(sowjetisches Luxusgebäck; Symbol der Privilegien während der Blockade)

Die Blockade Leningrads war in der Sowjetunion schon lange vor dem Zeitpunkt eine der am stärksten mythologisierten Ereignisse des Zweiten Weltkriegs, bevor der Sieg in diesem Krieg zur wichtigsten ideologischen Grundlage des putinschen Russlands wurde. Schon damals, noch vor der postsowjetischen Zeit, gab es Menschen, die von Ungleichheit im Hunger und in der Kälte sprachen und von Rum-Babas für das Parteifunktionärspersonal erzählten – einem Symbol für den Luxus der Privilegierten mitten im Hunger, ein Bild und eine Tatsache, die von einem der bekanntesten Leningrader Schriftsteller der Nachkriegsjahrzehnte, dem Frontkämpfer Daniil Granin, aufgegriffen wurden. Und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – in jener kurzen Phase, in der man in Russland noch über etwas diskutieren konnte – begannen Stimmen laut zu werden, die das Handeln der sowjetischen Partei- und Militärführung während der Blockade infrage stellten.
All dies widerlegt selbstverständlich nicht die Tatsache des Leidens gewöhnlicher Menschen, die zu Geiseln des Krieges wurden. In der Sowjetunion richtete sich die Aufmerksamkeit gerade auf dieses Leiden, auf die Kälte und den Hunger. Man versuchte alles dafür zu tun, dass das Leid der Leningrader als eine der größten Katastrophen des Zweiten Weltkriegs wahrgenommen wurde, damit es im Bewusstsein der Bewohner des Imperiums sogar solch gewaltige und beispiellose Verbrechen wie den Holocaust verdrängte. Und ja, Moskau tat stets alles, damit diese Qualen aus Hunger und Kälte als Völkermord angesehen wurden – zuletzt wurde diese Definition in einer Erklärung des russischen Außenministeriums aus dem Jahr 2024 verwendet.
Natürlich war die Wirkung der Tragödie vor allem in Sankt Petersburg selbst zu spüren, wo es unter den Vorkriegsbewohnern praktisch keine Familien gab, die nicht von ihrem eigenen Leid und ihren eigenen Opfern berichten konnten. Der Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof wurde zu einer der wichtigsten städtischen Dominanten, nicht weniger bedeutsam für das Empfinden der Stadt als der Newski-Prospekt oder die Petersburger Kanäle.
Und welch Ironie des Schicksals ist es, dass ausgerechnet ein Mensch, der angeblich in dieser blockadengeprägten Erinnerungstradition aufgewachsen ist, ein Mensch, der den Sieg im Zweiten Weltkrieg zu einer der zentralen Säulen seines Regimes gemacht hat, beschloss, genau diese unaussprechlichen Verbrechen zu wiederholen. Denn der Wunsch, die Ukrainer erfrieren zu lassen und sie gerade durch Leiden zur Kapitulation zu zwingen, war bei Putin praktisch seit den ersten Wochen des großen Krieges erkennbar. Und nun, im fünften Winter, kann er hoffen, seinem Ziel nähergekommen zu sein.
Dabei würde ich mich über Putins Wunsch, ältere Menschen und Kinder in kalten Wohnungen erfrieren zu lassen, nicht wundern. Denn in Wirklichkeit gab es immer zwei Blockade-Mythen. Der eine ist der Mythos der Menschen, die hungerten und an Kälte starben. Und der andere ist der Mythos der Menschen, die Rum-Babas aßen.
Wer sich am unteren Rand der Gesellschaft befand, hätte sich wünschen können, das eigene und fremde Leben so zu verändern, dass sich weder der Horror von Hunger und Kälte noch der Horror der Rum-Babas wiederholte. Doch bei dem „richtigen“ sowjetischen Menschen – und Putin ist genau ein solcher „richtiger“ sowjetischer Mensch – griff stets ein völlig anderer Instinkt: sich dem Funktionärswesen anzuschließen, um nie wieder in eine Notlage zu geraten und diejenigen nicht mehr als Menschen zu betrachten, denen das nicht gelungen war.
Deshalb kann er auch eine besondere Genugtuung empfinden, wenn er sieht, wie die Menschen in Kyiv, Charkiw oder Odesa leiden – weil er überzeugt ist, dass ihm selbst so etwas niemals widerfahren kann. Dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, als er noch als Schüler zur Leningrader Abteilung des KGB ging, um zu fragen, wie er sich der „Behörde“ anschließen könne. Denn er verstand: Genau dort würde er Schutz haben, genau diese Menschen sichern Karriere und Sicherheit – und außerdem die Unmöglichkeit, jemals in eine Situation zu geraten, in der man in einer kalten Wohnung bei zwanzig Grad Frost stirbt, während irgendwo in der Nachbarstraße „Diener des Volkes“ in einem warmen Büro mit dicker Schicht Kaviar ihre Butterbrote bestreichen.
Er wollte ein „Mensch mit einer Rum-Baba“ werden – und er ist es geworden. Im „moralischen Kodex“ solcher Menschen bedeutet das nicht nur, die Möglichkeit zu haben, den gewünschten Erfolg zu erreichen, sondern auch die Möglichkeit, sich über andere lustig zu machen und sie zu quälen. Deshalb ist dieser Krieg für einen Menschen mit sadistischen Neigungen ein echtes Geschenk des Schicksals. Keiner von uns kann sich auch nur annähernd das Vergnügen vorstellen, das er empfindet, wenn er den nächsten Angriff plant oder sich nach der Temperatur in Kyiver Wohnungen erkundigt. Ein Mensch, unter dessen Residenzfenstern sein hellster Gegner – ungehemmt, lächelnd und lebensfroh – ermordet wurde, kann nicht anders sein. Jeder weitere Tag, an dem eine solche Person an der Macht bleibt, treibt sie zwangsläufig zu immer neuen Verbrechen und zu immer neuer Lust am Leben.
Zu immer neuen Rum-Babas zum Dessert.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Ромова баба. Віталій Портников. 01.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 01.02.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.