Brigadekommandeur zur Fahndung ausgeschrieben: Die Folgen | Vitaly Portnikov. 11.07.2026.

Das Kommando Nord hat den Kommandeur der 155. mechanisierten Brigade, Stanislav Lutschanow, zur Fahndung ausgeschrieben, weil er seine Militäreinheit unerlaubt verlassen hat.

Zuvor war berichtet worden, dass neun Soldaten der 155. Brigade, darunter auch ein Bataillonskommandeur, wegen ihrer mutmaßlichen Beteiligung an der Verschleppung zweier Brüder in der Region Kyiv festgenommen wurden. Ihr Aufenthaltsort ist bis heute unbekannt.

Das ist natürlich ein äußerst ernstes und alarmierendes Signal, das künftig berücksichtigt werden muss, wenn wir nicht wollen, dass sich die Streitkräfte der Ukraine in ein Instrument zur Bildung privater Armeen und zur Lösung von Problemen verwandeln, die sowohl Vertretern der militärischen Führung als auch jenen in Politik oder Wirtschaft wichtig erscheinen, die mit diesen Militärvertretern entsprechende Verbindungen unterhalten.

Wie wir aus der Geschichte der Kriege wissen, ist an solchen Ereignissen nichts Neues. Denn immer dann, wenn die Armee nicht nur im Leben der Gesellschaft, sondern für das Überleben des Staates selbst eine führende Rolle zu spielen beginnt,  finden sich immer Menschen, die versuchen, diese Macht für ihre eigenen Interessen zu nutzen – sowohl innerhalb der Streitkräfte als auch unter denen, die enge Beziehungen zu Vertretern der Streitkräfte aufbauen können.

Dabei ist nicht einmal das Wichtigste, in welchem Ausmaß die Streitkräfte der Ukraine staatliche Strukturen ersetzen könnten – etwa bei der Wiederherstellung der Gerechtigkeit oder bei der Lösung politischer oder wirtschaftlicher Konflikte. Entscheidend ist vielmehr, dass der Staat sein Gewaltmonopol verlieren kann und sich dadurch von einem Mechanismus, der allen Bürgern gleiche Rechte garantiert, in einen Mechanismus der Anarchie und der Willkür verwandelt. Und wenn es uns nicht gelingt, dieses Problem zu lösen, dann können wir schon jetzt sagen, dass mit dem Ende der Kampfhandlungen auf ukrainischem Territorium unsere eigentlichen Probleme erst beginnen werden.

Natürlich glaube ich nicht, dass ich hier etwas Außergewöhnliches sage. Denn in einem korrupten Staat ist es eine völlig natürliche Entwicklung, jede Machtinstitution für eigene Zwecke zu nutzen. Gerade deshalb schaffen der Kampf gegen die Korruption und zugleich die Bereitschaft der Gesellschaft, nahezu jedes Mittel dieses Kampfes als legitim zu akzeptieren, die Voraussetzungen dafür, dass sich die Sicherheitsorgane ihrerseits in ein Reservoir organisierter und unorganisierter Kriminalität verwandeln. Leider können auch die Streitkräfte davon keineswegs ausgenommen sein.

In dieser Situation ist es natürlich wichtig, dass auch der Staat sein Gewaltmonopol innerhalb des rechtlichen Rahmens ausübt. Wenn wir beobachten, wie der Mobilisierungsprozess abläuft oder wie aus politischen Motiven Sanktionen gegen ukrainische Bürger verhängt werden, deren politische Ansichten den Wahlinteressen der Machthaber nicht entsprechen, dann verstehen wir, dass die staatlichen Befugnisse zur Ausübung von Gewalt bereits missbraucht werden – unter Ausnutzung der Kriegszeit.

Was aber der Staat tun kann, kann natürlich auch jede andere Institution tun. Wie wir sehen, kann dies auch ein einzelner Brigade- oder Bataillonskommandeur tun, weil er von seiner eigenen Rechtschaffenheit überzeugt ist – wenn schon nicht im rechtlichen Sinne, dann zumindest von seiner eigenen Straflosigkeit. Und auch das ist erst der Beginn zerstörerischer Prozesse.

Stellen wir uns vor, es gelingt uns nicht, die Situation im Rahmen der Rechtsstaatlichkeit zu halten. Und der Krieg endet. Mit seinem Ende kehren Hunderttausende Menschen nach Hause zurück, denen die Anpassung an die neuen Bedingungen schwerfallen wird, die durch den Krieg und durch Ungerechtigkeit traumatisiert sind und nach Möglichkeiten suchen werden, die Fähigkeiten einzusetzen, die sie während ihres Militärdienstes erworben haben. Und es wird immer Menschen geben, die bereit sind, diese Fähigkeiten auszunutzen – unter den Bedingungen eines schwachen Staates, der bei der überwiegenden Mehrheit seiner Bürger kein Ansehen genießt.

Deshalb ist die Bewahrung des Respekts vor dem Staat, ja die Wiederherstellung dieses Respekts, unsere wichtigste Aufgabe, wenn wir nicht wollen, dass sich die Ukraine nach dem Krieg in ein Gebiet des Banditentums und des Terrors verwandelt. Dazu ist es notwendig, dass die Staatsmacht ihre eigenen Befugnisse nicht missbraucht und sich des ganzen Ausmaßes der Herausforderungen bewusst ist, denen sich die Ukraine nach dem Krieg stellen muss. Wir müssen verstehen, dass der Krieg wie ein Beruhigungsmittel wirkt, dessen Wirkung genau in dem Moment endet, in dem die Kampfhandlungen selbst enden.

Der Krieg dauert noch an, und selbst am Horizont sind keine Perspektiven für sein Ende zu erkennen. Und dennoch sprechen wir bereits über die Fahndung nach einem Brigadekommandeur, über die Festnahme von Soldaten, denen die Beteiligung an einer Straftat vorgeworfen wird – im Wesentlichen der Versuch einer Personengruppe, sich das staatliche Gewaltmonopol anzueignen, was wiederum zur Entstehung einer organisierten kriminellen Gruppe innerhalb der Streitkräfte der Ukraine führt. Jener Streitkräfte, auf die wir so stolz sind – als Institution, die die Ukraine vor dem Feind schützt, als Institution, die unsere Zukunft bewahrt, als Institution, die gerade in den schwierigen Zeiten des Krieges ein Vorbild an Moral und Tugend sein sollte.

Und es ist für uns von größter Bedeutung, diese Haltung gegenüber der Armee zu bewahren. Dafür brauchen wir ein ehrliches Gespräch darüber, was innerhalb der Streitkräfte geschieht. Wir dürfen keine Angst haben, über solche Fälle zu sprechen. Und wir brauchen selbstverständlich eine professionelle zivile Kontrolle über die Armee, die sich nur durch eine professionelle Staatsführung wiederherstellen lässt – genau das, worüber wir seit den langen Jahren der Degeneration des gesamten Systems staatlicher Verwaltung immer wieder sprechen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Комбриг у розшуку: наслідки | Віталій
Портников. 11.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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