Für was kämpft die Ukraine. Dzmitry Halko. 12.05.2026.

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Die Geschichte über die Serie von Explosionen in Belarus und die Hinrichtung von Konovalov und Kovalyov war das Vorspiel zu der Frage – wofür kämpft die Ukraine?

Denn die Ukraine kämpft in erster Linie nicht für die Flagge oder die Sprache. Nicht für das Erbe der Kyiver Rus, die Trypillja-Kultur oder Polubotkos Gold.

Flagge und Sprache sind wichtig, weil hinter ihnen eine andere Lebensweise steht.

Im Frühjahr 2022 fragten mich manche Menschen von außen: Gibt es für einen Bauern in der Region Cherson oder Mykolajiw überhaupt einen Unterschied, unter welcher Flagge er das Land bearbeitet, sät und die Ernte einfährt?

Fragen Sie nicht, warum ausgerechnet von Bauern die Rede war. Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ein Traktor friedlich, unpolitisch und nicht besonders zum „Nationalismus“ neigend aussieht.

Der Traktor auf dem Felde macht dir-dir-dir,

Alle streiten für irgendwas – nur wir für den Frieden hier.

Ich erinnerte mich später an diese Fragen in der Puschkin-Straße im Dorf Archangelske, direkt in der Region Cherson. Dort lebte die Familie des Bauern Valentyn Pavlenko. Ein Mensch, der jahrelang sein Haus aufgebaut hatte – groß, schön, mit Liebe gemacht. Rasenflächen, Büsche, ein Patio, ein Spielplatz für die Enkel, ein separates Häuschen für die alte Mutter, sogar ein Pool. Im Hof standen Maschinen zum Schleifen von Sonnenblumenkernen – „damit sie nicht schmutzig machen, wenn man sie in die Hand nimmt“.

„Er hatte so viel Herzblut in all das gesteckt, dass er es nicht verlassen konnte. Er sagte: Wir halten durch, wir warten auf unsere Leute. Ach, Valik… Er hat nicht mehr gewartet“, sagte mir sein Cousin.

Eines Tages quartierten sich russische Soldaten im Haus ein. Sie richteten sich ein, als wären sie über Airbnb gekommen. Sie saßen vor dem Plasmafernseher, tranken und aßen. Und wunderten sich: „Ihr lebt hier aber verdammt gut.“

Ein paar Tage später wurde Valentyn mit einem Schuss in die Stirn im Keller seines eigenen Hauses erschossen. Seine Frau wurde mit dem Gewehrkolben erschlagen.

Also gab es durchaus einen Unterschied.

Und die Frage nach der Flagge kam ganz am Anfang der Invasion aus einem Land zu mir, in dem man nicht die geringste Ahnung hatte, was eine Diktatur ist.

Den Unterschied zwischen ihr und einer Demokratie hielt man für rein kosmetisch. Für etwas, das gewöhnliche Menschen nicht betrifft. Derselbe Staat, nur mit etwas anderen Dekorationen. Vielleicht sogar effizienter – wegen des vereinfachten Entscheidungsmechanismus.

Diejenigen, die solche Fragen stellen, betrachten Demokratie wie ein modisches High-End-Design. Im Grunde nicht besonders notwendig. Etwas aus dem Bereich der Benutzeroberfläche und nicht der Systemeinstellungen.

Weniger Freiheiten, die angeblich ohnehin nicht jeder braucht, dafür Ordnung.

Mischt euch nicht in die Politik ein, und alles wird gut sein. Billige Wurst. Saubere Straßen. Sichere Metro. Stabilität. Vielleicht sogar gutes Internet und hippe Cafés. Wenn man Glück hat, kommt noch ein IT-Sektor obendrauf, damit es moderner aussieht.

Das ist eine sehr naive Vorstellung. Der Unterschied ist viel tiefer und viel schrecklicher.

Tatsächlich geht es um die alltägliche Architektur der Realität. Um die grundlegende Physik menschlicher Existenz.

Der Unterschied besteht darin, dass der Mensch unter einer Diktatur dem Staat vollkommen schutzlos ausgeliefert ist. Nicht „weniger geschützt“. Nicht „mit weniger Rechten“. Nein. Vollständig schutzlos.

Das heißt: Wenn die Maschine plötzlich beschließt, dich zu zermahlen, hast du nichts, woran du dich festhalten kannst. Niemanden, den du rufen könntest. Keinen Notausgang.

Und das Wichtigste: Diese Maschine muss dich nicht einmal persönlich hassen. Sie muss nicht einmal etwas gegen dich haben. Du kannst zufällig unter die Räder geraten.

In einer Diktatur hat dein Leben kein eigenes Gewicht. Es wiegt genau so viel, wie die Staatsmaschine in einem bestimmten Moment braucht.

Fehler passieren überall. Missbrauch in unterschiedlichem Ausmaß ebenfalls. Korruption, Vetternwirtschaft, Dummheit, Gier, bürokratische Spiele, der menschliche Wunsch, den eigenen Arsch zu retten, Fälschungen für bessere Statistiken, institutionelle Trägheit, Angst vor Verantwortung und so weiter – in unterschiedlichen Verhältnissen gibt es das in fast jedem System.

Es gibt auch lokale Fürsten, die bereit sind, dich aus dem Weg zu räumen, um sich dein Eigentum anzueignen oder dich zum Schweigen zu bringen. Alles kommt vor.

Aber in Demokratien sind das Bugs. Das Feature der Diktatur ist das völlige Fehlen jeglicher Puffer zwischen Mensch und Staat. Das ist ein Gebäude ohne Notausgänge.

Diktaturen töten und unterdrücken nicht unbedingt jeden Tag jemanden. Das Problem besteht darin, dass sie es tun können. In jedem Moment. Ohne Erklärungen. Und alle um sie herum werden so tun, als wäre das normal.

In Demokratien gibt es Gerichte, Medien, Anwälte, öffentliche Meinung, internationale Strukturen, Verfahren, Reputationsrisiken, das Recht, öffentlich Alarm zu schlagen. Sie können schlecht funktionieren. Sie können kaputtgehen. Aber sie existieren.

Unter einer Diktatur wirkt schon die Idee, dass ein kleiner Mensch Probleme für das System schaffen könnte, beinahe unanständig. Dort ist es umgekehrt: Das System schafft Probleme für dich. Und du musst dich schweigend anpassen.

In Belarus gab es noch zu Sowjetzeiten einen berühmten Fall, den der Regisseur Viktor Dashuk in seinem Text über die „Witebsker Affäre“ beschrieb – eines der schrecklichsten Justizfließbänder der späten UdSSR. Damals erhielten unschuldige Menschen lange Haftstrafen für eine Mordserie, die ein echter Serienmörder begangen hatte.

In einem Fall wurde die Verurteilung eines Unschuldigen durch eine Aussage „bewiesen“, wonach man den Verdächtigen angeblich mit „einem Hund der Rasse Deutscher Schäferhund“ gesehen habe.

In die Akten klebte man sorgfältig ein Foto des Hundes des Angeklagten ein. Einer kleinen Promenadenmischung, die eher an eine Katze als an einen Schäferhund erinnerte.

Das Gericht schluckte das. Der Mensch erhielt fünfzehn Jahre hinter Gittern. Und saß diese Strafe vollständig ab.

Übrigens trug der Mann den Nachnamen Kovalyov.

Dashuk erinnerte sich daran, dass ihn nicht einmal die Zahl der zerstörten Schicksale am meisten erschütterte. Sondern die Antworten der Menschen, die Verbrechen gestanden hatten, die sie nie begangen hatten.

Er fuhr zu ehemaligen Häftlingen, führte Interviews mit ihnen für seinen Film und stellte immer dieselbe Frage: Wie?

Wie konnte man sich selbst ein fünfzehnjähriges Urteil für einen fremden Mord unterschreiben?

Denn sie wurden nicht mit mittelalterlichen Foltermethoden gequält. Ihnen wurden nicht täglich die Knochen gebrochen. Ihnen wurden nicht die Nägel ausgerissen.

Und fast alle antworteten ihm gleich.

Wenn sich die eiserne Tür der Untersuchungshaft hinter dir schließt, verstehst du plötzlich, dass du vollständig aus der Welt der Lebenden verschwunden bist. Dass dir niemand helfen wird. Weder Eltern. Noch Freunde. Noch ein Anwalt. Nicht einmal Gott.

Und der Ermittler erklärt dir ruhig die Regeln der neuen Realität: „Du kommst hier sowieso nicht mehr raus. Mir wurde befohlen, den Fall um jeden Preis abzuschließen, damit sich die Gesellschaft beruhigt.“

Und die Menschen zerbrachen daran.

Genau dieses existenzielle Gefühl absoluter Verlassenheit, diese psychologische Kapitulation vor der Unausweichlichkeit – das sind Eigenschaften, die Menschen völlig fremd sind, die nie unter einer Diktatur gelebt haben.

Das ist der eigentliche Nerv totalitärer Erfahrung. Nicht das Fehlen eines iPhones oder von Wahlen. Sondern der Moment, in dem sich die eiserne Tür hinter dir schließt – und du plötzlich begreifst, dass du aufgehört hast, ein Mensch zu sein, und zu einem Objekt innerhalb eines Mechanismus geworden bist.

Eines Mechanismus, dessen sämtliche Elemente gegen dich arbeiten.

Dabei müssen diese Menschen nicht einmal Sadisten sein. Das ist sehr wichtig. Sie können ganz gewöhnliche Funktionäre des Systems sein. Menschen, die „eine Aufgabe erfüllen“.

„Die Stadt muss ruhig schlafen.“

Diesen unheimlichen Satz zitierte Dashuk. Er erklärt alles.

Nicht die Wahrheit finden. Nicht die Gesellschaft schützen. Nicht den Verbrecher stoppen. Sondern sozusagen die gesellschaftliche Nervosität zu beseitigen.

Das heißt: Die Gesellschaft wird in einem solchen System nicht als Gemeinschaft von Bürgern betrachtet, sondern als nervöse Masse, die kontrolliert  werden muss.

Und wenn man dafür einen Unschuldigen einsperren, einen Menschen psychologisch brechen, ein falsches Geständnis erhalten oder irgendwen zufällig erschießen muss – dann gilt das als zulässige Regierungstechnologie.

Im Fall Konovalov und Kovalyov gab es „eine Katze“, die man „Schäferhund“ nannte, und es gab Interpol, das dies legitimierte. Wenn die ganze Welt um dich herum der Lüge zustimmt, beginnst du selbst an sie zu glauben, nur um noch einen weiteren Tag zu überleben…

Zuerst verwandeln sie einen kleinen Mischlingshund im Gerichtsprotokoll in einen Schäferhund.

Dann verwandeln sie ein ganzes Land in einen Brückenkopf, ohne die Bevölkerung um Erlaubnis zu fragen.

Und danach kommen sie zu den Nachbarn, um ihnen diese „Mathematik“ beizubringen, in der zwei plus zwei gleich „eine Kugel in den Hinterkopf“ ist.

Die Ukraine kämpft für das Recht auf Realität. Für das Recht darauf, dass eine Katze eine Katze ist, ein Schäferhund ein Schäferhund und ein Mensch das Recht hat, „Nein“ zu sagen und gehört zu werden.

Die Ukraine kämpft dafür, dass eiserne Türen niemals Ausweglosigkeit bedeuten.

Damit niemand jemals sagen kann: „Nicht einmal Gott wird dir helfen, denn mir wurde befohlen, den Fall abzuschließen.“

Damit jeder Mensch, unabhängig von seinem Status, einen „Ausweg“ hat.

Die Ukraine kämpft für das Recht auf eine Gesellschaft, in der gesellschaftliche Ruhe nicht mit dem Leben Unschuldiger erkauft wird.

Die Ukraine kämpft gegen ein System, in dem der „verordnete Schäferhund“ die Norm ist und das Gefühl des Ausgeliefertseins das zentrale Gefühl des Bürgers.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Dzmitry Halko
Veröffentlichung / Entstehung: 12.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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