Die Krim und die Angst vor dem Krieg in Europa. Vitaly Portnikov. 29.02.24.

Russische Soldaten auf der Krim. 3. März 2014

https://ru.krymr.com/a/krym-i-strakh-voyny-v-yevrope/32842326.html

Im Februar 2014 wurde der Angriff Russlands auf die Ukraine und die Besetzung der Krim von vielen im Westen als nahezu Erfüllung der „historischen“ Ansprüche Russlands auf das Nachbarland wahrgenommen – vor dem Hintergrund von Putins Reden über die „Heiligkeit“ der Krim.

Als der Krieg im Donbass ausbrach, akzeptierten westliche Politiker die Mythologie des „Separatismus“ und bemühten sich, den Konflikt einzufrieren. In beiden Fällen wurden die Beziehungen zu Russland nicht eingefroren, auch nicht die für Moskau wichtigsten – die Energiebeziehungen.

Im Jahr 2022 wurde ein umfassender russischer Angriff auf die Ukraine in erster Linie als ein Krieg im postsowjetischen Raum betrachtet, der nicht auf die ukrainischen Grenzen übergreifen und schon gar nicht zu einem Konflikt zwischen Russland und der NATO werden sollte.

Im Jahr 2024 gehen immer mehr westliche Politiker und Beobachter davon aus, dass Russland in wenigen Jahren in der Lage sein wird, NATO-Länder anzugreifen. Daher sieht die Hilfe für die Ukraine heute nicht mehr nur so aus, dass Kiew bei der Abwehr der russischen Aggression unterstützt wird, sondern als Versuch, Kriege in Europa selbst zu verhindern – was einen erheblichen Unterschied macht.

Zugleich müssen wir zugeben, dass nicht nur die Ukraine, sondern auch der Westen nicht auf einen so großen und langen Krieg vorbereitet war. Schließlich bereitete sich Russland nicht einmal so sehr auf einen Krieg vor, sondern war zumindest in den ersten Jahren in der Lage, das gesamte Arsenal einzusetzen, das es von der Sowjetunion geerbt hatte – und nun wird die russische Wirtschaft neu formatiert und auf eine Kriegswirtschaft umgestellt, was mit einem erheblichen Abbau der sozialen Fähigkeiten des Staates einhergeht. Aber die russische Gesellschaft nimmt das gelassen hin, denn sie ist es gewohnt unter diesen Regime den Gürtel enger zu schnallen – und Wladimir Putin scheut keine Kosten für diejenigen, die bereit sind zu kämpfen.

Und der Westen muss jetzt buchstäblich wieder in die Waffenproduktion einsteigen – deshalb wird ständig in Drittländern nach Waffen gesucht. Der Westen hat eindeutig nicht damit gerechnet, dass er sich wieder in einer gewaltsamen Konfrontation mit einem totalitären Regime wiederfindet. Dass übrigens ausgerechnet am Vorabend des Jahrestages des Anschlags in Russland der Oppositionelle Alexej Nawalny demonstrativ hingerichtet wurde, sollte dem Westen zeigen, wie dreist Putin die Einschätzungen der zivilisierten Welt ignoriert und wie weit er zu gehen bereit ist, um seine Straflosigkeit zu demonstrieren.

Nicht umsonst haben viele westliche Politiker nach dem Bekanntwerden von Nawalnys Tod gesagt, dass die beste Möglichkeit, auf dieses Verbrechen zu reagieren, darin besteht, der Ukraine zu helfen. Denn es ist der Sieg der Ukraine, der die Bedingungen für die Degradierung und den Zusammenbruch von Putins Regime schaffen kann.

In der Ukraine sagt man gerne, dass der Krieg durch den Zusammenbruch von Putins Regime gestoppt werden kann, aber ich denke, es besteht eher eine umgekehrte Beziehung – Putins Misserfolg in der Ukraine könnte seine Macht in der Zukunft bedrohen. Und das ist der Grund, warum der russische Staatschef diesen Krieg so dringend braucht, und warum der Westen einen Erfolg der Ukraine braucht.

Aber wenn die zivilisierte Welt vor zehn Jahren, in den Tagen der Besetzung der Krim, das Vorgehen des Kremls angemessener eingeschätzt hätte, wären wir nicht in der jetzigen Situation in der man in Europa wieder Angst vor einem Krieg haben muss.

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