„Chartija“ einigt sich mit Jermak | Vitaly Portnikov. 15.08.2026.

Das Zweite Korps der Nationalgarde „Chartija“ hat sich dem Programm „Advokat Plus“ angeschlossen, das vom ehemaligen Leiter des Präsidialamtes der Ukraine, Andrij Jermak, ins Leben gerufen wurde.

Diese Information hat bereits eine ernsthafte Diskussion ausgelöst. Der Soldat und Schriftsteller Serhij Zhadan verurteilte diese Entscheidung entschieden und verglich Jermak als Anwalt mit Medwedtschuk als Anwalt, wobei er betonte, dass „Chartija“ diese Entscheidung erklären müsse. Der Soldat Serhij Hnisdilow wiederum wies darauf hin, dass „Advokat Plus“ tatsächlich eine gute Initiative sei. Und für Militärangehörige, die nicht sehr häufig mit kostenloser juristischer Betreuung rechnen können, ist ein solches Programm tatsächlich wichtig – unabhängig von den Namen, die mit seiner Gründung verbunden sind.

Meiner Ansicht nach äußerte sich jedoch der Kommandeur von „Chartija“, Oberst Ihor Obolensky, am offensten über die Ziele des Beitritts zum Programm „Advokat Plus“. Er betonte, dass gerade Andrij Jermak derjenige gewesen sei, der die Schaffung von „Chartija“ in ihrer heutigen Form unterstützt habe. Und das dürfe man nicht vergessen.

Und genau an diesem Punkt möchte ich mit der Erklärung jener Gründe beginnen, die dazu geführt haben könnten, dass „Chartija“ in die Liste jener Militäreinheiten aufgenommen wurde, die beschlossen haben, sich dem Programm „Advokat Plus“ anzuschließen. Als jemand, der, wie man sagen kann, in einem anwaltlichen Umfeld geprägt wurde, weiß ich genau, dass es drei Arten von Anwälten gibt.

Die erste sind Menschen, die tatsächlich das gesamte Handwerk dieses Berufs beherrschen, die die Gesetze gut kennen, die wissen, wie man vor Gericht auftritt, die mit einer Anklage umzugehen und den notwendigen Eindruck auf das Gericht zu machen verstehen und die auf diese Weise gerade durch ihr Können und ihr Talent ihren Mandanten helfen können.

Man muss allerdings der Wahrheit ins Auge sehen: In den Ländern des postsowjetischen Raums wird eine solche Professionalität nicht geschätzt und ist auch nicht effektiv. Wie bei den meisten Berufen, die es in unserem Land und in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken gibt, wo es mit der Justiz, gelinde gesagt, unterschiedliche, aber eben Probleme gibt.

Es gibt eine zweite Art von Anwälten. Das sind Menschen, die in der Lage sind, der richtigen Person – einem Ermittler oder einem Richter – ein Bestechungsgeld zukommen zu lassen und auf diese Weise die Angelegenheit zugunsten des Mandanten zu regeln, wie auch immer die Anschuldigungen lauten mögen. Dies ist seit ungefähr den 1990er-Jahren der in der Ukraine und im postsowjetischen Raum am weitesten verbreitete Typ von Vertretern des Anwaltsberufs.

Allerdings kann man sagen, dass eine solche anwaltliche Tätigkeit heute zunehmend hinter den Möglichkeiten einer dritten Art von Anwälten zurücktritt: Anwälten, die über entsprechende Verbindungen zur Staatsmacht verfügen. Und die Staatsmacht wiederum hat einen offensichtlichen und unmittelbaren Einfluss auf das Justizsystem. Genau dies ist das Prinzip der Rechtsprechung in den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Man kann sagen, dass nach 2019, nach der Errichtung eines personalistischen Machtsystem in der Ukraine, der Aufbau genau solcher Beziehungen zwischen Staatsmacht und Justiz bei uns in ziemlich raschem Tempo voranschreitet. Und deshalb ist die Bedeutung eines Menschen, der zugleich Anwalt ist und über die notwendigen Verbindungen zur Staatsmacht verfügt, weitaus größer als anwaltliches Können oder sogar die Fähigkeit, der richtigen Person Bestechungsgelder zukommen zu lassen.

Andrij Jermak verkörpert solche korporativen Verbindungen. Der ehemalige Leiter des Präsidialamtes der Ukraine, der selbst die notwendigen Personen auf wichtige Posten in jenen staatlichen Strukturen setzte, die unmittelbar mit Präsident Volodymyr Zelensky verbunden sind; der ehemalige Favorit Volodymyr Zelenskys, der Medienberichten zufolge wichtige Kontakte zum Staatsoberhaupt bewahrt haben und weiterhin Einfluss auf die grundlegendsten Entscheidungen Volodymyr Zelenskys nehmen könnte.

Es liegt auf der Hand, dass, wenn es um die Wahl eines Rechtsbeistands geht, wenn man an die Interessen der Brigade denkt, gerade ein solcher Mensch mit Verbindungen für das Kommando von „Chartija“ wichtig sein kann. Denn wenn sich die Führung von „Chartija“ daran erinnert, dass gerade der Leiter des Präsidialamtes das Staatsoberhaupt davon überzeugt hat, „Chartija“ als ernsthaftes und zukunftsträchtiges Projekt zu betrachten, dann bedeutet das, dass er auch weiterhin Volodymyr Zelensky davon überzeugen kann, Entscheidungen zu treffen, die das Militär für wichtig und notwendig hält.

Hier geht es nicht einmal um anwaltliche Unterstützung, hier geht es um freien Zugang zu korporativen Verbindungen und um einen direkten Zugang zur ersten Person im Staat ohne Vermittler. Und offensichtlich werden jene militärischen Verbände, die sich einen solchen direkten Zugang zum Präsidenten der Ukraine oder zu anderen hochrangigen Beamten sichern können, die im Staat Entscheidungen treffen, in einer komfortableren Lage sein als jene militärischen Verbände, die über solche Beziehungen nicht verfügen. Und damit könnte die Zusammenarbeit von „Chartija“ mit Andrij Jermak zusammenhängen – und nicht nur die von „Chartija“.

Wie wir sehen, spricht der Kommandeur von „Chartija“ nicht über die Bedeutung gerade der anwaltlichen Hilfe, sondern über die Bedeutung der Verbindungen zum ehemaligen Leiter des Präsidialamtes und erinnert an die Rolle, die Andrij Jermak bei der Schaffung von „Chartija“ gespielt hat. Deshalb braucht es keine überflüssigen Illusionen und keine überflüssigen Diskussionen. Wenn wir bereit sind, ein System der Staatsführung zu akzeptieren, das ein typisches postsowjetisches personalistisches System ist, ein System, in dem alle Entscheidungen von der ersten Person getroffen werden und andere staatliche Strukturen ohne deren grundsätzliche Position keinerlei Entscheidungen treffen werden; wenn wir ein Machtsystem akzeptieren, in dem die Justiz unmittelbar von der Position der ersten Person und den Managern dieser ersten Person abhängt – warum sollten wir uns dann darüber wundern, dass jeder, der an positiven Entscheidungen für seine militärische oder zivile Formation interessiert ist, nach den notwendigen Verbindungen im Präsidialamt der Ukraine und natürlich nach einem Zugang zur ersten Person selbst suchen muss?

Wenn ein solches System existiert, dann werden diejenigen, die innerhalb des Systems der Staatsmacht und innerhalb des Systems der Streitkräfte der Ukraine tätig sind, nach seinen Regeln handeln. Und wenn wir wollen, dass es anders ist, dass die Ukraine den Nachbarländern im Westen ähnlicher ist als den Nachbarländern im Osten, dann müssen wir darüber nachdenken, wie dieses System verändert werden kann und wie es dazu kommen konnte, dass wir im 35. Jahr der Unabhängigkeit mit unserem Machtsystem einfach wieder an eine ganz gewöhnliche, lediglich umbenannte Sowjetrepublik erinnern.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: «Хартія» домовляється з Єрмаком | Віталій Портников. 15.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 15.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Serhij Zhadan: Das Problem liegt nicht an der Übersetzung. 02.03.2025.

https://www.dw.com/uk/sergij-zadan-problema-ne-v-perekladi/a-71798995

„Die Leute, mit denen wir uns zusammengesetzt haben, um über Gerechtigkeit zu sprechen, sind in Wirklichkeit gekommen, um mit uns Karten zu spielen“, so Serhij Zhadan, speziell für die DW.

Ich glaube, wir alle stehen jetzt unter dem Eindruck dessen, was im Weißen Haus in Washington geschehen ist – ich meine das Treffen zwischen dem US-Präsidenten und dem Präsidenten der Ukraine. 

Ich möchte jedoch nicht über Politik sprechen und auch nicht über meine Einstellung zu den Teilnehmern dieses Treffens, sondern aus der Sicht der Sprache. Ich bin Schriftsteller. Ich war beeindruckt von der Art und Weise, wie die Vertreter der Vereinigten Staaten über den Krieg Russlands gegen die Ukraine sprachen. Der Krieg, der uns seit mehr als einem Jahrzehnt ausbluten lässt, der seit drei Jahren in vollem Gange ist, in dem Tausende von Ukrainern ums Leben gekommen sind und der heute jeden von uns betrifft. Der Krieg, über den wir früher gefühlsbetont gesprochen haben, in Form von Schmerz, in Form von Hoffnung, in Form von Hass, in Begriffen, die uns irgendwie als Menschen mit Herz, mit Gewissen und mit Hoffnung auf Gerechtigkeit charakterisieren.

Stattdessen sprach der US-Präsident über diesen Krieg wie ein Geschäftsmann. Sogar das Vokabular, das er verwendete, beinhaltete das Wort „Deal“. Schließlich geht es hier um eine äußerst schwierige Entscheidung, um ein äußerst wichtiges Dokument, das das Leben von Millionen von Menschen retten und den Lauf der Geschichte auf die eine oder andere Weise verändern kann. Aber er sprach ausschließlich von einer geschäftlichen Initiative, einer geschäftlichen Angelegenheit. Für ihn ist dies ein „Geschäft“, „Karten“, die der ukrainische Präsident nicht besitzt. Generell machten dieses ganze Vokabular, die Anschuldigungen und Kommentare einen merkwürdigen Eindruck: Seit drei Jahren wird ein großer Krieg geführt, und plötzlich melden sich Leute zu Wort, die in den drei Jahren zuvor nicht darüber gesprochen hatten.

Dieser Krieg hat für sie einfach nicht existiert. Bevor Donald Trumps Wahlkampf begann, und er begann unter anderem, seinen Wählern zu versprechen, diesen Krieg zu beenden, es ist nicht klar wie, aber in 24 Stunden. Davor war es so, als hätte für  ihn und seine Mitstreiter kein solches Thema gegeben, und es gab für sie keinen Krieg. Und dann finden sie sich plötzlich am Verhandlungstisch wieder und sehen überraschend diesen Krieg vor sich. Wie einer von ihnen sagte: „Ich habe eine Geschichte gesehen“. Auch hier zeigt sich der Grad ihrer Empathie, ihres Interesses und ihres Eintauchens in das Problem in ihrem Wortschatz. „Geschichte“ als Grad der Kompetenz. Oder besser gesagt, das Fehlen einer solchen.

Und hier sitzt eine Gruppe selbstbewusster Menschen und versucht, über unsere Tragödien, unseren Schmerz, unser Blut, unsere Hoffnungen, unsere Erwartungen und die Enttäuschung von Millionen von Menschen in einem Land zu sprechen, das bei dem Versuch, sich gegen den Aggressor zu verteidigen, verblutet. Und sie sprechen darüber in der Sprache von Geschäftsleuten, die einfach versuchen, ein Abkommen zu unterzeichnen, das in erster Linie für sie selbst und ihre Wähler von Vorteil ist, aber man kann versuchen, dass es die Interessen aller Parteien auf die eine oder andere Weise berücksichtigt. Es ist ein völlig anderer Ansatz, eine andere Interpretation vieler Dinge als bisher. 

Wir sind es gewohnt, über diesen Krieg zu reden, über Bedeutungen zu reden. Über das zu sprechen, was uns erfüllt. Darüber zu sprechen, was für uns wichtig und bedeutsam ist. Über Freiheit zu sprechen, nicht nur als ein schönes Wort, sondern als einen realen Wert und eine Kategorie, für die Menschen freiwillig zu den Waffen greifen und kämpfen. Über Demokratie als einen Wert zu sprechen, für den die Menschen bereit sind, sich dem Aggressor entgegenzustellen. Von Würde als einem Konzept zu sprechen, für das die Menschen bereit sind, sich den Kugeln der Besatzer zu stellen, keine Angst zu haben, nicht wegzuschauen und sie selbst zu bleiben.

Für uns ist dieses Vokabular in den Jahren des großen Krieges vertraut geworden, es ist selbstverständlich geworden, es ist ein fester Bestandteil des Lebens geworden. Und jetzt haben wir es mit Leuten zu tun, die uns sagen, dass es um das Geschäft geht und dass wir keine Karten in der Hand haben. Und dass es in Wirklichkeit nur ums Geschäft geht, nur ums Geschäft, nichts Persönliches. „Wir versuchen nur, ein Geschäft mit Ihnen zu machen, das für uns und vielleicht auch für Sie von Vorteil ist.“

Und es ist wirklich eine Diskrepanz zwischen den Erfahrungen, ein großer Unterschied in den Ansichten und Werten. Es war beeindruckend zu sehen und sich dessen bewusst zu sein: Es stellte sich heraus, dass die Menschen, mit denen wir uns zusammensetzten, um über Gerechtigkeit zu sprechen, eigentlich zum Kartenspielen gekommen.

Das ist etwas Wichtiges, etwas Schmerzhaftes, etwas Unerwartetes für uns. Ich denke, das ist etwas, mit dem wir uns in Zukunft auseinandersetzen müssen, etwas, das wir berücksichtigen sollten. Während wir über Werte sprachen, berechnete jemand gerade Geschäftsinteressen und Geschäftsstrategien. So ist die Welt nun einmal. Ist das eine gute Sache? Offensichtlich gibt es nichts Gutes daran. Kann man zu sagen, dass alles zu Ende geht? Nein, nichts endet, alles geht weiter.

Was ist daran gut? Alles, was uns Hoffnung lässt, ist gut.