Die Vorstellungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin von der Realität entfernen sich immer weiter von eben dieser Realität. Allerdings muss man der Wahrheit die Ehre geben: Putin ist sich all jener Probleme bewusst, mit denen sein Regime infolge der systematischen ukrainischen Angriffe auf Objekte des militärisch-industriellen Komplexes und der Erdölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation konfrontiert ist.
Putin hielt zunächst eine ausführliche Rede auf dem Parteitag der Partei Einiges Russland und gab anschließend einem der Kreml-Propagandisten ein großes Interview. Offensichtlich, um die Russen davon zu überzeugen, dass seine sogenannte Spezialoperation gegen die Ukraine nach Putins Plan voranschreitet.
Doch mit jedem neuen Jahr, mit jedem neuen Monat dieser sogenannten Spezialoperation fällt es Putin immer schwerer, davon nicht nur die Bürger Russlands, sondern auch sich selbst zu überzeugen. Putin muss eingestehen, dass es in Russland ernsthafte und offensichtliche Probleme mit Treibstoff und anderen Erdölprodukten gibt. Interessant ist jedoch sein Ansatz, wie er diese Probleme lösen will.
Putins wichtigste Zusage besteht darin, die Produktion von Luftverteidigungssystemen zu erhöhen, um auf diese Weise die Erdölraffinerien der Russischen Föderation vor Angriffen ukrainischer Drohnen und Raketen zu schützen. Und das, obwohl auf dem Territorium Russlands inzwischen nur noch eine einzige Erdölraffinerie ohne größere Probleme die Bevölkerung und selbstverständlich auch die Armee versorgen kann – und selbst diese befindet sich in Omsk. Die Raffinerien des benachbarten Belarus wiederum sind nun dem Risiko ukrainischer Angriffe ausgesetzt, falls der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko die Lieferungen von Erdölprodukten für die Streitkräfte der Russischen Föderation nicht einstellt.
Übrigens ist über die Ergebnisse von Lukaschenkos Besuch in Russland, seiner Gespräche mit Putin auf Waldai und die Schlussfolgerungen aus diesen Unterredungen zwischen dem russischen und dem belarussischen Staatschef bis heute nichts bekannt. Putin erklärte lediglich, Lukaschenko begegne den Drohungen des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky ohne Panik. Was das jedoch praktisch bedeutet, wurde aus seinen Kommentaren zu den Gesprächen mit dem belarussischen Machthaber nicht klar.
Putin versuchte außerdem zu demonstrieren, dass er die Lage an der Front vollständig unter Kontrolle habe. Er zählte detailliert jeden einzelnen Schritt der russischen Besatzungstruppen auf ukrainischem Boden auf und versicherte den Journalisten zugleich, bis zur Einnahme weiterer Ortschaften in der Ukraine fehlten nur noch wenige Kilometer.
Nur auf die Frage, warum er solche Lageberichte nun schon seit mehreren Jahren vorträgt und seine Armee dennoch nicht einmal jenes Ergebnis erreichen konnte, das für den russischen Präsidenten bereits im Februar 2022 wichtig war, als er den Befehl zur vollständigen Eroberung der Gebiete Donezk und Luhansk gab, kann Putin keine Antwort geben.
Aus Putins Rede lässt sich jedoch schließen, dass die Idee einer vollständigen Kontrolle der Russischen Föderation über die Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja zumindest in dieser Phase sein wichtigstes Ziel bleibt. Und ohne den Versuch, die Kontrolle über diese ukrainischen Regionen zu erlangen, denkt er nicht einmal an Verhandlungen über die Beendigung des Krieges.
Das ist schon deshalb unlogisch, weil Putin gleichzeitig über die Probleme sprechen muss, die auf der Krim infolge der Treibstoffkrise entstanden sind, und auf die Frage eine Antwort zu finden versucht: „Welchen Sinn hat die Kontrolle über Territorien, wenn man deren normales Funktionieren nicht gewährleisten kann?“
Übrigens klingt dies auch vor dem Hintergrund aktuell, dass infolge ukrainischer Angriffe auf praktisch dem gesamten von Russland besetzten ukrainischen Gebiet der Strom ausgefallen ist, was selbstverständlich in erster Linie ernsthafte Probleme für die russische Armee schafft, die diese Gebiete als Brückenkopf für weitere Offensiven nutzt.
Putin spricht lediglich davon, dass es keinen Mangel gebe, dass Treibstoff auf der Krim wieder verfügbar sein werde und alle Probleme gelöst würden. Das erinnert eher an die Berichte auf Parteitagen, mit denen die Sowjetbürger regelmäßig davon überzeugt werden sollten, dass es in ihren Geschäften in Wirklichkeit Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs gebe.
Und ich glaube, noch ein paar solcher Interviews – und selbst jene, die glühende Anhänger des russischen Chauvinismus und Imperialismus sind, werden Putin keinen Glauben mehr schenken. Davon kann bereits der Tonfall der russischen Propagandisten in ihren abscheulichen Fernsehshows überzeugen.
Und schließlich zur Realität des Sieges. Putin musste eingestehen, dass bei dem Treffen zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Präsidenten der Russischen Föderation in Anchorage tatsächlich keinerlei konkrete Vereinbarungen erzielt wurden. Das erinnert uns erneut daran, dass alle Gespräche über den sogenannten Geist von Anchorage, die die russische Propaganda bis vor Kurzem verbreitete, nichts weiter als ein Bluff waren. Ziel war es, den Eindruck zu erwecken, Trump und Putin hätten ein gemeinsames Verständnis darüber erreicht, wie der russisch-ukrainische Krieg beendet werden solle, und zugleich die Worte des amerikanischen Präsidenten zu widerlegen, wonach in Anchorage keinerlei Vereinbarungen erzielt worden seien.
Nachdem der Außenminister der Vereinigten Staaten, Marco Rubio, eindeutig betont hatte, dass es bei dem Treffen der Präsidenten keinerlei russisch-amerikanische Vereinbarungen gegeben habe, muss auch Putin nun eingestehen, was ohnehin schon ohne seine Worte klar war, und zu der Behauptung zurückkehren, die Russen seien angeblich bereit gewesen, den Vorschlägen zuzustimmen, die die amerikanische Seite bei den Besuchen des Sondergesandten des amerikanischen Präsidenten Steve Witkoff in Moskau sowie während Putins Treffen mit Trump in Alaska unterbreitet hatte.
Doch damit entfällt im Grunde jede Möglichkeit für die russische Propaganda zu behaupten, Russen und Amerikaner stünden hinsichtlich ihres Ansatzes zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges auf derselben Seite.
Gerade deshalb muss Putin seine Landsleute nun davon überzeugen, dass der Krieg für sie keinerlei ernsthafte Bedrohung darstellt. Er fordert sie auf, nicht nach oben zu schauen, die Krise im Treibstoffsektor der Russischen Föderation nicht wahrzunehmen, den Mangel an lebenswichtigen Gütern und das rasche Abgleiten der russischen Wirtschaft in Rezession und Zusammenbruch nicht zu bemerken.
Dass Putin jedoch den Funktionären von Einiges Russland, auf deren Parteitag er sprach, oder den russischen Propagandisten, denen er Interviews gibt, beharrlich einzureden versucht, die Lage sei ausgezeichnet und problemlos, Russland schreite einfach weiter nach dem von ihm vorgegebenen Plan voran, zeugt vielmehr von der Besorgnis des russischen Präsidenten und davon, dass es ihm bislang zumindest nicht gelingt, eine logische Antwort auf die Herausforderungen zu finden, mit denen er nach vier Jahren und mehreren Monaten des großen russisch-ukrainischen Krieges konfrontiert ist.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Інтервʼю Путіна: головне | Віталій Портников. 29.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 29.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.