Hektors Festung. Vitaly Portnikov. 02.08.2026.

Фортеця Гектора. Виталий Портников. 02.08.2026.

Um das Recht jedes Einzelnen anzuerkennen, Homer so wahrzunehmen und zu interpretieren, wie es ihm richtig erscheint, müssen wir zunächst klären, was diese Epen eigentlich sind. Literarische Werke? Eine künstlerische Deutung der alten Geschichte? Ein Märchen, also ein Mythos?

Vor allem aber sind sie der Kanon der Vergangenheit. In der antiken Welt gab es Tempel, Götter und Opfer, aber niemals ein heiliges Buch – wie die Tora, das Evangelium oder den Koran. Tausende Schriftsteller Griechenlands und Roms webten über Jahrhunderte hinweg wie unermüdliche Weber das Gewebe ihrer großen Religion, und Homer war der Erste unter ihnen – heute würde man sagen: der Erste der Evangelisten. Alles, was wir über die antiken Götter und die antiken „Heiligen“, also die Helden, wissen, wissen wir gerade aus der Literatur. Und diese Literatur gilt nur deshalb als Literatur, weil sie – anders als die Tora oder das Evangelium – nicht kanonisiert wurde. So schenkten uns die Griechen die Kunst der Interpretation und der unermüdlichen schöpferischen Suche, vermochten es jedoch nicht, ihren Kanon zu etablieren.

Der moderne Kanon – die Regeln der Welt, nach denen wir leben – entstand genau in dem Augenblick, als ein bescheidener Zimmermann aus Nazareth auf einem weißen Esel durch das Goldene Tor einer gewöhnlichen Provinzstadt der antiken Welt, Jerusalem, ritt. In diesem Moment wurde Jerusalem zur geistigen Weltmetropole der monotheistischen Religionen, und zum Kanon wurden nicht nur die Taten Jesu, sondern auch sein eigener Glaube – ebenso wie die Taten jener, die in seinem Namen predigen würden.

Wenn ich Homer lese, frage ich mich oft, wie eine Welt aussehen würde, deren grundlegende Werte von den alten Achäern und nicht von den alten Juden geprägt worden wären. Und ich begreife, dass dies eine Welt wäre, in der der Mensch nicht nur der Hoffnung auf Erlösung, sondern auch des freien Willens beraubt wäre.

Denn im antiken Kanon besitzen nur die Götter einen solchen freien Willen. Alle anderen – Helden, Antihelden und selbst die gewöhnlichen Nebenfiguren der antiken Mythologie – leben nach dem Willen der Götter, und ihr Schicksal wird nicht durch ihre eigene Entscheidung bestimmt, sondern durch die Streitigkeiten der Bewohner des Olymps. Selbst das wichtigste Symbol des Widerstands gegen den Willen des Zeus – Prometheus, der den Menschen das heilige Feuer stiehlt (nicht die Flamme, wie viele bis heute glauben, sondern das Leben selbst) – gehört ebenfalls zur Welt der Unsterblichen.

Deshalb ist mein Lieblingsheld des homerischen Epos keineswegs Odysseus, der trotz all seines Verstandes lediglich ein Werkzeug in den Händen der Athene ist, sondern Hektor, der in seinem unbändigen Wunsch, seine Heimat zu verteidigen, gegen den göttlichen Willen selbst handelt. Hektor ist der erste Mensch auf den Seiten der Weltliteratur, der die Fähigkeit besitzt zu kämpfen und die Götter außer Acht zu lassen, wenn es um die Heimat geht. Hektor ist der erste Mensch auf den Seiten der Weltliteratur, der mit einem Gewissen ausgestattet ist, das seine Zeitgenossen, die von der Unabwendbarkeit der Entscheidungen des Zeus überzeugt sind, noch gar nicht besitzen. Hektor ist der erste Mensch auf den Seiten der Weltliteratur, der fähig ist, für die Zukunft zu kämpfen, selbst wenn er weiß, dass es keine Zukunft geben wird. Hektor ist Homers Eintrittskarte in unsere Zeit, denn der blinde Sänger erschuf, ja stellte sich diesen Helden vor. Es ist, als würde heute ein Junge, der ein Computerspiel spielt, plötzlich erkennen, dass eine der Figuren ihr eigenes Leben führt, sich seinen Befehlen und der gesamten Logik dessen widersetzt, was auf dem Bildschirm geschieht.

Während wir über die Abenteuer des Odysseus nachdenken, über dieses ewige Spiel der Athene und des Poseidon, dürfen wir nicht vergessen, dass der heutige Ukrainer in seinem unbezwingbaren Wunsch zu überleben, zu schützen und trotz aller Umstände und trotz aller Präsidenten zu siegen, im antiken Kanon ein großes Vorbild hat – Hektor, der bis zum Ende für seine Heimat kämpfte und zugleich alle Schwächen und Probleme Trojas sehr wohl verstand.

Gerade deshalb ließ der Autor der Ilias weder ihren größten Verteidiger noch uns den Untergang der großen Stadt erleben – denn die Ilias endet mit einem Waffenstillstand und nicht mit der Eroberung. Auch das ist eine große Lehre für jeden, der heute in der Ukraine lebt: Wenn wir Hektors Andenken treu bleiben und uns selbst bewahren wollen, dürfen wir uns nach der Herstellung des Friedens nicht von den Gaben und Versprechungen jener verführen lassen, die uns vernichten wollten.

Unser Land ist heute eine Festung und die letzte Ruhestätte Hektors.

Hektors – nicht die des Odysseus.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Фортеця Гектора. Виталий Портников. 02.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Kommentar verfassen