Die Risiken eines „zweiten Krieges“. Vitaly Portnikov. 03.03.2026.

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Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist noch nicht beendet, und im Nahen Osten toben bereits Ereignisse, die zum größten regionalen Konflikt dieses Jahrhunderts geworden sind. Einer der Nutzer sozialer Netzwerke aus der Ukraine veröffentlichte zwei Bilder: Shahed-Drohnen, die am selben Tag Häuser in Dubai und Charkiw treffen. Und er schrieb, dass sich noch vor wenigen Tagen niemand hätte vorstellen können, dass Shaheds gleichzeitig diese beiden Städte angreifen würden!

Tatsächlich müssen wir, wenn wir über Schläge gegen den Iran nachdenken, daran erinnern, dass es sich um ein Land handelt, das all diese Zeit der treueste Verbündete Russlands geblieben ist, ihm in der ersten Phase des Krieges Shahed-Drohnen geliefert und geholfen hat, ihre Produktion auf russischem Territorium zu organisieren. An den Händen des getöteten Ajatollah Chamenei klebt nicht nur das Blut der eigenen Landsleute, die gegen sein brutales Regime kämpften. Und nicht nur das Blut der Israelis, die bei iranischen Angriffen getötet wurden. Sondern auch das Blut von Ukrainern.

Deshalb liegt eine schnelle Niederlage des iranischen Regimes und die Demonstration der Unfähigkeit Russlands, einem weiteren seiner Verbündeten zu helfen – nach dem Sturz der Regimen von Baschar al-Assad und Nicolás Maduro – durchaus im Interesse der Ukraine. Eine andere Sache wäre es, wenn sich der Krieg in die Länge zieht.

Dann wird es zahlreiche negative Folgen geben. Die erste zeichnet sich bereits in der wirtschaftlichen Dimension ab: ein Anstieg der Ölpreise. Für die Amerikaner bedeutet das neue Treibstoffpreise – und folglich höhere Preise für alles – sowie eine Verringerung der Kaufkraft der Bevölkerung. Für Putin hingegen ist es eine weitere Möglichkeit, zumindest ein wenig das „Loch“ im russischen Staatshaushalt zu stopfen. Deshalb liegt es im unmittelbaren Interesse des russischen Präsidenten, dass dieser neue Krieg möglichst lange dauert.

Das zweite Risiko hängt mit Waffen zusammen, insbesondere mit Luftverteidigungssystemen. Eine derart massive Attacke Irans auf die Länder des Persischen Golfs scheint niemand erwartet zu haben. Ja, diese Angriffe können mit dem Wunsch zusammenhängen, amerikanische Militäranlagen in diesen Staaten außer Gefecht zu setzen, doch in Wirklichkeit greift Teheran auch Hotels und zivile Flughäfen an. Auch das erinnert stark an den russischen Ansatz: Wenn ich den zivilisatorischen Wettbewerb verliere, muss ich das Erfolgs- und Entwicklungsmodell meiner Nachbarn zerstören. Und es ist offensichtlich, dass es, sollte das iranische Regime – wenn auch geschwächt – bestehen bleiben, viele Bewerber um Luftverteidigungssysteme und Raketenabwehr geben wird – genau in dem Moment, in dem Russland seine Angriffe auf die Ukraine fortsetzt.

Das dritte Risiko ist eine weitere Ausweitung der Konflikte. Vielen mag es scheinen, dass der Schlag der USA und Israels gegen den Iran in keiner Weise mit dem russisch-ukrainischen Krieg zusammenhängt und auch dann stattgefunden hätte, wenn es diesen Krieg nicht gäbe. Doch hinter dieser Überzeugung steht ein mangelndes Verständnis dafür, wie sehr der Krieg Russlands gegen die Ukraine die Atmosphäre in der Welt und die Bereitschaft sowie Fähigkeit beeinflusst hat, Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen. Wenn wir von einer totalen Konfrontation „zweier Welten“ sprechen, müssen wir verstehen, dass, wenn an einem Abschnitt der Front einer solchen Konfrontation die Situation in eine Sackgasse gerät, die Notwendigkeit entsteht, das Gleichgewicht an einem anderen Ort zu zerstören. Und so weiter – bis hin zu einem globalen Krieg. Oder zu einem Krieg, in dem die Zahl lokaler Konflikte in ihrer Intensität und ihren Folgen dem Dritten Weltkrieg nahekommt.

Auf den zeitlichen Rahmen eines Krieges mit dem Iran können wir keinen Einfluss nehmen. Aber wir können und müssen alles tun, damit unter den Bedingungen eines solchen groß angelegten Konflikts der Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht an den Rand des politischen Interesses, der Aufmerksamkeit von Politikern und Medien gerät. Wir müssen an diesen Krieg und seine Verbindung mit dem Konflikt im Nahen Osten erinnern – so, wie es zum Beispiel der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz getan hat, der betonte, dass „der russische Krieg gegen die Ukraine nicht weniger ungerecht ist als die Verbrechen des iranischen Regimes, und dass die Invasion Moskaus in ein friedliches Nachbarland ebenso ungerechtfertigt ist wie der terroristische Krieg, den Teheran seit vielen Jahren gegen Israel führt“.

Daran sollten wir uns alle erinnern – und darüber sprechen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Ризики «другої війни». Віталій Портников. 03.03.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 03.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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