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Man kann nicht vergeben, wenn auf dich geschossen wurde. Oder wenn dein Haus bombardiert wurde. Oder wenn du tote Menschen siehst, die noch vor einer Stunde mit dir über etwas gestritten und versucht haben zu lächeln, um dir Mut zu machen.
Jetzt liegen sie auf dem Asphalt, und du stehst schweigend über ihnen. Das lässt sich nicht aus dem Gedächtnis löschen.
Den Schmerz auslöschen und weiterleben. Wie alten Plunder aus dem Schrank. Wie einen Gegenstand, den niemand mehr braucht.
Wir hatten Glück. Wir konnten wegfahren. Ein Bekannter fragte mich: Wie hättest du gelebt, wenn du in Mariupol geblieben wärst? Ich hätte nicht gelebt.
Ich hätte nicht mit denen sprechen können, die getötet haben, und ihnen dabei zulächeln. Von ihnen Geld annehmen und mich bei ihnen einschmeicheln. Angst vor ihnen haben und auf dem Balkon eine fremde Flagge aufhängen, um ihnen zu gefallen.
Wir verließen Mariupol in zwei beschädigten Autos. Wir waren 16 Menschen und ein Hund. Wir alle wollten leben. Dieser Wunsch kam ganz plötzlich. Erst im Auto. Davor starben wir langsam im Keller. Wir erloschen wie die Dochte unserer Kerzen.
Der Sterbeprozess begann ganz plötzlich. Gestern noch glaubten wir, der Krieg werde bald enden, und ich überlegte angestrengt, wie lange es dauern würde, bis die Stadt wiederhergestellt wäre. Mariupol war zerstört und voller Trümmer. Wir sahen genauso aus wie die Stadt – schmutzig und verwahrlost.
Eine Zeit lang träumte ich davon, dass sofort wieder Wasser fließen würde. Dass es eine heiße Dusche und ein sauberes Bett geben würde. Ich wartete darauf, dass die Apotheken und Tierhandlungen wieder öffnen würden, damit ich Futter für die Tiere und Herztabletten kaufen könnte.
Doch dann kam das Sterben. Als Erstes starb die schwache Hoffnung. Wir glaubten nicht mehr daran, dass der Krieg enden oder die Stadt befreit werden würde. Wir spürten, dass wir niemals entkommen würden.
Und jedes Mal, wenn wir nach draußen gingen, bestätigte sich dieses Gefühl. Man geht zehn Meter, fünfzehn, zwanzig Meter von dem Ort weg, an dem man sich versteckt hat, und begreift, dass jeder Schritt ein Weg ins Nichts ist. Je weiter man geht, desto geringer sind die Chancen, zurückzukehren.
Manchmal musste man gar nirgendwo hingehen. Eine Granate schlug direkt ins Haus ein. Der Tod wurde frei Haus geliefert.
Im Krieg verändert sich alles augenblicklich. Zuerst glich die Stadt einem Zigeunerlager. Die Menschen bewegten sich in kleinen Gruppen. Gemeinsam wachten sie am Feuer, aßen in den Höfen, versteckten sich vor dem Beschuss in den Hauseingängen. Und dann – verschwanden sie.
Zwischen einem belebten Hof und seinem Tod lagen manchmal nur wenige Minuten. Eben noch waren Menschen in diesem Haus gewesen. Sie liefen zum Hauseingang, eilten hin und her, machten Feuer, versuchten nach einem nahen Einschlag die Fenster mit Sperrholz zu vernageln – und plötzlich war da Leere. Schrecklich und hoffnungslos. Manchmal schaffte man es nicht einmal mehr, ein Gespräch zu Ende zu führen.
Du gehst durch die Höfe und verstehst, dass hier niemand mehr ist. Und dass hier wahrscheinlich niemals wieder jemand sein wird. Wir verließen Mariupol über leere, zerstörte Straßen. Es war Morgen. Mittwoch, der 16. März.
Vor dem Krieg herrschte um diese Zeit Stau auf den Straßen. Menschen überquerten die Fahrbahn, Autos hupten, der Oberleitungsbus hielt weit hinter der Haltestelle an, weil er völlig überfüllt war. Wir liefen ihm nach und quetschten uns noch hinein. Mütter brachten ihre Kinder in den Kindergarten, Kinder liefen zur Schule, jemand ging mit seinem Hund spazieren.
Das war erst drei Wochen vor der Invasion gewesen. Meine Stadt lebte. Drei Wochen später fuhren wir halb lebendig aus einer toten Stadt fort. Wir verabschiedeten uns nicht von ihr. Dafür hatten wir keine Kraft mehr.
Es ist sehr merkwürdig, dass heute jemand von Vergebung spricht. Vergeben kann man vielleicht Menschen – und auch das nur, wenn sie Reue gezeigt haben. Bösartigen, stumpfen, bestialischen Wesen brauchen Vergebung überhaupt nicht. Sie denken in ganz anderen Kategorien.
Als wir naiv hofften, wenn wir den Russen erklärten, wie sehr wir litten und wie große Angst wir hatten, würden sie Gewissensbisse bekommen und aufhören zu töten, verschwendeten wir unsere Zeit.
Es wird keine Vergebung geben. Weder von mir noch von denen, die nach mir kommen. Die Ungeheuer, die das Leben anderer Menschen zerstören und vernichten, verdienen nur dieselbe Zerstörung und Vernichtung.
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Dies sind Erinnerungen an Mariupol im Jahr 2022. Tatsächlich aber sind es Erinnerungen an all unsere Städte, die von den Wesen aus der Russischen Föderation ungestraft zerstört wurden.
Die russischen Ungeheuer töten und zerstören weiter. Sie greifen friedliche Menschen und Kinder an. Um uns verteidigen zu können, brauchen wir Raketen – doch davon haben wir derzeit viel zu wenige. Und die russischen Ungeheuer wissen das. Sie töten unbewaffnete Menschen, ohne innezuhalten. Jeden Tag gibt es neue Opfer.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Autor: Nadia Sukhorukova
Veröffentlichung: 06.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.