachrichten derzeit mit einer solchen Geschwindigkeit verbreiten, dass wir uns am nächsten Tag vielleicht nicht einmal mehr an diesen neuerlichen Skandal erinnern werden.

Ein massiver Angriff auf die Ukraine, der gerade buchstäblich vor unseren Augen von den Besatzern vorbereitet wird, genügt, damit die traurigen Nachrichten über die Folgen der russischen Angriffe das, was in Petropawliwska Borschtschahiwka geschehen ist, aus dem Informationsraum verdrängen. Doch die wichtigsten Probleme werden dadurch nicht gelöst. Und sie hängen nicht mit einem konkreten Haus zusammen, sondern mit dem Problem der Organisation der Mobilmachung selbst. Darüber müssen wir nun schon seit viereinhalb Jahren des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine sprechen.

Eine riesige Zahl von Menschen und übrigens auch die Regierung, wie wir anhand des jüngsten Interviews des ehemaligen ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba gesehen haben, lebten sowohl zu Beginn des Krieges als auch heute weiterhin in regelrechten Illusionen darüber, wie sich dieser Krieg in Zukunft entwickeln wird. Viele setzen weiterhin ihre Hoffnungen auf Friedensverhandlungen mit den Russen, auf eine Unterbrechung der Kampfhandlungen, auf das Ende des Krieges. Und so geht es bereits seit viereinhalb Jahren. Und es kann noch weitere viereinhalb Jahre so weitergehen. Gehen wir nicht von einem optimistischen Szenario aus, sondern von der Realität, die darin besteht, dass die Probleme der Mobilmachung im Verlauf der Kampfhandlungen gelöst werden müssen.

Aus dem russisch-ukrainischen Krieg gibt es zwei Auswege. Entweder gelingt es der Ukraine, den Feind abzuwehren, und dafür wird es notwendig sein, die Mobilmachung fortzusetzen. Oder die Ukraine hält letztlich nicht stand, kapituliert, wird als Staat ausgelöscht. Und dann werden viele Menschen, die heute in Petropawliwska Borschtschahiwka protestieren und ihre Beschwerden gegenüber dem Kommandeur der ukrainischen Nationalgarde in scharfer Form vorbringen können, erfahren, wie es ist, mit einem Angehörigen der russischen Nationalgarde zu sprechen, und ob man seine Beschwerden nicht einmal gegenüber einem Kommandeur, sondern gegenüber einem Sergeanten der russischen Nationalgarde äußern kann. Eine Salve aus einer automatischen Waffe wird die Antwort auf diese Beschwerden sein. Viele unserer Landsleute werden wir ermordet oder aus ihrem eigenen Land vertrieben sehen.

Wenn wir uns ein solches Schicksal nicht wünschen, bedeutet das, dass wir kämpfen müssen, bis die russischen Ressourcen für die Aggression gegen die Ukraine erschöpft sind. Aber kämpfen kann man nicht mit Parolen, sondern mit einem professionellen Ansatz, gegen den, davon bin ich überzeugt, die überwiegende Mehrheit der Menschen, die sich vor dem Privathaus in Petropawliwska Borschtschahiwka versammelt haben, bereits 2019 gestimmt hat.

Wiederum hebt der Wille dieser Menschen die Notwendigkeit einer professionellen Durchführung der Mobilmachung nicht auf. Ganz zu schweigen davon, dass wir in einer Situation leben, in der im Grunde jede militärische Einheit selbst gezwungen ist, nach Personal zu suchen. Die Territorialen Zentren für Rekrutierung und soziale Unterstützung, die TZK, über deren Missbräuche sich heute praktisch jeder äußert, sind für die Mobilmachung der ukrainischen Streitkräfte zuständig. Das ist eine Struktur des ukrainischen Verteidigungsministeriums und der ukrainischen Streitkräfte. Aber wie findet man die Menschen, die in der Nationalgarde oder bei den Grenztruppen dienen sollen? Wie ist es dazu gekommen, dass jeder die Probleme der Mobilmachung eigenständig löst? Wie professionell ist die Mobilmachung selbst? Das ist eine Frage, auf die wir nun schon seit viereinhalb Jahren Antworten suchen müssen.

Erinnern Sie sich daran, dass in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn und dem Beginn dieser großen Mobilmachung beschlossen wurde, alle Leiter der TZK zu entlassen, weil sich einer von ihnen als korrupt erwiesen hatte? Ja, ich habe keinen Zweifel daran, dass sich unter den Entlassenen auch Menschen befunden haben könnten, die nicht ganz saubere Hände hatten. Aber wenn man das gesamte System zerstört, um sich bei den Menschen beliebt zu machen, muss man verstehen, dass das System nicht funktionieren wird. Das System zu hacken, ist, wie wir aus den Erfahrungen der ersten Monate der Amtszeit Donald Trumps in den Vereinigten Staaten gut wissen, ein beliebter und einfacher Ausweg aus einer Situation. Aber es ist ein Ausweg, der nichts löst und sich unter Kriegsbedingungen schlicht in eine tödliche Gefahr verwandelt.

Ohne die Wiederherstellung eines professionellen Ansatzes bei der Mobilmachung, ohne die Wiederaufnahme eines ernsthaften Dialogs mit den Bürgern darüber, ohne das Verständnis der Gesellschaft dafür, dass man sich mit der Logik des Krieges und seinen Erfordernissen abfinden muss, weil die Alternativen entweder die russische Besatzung oder eine Militärdiktatur sind, wird nichts funktionieren. Man sollte sich nicht mit neuen Illusionen beruhigen, man sollte nicht auf Politiker, Populisten und Provokateure hören. Nichts wird funktionieren. Es wird neue Probleme, neue Schwierigkeiten bei der Mobilmachung, neue Fehler und neue Verbrechen geben. Aber der Mobilmachungsprozess wird weitergehen, und es liegt im Interesse der ukrainischen Bürger, dass dieser Prozess professionell und transparent wird.

Das darf jedoch diejenigen nicht von ihrer Verantwortung entbinden, die diesen Prozess missbrauchen und Handlungen zulassen, die außerhalb des rechtlichen Rahmens liegen. Und auch hier gibt es keinen Grund zur Verwunderung. Die Armee ist ebenso ein Teil der Gesellschaft wie jeder andere gesellschaftliche Organismus. Auch in der Armee kann es Menschen geben, die bereit sind, das Gesetz einzuhalten, und solche, die bereit sind, es zu brechen. Zumal man in der Armee das Gesetz mit der Waffe in der Hand und außerhalb der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit brechen kann.

Dafür braucht es jedoch eine vollwertige, professionelle Militärjustiz. Man muss das Rad nicht neu erfinden. Wir sprechen ständig davon, dass wir ein Land werden wollen, das der NATO beitritt, und dass wir nicht bereit sind, den russischen Forderungen nach einem Verzicht auf die Idee der euroatlantischen Integration nachzugeben, die übrigens in unserer Verfassung verankert ist. Aber Mitgliedstaat der NATO zu werden bedeutet nicht nur, darauf zu hoffen, dass Artikel 5 des Nordatlantikvertrags funktioniert. Zumal Ihnen derzeit niemand auf der Welt garantieren kann, dass er im Falle eines Angriffs Russlands oder eines anderen Staates auf ein NATO-Mitglied tatsächlich greifen wird.

Es könnte sich herausstellen, dass das Setzen auf Artikel 5 nicht funktioniert. Aber eine andere Strategie könnte funktionieren: das Setzen auf NATO-Standards, die es den Mitgliedstaaten des Nordatlantischen Bündnisses ermöglichen, selbst unter den Bedingungen eines möglicherweise schon in den nächsten Jahren bevorstehenden großen Krieges auf dem europäischen Kontinent wirksam gegen einen Aggressor zu kämpfen. Wenn wir sagen, dass die europäischen Armeen auf diesen Krieg nicht vorbereitet sind, wir aber schon, dann irren wir uns. Denn um auf einen langjährigen großen Krieg vorbereitet zu sein – und die Kriege des 21. Jahrhunderts werden langwierig sein und Jahre und Jahrzehnte dauern –, braucht es Verhaltensstandards, die Bürger nicht zu Feinden ihrer eigenen Armee machen, zu Menschen, die auf den Besatzer als letzte Chance warten, sich der Beteiligung an der Verteidigung ihres eigenen Landes zu entziehen, wenn diese Verteidigung unter Anwendung verbrecherischer Methoden erfolgt.

Und ja, in den NATO-Mitgliedstaaten gibt es eine vollwertige und wirksame Militärjustiz, die den Bürgern auch zeigt, dass Verbrechen in den Streitkräften und anderen bewaffneten Formationen nicht der Aufmerksamkeit derjenigen entgehen können, die dafür verantwortlich sind, und deshalb nicht ungestraft bleiben können.

Das sind die beiden wichtigsten Komponenten, die wir für die kommenden Jahre des großen russisch-ukrainischen Krieges brauchen: Mobilmachung und Militärjustiz. Hier stimme ich meinem Kollegen Jurij Butussow zu, der als einer der Ersten auf dieses, ich würde sagen, institutionelle Problem aufmerksam gemacht hat. Und das dritte, ziemlich wichtige und schwerwiegende Problem ist ein ehrliches Gespräch mit der Gesellschaft darüber, dass es keine Aussicht auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges in absehbarer Zukunft gibt.

Wenn Menschen bestimmte Entscheidungen in der Hoffnung treffen, dass der Krieg in drei, fünf oder zehn Monaten endet, dass sie das Ende dieses Krieges an einem sicheren Ort abwarten und danach alles so weitergeht wie zuvor, müssen wir diese Menschen fragen, ob sie bereit sind, fünf Jahre zu warten, vielleicht auch länger. Wir müssen unsere Landsleute fragen, ob sie sich darüber im Klaren sind, dass sich die Verfahren des vorübergehenden Schutzes für ukrainische Staatsbürger, insbesondere für Männer im wehrpflichtigen Alter, im Laufe der Zeit sowohl in europäischen Ländern als auch in anderen Ländern der Welt verändern werden, während diese Länder selbst zunehmend in den Sog wachsender Gefahren geraten. Auch wenn die Menschen sich dessen nicht bewusst sind.

Wenn der Staat aber weiterhin mit seinen Bürgern in einem beruhigenden Ton spricht, als wären sie kleine Kinder, dann verhalten sich die Menschen auch wie kleine Kinder: infantil und unfähig, nach oben zu schauen, wo wir bereits die Raketen und Drohnen des Feindes sehen. Kinder können ihre eigene Sicherheit nicht gewährleisten. Kinder brauchen Erwachsene. Aber wo sind die Erwachsenen? In einem infantilen Staat gibt es keine Erwachsenen. 

Seien wir also realistisch. Es geht nicht um einen weiteren vereinzelten Skandal, der auch Teil feindlicher Provokationen und des damit verbundenen Informationsdrecks sein kann. Das Problem liegt im Fehlen einer professionellen Führung und im Fehlen klarer institutioneller Zuständigkeiten. Ohne die Lösung dieser Probleme, ohne eine angemessene Kommunikation, ohne eine professionelle Mobilmachung, ohne Militärjustiz werden wir den Krieg gegen Russland verlieren, selbst wenn unsere Armee die Front hält. Wir werden zur Niederlage verurteilt sein.

Und übrigens muss man daran denken, dass der Präsident Russlands ein professioneller Geheimdienstmann ist, der die Analysen seiner Geheimdienste und der Nachrichtendienstgemeinschaft aufmerksam liest und diesen Faktor bei seinem Wunsch berücksichtigt, den Krieg so lange fortzusetzen, wie es für die Auslöschung der ukrainischen Staatlichkeit notwendig ist. Dieser Krieg begann gerade deshalb, weil der russische Präsident an die Unprofessionalität der Ukrainer glaubte und unter diesem Gesichtspunkt die Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2019 bewertete. Er glaubte, dass ein Staat, der die Führung seiner Zukunft unprofessionellen Menschen anvertraut hatte, unter den Schlägen der russischen Armee verschwinden würde.

Präsident Putin hat sich verrechnet. Er unterschätzte den Mut des ukrainischen Volkes und die Bereitschaft der Ukrainer, ihr Land selbst unter extremen Risiken für ihre eigene Zukunft und die Zukunft ihrer Familien zu verteidigen. Aber gerade damals sagte der Präsident der Russischen Föderation Worte, die für uns alle sehr wichtig sind: „Wir haben noch gar nichts angefangen.“

Damals reagierten viele Menschen in der Ukraine auf diese Worte Putins ironisch. Das hätten sie nicht tun sollen. Die Geheimdienste, aus denen der Präsident der Russischen Föderation und die meisten Vertreter der politischen Führung Russlands stammen, verstehen es, langfristig zu spielen, und vor allem tun sie das gern. Von dem Moment an, als die russischen Geheimdienste von einem auf wenige Wochen angelegten Blitzkrieg zu einem Krieg über viele Jahre übergingen, begannen all diese für uns wichtigen Probleme zu entstehen, über die wir heute sprechen.

Denn wenn der Krieg tatsächlich nur zwei oder drei Wochen gedauert hätte, wie uns die widerwärtigen Propagandisten in den ersten Kriegswochen erzählten, um die ukrainische Gesellschaft zu beruhigen, wären all diese Probleme natürlich nicht entstanden. Unsere Armee und die Freiwilligen, die in den ersten Kriegswochen in den vordersten Reihen kämpften, hätten die ukrainische Staatlichkeit verteidigt, zumindest hätten sie dem Feind nicht erlaubt, den größten Teil des ukrainischen Staatsgebiets einzunehmen. Danach hätte es einen Waffenstillstand gegeben, die Suche nach Wegen zu seiner Aufrechterhaltung und jahrelange Friedensverhandlungen. Aber das gehörte nicht zu den Absichten des russischen Präsidenten. Er hat andere Absichten, die er weiterhin mit offensichtlicher Beharrlichkeit in die Tat umsetzt.

Und hier reichen Beschwichtigungen nicht mehr aus, Freunde. Nein. Nur Professionalität. Nur ein ehrliches Gespräch. Nur das Verständnis jedes einzelnen Bürgers für seine Pflicht in den kommenden schweren Jahren dieses großen Krieges kann uns erlauben, darauf zu hoffen, dass der ukrainische Staat auf der politischen Weltkarte erhalten bleibt und dem ukrainischen Volk nicht das Schicksal der Opfer des Holodomor oder der Morde von Butscha bevorsteht.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Скандал у Петропавлівській Борщагівці: наслідки | Віталій Портников. 02.11.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.11.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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