
Am Vorabend des Treffens von Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska nannten viele es eine „neue Jalta“ und sagten eine neue Teilung Europas zwischen Washington und Moskau voraus. Diese Prognosen erstaunten mich. Während der Konferenz von Jalta befanden sich die Truppen der Alliierten auf europäischem Boden und konnten daher ohne größere Schwierigkeiten den alten Kontinent in Einflusszonen aufteilen. Heute jedoch ist das Äußerste, was Trump und Putin „teilen“ könnten, die besetzten ukrainischen Gebiete (und selbst das schaffen sie nicht). Also ist das ganz und gar kein Jalta.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der bekannte polnische Publizist Jerzy Stempowski mit Bitterkeit fest, dass über das Schicksal des Kontinents Staaten außerhalb des Kontinents entschieden. Stempowski hatte recht. Die Vereinigten Staaten liegen jenseits des „wunderbaren Ozeans“. Großbritannien – letztlich eine Insel, damals vor allem auf seine nichteuropäischen Besitztümer konzentriert. Und Russland – eine kontinentale Peripherie, die sich jederzeit Asien zuwenden konnte.
Aus dieser Sicht erinnerte Anchorage an Jalta höchstens insofern, als es ein Treffen von Menschen war, die Europa nicht verstehen und nicht lieben, obwohl sie selbst fest überzeugt sind, es zu verstehen. Letztlich ist die Gleichgültigkeit gegenüber Europa durch die Kultur und Tradition der amerikanischen Politik bedingt. Der erste amerikanische Präsident, der versuchte, diese Tradition zu ändern, war Woodrow Wilson. Der Präsident der Zeit des Ersten Weltkriegs erkannte, dass die Sicherheit Amerikas untrennbar mit der Sicherheit Europas verbunden war – doch er erlitt eine völlige Niederlage. Alle seine Nachfolger versprachen, Wilsons Politik nicht fortzusetzen – auch Franklin Roosevelt. Verbündeter Europas im Zweiten Weltkrieg wurde Roosevelt nicht so sehr aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Der Kontinent blieb für ihn dennoch ein Kuchen, den man gemeinsam mit Stalin in Stücke schneiden konnte – ebenfalls mehr aus Notwendigkeit als aus Wunsch.
Der Präsident, der schließlich einsah, dass man ohne die Unterstützung Europas (zumindest jenes Teils, der außerhalb der sowjetischen Kontrolle blieb) nicht auskam, war nicht Roosevelt, sondern Truman. Doch auch damit verschwanden der amerikanische Isolationismus und das Unverständnis gegenüber Europa nicht. Die Amerikaner verstehen tatsächlich aufrichtig nicht, welche Motive die Europäer leiten. Und sie teilen sich nicht in jene, die Europa verstehen und nicht verstehen, sondern in jene, die Europa lieben oder nicht. Diesen Unterschied begriff einst und konnte ihn in seinem Werk umsetzen der Klassiker sowohl der britischen als auch der amerikanischen Literatur, Henry James. Doch James war ein Amerikaner, der Brite werden wollte. Seine amerikanischen Helden mögen naiv und provinziell sein, doch sie lieben Europa, auch wenn sie nicht immer die europäische Lebenshaltung teilen.
Trump jedoch liebt Europa tatsächlich nicht. Das kann man verstehen. Trump ist ein Mensch, der sich ausschließlich von Vorteilen leiten lässt – den eigenen (und auch den staatlichen, in dem Sinne, dass der amerikanische Staat er selbst ist). Ein geeintes Europa ist ein deutlich komplizierterer Wirtschaftspartner als einzelne europäische Staaten. Denn jedem einzelnen Staat kann Amerika seine Bedingungen diktieren, mit der Europäischen Union muss es jedoch verhandeln. Wie sollte das nicht ärgern? Gerade deshalb war Trump stets ein überzeugter Befürworter des Zerfalls der EU und unterstützte den Austritt Großbritanniens.
Und darin ähnelt Trump durchaus Putin. Auch den russischen Präsidenten hat die Europäische Union stets verärgert – eben deshalb, weil Moskau auf jedes einzelne europäische Land viel leichter Einfluss nehmen konnte als auf das vereinte Europa. Daher betrachten sowohl Trump als auch Putin das Projekt eines vereinten Europas als eines ihrer größten Probleme. Doch auch Europa untereinander aufzuteilen, können sie inzwischen nicht mehr. Die russischen Truppen stecken in der Ukraine fest. Die Amerikaner sind in Europa als Verbündete und nicht als Besatzer präsent. Und die Europäer selbst tun alles, um sie auf dem Kontinent zu halten. Denn diese Truppen können vor potenzieller Aggression schützen, haben jedoch nicht die Möglichkeit, in das politische Leben einzugreifen.
Anhand des Beispiels von Alaska lässt sich daher erkennen, welche Fortschritte die europäischen Länder in der Nachkriegszeit erzielt haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sie sich schlicht mit dem Urteil der Sieger abfinden. Heute jedoch können weder Trump noch Putin ihnen ihren Willen aufzwingen. Mehr noch: Sie können sich nicht einmal untereinander über Europa einigen – gerade deshalb, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Entscheidungen anderen aufzuzwingen.
Und ja – Europa ist kein amerikanischer Kuchen mehr.
Und auch kein russischer.