Nach der Veröffentlichung der Strategie der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten, die die Absichten des Präsidenten des Landes, Donald Trump, und seines Teams in Bezug auf ihre Haltung zur Welt widerspiegelt, die die Vereinigten Staaten umgibt, herrscht bei vielen in Europa – bei Politikern ebenso wie bei Beobachtern und gesellschaftlichen Akteuren – echte Verzweiflung.
Es genügt, einen Blick auf die Titelseiten der europäischen Zeitungen zu werfen, um zu verstehen, wie sehr diese Strategie die Europäer tatsächlich erschreckt hat. Denn zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg verabschieden sich die Vereinigten Staaten auf staatlicher Ebene faktisch von der Idee der euroatlantischen Integration – jener Idee, die über viele Jahrzehnte hinweg den Kern der Sicherheit sowohl der Vereinigten Staaten als auch der europäischen Länder gebildet hat.
Gerade diese Idee half den Vereinigten Staaten, zum wichtigsten Hüter der Demokratie in der modernen Welt zu werden und im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion standzuhalten. Eben diese Idee nährte die Hoffnungen der Europäer auf die Zukunft.
Und was ist nun aus diesen Hoffnungen geworden? Nun, erstens muss man verstehen, dass die Veröffentlichung dieser Strategie an sich keine besondere Sensation darstellt. Die Vorstellung davon, wie die Administration Trump und ihre Unterstützer zu Europa stehen würden, wurde bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz klar artikuliert, als der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, J. D. Vance, eine Rede über die künftigen außenpolitischen Vorstellungen der neuen Administration hielt.
Zweitens kann man nicht sagen, dass Europa der Administration Trump auf Grundlage dieser Strategie völlig gleichgültig sei. Es interessiert sie – nur eine andere Europa. Ein Europa, in dem ultrarechte populistische Kräfte an die Macht kommen sollen. Wenn man so will: Orbáns Groß-Europa.
Das ist freilich schwer vorstellbar. Es wäre so, als hätten in den 1920er- und 1930er-Jahren die Präsidenten der Vereinigten Staaten den Machtantritt Benito Mussolinis oder Adolf Hitlers gefördert. Doch man muss die Wahrheit sagen: Schon damals gab es in den Vereinigten Staaten nicht wenige Politiker und Geschäftsleute, die offen mit ultrarechten, faschistischen, nationalsozialistischen Ideologien auf dem europäischen Kontinent sympathisierten und es für normal hielten, dass ihr Land – das man schon damals als Vorbild demokratischer Reformen betrachtete – mit Hitler-Deutschland und dem faschistischen Italien zusammenarbeitete.
Erst der Zweite Weltkrieg, in dem die Vereinigten Staaten auf der Seite der Alliierten gegen Berlin und Rom kämpften, machte diese Sympathien praktisch tabu und begrub die politischen Karrieren jener, die mit Faschismus und Nationalsozialismus sympathisiert hatten.
Doch inzwischen sind acht Jahrzehnte vergangen. Wir sehen, dass die Impfung gegen ultrarechte Herrschaft nicht mehr wirkt – und keineswegs nur in den Vereinigten Staaten. Schließlich erschien der Slogan „Wir können es wiederholen“ gerade in der Russischen Föderation genau zu dem Zeitpunkt, als Russland sich endgültig in einen klassischen faschistischen Staat verwandelte, dessen Machthaber ungeschickt versuchen, die Praktiken Hitlers und Mussolinis zu kopieren.
Warum sollte das Gleiche nicht auch in den Vereinigten Staaten geschehen können? Dafür gibt es eine recht einfache Antwort: Eine faschistische oder allgemein ultrarechte Diktatur ist eben eine Diktatur – keine Demokratie. Ein ultrarechter Politiker kann sich in einer demokratischen Gesellschaft, dort, wo es Wahlen gibt, nicht dauerhaft an der Macht halten.
Und um die Macht eines ultrarechten Politikers zu sichern – das ist ein Gesetz der Geschichte –, braucht es erstens die vollständige Abschaffung realer Wahlpraktiken, und zweitens einen großen, möglichst siegreichen Krieg. Genau dieses Gesetz der Geschichte wurde durch die Praxis Benito Mussolinis in Italien und Adolf Hitlers in Deutschland anschaulich demonstriert. Und genau dieses Gesetz wird auch durch das Handeln von Wladimir Putin belegt.
Zunächst nutzte er die Früchte der liberalen Wirtschaftsreformen in Russland in den 1990er-Jahren, und nachdem die brutale Diktatur der russischen Tschekisten etabliert worden war, erlaubte er sich einen großen Krieg gegen die Ukraine. All dies sind Elemente der Machterhaltung und der Zementierung des Regimes.
Wie stellt man sich eine solche Entwicklung in den Vereinigten Staaten vor? Es ist klar, dass Donald Trump die elektorale Demokratie nicht zerstören kann – und vermutlich auch gar nicht wirklich zerstören will. Ebenso ist klar, dass ein großer, umfassender Krieg mit Hunderttausenden oder Millionen gefallenen Amerikanern auf dem Schlachtfeld – und solche Handlungen würden den Ultrarechten tatsächlich beim Machterhalt helfen – das Letzte ist, was Donald Trump wollen würde, der sich selbst als Friedenspolitiker wahrnimmt, der Amerika von allen möglichen Kriegen befreit.
Und genau darin besteht der Widerspruch. Der Krieg ist der Schlüssel zu seinem politischen Erfolg und zum Machterhalt der Ultrarechten. Gleichzeitig ist er aber auch die größte Geißel dieser ultrarechten Bewegung, die von der Idee lebt, dass sich die Vereinigten Staaten in keinerlei ernsthafte Konflikte einmischen sollen.
Deshalb sollte man diese Strategie auch nicht allzu sehr dramatisieren. Gerade deshalb, weil wir es hier mit einer Übergangsherrschaft zu tun haben. Donald Trump hat kein reales Rezept zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Amerikaner in der Tasche. Bekannt ist, dass er dafür sprichwörtlich nichts in der Tasche hat.
Und es ist völlig unklar, wie die Republikaner künftig Wahlen gewinnen wollen, wenn es einerseits keine reale wirtschaftliche Verbesserung geben wird und sich andererseits die politischen Ansichten Trumps und seines Teams immer weiter von den politischen Ansichten der Mehrheit der Amerikaner entfernen werden – und zwar keineswegs nur von denen der demokratischen Wählerschaft.
Wie wir sehen, kann hier ohnehin keine Rede von Sympathie für Trump sein, sondern auch viele unentschlossene Wähler verfolgen die politischen Praktiken des Präsidenten und seines Teams mit Entsetzen. Und mit der Zeit werden sich immer mehr republikanische Wähler sowohl von Trump als auch vom Trumpismus und von MAGA abwenden.
Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht eines Tages etwa J. D. Vance Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte. Doch J. D. Vance würde – wie jeder Anpassungspolitiker – Präsident als Anti-Trumpist werden, der alle Praktiken seines Vorgängers geißeln und ausrotten würde, so wie Nikita Chruschtschow einst mit seinem Idol und Förderer Josef Stalin verfuhr, dem er bis zu seinem Erscheinen auf dem Posten des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der KPdSU praktisch seine gesamte politische Karriere verdankte.
Welche Schlussfolgerung ist also aus all dem zu ziehen? Ja, Trump mag die Europäer im Stich lassen wollen – aber das Wichtigste ist, dass er es in der Praxis nicht wird tun können. Der Verzicht auf eine reale Zusammenarbeit mit Europa wird nicht gelingen. Es wird den Vereinigten Staaten auch nicht gelingen, echte Verbündete weder der Russischen Föderation noch der Volksrepublik China zu werden, die aufrichtig an der Schwächung des geopolitischen Einflusses Amerikas interessiert sind – und das keineswegs nur in Europa und nicht einmal nur im asiatisch-pazifischen Raum, sondern auch in Lateinamerika.
Wir leben nicht im 19. Jahrhundert. Überall dort, von wo Amerika sich zurückzieht, kommt China selbstbewusst nach. Und auch diese Gesetzmäßigkeit müssen wir verstehen.
Deshalb sollte man, anstatt sich Asche aufs Haupt zu streuen und sich über die Tatsache zu wundern, dass es den Ultrarechten gelungen ist, in dem für die Demokratie wichtigsten Land der Welt an die Macht zu kommen, einfach die Tendenzen abwarten, die wir heute auf der amerikanischen politischen Bühne beobachten, und begreifen, dass wir es in jedem Fall mit politischen Todgeweihten zu tun haben. Wichtig ist nur, selbst nicht unterzugehen, während sich die Ultrarechten in Amerika in politische Leichen verwandeln.
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Titel des Originals: Трамп кидает европейцев | Виталий Портников. 08.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.