Die Optik eines globalen Krieges. Vitaly Portnikov. 03.03.2026.

https://blogs.timesofisrael.com/the-optics-of-a-global-war/?fbclid=IwZnRzaAQUCd9leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeLEOjKDpaxI1gjejQE2DTIMXUf7LR1OBefAdnubNg_6yGx_0mPVwqVEKQkoQ_aem_0lBho5ZX4xHGhjF6PXQe6g

Viele meiner ukrainischen Leser und Zuschauer fragen mich heute, wovon ich mich leiten ließ, als ich davor warnte, dass wir – und mit uns die Welt – Zeugen und Teilnehmer einer neuen großen Konfrontation werden würden, falls es nicht gelänge, den russisch-ukrainischen Krieg innerhalb von vier Jahren zu beenden. Und einige bestehen schlicht darauf, dass es sich um einen Zufall der Umstände handelt, dass die Vereinigten Staaten und Israel den Iran ohnehin angegriffen hätten – und dass der russisch-ukrainische Krieg damit nichts zu tun habe.

Diese Wahrnehmung der Realität erinnert uns erneut daran, wie schwer es ist, die Logik realer Prozesse zu erfassen – selbst für diejenigen, die sich in ihrem Epizentrum befinden, ganz zu schweigen von Beobachtern. In Israel wurde Russlands Krieg gegen die Ukraine sofort als „nicht unser Krieg“ bezeichnet. Das sagten mir meine Kollegen, informierte israelische Diplomaten und Journalisten, schon in den ersten Wochen nach Putins großem Angriff ins Gesicht. Und meine Hinweise darauf, dass der Iran nicht zufällig „Shahed“-Drohnen an Russland liefert, dass die Ukraine sich in ein Testgelände für das iranische Militär verwandelt, überzeugten niemanden. Nicht einmal der 7. Oktober 2023 überzeugte irgendwen – obwohl hinter dem Angriff auf Israel und den darauffolgenden Ereignissen offensichtlich der Iran stand, der zugleich Verbündeter Russlands blieb.

Nun ist die Ukraine an der Reihe, wo man überzeugt sein kann, dass der Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran „ein anderer Krieg“ sei, der die Aufmerksamkeit der Welt sogar von der Ukraine ablenkt. Und hier gibt es nichts zu bestreiten: Natürlich lenkt er ab. Er kann zudem einen gefährlichen Mangel an Luftverteidigungssystemen verursachen. Und er kann Russland helfen, seinen Haushalt durch steigende Öleinnahmen aufzufüllen.

Und dennoch ist es ein und derselbe Krieg – ein Krieg der wichtigsten Weltmächte um Einfluss und Macht. Russland, das den „Kalten Krieg“ verloren hat und gezwungen war, sich mit der Unabhängigkeit seiner ehemaligen Besitzungen abzufinden, versucht mit brutaler Gewalt Revanche zu nehmen, seine dominierende Rolle in Europa zurückzugewinnen und seinen Einfluss in anderen Weltregionen, insbesondere im Nahen Osten, zu bewahren. China, das gerade dank der Ergebnisse des „Kalten Krieges“ zu einer wirtschaftlichen Supermacht geworden ist, strebt nach politischem Einfluss, der seinem Gewicht entspricht – so, wie es die Führung der Kommunistischen Partei Chinas sieht. Die Vereinigten Staaten, die all diese Jahrzehnte die Avantgarde des kollektiven Westens waren, versuchen diese Rolle zu nutzen, um China einzudämmen und ihren eigenen Einfluss zu stärken. China und Russland hingegen wollen Amerika verdrängen.

Unter diesen Bedingungen ist ein Zusammenstoß unvermeidlich, ebenso wie Angriffe auf jene Staaten, die entweder Verbündete des Westens sind oder es werden wollen. Bereits in den 1990er-Jahren warnte ich, dass, wenn die Ukraine nicht nur ihre Unabhängigkeit ausruft, sondern versucht, ein „wirklich“ unabhängiger Staat mit eigener Außenpolitik zu werden, ihr Konflikt mit Russland nicht lange auf sich warten lassen werde. Und ich war nicht der Einzige, der warnte: Im Kreml gab es eine entsprechende Erklärung bereits am Tag der Unabhängigkeitserklärung der Ukraine!

Auch mit Israel ist alles transparent: Praktisch seit dem Tag seiner Gründung war es für die gesamte arabische Welt und fast den gesamten „globalen Süden“ ein illegitimer Staat. So einflussreiche Länder wie Saudi-Arabien, Pakistan oder Indonesien erkennen ihn bis heute offiziell nicht an.

Es geht also um Angriffe auf Länder, deren Verschwinden von der politischen Landkarte der Welt keine besonderen Emotionen hervorrufen soll. Israel ist für seine Feinde lediglich ein illegitimes Gebilde auf dem Land Palästinas. Die Ukraine ist für jene, die die russischen Ambitionen ignorieren möchten, einfach ein Stück Russland, das aus unerklärlichen Gründen seine Unabhängigkeit erklärt hat. Sie selbst können auf die Weltkarte schauen und neue „verwundbare“ Länder finden. Nehmen wir etwa einen Angriff auf Taiwan: Praktisch niemand stellt die Legitimität der chinesischen Ansprüche grundsätzlich in Frage – sollte Xi Jinping ein Blitzkrieg gelingen, bliebe vielen nur, mit den Schultern zu zucken.

Doch wie Sie sehen, finden keine Blitzkriege statt – und sie werden auch nicht stattfinden, denn in einem Krieg globaler Mächte ist das nahezu ausgeschlossen. Das Paradoxe besteht darin, dass derselbe amerikanische Präsident, der die Ziele des Iran gegenüber Israel versteht, nicht bereit ist, die Ziele Russlands gegenüber der Ukraine und die tatsächlichen Ambitionen Chinas zu begreifen, das sowohl dem Iran als auch Russland hilft. Und genau dieses totale Nichtverstehen schafft Möglichkeiten für eine Niederlage der Vereinigten Staaten in der globalen Konfrontation – unabhängig von ihrem Potenzial.

Denn um zu gewinnen – und sogar um zu überleben – muss man die Optik des Krieges verändern.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: The Optics of a Global War. Vitaly Portnikov. 03.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 03.03.2026.
Originalsprache: en
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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