Wird die Ukraine zum „Feind Nr. 1“? „Wisti z Ukrajiny“. Vitaly Portnikov. 12/1991.

Am Vorabend des Referendums überraschte die Reaktion des offiziellen Moskaus auf die Entscheidung der Vereinigten Staaten, die Unabhängigkeit der Ukraine anzuerkennen, falls die Abstimmung erfolgreich verlaufen sollte. 

Es schien doch, als habe erst vor wenigen Monaten der Unionskongress der Volksdeputierten alle Staaten der Welt und die internationale Gemeinschaft dazu aufgerufen, sämtliche Unionsrepubliken anzuerkennen und sie als unabhängige Staaten in die UNO aufzunehmen … Und nun ruft der Wunsch eines einzelnen Staates, gewissermaßen mit Taten auf den Appell des Abgeordnetenkongresses zu antworten, sofort jene schon aus den Zeiten Kossygins vertrauten Redewendungen über eine „Einmischung in die inneren Angelegenheiten der UdSSR“ hervor. 

TASS verbreitet den Protest irgendeines „Kongresses der amerikanischen Russen“, der aus irgendeinem Grund nicht nur sie, sondern auch die Ukrainer und Belarussen der USA vertreten soll – als hätten diese keine eigenen Organisationen. Selbst vor dem Hintergrund der „Anti-Referendums-Kampagne“ des Zentralfernsehens und des Rundfunks in den vergangenen Monaten wirkt eine derart absurde Reaktion auf einen völlig vorhersehbaren Verlauf der Ereignisse zumindest befremdlich.

Die eigentliche Propagandakampagne (und vielleicht nicht nur eine Propagandakampagne – man kann auch einen Wirtschaftskrieg und politische Demarchen erwarten) beginnt gerade jetzt, nachdem die Ukraine ein unabhängiger Staat geworden ist, nachdem ihre internationale Anerkennung begonnen hat, nachdem die Grenze zur ehemaligen Union in Kraft treten und eigene Währung sowie Pässe eingeführt werden. Dabei liegt das Problem heute nicht einmal in den historischen Wurzeln der Frage und auch nicht in den Besonderheiten der russischen Mentalität, die sich längst daran gewöhnt hat, die „kleinrussischen“ Gebiete als ihre eigenen zu betrachten und die Ukrainer sogar im fernen Amerika zu vertreten.

Die russische Führung beginnt heute den schwierigsten Abschnitt ihrer Tätigkeit – Wirtschaftsreformen, schmerzhafte Reformen mit unvorhersehbarem Ergebnis und einer ebenso unvorhersehbaren Reaktion einer Bevölkerung, die stets unzufrieden ist. Wie kann man sich „im Sattel halten“, wenn diese Reformen ins Stocken geraten?

Während der gesamten Zeit von Jelzins Herrschaft über Russland hatte er einen mächtigen Gegner – den Parteiapparat, der tatsächlich jede Reforminitiative des Reformers behinderte. Jelzin entwickelte sich zu einem echten „Tyrannenbekämpfer“ – von seiner berühmten Rede auf dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU bis hin zum Augustputsch.

Doch nach der Niederlage der konservativen Kräfte verschwand dieser Gegner plötzlich. Die Machtübernahme gefiel Boris Nikolajewitschs Team so sehr, dass es nicht einmal daran ging, die hemmenden Strukturen zu beseitigen. Man beschränkte sich darauf, die Partei zu verbieten und in Armee, Rüstungsindustrie und Staatssicherheit Personen in Führungspositionen zu berufen, die beiden Präsidenten loyal waren.

Wieder also: „Die Kader entscheiden alles“?

Doch nun ist es schwer, sich noch auf einen Feind zu berufen – und das ist für Menschen, die jahrelang unter dem unsterblichen Ruf „Schande über die KPdSU!“ das Volk auf Demonstrationen geführt haben, beinahe unerträglich. Deshalb begann unmittelbar nach dem Sieg die Suche nach Kandidaten für den hohen Posten des neuen Feindes der russischen Administration.

Die negative Reaktion auf den Akt der Unabhängigkeit der Ukraine seitens breiter Kreise der russischen Öffentlichkeit, zu denen sich faktisch auch der Kongress der Volksdeputierten der RSFSR mit seinem panslawistischen (genauer gesagt: prorussischen) Appell an die Völker Russlands, der Ukraine und Belarus gesellte, ebenso wie das Treffen des russischen Präsidenten mit den Präsidenten der zentralasiatischen Republiken, die sich ebenfalls mit Aufrufen zur Einheit an uns wandten, hätten eigentlich deutlich machen müssen, dass der Feind bereits gefunden war.

Doch wir begriffen das damals noch nicht und führten alles auf jene Besonderheiten der russischen Mentalität zurück. Je weiter jedoch die Entwicklung voranschreitet, desto stärker verlagert sich die Angelegenheit auf die wirtschaftliche Ebene. Es geht längst nicht mehr um Mentalität. Die Ukraine wird vielmehr zu jenem Fallschirm, den man im Falle eines Scheiterns der Reformen dringend benötigt.

Dann muss man schließlich sagen können: Es hat nicht geklappt (oder: Es ist nicht so gelungen, wie wir wollten), weil uns die Haltung von … nun, von wem eigentlich?

Die KPdSU gibt es nicht mehr.

Der militärisch-industrielle Komplex wird unter unserer weisen Führung konvertiert.

Die Staatssicherheit steht unter unserer Kontrolle.

Das Baltikum – es ist zu klein.

Kasachstan – ist für die Union …

Uns hat, so werde ich euch sagen, die Haltung der Ukraine behindert …

Auf der letzten Sitzung des Staatsrates, auf der hinter verschlossenen Türen ein Paket wirtschaftlicher Maßnahmen beraten wurde, soll der Präsident der RSFSR bereits etwas Ähnliches gesagt und sogar Sanktionen gegen die Abtrünnigen gefordert haben – zumindest berichten dies gut informierte Quellen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass der gesunde Menschenverstand noch eine Chance hat zu siegen.

Schlechte Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine würden eine „Jugoslawisierung“ der Ereignisse im gesamten postsowjetischen Raum bedeuten. Gerade diese beiden Staaten sind schlicht dazu bestimmt, in Frieden und Eintracht miteinander zu leben. Jede andere Entwicklung wäre tödlich – für ihre Wirtschaft ebenso wie für das Klima der zwischenethnischen Beziehungen in den Republiken, in denen Millionen Russen und Ukrainer als Minderheiten leben.

Natürlich eignet sich die Ukraine aus rein pragmatischer Sicht wie kein anderes Land für die Rolle des „Feindes Nr. 1“ der russischen Administration, auf den sich sämtliche eigenen Fehler und Schwierigkeiten abwälzen lassen.

Doch das ist eine kurzsichtige Politik. Ihr kurzfristiger Erfolg würde zerstören, was über Jahrhunderte hinweg aufgebaut wurde.

Für Russland wäre dies umso gefährlicher, weil die einzigartige Brücke zwischen Russland und Europa blockiert würde. Verbunden mit seinen asiatischen Nachbarn in einem nur scheinbaren Bund souveräner Staaten würde die Russische Föderation endgültig auf einen anderen Kontinent abgedrängt.

Für die Ukraine wäre eine solche Trennung nicht weniger schmerzhaft, denn Jahrhunderte ihrer Entwicklung sind mit dem Kosmos der russischen Kultur verbunden – ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen und politischen Kontakten.

Und schließlich: In den Herzen unserer Menschen hat es niemals Winter gegeben. Deshalb wäre eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen ihnen etwas Künstliches.

P. S. Dieser Beitrag erreichte uns aus Moskau am Vorabend des Treffens in Brest.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чи стане Україна «Ворогом Nº 1»? «Вісті з України». Віталій Портников. 12.1991.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.1991.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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