Der russische Terror demoralisiert die Ukraine nicht. Kolumne von Vitaly Portnikov. 25.02.2026.


Ein ukrainischer Polizist am Ort der Explosion in einem Einkaufszentrum in Lwiw. 22. Februar 2026. Foto: Juri Djatschyschyn / AFP / East News

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Meldungen über Terroranschläge gegen ukrainische Polizisten führen zurück nach Moskau der frühen 2000er Jahre — zu den Sprengungen von Wohnhäusern, zu Explosionen in der Metro, zum „Nord-Ost“ und zu Beslan. Damals half die Atmosphäre der Angst der russischen Macht, sich zu festigen und ein gesellschaftliches Mandat für die Fortsetzung des Krieges zu erhalten. Heute setzt der Kreml erneut auf Terror — nun jedoch in der Ukraine. Doch die russische Erfahrung zeigt, dass Angst nicht immer zur Kapitulation führt. Manchmal stärkt sie nur den Widerstand.

Zurück in die Vergangenheit

Die erschütternden Nachrichten über Terrorakte gegen ukrainische Polizisten versetzten mich unerwartet in das Moskau der Zeit des zweiten Tschetschenienkriegs zurück. Die Stadt — und ganz Russland — lebten damals in einer Atmosphäre unaufhörlichen Terrors. Explosionen in der Metro, gesprengte Wohnhäuser in den Schlafvierteln der russischen Hauptstadt, Dubrovka, später Beslan …

All das erzeugte ein lähmendes Gefühl der Angst, erklärte die Notwendigkeit der Fortsetzung des Krieges im Kaukasus und die Bedeutung einer „starken Hand“. All das half dem Regime der Tschekisten, aus dem Schatten der Jelzin-Jahre zu treten und sich endgültig als vollwertige Herren Russlands zu etablieren.

Der neue Terror trägt ebenfalls das unverkennbare Siegel des FSB — nur mit einem anderen Ziel: der Destabilisierung der Gesellschaft in einem feindlichen Land. Bereits 2014 behauptete man im Kreml, man strebe keinen umfassenden Krieg mit der Ukraine an, sei jedoch bereit, im Osten und Süden des Landes „Benzin ins Feuer zu gießen“ — in der Erwartung, dass Destabilisierung und Demoralisierung der Gesellschaft die Kontrolle über den größten Teil des ukrainischen Territoriums ohne Kampf ermöglichen würden.

Der Kreml setzt auf Destabilisierung

Ja, der Februar 2022 verschob die Prioritäten zugunsten offener Eroberungspläne. Doch jetzt, da es der russischen Armee nach vier Jahren erbitterten Krieges nicht gelungen ist, auch nur das gesamte Gebiet der Region Donezk unter Kontrolle zu bringen, richtet sich das Interesse des Kremls erneut auf Destabilisierung. Und Destabilisierung erweist sich — wie schon so oft — als wichtiger als der Krieg selbst.

Die Anschläge auf Polizisten verfolgen mehrere Ziele zugleich. Erstens soll demonstriert werden, dass die Ukraine als Staat nicht funktioniert: Wenn nicht einmal die Sicherheit der Ordnungskräfte gewährleistet werden kann, worauf kann dann ein gewöhnlicher Mensch hoffen?

Zweitens eröffnet sich die Möglichkeit, in sozialen Netzwerken eine Kampagne gegen die Polizei zu organisieren — sowohl mithilfe eigener Bots als auch mithilfe „nützlicher Idioten“ — die finden sich immer. Die Hauptaufgabe besteht darin, zu destabilisieren. Und das Ziel der Destabilisierung ist es, die ukrainische Gesellschaft von der Unvermeidlichkeit und Notwendigkeit einer Kapitulation zu überzeugen.

Und genau in dieser Wette auf Destabilisierung liegt einer der größten Fehler des Kremls in diesem Krieg. Es ist geradezu erstaunlich — einen Krieg gegen eine ehemalige Sowjetrepublik zu führen und zugleich zu glauben, man kämpfe gegen eine völlig anders strukturierte Gesellschaft!

Die Ukrainer werden weiter Widerstand leisten

Die Explosionen von Wohnhäusern in Moskau hätten Putin eigentlich vom Gegenteil überzeugen müssen. Die Mehrheit der Russen begann nicht, ein Ende des Krieges zu fordern, der ihnen so viel Leid gebracht und ihnen faktisch das Gefühl der Sicherheit genommen hatte. Im Gegenteil: Der Kreml erhielt von der Bevölkerung ein Mandat zur Fortsetzung der Kampfhandlungen.

So überzeugt auch der Terror Moskaus in der Ukraine die Ukrainer von der Notwendigkeit weiteren Widerstands, weil er anschaulich zeigt, wozu Russland fähig ist und was es tun könnte, sollte es den Krieg gewinnen. Destabilisierung ist kein Schlüssel zur Demoralisierung, sondern ein Beweis für die Notwendigkeit, den Widerstand gegen den Feind fortzusetzen und Bedingungen nicht zu akzeptieren, die der Ukraine ihre Souveränität nehmen würden.

Das Unverständnis dieser einfachen Tatsache ist eines der zahlreichen Paradoxe dieses Krieges. So wie die Ukrainer nicht bereit sind zu begreifen, dass keinerlei soziale Probleme die chauvinistisch gesinnte Mehrheit der Russen dazu bringen werden, die Unterstützung für den Krieg und für Putins Regime aufzugeben, so kann man in Russland nicht verstehen, dass weder Entbehrungen noch Terroranschläge die Ukrainer dazu bewegen werden, auf ihr eigenes Land und ihre Identität zu verzichten.

Dieses erstaunliche Unverständnis dessen, was geschieht, wird letztlich zur Formel eines nun schon im fünften Jahr andauernden Krieges — und zur Antwort auf die Frage, warum es so schwierig, wenn nicht unmöglich ist, ihn in absehbarer Zukunft zu beenden.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Российский террор не деморализует Украину. Колонка Виталия Портникова. 25.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 25.02.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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