Die „Karlsson“-Krise. Kolumne von Vitaly Portnikov. 13.11.2025.


Volodymyr Zelensky und Timur Mindich. Foto: Henry Nicholls, WPA Pool/Getty Images, kyivindependent.com. Collage: Slawa TV

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Der Korruptionsskandal in der Ukraine entwickelt sich mit einer solchen Geschwindigkeit, dass selbst jetzt schwer zu sagen ist, wen von den Vertretern der Macht er noch erfassen und zu welchen Konsequenzen er führen könnte. Allerdings kann man nicht behaupten, dass dies ein unerwartetes Ereignis sei.

Viele waren der Ansicht, dass eine solche Entwicklung der Ereignisse unvermeidlich sei, nachdem die Regierung versucht hatte, die neuen Anti-Korruptionsbehörden in ihre eigene Vertikale „einzumontieren“ – und nach den ersten Massenprotesten seit Beginn des Krieges. Schon damals sagten viele Beobachter, dass das alles „nicht einfach so“ geschehe und dass man im Präsidialamt die möglichen Folgen der neuen NABU-Ermittlungen durchaus verstehe.

Und hier ist die Hauptfrage, auf die wir wohl kaum eine schnelle Antwort bekommen werden, nicht einmal die, was die Machthaber bewogen hat, ihren missglückten Angriff auf NABU und SAP zu unternehmen, sondern vielmehr: Worauf haben sich die Leiter dieser Anti-Korruptionsbehörden bei ihrem Treffen mit Volodymyr Zelensky geeinigt – und in welchem Maße betrafen diese Absprachen die Ermittlungen im Energiebereich?

Natürlich könnte man sagen, wenn wir in Friedenszeiten leben würden, dass sich solche Ermittlungen auf die Beliebtheitswerte der Regierung und die möglichen Wahlchancen des amtierenden Präsidenten und seiner Unterstützer auswirken würden. Doch wir befinden uns in einer Situation des Krieges und der Ungewissheit über dessen mögliches Ende oder selbst über eine Unterbrechung – und wir verstehen sehr gut, dass es derzeit keine objektiven Voraussetzungen für eine solche Unterbrechung gibt.

Folglich gibt es auch keinerlei Perspektiven für irgendwelche Wahlen in absehbarer Zukunft. Und selbst wenn man die Dinge realistisch betrachtet, hatte Volodymyr Zelensky auch vor diesem Skandal kaum Anlass zu erwarten, dass er sich auf der politischen Bühne halten könnte. Schließlich hatte die Mehrheit der Anhänger des amtierenden Präsidenten ihn gerade als einen „Friedenspräsidenten“ gewählt, der in der Lage sei, sich mit seinem russischen Kollegen zu einigen und der nicht daran interessiert sei, „am Krieg zu verdienen“ – wessen die russische und prorussische Propaganda den Vorgänger und Konkurrenten Zelenskys, Petro Poroschenko, zynisch beschuldigt hatte.

Jetzt, da dieselbe Propaganda dieselben Anschuldigungen auf Zelensky überträgt – und der Korruptionsskandal wird dies nur begünstigen – wird dieser Teil der potenziellen Wählerschaft nach einem neuen Messias mit leeren Taschen und gutem Blick suchen. Und jene, die noch immer, entgegen objektiven Fakten, an die Möglichkeit einer Einigung mit Putin glauben, wissen inzwischen ganz genau, dass Zelensky sich mit dem russischen Präsidenten nicht einigen wird. Denn Putin scheint Zelensky nicht weniger zu hassen als Poroschenko. Obwohl, um genau zu sein: Putin hasst nicht irgendeinen der ukrainischen Präsidenten, sondern den ukrainischen Staat selbst. Und genau diesen hat er vor, in den kommenden Kriegsjahren zu vernichten.

Es geht also nicht so sehr um wahlpolitische Folgen, sondern um ein Vertrauensdefizit gegenüber der Regierung in einem Land, das sich im Krieg befindet. Denn wenn Wahlen nicht möglich sind, muss die Regierung wirksame Schritte unternehmen, um dieses Vertrauen zu erhalten – und wenn es um eine Korruptionsexplosion geht: um es zurückzugewinnen. Und selbst wenn es dem Präsidenten selbst gelingen sollte, irgendwie in der Rolle eines „verratenen Zaren“ aufzutreten, den die besten Freunde belogen haben (angesichts der postsowjetischen Mentalität eines großen Teils der ukrainischen Gesellschaft hat Zelensky eine solche Chance), wird dies das Vertrauen in die staatlichen Institutionen dennoch nicht wiederherstellen, wenn die Regierung keine wirksamen Schritte zur Konsolidierung der Gesellschaft und zur Schaffung einer Regierung unternimmt, die keine Filiale des Präsidialamts wäre.

Doch in den letzten Jahren haben wir auf der Bankowa keinerlei Tendenzen zu einer angemessenen Reaktion auf politische und gesellschaftliche Herausforderungen beobachten können – vielleicht gerade deshalb, weil der Drang zur Machtkonzentration in einer Hand, selbst entgegen der verfassungsmäßigen Logik einer parlamentarisch-präsidialen Republik, eine solche Angemessenheit ausschließt.

Dasselbe gilt für die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit den westlichen Partnern der Ukraine. Ich glaube nicht, dass man in politischen Kreisen des Westens – im Gegensatz zu den Medien, etwa – von den veröffentlichten Informationen allzu schockiert war, denn man könnte sich über sie schon lange vor der öffentlichen Bekanntgabe der NABU-Ergebnisse im Klaren gewesen sein. Was tatsächlich schockieren und zusätzliche Würze verleihen konnte, war die Flucht des Miteigentümers von „Kvartal 95“, Tymur Minditsch, und anderer Beteiligter des aufsehenerregenden Falls buchstäblich unter den Augen der ukrainischen Strafverfolgungsbehörden.

Doch die Antwort auf die Frage nach der Fortsetzung der Unterstützung für die Ukraine wird dies kaum ändern, denn jene im Westen, die glauben, dass der Westen, indem er der Ukraine hilft, sich selbst verteidigt, haben ein klares Verständnis für die Zweckmäßigkeit dieser Hilfe. Und jene, die weiterhin überzeugt sind, dass Russland sich auf den postsowjetischen Raum beschränken wird und Europa aus dieser Perspektive nichts drohe, benötigen wohl kaum eine besondere Bestätigung ihrer Schlussfolgerungen. War etwa derselbe Péter Szijjártó, der jetzt dazu aufruft, die Hilfe für die Ukraine einzustellen, vor dem Korruptionsskandal ein glühender Befürworter dieser Hilfe?

Allerdings kann es im Fall des Westens nun nicht mehr nur um die Frage des Vertrauens gehen, sondern um die Frage der Kontrolle über die bereitgestellten Mittel. Und tatsächlich – wer möchte schon zusehen, wie sich irgendein „Karlsson“, der schon lange nicht mehr auf dem Dach des Präsidialamtes wohnt, über deine sorgsam für die mutigen Menschen gesammelte Marmelade hermacht?


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Криза «Карлсона». Колонка Віталія Портникова. 13.11.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.11.2025
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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