
Два пантеони. Віталій Портников. 31.05.2026.
Die Geschichte der Umbettung der sterblichen Überreste von Kaiser Napoleon Bonaparte in Frankreich – bekanntlich wurde der berühmte Feldherr und Politiker nach seiner Niederlage bei Waterloo von den Alliierten auf die Insel Sankt Helena verbannt, wo er bald darauf starb – gilt als eines der besten Beispiele historischer Versöhnung. Umso mehr, als die Entscheidung über diese Umbettung nicht in den Zeiten der Republik und nicht einmal während der kurzen Restauration der Dynastie Bonaparte getroffen wurde, sondern zu einer Zeit, als Frankreich vom letzten der Bourbonen, König Louis-Philippe, regiert wurde. Doch die nächste Frage lautet: Wo fand Napoleon eigentlich seine letzte Ruhestätte?
Große Franzosen werden gewöhnlich im Pantheon im Zentrum von Paris bestattet – jedem Besucher der französischen Hauptstadt ist dieses monumentale Bauwerk bekannt. Im Pantheon kann man die Gräber Voltaires, Mirabeaus, Hugos, Zolas, Dumas’ und vieler anderer besuchen. Hier befinden sich auch die Grabstätten berühmter Politiker – etwa Gambettas und Jaurès’ – sowie von Militärs. Nur eines fehlt hier: das Grab Napoleons.
Die Bestattung des Kaisers erfolgte in einem anderen Pantheon – dem Pantheon des Invalidendoms. Dort werden ausschließlich Militärangehörige beigesetzt, obwohl Bonaparte neben Mitgliedern seiner Familie ruht, darunter auch sein junger Sohn Napoleon II., der „Adlerjunge“, der selbstverständlich keine Gelegenheit mehr hatte, selbst ein Feldherr zu werden. Durch diese Bestattung neben Marschällen und Admiralen wurden jedoch gerade die militärischen Verdienste des Kaisers hervorgehoben. Zu seinem politischen Erbe und zu seinen Ansprüchen auf den Thron konnte man unterschiedlich stehen, doch es gibt auf der Welt nur sehr wenige Menschen, die das militärische Genie Napoleons I. infrage stellen würden. Und gerade in der Haltung zu Bonaparte als Feldherrn fanden die Franzosen ihre Versöhnung.
Diese französische Lehre kann helfen zu verstehen, wie wir mit dem ukrainischen Gedächtnis umgehen sollten. Jetzt, vor dem Hintergrund des Krieges, entsteht vor unseren Augen ein Pantheon von Menschen, die für die ukrainische Unabhängigkeit eintraten und bereit waren, für sie zu kämpfen – entweder mit der Waffe in der Hand oder mit der Feder. Dabei muss man verstehen, dass diese Menschen zu ihren Lebzeiten, nicht in unserer Erinnerung an sie, überwiegend die Minderheit des ukrainischen Volkes repräsentierten. Noch weniger Menschen waren bereit, sie nicht nur zu unterstützen, sondern auch aktiv für sie einzutreten. Nur in kritischen Momenten der Geschichte, in Zeiten von Kriegen und Aufständen, konnten sie auf die Unterstützung einer relativen Mehrheit zählen.
Erinnern wir uns daran, dass selbst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 das Wort ‚Nationalist‘ in weiten Teilen des Landes weiterhin als Ausdruck politischer Marginalität wahrgenommen wurde, wenn nicht sogar als Schimpfwort. Und ja, für mich ist offensichtlich, dass dies Ausdruck einer nationalen Schizophrenie war und bleibt. Wenn ein Staat existiert, dann sollten seine Helden in erster Linie jene Menschen sein, die für seine Gründung eingetreten sind, als dies bei der Mehrheit ihrer Landsleute noch nicht populär war. Ich kann mir Israel jedenfalls nicht vorstellen, in dem man die Gründer und Führer des Zionismus wie Herzl oder Jabotinsky nicht ehren würde – die übrigens ebenfalls in Jerusalem auf dem Herzlberg, dem Pendant zum Pantheon, bestattet sind –, dafür aber jene Juden, die sich um die Entwicklung der jüdischen Kultur kümmerten oder Wissenschaftler waren, sich jedoch nicht für Staatlichkeit interessierten.
Doch auch solche Menschen haben jedes Recht, in unserer dankbaren Erinnerung zu bleiben – hier haben wir also das „andere Pantheon“. Es gibt bedeutende Schriftsteller, die in fremden Imperien lebten und diesen sogar dienten – doch ohne ihr Wort wären die Ukrainer wohl kaum Ukrainer geblieben. Es gibt große Sänger, die auf Wiener oder Moskauer Bühnen auftraten und dennoch Beispiele ukrainischen nationalen Genies blieben. Es gibt Wissenschaftler, die die Wissenschaft in der Ukraine entwickelten oder zu Beispielen ukrainischer Beteiligung an der Entwicklung der Weltwissenschaft wurden – schließlich wissen die Ukrainer bis heute nicht allzu viel über ihre Diaspora. Es gibt religiöse Persönlichkeiten, die Hierarchen fremder Kirchen waren, als es noch keine ukrainische Kirche gab. Solcher Beispiele gibt es viele, und man wird mir sagen, dass sich unter diesen Persönlichkeiten Menschen mit sehr widersprüchlichem Ruf befinden – das stimmt. Ja, auch unter den Politikern und Militärs des „ersten“ Pantheons gibt es Menschen mit sehr widersprüchlichem Ruf, Menschen, die derart verhängnisvolle Fehler begingen, dass sie die Entwicklung der ukrainischen Nation buchstäblich aufhielten. Doch die Bewertung einer Persönlichkeit bemisst sich am gesamten Beitrag und an der Absicht, nicht am Fehler als solchem. Leider gibt es in der Geschichte insgesamt nur wenige eindeutig zu bewertende Persönlichkeiten. Wirklich eindeutige Persönlichkeiten begegnen uns höchstens auf Ikonen – und selbst dort nicht immer.
Und noch ein wichtiger Grundsatz: Im Pantheon unserer Erinnerung darf kein Platz für jene sein, die bewusst dafür gearbeitet haben, dass es keine Ukraine gibt – für jene, die Agenten ihrer Zerstörung waren und dafür ihre Ämter oder ihre Talente einsetzten. Sollen doch jene Staaten auf die Verräter der Ukraine und des ukrainischen Volkes stolz sein, mit deren Interessen diese Menschen ihr Schicksal verbunden haben – aber nicht wir! Das bedeutet jedoch nicht, dass wir solche Persönlichkeiten einfach aus der ukrainischen Geschichte streichen und so tun können, als hätte es sie nie gegeben. Nein, eine vollwertige Nation, eine Nation ohne Komplexe vergisst weder ihre Helden noch ihre Verräter.
Ich nenne in diesem Text bewusst keinen einzigen ukrainischen Namen – denn jeder Versuch, Beispiele anzuführen, würde die Diskussion durch Hysterie ersetzen. Und ich möchte, dass wir nicht über Gräber nachdenken, sondern über unsere Fähigkeit zu dankbarer Erinnerung – die Erinnerung an jene, die von einer unabhängigen Ukraine träumten und für sie kämpften, und die Erinnerung an jene, die ihr Leben dem ukrainischen Volk als solchem widmeten, als dies keineswegs populär war, sondern eine Frage der Entscheidung und sogar des Opfers, ein Verzicht auf die „große“ Welt der Imperien und ihre Perspektiven.
Natürlich war die Unmöglichkeit, in der eigenen Entscheidung Staat und Nation miteinander zu verbinden, eine wahrhaft ukrainische – wenn auch keineswegs ausschließlich ukrainische – Tragödie. Doch die Geschichte der Ukraine hat sich nun einmal so entwickelt, und sie lässt sich nicht nach den Bedürfnissen der Gegenwart umschreiben.
Den Bedürfnissen der Gegenwart kann man jedoch dadurch entgegenkommen, dass man versucht, diese beiden so unterschiedlichen Pantheons in einer gemeinsamen nationalen Dankbarkeit zu vereinen.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Два пантеони. Віталій Портников. 31.05.2026.
Autor / Verfasser / Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 31.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung,
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.
Sehr geehrter Herr Portnikov,
vielen Dank für Ihren nachdenklichen Beitrag „Zwei Pantheons“. Die von Ihnen gewählte Analogie zwischen der französischen Erinnerungskultur und den Herausforderungen der ukrainischen Gedächtnispolitik regt zum Nachdenken an. Besonders wertvoll erscheint Ihr Hinweis, dass eine Nation sowohl jene würdigen sollte, die für ihre staatliche Unabhängigkeit kämpften, als auch jene, die ihre Kultur, Sprache, Wissenschaft und Identität über Generationen hinweg bewahrten und entwickelten.
Ihre Beobachtung, dass historische Persönlichkeiten selten eindeutig zu beurteilen sind, entspricht einer historischen Realität, die in vielen Ländern oft verdrängt wird. Geschichte ist meist komplexer als nationale Mythen oder politische Narrative. In diesem Zusammenhang ist Ihr Plädoyer für eine differenzierte Erinnerungskultur nachvollziehbar und wichtig.
Dennoch wirft Ihr Beitrag auch Fragen auf. Die Formulierung, wonach bestimmte politische Haltungen der Vergangenheit Ausdruck einer „nationalen Schizophrenie“ gewesen seien, erscheint problematisch. Einerseits ist nachvollziehbar, dass Sie die innere Zerrissenheit einer Gesellschaft beschreiben möchten, die über lange Zeit zwischen imperialen Einflüssen und dem Wunsch nach eigener Staatlichkeit stand. Andererseits besteht die Gefahr, dass dadurch historische Erfahrungen vieler Menschen pauschal bewertet werden, deren politische Entscheidungen häufig unter den Bedingungen wechselnder Herrschaftssysteme, Repressionen und komplexer Identitäten getroffen wurden.
Ebenso verdient die Frage Aufmerksamkeit, wer letztlich darüber entscheidet, wer als „Held“, wer als „umstrittene Persönlichkeit“ und wer als „Verräter“ gilt. Historische Forschung lebt von offener Diskussion und kritischer Prüfung. Gerade in Zeiten von Krieg und existenzieller Bedrohung besteht die Herausforderung darin, notwendige nationale Selbstbehauptung nicht mit einer Verengung historischer Debatten zu verwechseln.
Besonders zustimmungswürdig erscheint Ihr Gedanke, dass eine reife Nation weder ihre Helden noch ihre Verräter vergessen sollte. Historische Erinnerung gewinnt an Stärke nicht durch Auslöschung unbequemer Kapitel, sondern durch die Fähigkeit, sich ihnen ehrlich zu stellen. Dies gilt für alle europäischen Nationen und sicherlich auch für die Ukraine.
Vielleicht liegt die eigentliche Stärke Ihres Beitrags in der Erkenntnis, dass nationale Dankbarkeit und historische Wahrhaftigkeit keine Gegensätze sein müssen. Die Erinnerung an diejenigen, die für Freiheit und Unabhängigkeit kämpften, kann mit einer kritischen Auseinandersetzung mit ihren Irrtümern und Widersprüchen verbunden werden. Erst dadurch entsteht ein Gedächtnis, das nicht nur Identität stiftet, sondern auch Orientierung für kommende Generationen bietet.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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Sehr Geehrter Gamma Hans,
Vitaly Portnikov liest hier nicht mit. Er kann auch kein deutsch. Hier bin nur ich, seine leidenschaftliche Verehrerin und Übersetzerin 😊
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Sehr geehrte Frau Limbach
Vielen Dank für Ihre freundliche Rückmeldung und die aufschlussreiche Klarstellung.
Es freut mich zu erfahren, dass Sie die Texte von Herrn Vitaly Portnikov mit so großem Engagement übersetzen und einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machen. Dafür gebührt Ihnen Anerkennung, denn solche Übersetzungsarbeit fördert den internationalen Austausch von Gedanken und Perspektiven.
Gleichzeitig bedaure ich, dass meine Anmerkungen den eigentlichen Autor wohl nicht erreichen werden. Mein Interesse galt weniger einer persönlichen Kritik als vielmehr einer sachlichen Auseinandersetzung mit einigen Aussagen und Bewertungen im Beitrag. Gerade bei Themen von historischer, politischer und menschlicher Tragweite halte ich einen offenen, respektvollen und faktenbasierten Dialog für unverzichtbar.
Auch wenn wir möglicherweise unterschiedliche Sichtweisen vertreten, bin ich überzeugt, dass eine demokratische Debattenkultur davon lebt, verschiedene Argumente sorgfältig zu prüfen, Quellen kritisch zu hinterfragen und auch unbequeme Fragen zuzulassen. Dies gilt insbesondere für den Krieg in der Ukraine und seine historischen Hintergründe, die viele Menschen emotional berühren.
Daher danke ich Ihnen für Ihre Arbeit und die Möglichkeit, auf Ihrem Blog Gedanken auszutauschen. Mein Anliegen bleibt, die Diskussion mit Respekt gegenüber allen Betroffenen zu führen und dabei der historischen Wahrheit sowie den überprüfbaren Fakten verpflichtet zu bleiben.
Mit freundlichen Grüßen
Hans Gamma
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